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Ästhetische theorie, dialektik und dekonstruktion

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Kant, Hegel und Derrida: Die (Nicht-)Begrifflichkeit des Schönen



Eines der immer noch ungelösten Probleme der modernen Ã"sthetik ist die Frage, ob Kunstwerken ein begriffliches Ã"quivalent zuzurechnen sei und ob sie mit Begriffen erklärt werden können. Die kantianische Position, die in modifizierter Form von den anglo-amerikanischen New Critics, die in mancher Hinsicht als Vorläufer der Dekonstruktion anzusehensind, den russischen Formalisten und den Prager Strukturalisten verteidigt wurde, ist wohlbekannt und steht immer noch im Mittelpunkt literatur- und kunstwissenschaftlicher Diskussionen.


      Kant faßt das Natur- und Kunstschöne als ein Phänomen auf, das »ohne Begriff gefällt« und vom Betrachter mit »interesselosem Wohlgefallen« aufgenommen werden sollte. Gegen den Utilitarismus und Rationalismus der Aufklärer Christian Wolff und Johann Christoph Gottsched behauptet Kant die Autonomie der Kunst und lehnt alle Versuche ab, den ästhetischen Bereich heteronomen, d. h. didaktischen, religiösen, politischen oder kommerziellen Zielsetzungen unterzuordnen. Ihm erscheint das Schöne als »Zweckmäßigkeit ohne Zweck«.
      Für den hier entworfenen Zusammenhang ist Kants These über die Begriffslosigkeit des Naturschönen und der Kunst besonders wichtig, weil sie einer Erkenntnistheorie entstammt, die die Grenzen des Erkennbaren absteckt. Dieses ist insofern begrenzt, als das Subjekt die Objekte nicht anders als in Raum und Zeit wahrzunehmen imstande ist, d. h. subjektiv: Der Gegenstand als solcher, »das Ding an sich«, entzieht sich unserer Kenntnis, bleibt unzugänglich.
      Eine solche Theorie der kognitiven Begrenztheit wirkt sich auch im ästhetischen Bereich aus, wo Kant es ablehnt, das Natur- oder Kunstobjekt in begriffliches Denken aufzulösen, es mit einem besonderen Begriff zu identifizieren. Obwohl er die Bedeutung des Schönen für die Erkenntnis hervorhebt, unterscheidet er in der Kritik der Urteilskraft ästhetische Ideen von Vernunftideen und versucht zu zeigen, daß diese beiden grundverschiedenen Kategorien von Ideen nicht ineinander zu übersetzen sind. Wie in der allgemeinen Erkenntnistheorie gibt es auch hier unüberschreit-bare Grenzen, weil kein »Vernunftbegriff« einer »ästhetischen Idee«, einem Phantasiegebilde adäquat sein kann: »Unter einer ästhetischen Idee aber verstehe ich diejenige Vorstellung der Einbildungskraft, die viel zu denken veranlaßt, ohne daß ihr doch irgendein bestimmter Gedanke, d.i. Begriff, adäquat sein kann, die folglich keine Sprache völlig erreicht und verständlich machen kann.« Das ästhetische Objekt und die Vorstellungen, die es in uns hervorruft, gehen somit nicht im begrifflichen Denken auf, »denn Schönheit ist kein Begriff vom Objekt, und das Geschmacksurteil ist kein Erkenntnisurteil«.
      Folglich geht jede ästhetische Erscheinung über deren begriffliche Darstellung hinaus, da sie nichts Genaues bezeichnet und ihre Beziehungen zum begrifflichen Denken eher auf der Ebene der Evokation oder - wie die Semiotiker sagen würden - auf der Ebene der Konnotation anzusiedeln sind. Alle Versuche der Hegelianer und später der Marxisten, Kunstwerken begriffliche Ã"quivalente zuzuordnen, erscheinen den Kantianern als gefährliche Schimären, als Dogmatisierungen. Zu Recht hebt R. Wiehl die Tatsache hervor, »daß Kants Lehre von der reflektierenden Urteilskraft die Möglichkeit einer Wissenschaft vom Schönen ausdrücklich verneint .«s
Diese Einschätzung der Kritik der Urteilskraft, die mittlerweile zu den Gemeinplätzen der institutionalisierten Philosophie gehört, wird von Jacques Derrida in Frage gestellt, der meint, in Kants dritter Kritik einen grundsätzlichen Widerspruch entdeckt zu haben. Im folgenden geht es nicht nur darum, Derridas Einstellung zu Kant und Hegel zu skizzieren, sondern auch darum, dem Leser einen Vorgeschmack dekonstruktivistischer Argumentation zu geben. Freilich kann es sich in diesem Stadium nur um eine erste, flüchtige Begegnung mit der Dekonstruktion handeln, deren Bedeutung möglicherweise erst im Rückblick - nach der Lektüre des zweiten Kapitels - erkannt wird.
