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Ästhetische theorie, dialektik und dekonstruktion

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Friedrich Schlegels Romantik: Eine Dekonstruktion avant la lettre?



Lange vor Nietzsche und seinen Erben haben die Vertreter der deutschen Romantik Hegels Versuche, die Kunst auf den Begriff zu bringen, in Frage gestellt. Außer Friedrich Wilhelm Schelling , von dem Manfred Frank sagt, er habe wie Hölderlin die »Kunst als Ort der Darstellung eines mit Mitteln des Begriffs und der Reflexion Undarstellbaren« aufgefaßt, haben vor allem die Brüder Schlegel , deren Schriften von Hegel mit der Herablassung eines Berufsphilosophen kommentiert werden, der geruht, sich mit Amateuren einzulassen, die Besonderheit und Nichtreduzierbarkeit der Kunst betont. Hegels Abneigung gegen die Romantiker ist kein individueller Zufall, sondern zeugt vom tiefen Mißtrauen, mit dem die Dialektiker von Hegel bis Lukäcs alle Formen des romantischen Bewußtseins betrachten, das sich vom Rätselhaften und von den dunklen Seiten der Sprache faszinieren läßt.


      Vor allem Friedrich Schlegel weist in seiner bekannten Abhandlung »Ãober die Unverständlichkeit« auf den opaken Charakter des Wortes hin und spielt mit dem paradoxen Gedanken, daß neben der Kunst vornehmlich Philosophie und Wissenschaft unversiegbare Quellen sprachlicher Dunkelheit sind: »Ich wollte zeigen, daß man die reinste und gediegenste Unverständlichkeit gerade aus der Wissenschaft und aus der Kunst erhält, die ganz eigentlich aufs Verständigen und Verständlichmachen ausgehen, aus der Philosophie und Philologie .«

   Bei Schlegel treten - möglicherweise zum ersten Mal - die paradoxe Struktur und die Ironie zutage, die auch die Argumente der Dekonstruktion, vor allem Paul de Mans und J. Hillis Millers, beherrschen. In den Kommentaren dieser Literaturtheoretiker geht es immer wieder darum, Paradoxien und andere Ungereimtheitenaufzuzeigen. So behauptet beispielsweise Paul de Man, Marcel Proust versuche, die Ãoberlegenheit der Metapher plausibel zu machen, lasse aber - gleichsam malgri lui - erkennen, daß der Metonymie in seinem eigenen Text eine Schlüsselrolle zufällt. Ã"hnlich verfährt J. Hillis Miller, wenn er nachzuweisen sucht, daß George Eliot einerseits die Figur aus dem realistischen Diskurs verbannen möchte, andererseits gerade in ihrem Plädoyer für den Realismus ihre Abhängigkeit von der rhetorischen Figur eingesteht . Derrida treibt schließlich das Paradoxon auf die Spitze, wenn er das Irrationale im Rationalismus und die dekonstruktiven Elemente in Hegels System hervortreten läßt.
      Indem er die Probleme der Paradoxie und der Ironie in den Mittelpunkt stellt, fordert Schlegel den Rationalismus der Aufklärung heraus, der aus erkenntnistheoretischen, ethischen und politischen Gründen den häretischen Gedanken von der Hand weisen muß, daß Wissenschaft und Philosophie die Dunkelheit des Wortes vertiefen, statt das Licht der Vernunft zu verbreiten. Doch der Romantiker provoziert nicht nur die Rationalisten, deren Philosophie an der Schwelle zum 19. Jahrhundert ihre Ausstrahlungskraft eingebüßt hat, sondern auch den Dialektiker Hegel, der danach strebt, die Wirklichkeit transparent zu machen, indem er Subjekt und Objekt identifiziert. Dieser reagiert mit beißender Ironie und verspottet in seiner Ã"sthetik den Dilettantismus der romantischen Philosophen.
      Das romantische Denken der Brüder Schlegel widersetzt sich nicht nur dem systematischen Diskurs und Hegels Forderung nach einer umfassenden, totalen Vernunft; es lehnt zugleich alle Versuche ab, die Kunst dem Begriff unterzuordnen. Es geht von der These aus, daß die Dichtung alle anderen Gattungen überdauern und schließlich die Philosophie ersetzen wird. Dadurch kehrt es die Hegeische Argumentation um, derzufolge die Kunst im sinnlichen Bereich - als »sinnliches Scheinen der Idee« -lediglich die Peripetien des philosophischen Logos nachzeichnet. Im Gegensatz zu Hegel, der unbeirrt an einer dialektischen Kunst-
Wissenschaft festhält, geht Friedrich Schlegel von dem Gedanken aus, daß Dichtung nur von der Dichtung kritisiert werden kann. Damit nimmt er die Forderung des Dekonstruktivisten Geoffrey H. Hartman vorweg, der für eine Verschmelzung von Literaturkritiker und Schriftsteller eintritt .
      In seinen Kommentaren zur »Unverständlichkeit« gibt Schlegel unumwunden zu, »daß die Kunst für den Kern der Menschheit halte«. Im Unterschied zu Rationalisten wie Gottsched, die die Kunst auf ihre didaktische Funktion reduzieren, im Unterschied zu den Hegelianern, die aus ihr eine Dienerin der Philosophie machen, behauptet der Romantiker die Ãoberlegenheit der Dichtung dem begrifflichen Diskurs gegenüber. Er ist der erste, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts das systematische Denken des Rationalismus und der idealistischen Dialektik Hegels herausfordert und in mancher Hinsicht die Kritik Derridas und der amerikanischen Dekonstruktivisten vorwegnimmt. Es ist kein Zufall, wenn diese sich immer wieder auf die deutsche und englische Romantik berufen.
      In ihrer Sprachkritik wenden sich die Romantiker gegen die Systematisierung, die Hierarchie und die Herrschaft der Inhaltsebene . Sie geben dem Fragment, der Ausdrucksebene, dem Signifikanten und der polysemen Figur den Vorzug. »Das Fragment«, schreiben Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc Nancy, »erscheint somit als die >mimologischste< Schreibweise der individuellen Organizität.« Das fragmentarische, unvollendete und mit der Vieldeutigkeit liebäugelnde Denken der Romantiker negiert die rationalistische und hegelianische Annahme, daß die gesamte Wirklichkeit mit Hilfe von eindeutig definierten Begriffen durchsichtig gemacht werden kann. Lange vor den Verfechtern der Dekonstruktion läßt es die unzähmbare Produktivität der Sprache erkennen, die paradoxerweise in ihrem Helldunkel und folglich auch in ihrer Undurchschaubarkeit zu orten ist.

