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Sturm und drang epoche
Die Kntwicklung des Dramas im Sturm und Drang ist im Zusammenhang mit den Bemühungen des 1 8. Jahrhunderts um ein deutsches Nationaltheater, um die Schauspielkunst und die Theaterkultur zu sehen. Glei
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Adelssatire und bürgerliches Ethos Friedrich Schiller: Kabale und Liebe



Analyse

Schiller schrieb Kabale und Liebe /.wischen dem Herbst 1782 und Mitte Februar 1783; Ende April, Anfang Mai desselben Jahres überarbeitete er den Text auf Wunsch des Freiherrn von Dalberg für die Mannheimer Bühne. Dort wurde das Drama am 17. April 1784 nach der Frankfurter Uraufführung am 15. April gespielt.
      Schiller hatte ursprünglich den Titel Luise Millerin vorgesehen; auf Anraten Ifflands jedoch, der schon in der Uraufführung der Räuber den Franz. Moor gespielt hatte, änderte er den Titel in Kabale und Liebe. Diese Formulierung ist nicht nur zugkräftiger, sie entsprach auch dem Zeitgeschmack, der Doppeltitel wie Sturm und Drang, Herrmann und Ulrike oder jery und Bäleli bevorzugte, und sie trifft besser das Problem dieses bürgerlichen Trauerspiels. Kabale bedeutet Intrige, heimtückischer Anschlag.
      Genau genommen sind es zwei Kabalen und drei Liebesgeschichten, die miteinander verknüpft sind. Die erste Intrige ist der Plan des Präsidenten von Walter, seinen Sohn mit der Favoritin des Fürsten Lady Milford zu vermählen. Als dieser Plan an der Liebe Ferdinands zu Luise mit dem Ende des Zweiten Aktes gescheitert ist, beginnt im Dritten Akt die von seinem Sekretär Wurm angeregte zweite Intrige, die Ferdinand von Luise trennt: Luises Eltern werden verhaftet. Unter dem Vorwand, daß sie nur auf diese Weise freikommen können, diktiert Wurm Luise einen Brief an Hofmarschall von Kalb, aus dem sich eine I.iebesbe/.ichung schließen läßt und den Ferdinand finden soll, so daß er in der Meinung, Luise unterhalte ein Verhältnis zum Hofmarschall, von ihr entzweit wird. Er vergiftet sie und sich selbst aus Gram über ihre Untreue; erst als sie weiß, daß sie sterben wird, ist sie nicht mehr an den von Wurm erpreßten Eid gebunden und kann Ferdinand aufklären.
      Die erste Liebesbeziehung ist die auf solche Weise tragisch endende Liebe zwischen Luise und Ferdinand. Das zweite Liebesmotiv ist die Neigung der Lady Milford zu Ferdinand. Sie ist zugleich das bewegende Motiv der ersten Intrige: da 'auf die Ankunft der neuen Herzogin, Lady Milford zum Schein den Abschied erhalten" soll, plant der Präsident, seinen Sohn mit ihr zu verheiraten, damit sie schicklich in der Nähe des Herzogs bleiben kann. So sieht es Ferdinand, bis er von ihr im Zweiten Akt erfährt, daß sie diesen Plan eingefädelt hat, weil sie ihn wirklich liebt. Die dritte Liebesneigung, die eine Person des Dramas hegt, ist die des Sekretärs zu
Luise. Wurm ist indes von Schiller so gezeichnet, daß man an der Aufrichtigkeit seiner Liebe zweifeln könnte. Das bedeutet ihm Miller schon in 1,2. Daß er jedoch, auf seine Art, Luise wirklich liebt, zeigt seine Erschütterung angesichts ihres Todes. Er ist kein Mensch, dessen Liebe Luise erwidern könnte, wogegen Ferdinand durch den sittlichen Adel der Lady Milford, den sie mit der Erzählung ihrer Vergangenheit in 11,3 enthüllt, an seiner bisherigen Meinung über sie irre wird, ja für einen Augenblick sogar an seiner Liebe zu Luise.
      Dem tragischen 'Tod der beiden Liebenden - nur Luise und Ferdinand sind ja in gegenseitiger Liebe verbunden - entspricht die Auslieferung der für die Kabale Verantwortlichen, des Präsidenten von Walter und seines Sekretärs Wurm, an die irdische Gerechtigkeit: am F.nde, da ihre Machenschaften aufgedeckt sind, werden sie verhaftet und gehen ihrer Bestrafung entgegen.