      In Die Wahrheit in der Malerei versucht Derrida nachzuweisen, daß Kant sich bemüht, »eine Analytik der Begriffe für einen begriffslosen Prozeß« zu konzipieren. Dieser Versuch einer logischen Einrahmung zeitigt Widersprüche in Kants Diskurs, der trotz seines Einrahmungsversuchs die Behauptung aufstellt, daß der Rahmen des Kunstwerks sekundär ist, und Derrida schließt seine Kritik mit einer dekonstruktiven Geste ab, wenn er die Kantsche Beziehung zwischenbegrifflichem und ästhetischem Urteil als Widerspruch, als Aporie darstellt: »Die Analytik des Schönen arbeitet und vernichtet also ohne Unterlaß die Arbeit des Rahmens in dem Maße, wie sie, gerade während sie sich von der Analytik der Begriffe und von der Doktrin der Urteile quadrieren läßt, die Abwesenheit des Begriffs in der Aktivität des Geschmacks beschreibt.«
Anders ausgedrückt: Kants eigener Diskurs über das Schöne widerlegt seine Versuche, das Ã"sthetische mit dem logischen Urteil - wenn auch indirekt - zu verknüpfen. Hier zeigt sich bereits, wie sehr der Diskurs der Dekonstruktion danach strebt, die Widersprüche und Aporien der kommentierten und kritisierten Diskurse hervortreten zu lassen: Derrida wirft Kant vor, daß er das Schöne sowohl mit als auch ohne Begriff auffaßt. Kants Darstellung »fährt Begriffslosigkeit und Begriff, die Allgemeingültigkeit ohne Begriff und die Allgemeingültigkeit mit Begriff, das ohne und das mit zusammen.«* In Derridas Augen veranschaulicht diese Aporie das Scheitern der Begrifflichkeit bei Kant.
      In den Kapiteln über Derrida, Paul de Man und J. H. Miller wird sich zeigen, daß das Aufdecken von Widersprüchen und Aporien ein wesentliches Element dekonstruktivistischer Kritik ist, dessen Hauptfunktion darin besteht, den Anspruch des Begriffs und die Ratio des Logos zurückzuweisen. Den Dekonstruktivisten wird allerdings nicht die kritische Frage erspart bleiben, ob die von ihnen aufgezeigten Widersprüche und Aporien nicht ihre eigenen Konstrukte sind . r In diesem Zusammenhang erscheinen Hegels Philosophie und Ã"sthetik als globale Negationen sowohl der Dekonstruktion als auch des Kantschen Denkens. Kants Auffassung einer begrenzten und ihre eigenen Grenzen absteckenden Erkenntnis, deren Begrifflichkeit Derrida zu weit geht, setzt Hegel ein auf Totalität abzielendes Denken entgegen, das die grundsätzliche Nichterkenn-barkeit des Objekts, des »Dings an sich«, leugnet und in einer Identifikation von Subjekt und Objekt gipfelt.
      Die Kluft, die in der ersten Phase der Bewußtseinsentfaltung das Subjekt vom Objekt, das Bewußtsein vom Sein trennt, wird schließlich im Rahmen einer Dialektik der Totalität überbrückt, die es dem Subjekt der Erkenntnis ermöglicht, in der wirklichen Welt seine eigene Schöpfung zu erkennen. Die Peripetien dieser Dialektik werden in der Phänomenologie des Geistes sichtbar, deren Autor sich zu zeigen vornimmt, wie die Widersprüche, die aus der Konfrontation zwischen Geist und Wirklichkeit hervorgehen, von einer globalen Erkenntnis überwunden werden, die im absoluten Wissen ausmündet: »In der Phänomenologie des Geistes habe ich das Bewußtsein in seiner Fortbewegung von dem ersten unmittelbaren Gegensatz seiner und des Gegenstandes bis zum absoluten Wissen dargestellt.«
Diese dialektische Bewegung durchzieht auch die Philosophie der Geschichte und die Wissenschaft der Logik , in denen Hegel eine dialektische Logik des Begriffs entwickelt . Seine Dialektik kann insofern als »positiv« bezeichnet werden, als sie nicht bei der Negation oder der Ambivalenz als Einheit der Gegensätze verharrt, sondern in stets komplexeren Synthesen die Widersprüche überwindet und schließlich die absolute Idee erreicht, die wie das absolute Wissen der Phänomenologie von einer völligen Identität zwischen Subjekt und Objekt zeugt. Diese Identität in der »absoluten Idee« erscheint in der Wissenschaft der Logik als die Wahrheit schlechthin: »Die absolute Idee allein ist Sein, unvergängliches Leben, sich wissende Wahrheit, und ist alle Wahrheit.«^
Die Identität von Subjekt und Objekt, die bei Hegel auf historischer, phänomenologischer und logischer Ebene zum Ausdruck kommt, beherrscht auch seine ästhetische Dialektik. Im Gegensatz zu Kant, der den originären Charakter des Naturschönen betont und behauptet, daß dieses »ohne Begriff« gefalle, versucht Hegel, die Ãoberlegenheit der Kunst über die Natur nachzuweisen, spricht von der »Mangelhaftigkeit des Naturschönen« und glaubt wie die

