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Ästhetische theorie, dialektik und dekonstruktion

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Nietzsche: Ambivalenz, Dialektik und Rhetorik



Mit Recht weist Karl Löwith auf die philosophische Verwandtschaft Nietzsches mit Junghegelianern wie Stirner, Rüge und Feuerbach hin. Denn Nietzsche, der mit Stirners anarchistischem Werk Der Einzige und sein Eigentum vertraut war, knüpfte an die Religionskritik Feuerbachs und Bruno Bauers an und nahm - wie vor ihm Marx - Elemente des Feuer-bachschen Materialismus in sein Werk auf. Wie die Junghegelianer attackierte er die idealistische Metaphysik, deren Entfaltung ihren Höhepunkt in Hegels systematischer Dialektik erreicht hatte. Wie Marx stellte er das Fundament des Idealismus in Frage: den christlichen Monotheismus. Diese Entwicklung faßt Löwith zusammen, wenn er schreibt: »Der Weg, der über die Junghegelianer von Hegel zu Nietzsche führt, läßt sich am deutlichsten mit Bezug auf die Idee vom Tode Gottes bezeichnen .«



   Sein Tod ist zugleich der einer Dialektik, die von »Aufhebung« zu »Aufhebung« eilt, bis sie das »absolute Wissen« erreicht, das mit der Vollendung und Schließung des Systems zusammenfällt. Im Gegensatz zu Hegel, dem Vollender [begrifflicher Systematik, entwirft Nietzsche eine offene Dialektik, die von einer radikalen Ambivalenz ausgeht: von einer unaufheb-baren Einheit der Gegensätze, die eher destruktiv als systembildend wirkt.
      In seiner Kritik der europäischen Metaphysik macht er bei der Einheit der Gegensätze halt und weigert sich, die Hegeische »Aufhebung« als synthetisierende Bewegung nachzuvollziehen: »Der Grundglaube der Metaphysiker ist der Glaube an die Gegensätze der Werte. Man darf nämlich zweifeln , ob es Gegensätze überhaupt gibt .« Er fügt hinzu: »Es wäre sogar noch möglich, daß was den Wert jener guten und verehrten Dinge ausmacht, gerade darin bestünde, mit jenen schlimmen, scheinbar entgegengesetzten Dingen auf verfängliche Weise verwandt, verknüpft, verhäkelt, vielleicht gar wesensgleich zu sein.« Der Freigeist, den Nietzsche hier in Szene setzt, vermag an die metaphysischen Antinomien der Vergangenheit nicht mehr zu glauben. Er erforscht die Möglichkeit, alle Werte umzuwerten und die alte metaphysische Antinomie durch die Zusammenführung der Gegensätze zu destruieren, ohne sie hegelianisch im Höheren aufzuheben: »Kann man nicht alle Werte umdrehen? und ist Gut vielleicht Böse? und Gott nur eine Erfindung und Feinheit des Teufels? Ist alles vielleicht im letzten Grunde falsch?« Im Anschluß an solche Fragen erscheint die Erkenntnis der radikalen Zweideutigkeit oder unaufhebbaren Ambivalenz als einzig mögliche Antwort: »Gesamt-Einsicht: der zweideutige Charakter unserer modernen Welt - eben dieselben Symptome können auf Niedergang und auf Stärke deuten.«