     
Friedrich Schlegel erscheint als ein Vorläufer der Dekonstruktion, wenn er - nicht ohne ironisches Augenzwinkern - fragt: »Aber ist denn die Unverständlichkeit etwas so durchaus Verwerfliches und Schlechtes?« Auf diese rhetorische Frage antwortet er , daß die Menschheit ihr Ãoberleben der relativen Dunkelheit verdankt, in der sie sich befindet: »Wahrlich, es würde euch bange werden, wenn die ganze Welt, wie ihr es fordert, einmal im Ernst durchaus verständlich würde.«

   Obwohl Derridas Theorie keinesfalls pauschal als systematische Apologie der dunklen Rede betrachtet werden kann, wird sich vor allem im fünften Kapitel zeigen, daß F. Schlegels Romantik wesentliche Gedanken der Dekonstruktivisten vorwegnimmt. Ihre Modernität und Aktualität, die in einem von Volker Bohn edierten Sammelband im Zusammenhang mit der Dekonstruktion Paul de Mans plausibel gemacht wird26, besteht darin, daß sie eine der Hauptschwierigkeiten der Philosophie und der Wissenschaft aufgedeckt hat: die rationalistische und hegelianische Versuchung, die Grenzen der Erkenntnis zu leugnen und ein herrschendes Subjekt mit den beherrschten Objekten zu identifizieren.
      In mancher Hinsicht ist das romantische Denken eine Rückkehr zu Kant, dessen Idee, daß das kognitive Vermögen des Subjekts begrenzt sei, Friedrich Schlegel nachhaltig beeinflußt hat. Allerdings geht der Romantiker um einige Schritte weiter als Kant, wenn er die Dunkelheit der Sprache rühmt, sich für die »Mischung aller Dichtarten« vor allem im Roman einsetzt und schließlich die radikale Forderung aufstellt, »alle Natur und alle Wissenschaft soll Kunst werden«. »Was Schlegel fordert«, kommentiert Raimund Belgardt, »ist eine Zerstörung aller Systeme, Kategorien und Prinzipien, die in ihrer Enge und Einseitigkeit dem neuen Bewußtsein vom ewigen Werden aller von
Raum und Zeit bedingten Phänomene nicht mehr gerecht werden können. Erst das Chaos kann wieder fruchtbar werden, erst aus ihm können neue Bildungen hervorgehen.« Mit diesen Forderungen kündigt die Romantik einige Programmpunkte von Derri-das und de Mans Dekonstruktion an, die darauf aus ist, den Gegensatz zwischen Literatur und Philosophie zu überwinden und rhetorische Verfahren wie Allegorie und Ironie für die Theorie fruchtbar zu machen,
Trotz aller hier skizzierten Affinitäten ist die Romantik der Brüder Schlegel keine »Dekonstruktion avant la lettre«. Denn ihr Kult des freien Subjekts, des Genies und der Innerlichkeit ist unvereinbar mit der Dekonstruktion dieser metaphysischen Begriffe bei Derrida und den amerikanischen Theoretikern. Indem sie an diesen Begriffen festhalten, setzen die Romantiker die von Kant, Hegel und Fichte begründete Tradition des deutschen Idealismus fort Auch ihre Aufwertung der Natur, der Kunst und der Dichtung, die sie von den Rationalisten und von Hegel unterscheidet, gehört einem metaphysischen Idealismus an, der den Vertretern der Dekonstruktion fremd ist. Diese wenden sich der vielfältigen und vielschichtigen Schrift zu, ohne sich um institutionalisierte Hierarchien wie Dichtung/wissenschaftliche Prosa zu kümmern.
      Dennoch enthält die romantische Kritik am Rationalismus und an der Hegeischen Dialektik Elemente, die bei Derrida und seinen amerikanischen Weggefährten wiederkehren: die Ablehnung der begrifflichen Herrschaft, die mit der Herrschaft des metaphysischen Subjekts verquickt ist; die Skepsis gegenüber der rationalistischen Behauptung, die Sprache sei ein transparentes System eindeutiger Zeichen; schließlich ein essayistisches Denken, das eine Symbiose von Literatur und Theorie anstrebt.
      Dieses Denken lehnt nicht - wie das der Rationalisten - das Chaos ab, sondern akzeptiert es als etwas, was zu seiner eigenen Substanz gehört. »Die eigentlich romantische, d. h. poetische Aufgabe«, schreiben Philippe Lacoue-Labarthe und Jean-Luc

Nancy, »besteht nicht in der Auflösung oder Aufhebung des Chaos, sondern darin, daß das Chaos konstruiert oder daß ein Werk aus Desorganisation geschaffen wird.« In dieser Hinsicht kann die »romantische Aufgabe« dem Programm der Dekonstruktion angenähert werden, das babylonische Chaos der Sprachen nicht zu beherrschen, sondern beredt zu machen.

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