Rationalisten der Aufklärung an die Möglichkeit einer Wissenschaft des Schönen. Er hält eine begriffliche Definition der Kunst für sinnvoll, und das einzelne Kunstwerk erscheint ihm als ein möglicher Gegenstand philosophisch-begrifflicher Analyse.
      Der Geist als Subjekt erkennt im ästhetischen Objekt seine eigene Domäne: »So gehört auch das Kunstwerk, in welchem der Gedanke sich selbst entäußert, zum Bereich des begreifenden Denkens, und der Geist, indem er es der wissenschaftlichen Betrachtung unterwirft, befriedigt darin nur das Bedürfnis seiner eigensten Natur.« Die philosophische oder wissenschaftliche Analyse überwindet somit die Andersartigkeit des Kunstgegenstandes, da sie diesen als ihre eigene Schöpfung hervorhebt, sondern zugleich Spuren dieser Alterität im philosophischen und wissenschaftlichen Diskurs aufzeigt. Dadurch stellt sie Hegels Hierarchie der Denkformen in Frage, in der das begriffliche Denken an der Spitze steht.
      Jedenfalls hat Gerard Bras recht, wenn er im Hinblick auf diese Hierarchie bemerkt: »Die Kunst ist überwunden, sobald der Widerspruch zwischen Sinnlichem und Geistigem erschöpft ist. Dies ist die grundlegende idealistische Voraussetzung, die besagt, daß letztendlich alles in der Identität des Geistes mit sich selbst aufgeht.« Diese Identität bildet das Telos der historischen Entwicklung bei Hegel, die auf eine Aufhebung der Kunst in Philosophie und Wissenschaft hinausläuft.
      Dieser Argumentation könnte Hegel oder einer seiner marxistischen Erben wie Georg Lukäcs entgegenhalten, daß er die Kunst keineswegs im Begriff auflöst, weil er in deren sinnlichem Charakter das wesentliche Element erkennt, das sie vom philosophi-sehen und religiösen Denken unterscheidet. Tatsächlich behauptet Hegel vom Kunstwerk, daß es »die Wahrheit, den Geist als Objekt in sinnlicher Weise hinstellt .« Doch diese »sinnliche Weise des Bewußtseins ist die frühere für den Menschen« und wird vom philosophisch-wissenschaftlichen Denken überholt, überwunden. Insgesamt faßt Hegel die ästhetische Funktion als eine Hilfsfunktion auf und die Kunst als eine ancilla philoso-phiae: Sie ist dazu da, die Ideen der Philosophie der sinnlichen Wahrnehmung zugänglich zu machen.
      Trägt man dieser Unterordnung der Kunst unter das begriffliche Denken Rechnung, so ist man kaum überrascht, von Hegel zu erfahren, daß auch das religiöse Bewußtsein historisch avancierter sei als das des Künstlers. Angesichts dieser Abwertung des künstlerisch-ästhetischen Bereichs bei Hegel nimmt es nicht wunder, daß Adorno dem Begründer der modernen Dialektik vorwirft, er habe eine heteronome Ã"sthetik konzipiert und dadurch der marxistischen Heteronomie, die später vor allem bei Georg Lukäcs und Lucien Goldmann zum Ausdruck kommt, Vorschub geleistet.
     
