Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Sturm und drang epoche
Die Kntwicklung des Dramas im Sturm und Drang ist im Zusammenhang mit den Bemühungen des 1 8. Jahrhunderts um ein deutsches Nationaltheater, um die Schauspielkunst und die Theaterkultur zu sehen. Glei
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Das Elend des Lehrers Jakob Michael Reinhold Lenz: Der Hofmeister oder Vorteile



Analyse


Wahrscheinlich 1772 schrieb Lenz den Hofmeister; das Stück erschien anonym im Frühjahr 1774 im Leipziger Verlag von Christian Friedrich Wey-gand, der im selben Jahr auch den Werther verlegte. Das Drama hat mitdem Götz einige Gemeinsamkeiten. In beiden Stücken lassen sich die Einflüsse Shakespeares beobachten. Kurze Szenen, häufiger Wechsel der Ã-rtlichkeiten, die Verbindung zweier Handlungen, die sich über mehrere Jahre erstrecken, und ein dreiundzwanzig Namen umfassendes Personenverzeichnis: das sind in die Augen fallende Parallelen, die z. B. Christian Friedrich Daniel Schubart veranlaßten, 'diese neue ganz eigenthümliche Schöpfung unsers Shakespears, des unsterblichen Dr. Göthe" den Lesern der Deutschen Chronik als 'ein Werk voll deutscher Krafft und Natur" anzupreisen. Aber Goethe hatte schon am 6. Mai in einem Brief geschrieben: 'Ihr hört am Titel dass es nicht von mir ist."
Die Handlung ist von einem Vorfall auf einem livländischen Rittergut angeregt. Sie erstreckt sich über drei Jahre , von denen zwei zwischen dem Krstcn und Zweiten Akt verstreichen, an neun verschiedenen Orten: zu Insterburg in Preußen, auf einem unterweisen. Das anfangs zugesagte Jahresgehalt wird von dreihundert Dukaten - das sind 900 Taler - auf vierhundert Taler, dann auf sechzig Dukaten und endlich auf vierzig Dukaten herabgesetzt.
      Dem entspricht die geringschätzige Behandlung: der Name l.äuffer ist -wie viele andere Namen im Hofmeister - ein sprechender Name. Ein 'Läuffer, Estafier, ist eine Gattung Aufwärter zu Fuß, die neben dem Wagen oder Pferde des Herrn lauffen müssen, so starck als die Pferde rennen." Und gleich anfangs wird ihm bedeutet, 'daß Domestiken in Gesellschaften von Standespersonen nicht mitreden." Läuffer gibt seine Freiheit und seine Würde preis, indem er in die Dienste des Majors von Berg tritt; dessen Bruder, der Geheime Rat, sagt das zu Beginn des Zweiten Aktes dem Vater Läuffers mit aller Deutlichkeit und in jener drastischen Sprache des Sturm und Drang, die man eher den jungen Genies der Zeit als einem hochgestellten Würdenträger - Läuffer nennt ihn 'Pedant" - zutrauen möchte. Daß der Hofmeister sich in allen Dingen, ja in seinen Beschäftigungen außerhalb der Arbeitszeit nach den Launen und Bedürfnissen seines Brotgebers richten muß, ist die Folge des Dienstverhältnisses: 'er hat den Vorrechten eines Menschen entsagt, der nach seinen Grundsätzen muß leben können, sonst bleibt er kein Mensch "
So, nämlich als 'Das Abc der Teutschen Misere" las Bertolt Brecht 1950 den Hofmeister. Das Stück zeigt jedoch nicht nur die Lage eines jungen Intellektuellen mit ihren krassen Einzelheiten, sondern auch die Kritik am Beruf des Hofmeisters aus der Sicht des aufgeklärten Verwaltungsbeamten. Der Geheime Rat weist seinem Bruder, dem Major, der im Begriff ist, Läuffer einzustellen, in einem Spiel von Fragen und unzulänglichen Antworten nach, wie überflüssig die Tätigkeit des Hofmeisters ist, wie sehr der Major dem Willen seiner Frau folgt und daß demgegenüber der öffentliche Unterricht, wie er ihn seinem eigenen Sohn an-gedeihen läßt, vorzuziehen sei. Im Zweiten Akt führt er diesen Gedanken im Gespräch mit Läuffers Vater näher aus: statt sich zum Sklaven zu erniedrigen und den Launen seiner Brotgeber zu dienen, solle Läuffer seine Kräfte 'dem allgemeinen Besten" widmen.
