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Ästhetische theorie, dialektik und dekonstruktion

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Ästhetische Theorie, Dialektik und Dekonstruktion



Die Dekonstruktion, die Jacques Derrida als systematische Subversion der europäischen Metaphysik auffaßt, könnte in einem ersten Schritt als ein Versuch definiert werden, das kritische Denken von der institutionalisierten Philosophie zu lösen und die Herrschaft des Begriffs sowie der systematischen Begrifflichkeit radikal in Frage zu stellen. In Derridas Augen erscheinen vor allem Hegels Totalitätsdenken und Saussures linguistisches System als Inkarnationen einer mit dem Herrschaftsprinzip verquickten metaphysischen Begriffsbildung. Der Begründer der Dekonstruktion versucht, diese und andere theoretische Systeme dadurch zu zerlegen, daß er ihre Ambivalenzen und Widersprüche aufdeckt. Seine Kritik der idealistischen Philosophie und des Saussureschen Strukturalismus ist nicht unabhängig von der deutschen philosophischen Tradition zu verstehen, an die er anknüpft, indem er gegen ihre metaphysischen Voraussetzungen polemisiert.


      Seine Einstellung zu den Denkern der deutschen Philosophie, zu Immanuel Kant , Georg Wilhelm Friedrich Hegel oder Martin Heidegger , ist insofern von einer grundlegenden Ambivalenz geprägt, als der französische Philosoph einige ihrer Theoreme aufgreift, um die Grundlagen ihrer Systeme in Frage stellen zu können. Er entwickelt »eine Art allgemeine Strategie der Dekonstruktion« und beruft sich dabei auf einige Schlüsselbegriffe und Kernargumente des Idealismus, um dessen widersprüchlichen oder gar aporetischen Charakter bloßzulegen.
      Um Derrida und die amerikanischen Literaturtheoretiker, die seine Gedanken adaptiert und weiterentwickelt haben, zu verstehen, ist es deshalb wichtig, einige Grundprobleme des deutschen Idealismus anzuschneiden, von denen die verschiedenen Varianten der Dekonstruktion ausgehen. Nahezu alle diese Probleme berühren den ästhetischen Bereich: die verschiedenen Auf-fassungen des Naturschönen, des Kunstwerks und des literarischen Textes.
      Sie tangieren auch die semiotische Ebene und die konkurrierenden Definitionen des sprachlichen und des künstlerischen Zeichens. Im Unterschied zu einem Philosophen wie Hegel und zu einigen seiner marxistischen Nachfolger - etwa Georg Lukäcs -, die meinen, Kunstwerke und literarische Texte mit begrifflichen Systemen oder eindeutig definierbaren Strukturen von Signifikaten identifizieren zu können, betrachten Immanuel Kant und dessen moderne Schüler alle Versuche mit Skepsis, Kunst und Literatur ins Begriffliche zu übertragen. Sie neigen dazu, das künstlerische Zeichen als ein Ensemble polysemer und interpretierbarer Signifikanten zu betrachten, die zwar Ideen evozieren, nicht aber auf besondere Begriffe festlegbar sind.
      Zeitgenössische Semiotiker würden im Anschluß an Louis Hjelmslev sagen, daß die einen, die Hegelianer, die Bedeutung der Inhaltsebene betonen, die man global als das Zusammenwirken der Signifikate definieren könnte, während die anderen, die Kantianer, die Ausdrucksebene privilegieren, die die Gesamtheit der Signifikanten umfaßt. In diesem Zusammenhang könnte von zwei grundverschiedenen Ästhetiken die Rede sein: von einer Ästhetik des Ausdrucks und einer Ästhetik des Inhalts . Es wird sich allerdings zeigen, daß in Derridas Augen selbst Saussures Unterscheidung zwischen signifiant und signifie ein dualistisches Relikt der europäischen Metaphysik ist - ebenso wie Hjelmslevs komplementäre Unterscheidung zwischen Ausdrucks- und Inhaltsebene.
     

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