   Wie stehen nun die Vertreter der Dekonstruktion zu Hegel? Welche Positionen beziehen sie zwischen Hegel und Kant? - Hier gilt es zunächst, zwischen der Dekonstruktion Derridas und der seiner amerikanischen Freunde zu unterscheiden. Im Unterschied zu einem Literaturtheoretiker wie Geoffrey H. Hartman, der die von Hegel begründeten und vom begrifflichen Denken dominierten Hierarchien schlicht negiert, indem er - im Anschluß an die deutschen Romantiker - die Gattungsgrenzen zwischen Literatur, Wissenschaft und Philosophie aufzuheben versucht, greift Derrida auf einige Verfahren der Hegeischen Dialektik zurück, um das metaphorische System des deutschen Philosophen besser dekonstruieren zu können. Er möchte die systemerhaltende und systembildende Dialektik gegen das System selbst wenden. Im dritten Abschnitt und im zweiten Kapitel wird sich zeigen, wie sehr diese Vorgehensweise mit der »antimetaphysischen« Kritik der Junghegelianer und mit Nietzsches radi-kaier Sprachkritik verwandt ist. In dieser Hinsicht kann Paul de Man, ein nietzscheanischer Kritiker par excellence, als Derridas Weggefährte betrachtet werden.
      Doch der Nietzscheanismus dieses amerikanischen Dekonstruk-tivisten bewirkt häufig eine Rückkehr zu Kant: zu einem Denken in Grenzen, das es strikt ablehnt, das Objekt in einer vom Subjekt beherrschten Begrifflichkeit aufzulösen. In dem postum veröffentlichten Werk The Resistance to Theory beruft sich de Man auf Kant, der lange vor Nietzsche und im Gegensatz zu Hegel die Bedeutung der Figur, insbesondere der Metapher, für »unseren philosophischen Diskurs« erkannte. Aus de Mans Sicht erscheint die Figur als das sprachliche Element, das sich der von Nietzsche kritisierten Herrschaft des Begriffs hartnäckig widersetzt.
      Trotz dieser Affinitäten zwischen Kants Philosophie und der amerikanischen Dekonstruktion, die von der kantianischen Ã"sthetik des New Criticism geprägt wurde , wäre es - vor allem angesichts Derridas Kritik der Kantschen Position -ein Fehler, in den verschiedenen Theorien der Dekonstruktion Versuche zu sehen, den Kantianismus zu restaurieren. Die meisten dieser Theorien sollten eher als antihegelianische, nietzscheanische und romantische Kritiken aufgefaßt werden. Man wird sehen, wie sehr die Einwände der amerikanischen Dekonstruktivisten gegen das Hegel-sche System von Derrida beeinflußt wurden: ähnlich wie ihre Nietzsche-Lektüren und ihre Auffassungen von Kunst und Natur.
      Hartman, Miller und de Man berufen sich auf Derrida, wenn es gilt, die Grenzen des begrifflichen Denkens abzustecken und die Bedeutung der vieldeutigen Figur, des Signifikanten und der gesamten Ausdrucksebene für den theoretischen Diskurs hervorzuheben. Wie Derrida, Nietzsche und die deutschen Romantiker neigen sie dazu, die Hegeische These umzukehren, derzufolge die Kunst als historisch inferiorer Erkenntnismodus dem philosophischen Logos unterzuordnen sei.
     

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Kant,  Hegel  Derrida:  Die  (Nicht-)Begrifflichkeit  Schönen    





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