      Damit gerät ein aufklärerisch-didaktisches Klement in das Drama. Es erscheint am Ende abermals in den letzten Worten des Geheimen Rates, der zur Erziehung junger Mädchen 'Anstalten |...|, Nähschulen |...|, Klöster [...], Erziehungshäuser" fordert.
      Zu den realistischen Zügen im Hofmeister gehört die Darstellung des Hallenser Studentenlebens im Zweiten Akt. In ihrem Mittelpunkt steht Pätus, der in der Abhängigkeit von den Zuwendungen seines Vaters und der ihn wucherisch ausbeutenden Vermieterin kaum eine Möglichkeit sieht, sich auch nur das bescheidene Vergnügen eines Theaterbesuchs zu verschaffen. Von geborgtem Gelde lebend, zu dem er gelangt, indem er seine Garderobe versetzt, auf die Hilfe von Freunden angewiesen - die Bürgschaft

Fritz von Bergs ermöglicht Lenz die Verbindung dieser Handlung mit der Läuffers - wird er zur teils bemitleidenswerten, teils komischen Figur. Den Konventionen des Lustspiels entspricht seine Verstellung: vor seinen Freunden gibt er vor, die Zimmerwirtin sei von ihm abhängig; ihr gegenüber indes ist er furchtsam und bescheiden; lächerlich ist sein aus der Not geborenes Verhalten: er muß im Hochsommer einen Pelz tragen, weil er sonst keinen passenden Anzug für den Theaterbesuch hat, so daß er von Hunden verfolgt wird. Und bemitleidenswert ist er, als er, von seinem Vater verstoßen, ohne Geld von ihm erlangt zu haben, aufrichtig betrübt, zu Fritz von Berg am Ende des Zweiten Aktes ins Schuldgefängnis kommt.
      Diese für den Hofmeister kennzeichnende Verbindung des Komisch-Grotesken mit dem Realistischen zeigt sich am deutlichsten in der Figur des Lehrers Wenzeslaus. Er wird im Dritten Akt eingeführt, als Läuffer, von feiert. Nähert er sich auf solche Weise der Karikatur, so ist er doch anderseits mannhaft mutig und entschieden geistesgegenwärtig, als er Graf Wermuth an der Verfolgung Läuffers hindert und ihm die Tür weist .
      Der Graf und die Majorin, auch einige Züge des Majors, bieten den Anlaß für die Adelssatire. Wenn Läuffer im Zweiten Akt auf den 'verfluchten Adelstolz!" schimpft, gibt er einer im 18. Jahrhundert zumal in ländlichen Gebieten verbreiteten Ãoberzeugung Ausdruck. Vor allem Graf Wermuth ist eine Bühnenfigur, die solche Abneigungen zu rechtfertigen geeignet ist: seiner Unwissenheit selbst in Fragen, die ihm als Angehörigen der Adelsgcsellschaft geläufig sein könnten, entspricht seine Aufschneiderei, wenn er behauptet, er habe 'einige dreißigtausend Gulden" für Tanzunterricht ausgegeben oder er habe zusammen mit seinem Bruder sechshundert Austern und zwanzig Flaschen Champagner zu sich genommen. In der Dorfschule läßt er sich von Wenzeslaus die Tür weisen, und im Vierten Akt, als er dorthin zusammen mit dem Geheimen Rat und dem Major zurückkehrt, ist er nur stummer Zeuge des Ãoberfalls auf Läuffer.
      In der Majorin findet er eine angemessene Partnerin, sowohl für seine nichtssagende Konversation wie für seine Prahlereien. Sie übertrifft seinen Hochmut noch, indem sie Läuffer in seiner Gegenwart demütigt. Sie und der Major sind ein Paar, das zum Personal einer Komödie paßt: sie ist herrschsüchtig, und er beklagt sich hinter ihrem Rücken darüber; er hat in dreizehn Schlachten achtzehn Wunden davongetragen, steht aber zu Hause unter dem Pantoffel. Ebenso entspricht es dem Herkommen des Lustspiels, daß er als alter Soldat sein weiches Gemüt hinter polterndem Schimpfen verbirgt, daß er die Tochter bevorzugt und sie den Sohn.