   Nietzsches Kritik der metaphysischen Antinomie und seine Darstellungen der unaufhebbaren Ambivalenz wurden hier deshalb ausführlicher kommentiert, weil sie einerseits ein modernes Bewußtsein ankündigen, das sich weder mit den alten Gegensätzen noch mit deren Aufhebungen in Hegels großangelegter Synthese zufriedengibt, und weil sie andererseits Argumentationsmuster der Dekonstruktion vorwegnehmen. So wendet beispielsweise Derridagegen Jean-Pierre Richard ein, daß Mallarmes Schlüsselwort pli/Falte sowohl »Jungfräulichkeit« bedeutet als auch das, »was sie vergewaltigt« , und sowohl Paul de Man als auch J. Hillis Miller versuchen nachzuweisen, daß literarische und philosophische Texte widersprüchliche Bedeutungen enthalten, d. h. radikal ambivalent und apore-tisch sind .
      Ein Hegelianer oder hegelianischer Marxist wie Georg Lukäcs würde an dieser Stelle wohl einwenden, daß wir es in Nietzsches Philosophie und der Dekonstruktion mit einer »blockierten Dialektik« zu tun haben: mit einer Dialektik, deren Leerlauf mit ihrer Unfähigkeit zusammenhängt, die Antinomie in einer höheren Synthese aufzuheben. Aus Nietzsches Sicht erscheint jedoch der Versuch, eine Synthese oder »Aufhebung« herbeizuführen, als ein Gewaltakt, dem Willkür anhaftet: Der subversive Gedanke, daß Gut und Böse unauflöslich miteinander »verknüpft« und »verhäkelt« sind, zeitigt keine höhere Form, keine »Aufhebung« im Sinne von Hegel.
      In dieser Hinsicht erscheint Nietzsche als ein Vorläufer Derri-das und Paul de Mans, die beide den zugleich ambivalenten und aporetischen Charakter sprachlicher, philosophischer und literarischer Phänomene hervorheben. So nimmt beispielsweise die Aufgabe des Ãobersetzers in Derridas Augen einen unaufhebbar aporetischen Charakter an: »YHWH fordert und untersagt zugleich, in seiner dekonstruierenden Geste, daß man seinen Eigennamen in der Sprache vernehme, er mandiert und streicht die Ãobersetzung, er verdammt zur unmöglichen und notwendigen Ãobersetzung.«

   Eine Aufhebung dieses Grundwiderspruchs ist in der nachnietz-scheanischen Philosophie, die aus dem Zerfall des Hegeischen Systems hervorging, nicht denkbar. In diesem Sinne könnte die gesamte französisch-amerikanische Dekonstruktion als ein Denken der radikalen Ambivalenz aufgefaßt werden, das in der Aporie ausmündet. Die Aporien, die Paul de Man in philosophischen und literarischen Texten aufzeigt, sind von diesem Ambivalenzgedan-ken nicht zu trennen. Im Zusammenhang mit einigen Schriften Nietzsches, die er in Allegories of Reading kommentiert, stellt de Man beispielsweise fest, daß man sie gleichzeitig »als Verherrlichung wie als Verdammung der Literatur lesen« kann.
      Im dritten Kapitel wird klar, daß die von de Man immer wieder aufgezeigten Aporien in den meisten Fällen nicht plausibel gemacht werden können, weil sie z. T. willkürliche Konstruktionen oder Projektionen sind. Seine Nietzsche-Lektüren werfen indes neues Licht auf die Grundproblematik eines Philosophen, der durch die Aufdeckung der radikalen Ambivalenz entscheidend zur Destruktion des metaphysischen Wahrheitsbegriffs beitrug.
      Nach Friedrich Schlegel, der den Anspruch rationalistischer und hegelianischer Diskurse zurückwies, die Wahrheit zu verkünden, nimmt sich Nietzsche vor, den metaphysischen Wahrheitsbegriff zu zerlegen. In einem berühmt gewordenen polemischen Text fragt er nach den Grundlagen dieses Begriffs: »Was ist also Wahrheit? Ein bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, Anthropomorphismen, kurz eine Summe von menschlichen Relationen, die, poetisch und rhetorisch gesteigert, übertragen, geschmückt wurden und die nach langem Gebrauch einem Volke fest, kanonisch und verbindlich dünken: die Wahrheiten sind Illusionen, von denen man vergessen hat, daß sie welche sind.« Diese Passage, die auch Paul de Man in Allegories of Reading zitiertS3, wird zum Ausgangspunkt einer rhetorischen Dekonstruktion der Wahrheit, die auch vor den Wahrheiten der Philosophie und der Wissenschaft nicht halt macht.
      Bei Nietzsche entspricht dieser rhetorischen Zersetzung des Wahrheitsbegriffs eine radikale Kritik des Hegeischen Wesensbegriffs, den auch andere »Nietzscheaner« wie der späte Barthes, Derrida und Deleuze, in Frage stellen: »Das Wort >Erscheinung< enthält viele Verführungen, weshalb ich es möglichst vermeide:denn es ist nicht wahr, daß das Wesen der Dinge in der empirischen Welt erscheint.« Es erscheint möglicherweise überhaupt nicht, und Nietzsches Polemik gegen die Metaphysik der Essenz könnte als ein Seitenhieb gegen Hegel interpretiert werden, der meint, hinter den Erscheinungen das Wesen ausfindig machen zu können. Man denke in diesem Zusammenhang an seine Definition der Kunst, der die Aufgabe zufällt, die vom Schein verdeckte Welt der Wahrheit, des Seins bloßzulegen: »Weit entfernt also, bloßer Schein zu sein, ist den Erscheinungen der Kunst der gewöhnlichen Wirklichkeit gegenüber die höhere Realität und das wahrhaftigere Dasein zuzuschreiben.«