      Damit aber das Drama mit dem Tod Luises und Ferdinands enden kann, sind Bedingungen erforderlich, die teils in den Charakteren der Liebenden liegen, teils in den politischen und gesellschaftlichen Umständen, unter denen sie leben. Diese doppelte Motivation hat bis in die Gegenwart widersprüchliche Deutungen hervorgerufen. Auf der einen Seite liest man Kabale und Liebe als Drama der 'Dialektik von Endlichkeit und Ewigkeit" sowie als 'Schillers erstes Meisterwerk" ; auf der anderen Seite als 'politisches, ja ein demagogisches Stück" und als 'melodramatischen Reißer" . Beide Deutungstraditionen können sich auf den Text berufen und sind in den unterschiedlichen Fragestellungen der Interpreten begründet, die vom Interesse einerseits an den geistes-, philosophie- und religionsgcschichtlichcn, andererseits an den politischen und sozialgeschichtlichen Fragen geleitet werden, die sie in der Entstehungszeit des Dramas erkennen.
      Im Hintergrund der Handlung stehen Erfahrungen, die Schiller teils selbst in der Umgebung des Herzogs Karl Eugen von Württemberg gemacht hat und die ihm zum Teil aus mündlichen Ãoberlieferungen, aus zeitgenössischen Berichten oder aus anderen deutschen Staaten bekannt waren.
      Wenn der Hofmarschall in 111,2 'das süperbeste Feuerwerk" ankündigt, wenn Lady Milford in 11,3 die Mätressenwirtschaft des Fürsten beschreibt: 'Hof und Serail wimmelten jetzt von Italiens Auswurf" , wenn der Kammerdiener in 11,2 der Lady Brillanten vom Herzog bringt, die 'aus Venedig" kommen - dann sind das Anspielungen auf höfische Feste auf der Solitude bei Stuttgart, auf das ungemein aktive Liebesleben Karl Eugens und auf seine Reisen zum venezianischen Karneval. Daß sein Einfluß beim Fürsten auf dessen 'Wallungen" beruht, bekennt der Präsident seinem Sekretär in 1,5 . Wenn Ferdinand in 1,4 vom 'Landeswucher" der Regierung spricht, umschreibt er den Umstand, daß eine Bevölkerung von weniger als 600. 000 Menschen einen der prächtigsten Höfe Europas und eine Armee' von mehr als 14. 000 Soldaten unterhalten mußte. Das Land war in der Tat mit 200 Quadratmeilen so klein, daß man 'in einer Stunde" die Grenze überschreiten konnte, wie Lady Milford in IV, dem Fürsten schreibt . Die heftigste Anklage gegen absolutistische Willkürherrschaft indes, die berühmte Kammerdienerszene in 11,2, wo der Soldatenschacher deutscher Fürsten beschrieben wird - sie warben Truppen, um sie an England gegen Geldleistungen für den Krieg gegen die amerikanischen Siedler zu vermieten - trifft nicht Herzog Karl Eugen, sondern den Landgrafen von Hessen-Kassel, Wilhelm IX.
      Ihre Entsprechung findet diese bittere Anklage in der beißenden Satire auf die Dummheit, die Hohlheit und Kriecherei der Höflinge, die in den Gesprächen zwischen dem Präsidenten und dem Hofmarschall in den Szenen 1,6 und 111,2 entwickelt wird. Sie zeigen, wie das moralische Niveau und das intellektuelle zusammenhängen: die Höflinge sind nicht nur zu skrupellos, sondern auch zu töricht, um das Land zu regieren. Die Gegenstände ihrer Interessen sind, in der Sprache der Zeit, nichtswürdig.
      Läßt Schiller die Personen in einer genau und kritisch beobachteten Welt agieren, die er nur allzu gut kannte, so sind sie zugleich durch ihre Bildung und ihre Charaktere für den tragischen Ausgang vorherbestimmt. Man hat von der 'Welt der Väter" gesprochen, in der Luise und Ferdinand leben. Das ist keine psychisch bedingte, also persönlich zufällige Vaterbindung, sondern die verpflichtende, in der Religion verwurzelte Ehrfurcht vor dem Vater, die durch das Vierte Gebot begründet ist: 'Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf daß dir's wohlgehe und du lange lebest auf Erden." Es gewinnt im Zusammenhang des Dramas eine wesentliche Akzentverschiebung: Luise und Ferdinand ehren ihre Väter, den Musikanten Miller und den Präsidenten von Walter. Ferdinands Mutter wird mit keinem Wort erwähnt, und Luises Mutter ist ziemlich töricht. Als Ferdinand seinen Fluchtplan in 111,4 entwickelt, erwähnt Luise als Hindernis den Vater, und Ferdinand meint, der könne sie begleiten: von der Mutter ist nicht die Rede. In den acht Szenen des Fünften Aktes während der Katastrophe ist sie nicht auf der Bühne. Mit dem Zweiten Akt ist ihre Rolle ausgespielt, die sich von 1,3 an auf kurze Einwürfe beschränkt hatte.