      Anderseits enthält Der Hofmeister Handlungselemente, die ihn zu einem Trauerspiel machen könnten. Da ist vor allem die uneheliche Schwangerschaft Gustchens, zur damaligen Zeit eine Katastrophe, geeignet, ihre soziale Stellung zu vernichten. Aufgrund eingehender Untersuchungen der Zeitstruktur ist 1980 Lauffers Vaterschaft von Claus O.Lappe bestritten worden mit dem Argument, daß zwischen seinem Abschied von Gustchcn und ihrer Niederkunft ein gutes Jahr verstreiche. Da indes die Vaterschaft des Studenten Pätus, die Lappe vermutet, noch unwahrscheinlicher ist, Läuffer nennt zudem als Grund für seine Selbstkastration 'Reue, Verzweiflung" , darf man fragen, ob Lenz zur Zeit des Hofmeister gewußt habe, daß eine Schwangerschaft gewöhnlich neun und nicht zwölf Monate dauert. Zur Zeit der Aufklärung wurde so gut wie keine sexuelle Aufklärung betrieben. Auch die Annahme von Jan Knopf, Herr von Seiffenblase sei der Vater, erscheint abwegig. Man muß sich vor Augen halten, daß Lenz vor dem literarischen Realismus schreibt. Die genaue Anordnung von Daten zum Zeitverlauf und zur Motivation von Handlungselcmenten war den Autoren damals nicht so wichtig wie in späteren Epochen der Literaturgeschichte, und die Abkehr von der Regelpoetik war geeignet, Zeit, Ort und Folgerichtigkeit der Handlung weniger bedeutsam erscheinen zu lassen. Doch wie auch immer: Gustchcn will sich das Leben nehmen aus Verzweiflung über die Geburt ihres unehelichen Kindes, wobei sie das Neugeborene in der Obhut einer alten blinden Frau zurückläßt. Es gehört zur komödiantischen Seite des Dramas, daß ihr Selbstmordversuch mißlingt und daß Fritz von Berg sie heiratet, obwohl sie nach den Vorstellungen der Zeit entehrt ist. Auch der Lotteriegewinn des Studenten Pätus und die Aussöhnung mit seinem Vater verweisen auf ein Lustspiel, und es ist nahezu grotesk, wenn Läuffer, obwohl er sich entmannt hat, am Ende ein Mädchen aus dem Dorf des Lehrers Wenzeslaus heiratet, so daß man an der Unwiderruflichkeit seiner Tat zweifeln könnte. Und ebenso ist das Duell zwischen Fritz von Berg und Pätus, das um die FJire der Jungfer Rehaar ausgetragen werden soll und dann nicht stattfindet, ein burlesker Zug -ähnlich wie die Schnelligkeit, mit der Pätus in derselben zweiten Szene des Fünften Aktes um die Hand der Jungfer Rehaar anhält.
      Zu den realistischen und zugleich komödiantischen Zügen des Dramas gehört auch die Charakterisierung der Personen durch ihre Sprache. Flicht Graf Wermuth französische Sätze in sein Gespräch mit der Majorin, so der Lehrer Wenzeslaus lateinische Zitate; spricht der Major, wie es sich für einen Soldaten ziemt, fluchend, auch übertreibend, so der Lautenist Rehaar ängstlich, fast zärtlich in der Bevorzugung der Diminutive: man mag an-nehmen, daß Lenz hier sprachliche Eigentümlichkeiten seiner baltischen Heimat benutzte.
      Der Hofmeister ist das erste Drama in der deutschen Literatur, das die von der herkömmlichen normativen Poetik gesetzten Schranken zwischen den Gattungen überwindet und zugleich das Prinzip der Stilmischung konsequent in ein literarisches Werk umsetzt.
      Die Rhetorik gehörte im I 8. Jahrhundert zu den Lehrgegenständen an Gymnasien und Universitäten; sie wurde als maßgebendes System angemessener Sprachgebung vermittelt und überliefert. Nach diesem System gibt es ursprünglich drei Stilarten: den erhabenen, den mittleren und den niederen Stil. Die Poetiken des achtzehnten Jahrhunderts ordneten diese Stilarten verschiedenen literarischen Gattungen zu: der niedere Stil entsprach der Posse, der Farce oder anderen Formen des niedrig Komischen; der mittlere Stil war für die erzählende Dichtung und die Komödie geeignet, der hohe oder erhabene Stil war der Tragödie vorbehalten.