   Nietzsche kehrt nun das hierarchische Verhältnis von Sein und Schein um: nicht nur indem er den rhetorischen Charakter der Sprache aufdeckt, sondern indem er auch die Vorherrschaft des Scheins in der Kunst proklamiert, die er im Gegensatz zu Hegel, »als den guten Willen zum Scheine« definiert. Wie die Romantiker, aber mit feinerem theoretischen Instrumentarium zersetzt er die Grundlagen der begrifflichen Herrschaft in Philosophie und Ã"sthetik. In dieser Hinsicht erscheint er als der wichtigste Vorläufer Derridas, de Mans, Millers und Hartmans, die die rhetorischen Aspekte der Sprache betonen. Dadurch stellen sie den Wahrheitsbegriff in Frage und zusammen mit ihm die Möglichkeit, Kunstwerke auf begrifflicher Ebene zu definieren, d.h. ihre »Wahrheitsgehalte« , »Bedeutungsstrukturen« oder »Tiefenstrukturen« bloßzulegen.
      In diesem Zusammenhang sollte der Rhetorikbegriff näher betrachtet werden. Mit Recht erinnert J. Goth in Nietzsche und die Rhetorik daran, daß der deutsche Philosoph die Rhetorik vor allem als figurativen Sprachgebrauch auffaßt, dessen Komplexität nicht in der klassischen Definition der Rhetorik als Eloquenz und Ãoberredungskunst aufgeht. Paul de Man, der Goths Buch zitiert, schließt sich dieser Argumentationan, wenn er behauptet, daß die Trope oder Figur für Nietzsche nicht eine Sprachform unter anderen ist, »sondern das linguistische Paradigma par excellence«. An anderer Stelle fügt er erläuternd hinzu: »Nietzsche schiebt die geläufige Bedeutung von Rhetorik als Eloquenz verächtlich zur Seite und konzentriert sich statt dessen auf die verwickelte und philosophisch herausfordernde Epistemologie der Tropen.«

   Für den Nietzsche der Dekonstruktivisten ist also das menschliche Denken, das von den Besonderheiten der Sprache nicht zu trennen ist, auf Gedeih und Verderb mit der Figur, der Trope, verquickt. Es ist unwiderruflich »rhetorisch«, und diese Erkenntnis erklärt, weshalb der Autor der Fröhlichen Wissenschaft die Wahrheit als »bewegliches Heer von Metaphern, Metonymien, An-thropomorphismen« beschreibt: Seiner Ansicht nach vermag keine begriffliche Strenge das Denken vor den Auswirkungen der Trope zu schützen, deren Einfluß oft unbewußt ist. Die rhetorische Figur bringt in vielen Fällen unbeabsichtigte Sinnverschiebungen und Polysemien hervor - oder gar metaphysische Wahrheiten, die auf verborgenen Mißverständnissen oder Widersprüchen gründen. Aus dieser Sicht erscheint die gesamte Philosophie als ein gutgemeinter, aber vergeblicher Versuch der Selbstreinigung von der Trope, die zur philosophischen Substanz als solcher gehört.
      Ausgehend von dieser rhetorischen Umdeutung der Philosophie, verabschiedet Nietzsche das tradierte Ideal der begrifflichen Strenge und wendet sich der Kunst zu: der Musik, der Literatur. Vor allem die Musik erscheint ihm als das eigentliche Modell künstlerischen Schaffens, dessen Darstellung im Rahmen der philosophischen oder gar mathematischen Begrifflichkeit er strikt ablehnt: »Wie absurd wäre eine solche >wissenschaftliche< Abschätzung der Musik! Was hätte man von ihr begriffen, verstanden, erkannt! Nichts, gerade nichts von dem, was eigentlich an ihr >Musik< ist!...«