      In den Vorstellungen Luises und Ferdinands ist der Vater die beherrschende Figur, der man Gehorsam schuldet, weil er das - wie immer fehlerhafte und unvollkommene - Abbild Gottes ist. Er hat in seinem Hause, sowohl in den Räumen wie in den Gemütern seiner Kinder, die Gewalt, die der Fürst im Lande innehat. Deutlich wird das bei der Begegnung der beiden Väter in 11,7. Miller wagt es, dem allmächtigen Minister und Stellvertreter des Fürsten die Tür zu weisen. Und deshalb kann in derselben Szene Ferdinand seinem Vater entsprechend den Worten des Hausherrn Miller entgegenhalten: 'Es gibt eine Gegend in meinem Herzen, worin das Wort Vater noch nie gehört worden ist - Dringen sie nicht bis in diese." Da der Präsident die Warnung mißachtet, läßt Ferdinand am Ende von 11,7 die dem Vater geschuldete Ehrfurcht fallen. Seine Drohung, dessen Schandtaten öffentlich bekannt zu machen, ist in den Augen des Dramatikers
Schiller die höchste denkbare Steigerung der Bemühungen Ferdinands, Luise vor dem Zugriff des Präsidenten zu schützen: er beginnt mit dem Degengriff , dann zieht er den Degen, darauf verspottet er den Vater als 'schlechte spricht. Schon sein Monolog in IV,4, da er den 'Richter der Welt" anruft, ist ein . Sogar Wurm, dieser gewissenlose Schurke, erwartet am Ende, zusammen mit dem Präsidenten 'zur Hölle" 'verdammt" zu werden. In dieser Hinsicht sprechen die Personen des Dramas die Ãoberzeugung ihres Dichters aus. In seiner Sterbestunde soll Schiller 'einigemal Judex" gesagt haben .
      Die Tragödie der Hauptperson, die dem Drama seinen ursprünglichen Namen gab, ist in der religiösen Bindung an ihr von Wurm in 111,6 erpreßtes und durch das Sakrament des Abendmahls besiegeltes Versprechen begründet. Das Argument, Luise gehe an einem Vorurteil zugrunde, wird schon im Drama zwischen dem Präsidenten und Wurm erörtert: 'Was wird ein Eid fruchten, Dummkopf? Wurm. Nichts bei uns, gnädiger Herr. Bei dieser Menschenart alles".
Eine Tragödie kann durch den Verstoß des Helden gegen sittliche Normen begründet sein; wer in ihnen nur ein Vorurteil sähe, müßte folgerichtig auch andere Möglichkeiten tragischer Motivation wie die Verblendung oder die Vermessenheit in ihrer Bedeutung anzweifeln. Beide, Hamartia und Hybris, zeigt Ferdinand. Er ist ein tragischer Held im aristotelischen Sinne und zugleich im Geist des Sturm und Drang. Wie andere dramatische Helden der 1770er Jahre ist er auf bezeichnende Weise realitätsfern, er verkennt die Wirklichkeit, ja er nimmt sie kaum wahr. Deshalb ist er vermessen; er überschätzt seine eigenen Möglichkeiten. Das wird schon in der ersten Begegnung der Liebenden deutlich. Seine hyperbolische Sprache deutet es an, wenn er Vergleiche wählt: 'Hindernisse wie Gebirge" will er 'für Treppen nehmen", und er vermißt'sich, als 'Engel" zwischen Luise und 'das Schicksal" zu treten. In seiner Liebe überspringt er die Wirklichkeit. Sein Fluchtplan, den er in 111,4 entwickelt, schließt die Welt aus; er sagt: 'Höre, Luise - ein Gedanke, groß und vermessen wie meine Leidenschaft, drängt sich vor meine Seele - Du, Luise, und ich und die Liebe] - Liegt nicht in diesem Zirkel der ganze Himmel? Oder brauchst du noch etwas Viertes dazu?"