      Mit dem Hofmeister wird nun eine Entwicklung weitergeführt, die sich zuvor schon abzuzeichnen begann, aber nicht in dieser Deutlichkeit sichtbar wurde. Denn entschiedener als in Goethes Geschichte findet sich ein deutliches Beispiel: Seiffenblase hat einen Brief an Fritz von Berg nach Leipzig geschrieben, in dem er ihm von den Unglücksfällen in seiner Familie Mitteilung macht. Pätus liest den Brief vor, weil Fritz nicht den Mut hat, ihn selbst zu lesen und kritisiert zunächst die 'rasende Orthographie" Seiffenblases. Dann werden die an sich tragischen Ereignisse - die Verführung Gustchens durch Läuffer, ihr Selbstmordversuch - in karikierendem, logisch unsinnigen Satzbau mitgeteilt, so daß durch die Formulierung ebenso wie durch die Reaktion Fritz von Bergs die Geschehnisse ins Burleske verzerrt werden: das ist einerseits ein Spiel mit dem Pathos der Tragödie, anderseits ein Signal, das auf den glücklichen Ausgang hinweist. Gewöhnlich verbindet man den Grundsatz der Stilmischung mit dem Begriff des literarischen Realismus; hier gewinnt er darüber hinaus die Funktion, die Cirenze zwischen den Gattungen des Trauerspiels und des Lustspiels zu verwischen. Das Drama mischt realistische mit aufklärerisch-didaktischen, komische mit satirischen, tragische mit burlesken Zügen. Heißt es auf dem gedruckten Titelblatt 'Komödie", so nennt die Handschrift es ein 'Lust- und Trauerspiel". Liest man es vom F.nde her, wo alle Verwicklungen auf das glücklichste gelöst werden, so erscheint es als Lustspiel. Man sollte die Frage der Gattungsbestimmung jedoch nicht nur vom heutigen Wortgebrauch her beantworten, sondern sich der Definition erinnern, die Lenz in einem anderen Zusammenhang, in der Selbstrezension des Neuen Menoza, entwickelt hat:
'Ich nenne durchaus Komödie nicht eine Vorstellung, die bloß Lachen erregt, sondern eine Vorstellung die für jedermann ist. Tragödie ist nur fürden ernsthaftem Teil des Publikums, der Helden der Vorzeit in ihrem Licht anzusehn und ihren Wert auszumessen im Stande ist. So waren die griechischen Tragödien Verewigung merkwürdiger Personen ihres Vaterlandes in auszeichnenden Handlungen oder Schicksalen; so waren die Tragödien Schackespears wahre Darstellungen aus den Geschichten älterer und neuerer Nationen |...| Komödie ist Gemälde der menschlichen Gesellschaft, und wenn die ernsthaft wird, kann das Gemälde nicht lachend werden. |...| Daher müssen unsere deutschen Komödienschreiber komisch und tragisch zugleich schreiben, weil das Volk, für das sie schreiben, oder doch wenigstens schreiben sollten, ein solcher Mischmasch von Kultur und Ro-higkeit, Sittigkeit und Wildheit ist."
Ã"hnlich wie wenig später Klinger in seinem Drama Sturm und Drang 'comisch und tragisch mit einer bittren Sauce" mischt, verfährt Lenz hier mit den beiden Gattungen, die bisher einander ausgeschlossen hatten. Damit entsteht ein neuer Typ des Dramas, der über die Zeit des Sturm und Drang hinausweist und die von Friedrich Schlegel formulierte romantische Theorie der Gattungsmischung vorwegnimmt.
      Und noch in einem anderen Sinne ist Der Hofmeister literarisch revolutionär. Ks fällt auf, daß Läuffer, die Titelfigur, merkwürdig blaß gezeichnet ist. F.r spricht nur einen Monolog, gleich zu Beginn, und ist auch sonst -verglichen etwa mit dem Major oder mit Wen/.eslaus - ziemlich wortkarg. In der Handlung ist er nur aktiv bei der Verführung Gustchcns im Zweiten Akt und bei seiner Kastration sowie der Werbung um Eise im Fünften Akt. Anders als Goethes Götz erscheint er weniger als Triebfeder der Handlung, denn als ihr Spielball. Damit ist Der Hofmeister als Komödie im Sinne seines Dichters gekennzeichnet. In den Anmerkungen übers Theater schreibt Lenz: 'Die Hauptempfindung in der Komödie ist immer die Begebenheit, die Hauptempfindung in der Tragödie ist die Person, die Schöpfer |!| ihrer Begebenheiten."