   Diese Ausrichtung auf die Musik, die reine phoni, die auch Nietzsches Jugendwerk Die Geburt der Tragödie aus dem Geisteder Musik zugrunde liegt, geht mit einer Aufwertung der literarischen Figur und der Ausdrucksebene einher. Weit davon entfernt, an die Möglichkeit einer wissenschaftlich-begrifflichen Erklärung der Kunst und der Literatur zu glauben, neigt Nietzsche - wie schon die Romantiker - dazu, Hegels Argumentation umzukehren und in der Sprache der Dichtung die Antworten auf wesentliche Fragen der Philosophie zu suchen. Der Philosoph sollte sein vergebliches Fahnden nach der eindeutigen Definition aufgeben und sich statt dessen dem Spiel der Bedeutungen hingeben, zu dem Kunst und Literatur ihn einladen.
      Mit Recht erinnert Ernst Behler an die Rolle des Spiels in Nietzsches Weltauffassung, welche auch in dieser Hinsicht Derri-das Dekonstruktion ankündigt, die spielerisch den Wahrheitsbegriff zerlegt. Von Derrida sagt Behler, »Nietzsches Bejahung des Spiels der Welt und der Unschuld der Zukunft für ihn die >Bejahung einer Welt der Zeichen ohne Fehl, ohne Wahrheit, ohne Ursprungs die unserer aktiven Interpretation offensteht.«
Im zweiten Kapitel wird sich zeigen, daß Derrida sich auf Nietzsche beruft, wenn es gilt, die metaphysischen Begriffe des Seins und der Wahrheit durch das Spiel zu ersetzen. Im Unterschied zu den Philosophen der metaphysischen Tradition, die danach streben, sich des endgültigen Begriffe, des Signifikats auf der Inhaltsebene zu bemächtigen, entfesseln Nietzsche, Derrida und die Dekonstruktivisten von Yale das Spiel mit dem vieldeutigen Signifikanten und verlagern dadurch die gesamte ästhetische und literarische Problematik auf die Ausdrucksebene. Wie Nietzsche versuchen sie, die institutionellen Barrieren zu durchbrechen, die den philosophischen vom literarischen Bereich trennen, um die Freiheit des unbegrenzten textuellen Spiels zu ermöglichen. Man wird sehen, daß vor allem Geoffrey H. Hartman, der vom anglo-amerikanischen New Criticism ausgeht, die Rolle des Literaturkritikers aufwertet, den er in einen dem Schriftsteller ebenbürtigen Autor verwandeln möchte. Nietzsche folgend, lehnt er die institutionelle Unterscheidung von Primär- und Sekundärliteratur abund setzt sich dafür ein, daß der Text des Kritikers als literarisches Produkt sui generis anerkannt wird.
      Es wäre sicherlich nicht legitim, die Vertreter der Dekonstruk-tion als Romantiker oder Nachfolger der Junghegelianer zu betrachten, ohne grob zu vereinfachen. Es ist aber durchaus möglich, in ihnen moderne oder postmoderne Erben Nietzsches zu erkennen, eines antisystematischen Philosophen, der als erster systematisch den Logozentrismus und den esprit sörieux der europäischen Metaphysik herausforderte.

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Nietzsche:  Ambivalenz,  Dialektik  Rhetorik    





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