Wenig später in 1V,2 zeigt sein Monolog, wie es um seine so beschriebene Liebe in der Tat bestellt ist: aufgrund des Briefes, der ihm zugespielt wurde, erscheint Luise ihm ohne weitere Prüfung als 'Heuchlerin" und er sich selbst als 'betrogen" . Schon seine ersten Worte waren: 'Und liebt mich meine Luise noch?" So macht ihn seine Erregung über den vermeintlichen Betrug unfähig, den Hofmarschall zur Aufklärung der Intrige kommen zu lassen; dieser stellt ihm die Diagnose: 'Sie rasen. Sie hören nicht." Hätte er in diesem Augenblick seine Erregung bemeistert und den Hofmarschall ausreden lassen, so wäre der tragische Ausgang vermieden worden. Aber dazu wäre eben erforderlich, daß er Luise unbedingt und uneingeschränkt liebt, ihr vertraut und an ihre Liebe glaubt. Seine Worte, er sehe durch ihre 'Seele wie durch das klare Wasser dieses Brillanten" in 1,4 , sind spätestens in der Auseinandersetzung mit dem Hofmarschall als Selbsttäuschung entlarvt. So kann er zum Opfer der Kabale werden: schon in der folgenden Szene IV, bezichtigt er sich selbst gegenüber dem Vater des 'Undank|s|", als habe er dessen Verhalten in 11,6 und 11,7 gänzlich vergessen.
      Sind die Konflikte des Dramas zunächst, von der Handlung her gesehen, in dem Standesunterschied begründet, der auch in anderen Werken des Sturm und Drang eine Rolle spielt - z. B. in den Leiden des jungen Werthers, dem Hofmeister, der Kindermörderin oder Des Pfarrers Tochter von Tauhenhain - so wird doch bei näherer Betrachtung deutlich, in welchem Maße die Charaktere den durch die Handlung vorgezeichneten Konflikt intensivieren und vertiefen.
      Denn wenn der Standesunterschied zwischen Ferdinand und Luise scheinbar wie im Hofmeister die Liebe der beiden verbietet, so zeigt sich, daß sie auch aus sehr wesentlichen und weiterreichenden Gründen nicht zueinander finden können. Ist Ferdinand mit dem von Aristoteles in der Poetik geforderten 'Fehler" behaftet, so ist ihm Luise, die ohne seine Verblendung und Vermessenheit charakterisiert wird, überlegen, da sie den im Verständnis Schillers höchsten Grad von Freiheit erreicht hat. Sie ist fähig zu entsagen: 'Ich entsag ihm für dieses Leben." Die Ã"ußerung in 1,3, in ihrem ersten Auftritt, begründet ihre Größe, die sie vor allem im Gespräch mit Lady Milford in 1V,7 so nachdrücklich zeigt, daß die ihr gesellschaftlich überlegene Favoritin ihre 'edle, große, göttliche Seele" erkennt. Es gehört zur Ã-konomie des Dramas und macht seine Stärke aus, wie in dieser Unterredung die gesellschaftliche Stellung der Lady durch den sittlichen Adel der Kleinbürgerin Luise Miller in Frage gestellt und endlich aufgehoben wird. Hatte sie in 1,3 die Zuversicht ausgesprochen, jenseits desirdischen Lebens 'wenn Gott kommt" werden 'die Schranken des Unterschicds einstürzen", 'die verhaßte |!| Hülsen des Standes" abfallen und Menschen 'nur Menschen" sein, so wird diese auf das Ende der Welt gerichtete Hoffnung für einen Augenblick in der Person der Lady verwirklicht, die nach dem Gespräch mit Luise 'erschüttert" ist und in dieser Stunde die 'Kraft, zu entsagen" besitzt. Damit ist weder die ständische Gesellschaftsordnung der Zeit noch die moralische Ordnung des Dramas aufgehoben: Lady Milford entsagt zwar ihrer Liebe zu Ferdinand und ihrer Stellung als Favoritin, aber Luises Ãoberlegenheit bleibt bestehen, denn Lady Milford muß die Stunde nutzen, da sie zur Entsagung fähig ist. Luise indes lebt von Anfang bis zum Ende des Trauerspiels in dieser Freiheit. Die Regieanweisungen - 'groß" , 'gelassen und edel" , 'standhaft" - unterstreichen das. Damit ist eine sittlich begründete Darstellung menschlicher Größe der gesellschaftlich begründeten . 'Schwärmerei", schreibt Schiller im Brief an Körner vom 7. Mai 1785, sei 'ein vorausgenoßener Paroxysmus unsrer künftigen Größe" : Ferdinand glaubt sich selbst groß, weil er große Pläne entwirft. Luise ist groß, weil sie die Wirklichkeit erkennt. So realistisch die Darstellung der Gesellschaft ist, von der kleinbürgerlichen Stube Millers bis zum Palais der Favoritin, so unrealistisch mutet die Figur der Luise an: ein sechzehnjähriges Mädchen spricht in Sentenzen, die zu verstehen einiges Nachdenken erfordert, und sie ist der Lady intellektuell wie moralisch überlegen, die doch im , nicht nur 'fürstlichen Geblüts" , sondern sie hat - ähnlich der Favoritin Karl Eugens Franziska von Hohenheim - den Mißbrauch der absolutistischen Macht vielfach einzuschränken vermocht; zudem darf ihre leidvolle Vergangenheit Achtung beanspruchen.