Die von Aristoteles in 'seiner poetischen Reitkunst" beschriebene griechische Tragödie sei aus dem Gottesdienst hervorgegangen:
'Da nun fatum [Schicksal] bei ihnen alles war, so glaubten sie eine Ruchlosigkeit zu begehen, wenn sie Begebenheiten aus den Charakteren berechneten, sie bebten vor dem Gedanken zurück. Fs war Gottesdienst, die furchtbare Gewalt des Schicksals anzuerkennen, vor seinem blinden Despotismus hinzuzittern. [. ..| Die Hauptempfindung, welche erregt werden sollte, war nicht Hochachtung für den Helden, sondern blinde und knechtische Furcht vor den Göttern."
Diese Voraussetzung ist in der Moderne nicht mehr gegeben, und deshalb steht der Charakter des Helden im Mittelpunkt. Vielleicht hat Lenz hier an Goethes Götz gedacht. Der Charakter aber wird entsprechend dem Charakter des Dichters geartet sein - es sei denn, der Dichter wäre ein Genie. Lenz schreibt ihm die Fähigkeit einer unmittelbaren, nicht auf Ãober-legung, sondern Eingebung fußenden Erkenntnis zu: 'Wir nennen die Köpfe Genies, die alles, was ihnen vorkommt, gleich so durchdringen, durch und durch sehen, daß ihre Erkenntnis denselben Wert, Umfang, Klarheit hat, als ob sie durch Anschaun oder alle sieben Sinne zusammen wäre erworben worden" . Deshalb, weil ihre Autoren - Voltaire oder Racine - dem Kritiker näher stehen als dem Dichter, sind die Werke des französischen Klassizismus langweilige Wiederholungen der Charaktere ihrer Autoren. Das Werk des Genies zeigt unterschiedliche, lebendige Personen, und es schafft eine Wirklichkeit, die die tatsächlichen Ereignisse in ihrer Eindringlichkeit überbietet: 'Cäsar ist in Rom so nie bedauert worden, als unter den Händen Shakespeares."
Die Person hat im Trauerspiel also den Vorrang vor der Begebenheit; 'bei uns" war die Tragödie immer 'das Mittel, [...] merkwürdige Personen" ., S. 359) darzustellen. Anders in der Komödie: 'Die Personen sind für die Handlungen da - für die artigen Erfolge, Wirkungen, Gegenwirkungen, ein Kreis herumgezogen, der sich um eine Hauptidee dreht" .
      Mit diesen Ãoberlegungen begründet Lenz die Möglichkeit eines Dramas, das die Menschen seiner Gesellschaft und ihre Probleme auf die Bühne bringt, und indem er mit dem Hofmeister eine Komödie verfaßte, die den Forderungen seiner Anmerkungen übers "Theater entspricht, hat er das erste deutsche Milieudrama geschrieben. Der Begriff bezeichnet ein Werk, in dem der Held weniger durch seine Taten in eine Handlung verwickelt wird, sondern in dem seine sozialen Bindungen, die Moralvorstellungcn und Verhaltensnormen einer gesellschaftlichen Schicht sein Schicksal bestimmen. Er hat sich zwar zunächst an Custchen schuldig gemacht, indem er sie verführte, aber durch die komödiantischen Elemente des Schauspiels und durch das glückliche Ende werden Schuld oder Irrtum außer Kraft gesetzt.
      Das Milieudrama hat sich dann im neunzehnten Jahrhundert über Grab-be und Büchner zum Naturalismus hin weiter entwickelt, so daß vielleicht Der Hofmeister eines der für die Literaturgeschichte der siebzehnhundert-siebziger Jahre wichtigsten Dramen ist, in dem aufklärerische, sozialkritische, 'shakespearisierende" literarische und sprachliche Kiemente eine einmalige, für den Dichter Lenz bezeichnende, zugleich literarisch revolutionäre und für die Zukunft fruchtbare Verbindung eingehen.
     

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