      Wenn sie all diese Vorzüge als 'das prahlende Gebäude" ihrer 'Ehre" in IV, unter die 'Großmut" Luises stellt, so ist deutlich, daß die Darstellung der Wirklichkeit hinter der moralischen Ordnung steht. Wenn Schiller das Verhalten von Präsident' und Hofmarschall als verwerflich und lächerlich erkennt, kann er das nur, weil er weiß, wie sie handeln sollten;die Satire dieser Auftritte ist eine Verwirklichung der späteren theoretisch formulierten Einsicht: 'In der Satyre wird die Wirklichkeit als Mangel, dem Ideal als der höchsten Realität gegenüber gestellt." Schiller stellt dies Ideal dar, und die schlechte Wirklichkeit ist das Mittel dieser Darstellung, nicht ihr Zweck.
      Eine Untersuchung der Sprache bestätigt dies. Man kann die Personen des Stückes in einer Rangordnung sehen, in der sie dem 'Ideal" näher oder ferner stehen. Die soziale Ordnung überschneidet sich teilweise mit der sprachlichen, deckt sich aber nicht ganz mit ihr. Man verkennt sie, wenn man nur unter dem Gesichtspunkt der sozialen Ordnung die Personen des Hofes von bürgerlichen unterscheidet. In dieser sprachlichen Ordnung steht die Mutter Luises neben dem Hofmarschall: beide benutzen Fremdwörter, die sie nicht verstehen. Deutlich unterschieden von dieser teils karikierenden, teils affektierten Sprache ist die treuherzige, deutliche und biedere Sprache des Kleinbürgers Miller; wenn sein Darsteller auf der Bühne in schwäbischer Mundart spräche, wäre das ganz angemessen. Dem steht die Sprache des Hofes entgegen: sie wird vom Präsidenten von Walter und von dem 'abtrünnigen Bürger" Wurm gesprochen: kalt, distanziert, bisweilen zynisch oder befehlend. Daneben gibt es eine Sprache, die nicht die Figuren, sondern ihr Dichter zu verantworten hat: es ist die intellektuelle, scharf charakterisierende Sprache der Aufklärung, die Sentenzen formuliert, mit hervorgehobenen Wörtern wie man sie z. B. von Wurm hört: 'Zwang erbittert die Schwärmer immer, aber bekehrt sie nie." oder von Luise im Gespräch mit Lady Milford IV,7, oder auch von Ferdinand. F,s gibt daneben die Sprache der Empfindsamkeit: Ferdinand spricht sie gegenüber Luise, aber auch mit seinem Vater in IV,S: diese Beobachtungen zeigen, daß nicht allein die Personen des Dramas, sondern auch ihre augenblickliche Lage sprachlich charakterisiert werden. Damit geht Schiller weiter als andere Stürmer und Dränger in ihren Dramen; er differenziert sehr viel genauer als z. B. Wagner oder Lenz.
      Man kann mit Kabale und Liebe das F.nde des Sturm und Drang datieren: das Drama zeigt noch einmal, verschärft und gesteigert wie sonst kaum ein anderes Stück, die Mißstände der politischen Ordnung, fürstlichen Machtmißbrauch, die Gleichgültigkeit der Herrschenden gegenüber Empfindungen und gegen die Moral einer jungen aufgeklärten Generation, die nach 'Grundsätzen" handeln und leben will.
      Zugleich deutet sich in dem Drama der Ãobergang zur Klassik an. Kabale und Liebe spielt an einem Ort, in der Wohnung des Musikus Miller, im Hause des Präsidenten, im Palais der Lady Milford. Die Handlung beginnt früh am Morgen und endet am Abend: man kann aus einigen Indizien schließen, daß sie sich an einem Tag begibt, höchstens an zweien. Entgegen der Handlung in den Räubern folgt Schiller hier der Regel der drei Einheiten sehr viel genauer als in seinen sog. klassischen Dramen vom Wallenstein bis zum Teil.
     

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