Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Ohne Bodenhaftung - Literarische Texte im kommunikativen Raum



1. Genius loci Hermannstadt/Sibiu
Auch Kongresse unterliegen dem genius loci'. Besonders stark war er in Hermannstadt/Sibiu, auf dem

VI.

Kongress der Germanisten Rumäniens, zu spüren, denn er hatte es verstanden, sozusagen in einem Akt autonomer Selbstreferenz, die eigene Räumlichkeit zu einem der zentralen Themen zu erheben; in den Sektionen III, V und VI ging es um "Deutsche Regionalliteraturen in Rumänien", "Interkulturalität, Transkulturalität, Mehrsprachig-keit" und "Kultur. Regionalität, Raum". Damit sind zweifellos wichtige Stichworte für die Bestimmung kultureller, genauer gesagt: kommunikativer Räume gegeben; insbesondere wird vorausgesetzt, dass es eine Räumlichkeit, nämlich eine Regionalität der Literatur gäbe. Bevor ich mich jedoch dieser Frage stelle, der Frage nach der Verortung der Literatur, scheint es mir angebracht, die ganze Komplexität kommunikativer Räumlichkeit an einem prägnanten Beispiel zu skizzieren.
      2. Elias Canetti - oder ein Sprecher und sein kommunikativer Raum
Hervorragend geeignet ist Elias Canetti, der im berühmten ersten Band seiner Autobiographie, Die gerettete Zunge , das sprachliche Umfeld seiner Kindheit und Jugend in Rutstschuk sowie die Entstehung der eigenen Sprachkompetenz so exakt umreißt, dass sich sein kommunikativer Raum plastisch rekonstruieren lässt: Die Erstsozialisation erfolgt zunächst in einer minoritären, jedoch nach 400 Jahren bis zu einem gewissen Grad ortsspezifischen Erstsprache , die ansatzweise ausgebaut und bis zu einem gewissen Grad medial institutionalisiert ist; vom Großvater wird berichtet, er lese regelmäßig spaniolische Zeitungen. Hinzu kommt die Situierung dieser Lebensgemeinschaft in einer multilingualen und plurikulturellen Stadt . Dieser städtische Kommunikationsraum ist nun weiterhin Bestandteil des jungen bulgarischen Nationalstaates, dessen Nationalsprache jetzt zunehmend prägende Kraft gewinnt.
      Die Gruppe der Rustschuker Spaniolen ist darüber hinaus in großräumige Kommunikationsgemeinschaften eingebunden, nämlich einerseits in zwei historisch-politische Kulturräume, das Osmanische Reich, das es politisch schon nicht mehr gab, und das Habsburger Reich, das politisch schon so gut wie untergegangen war; in und über der Vielsprachigkeit dieser beiden vielsprachigen Großräume zeichneten sich jeweils kulturelle Leitsprachen ab: Deutsch hüben und Griechisch bzw. Türkisch drüben . Anderer Art ist die gleich durch zwei Sprachen vermittelte Zugehörigkeit zur sozusagen globalen Diaspora der jüdischen Religionsgemeinschaft: Denn neben die hebräische Sakralsprache tritt das im regionalen Kontext ebenfalls exklusiv jüdische Spanische, das wiederum in einem geographisch weitausgreifenden, überregionalen Netz sephardischer Tochterkolonien, z. B. in Manchester und Wien gebraucht wird . Nicht ganz zufällig, aber individuell ist die enge Einbindung in den deutschsprachigen Raum Altösterreichs durch die elterliche Prägung , die Ausbildung in Wien und die spätere Niederlassung zunächst in der Schweiz und dann in Österreich ; schließlich ist noch die Verbundenheit mit dem englischen Sprachraum zu nennen, die auf die episodische, vom früh verstorbenen Vater gewünschte Emigration nach England, und zwar ins Umfeld bereits bestehender sephardischer Gruppen, zurückgeht . Diese Sprachbiografie ist auf Grund ihrer erstaunlichen Mehrsprachigkeit zweifellos einzigartig; gleichzeitig darf man sie jedoch auch als exemplarisch bezeichnen, da sie paradigmatisch zeigt, wie sich der einzelne Sprecher seinen ureigenen Kommunikationsraum schafft, indem er auf der Grundlage seines Erstsprachenerwerbs und im Rahmen seines jeweils aktuellen sozialen und regionalen Umfelds spezifische, personell und situativ konditionierte Routinen ausbildet. Es wirken dabei, mit anderen Worten, überindividuelle, administrativ-räumliche Gegebenheiten, wie zum Beispiel der Staat, einerseits und idiosynkratisch-biographische Faktoren, wie z. B. die Mobilität, andererseits auf das Engste zusammen. In abstrakterer Formulierung lässt sich dieser gelebte Raum mit einer Trias aus Institution, Individuum und Handlung modellieren, wobei die drei Kategorien selbstverständlich in dynamischer Relation zu einander stehen, da sie der allfälligen Kontingenz der Geschichte ebenso unterworfen sind wie der Willkür des Einzelnen. Institutionen können sich verändern , Menschen sind mobil usw. Festzuhalten ist: Jeder bewegt sich unweigerlich in diesem triadischen Raum, der sich freilich abhängig von den jeweiligen konkreten Ausprägungen der Dimensionen und ihrer Hierarchisierung ganz unterschiedlich, als harmonisch, spannungsgeladen oder gar konfliktuell, als provinziell oder global gestalten kann. In diesem Sinn stellt Homi K. Bhabha fest, dass die "Bedingungen kultureller Bindung, gleichgültig, ob diese nun antagonistisch oder integrativ sind, [...] sich performativ [ergeben]'". Genauer gesagt, ergeben sie sich an einem Ort, der eben auf Grund der Performativität seine Einfachheit und Homogenität verloren hat. Bhabha hat dafür den Begriff des "dritten Raums" geprägt:
Die Einführung dieses Raums stellt unsere Auffassung von der historischen Identität von Kultur als einer homogenisierenden, vereinheitlichenden Kraft, die aus der originären Vergangenheit ihre Authentizität bezieht und in der nationalen Tradition des Volkes am Leben gehalten wurde, sehr zu Recht in Frage.
      Anstatt von einem spezifischen "dritten" würde ich im Blick auf die oben skizzierte Trias freilich lieber von einem grundsätzlich dreidimensionalen Raum sprechen, in dem sich die unterschiedlichen Konstituenten der Kultur in ihrer Verflechtung verorten lassen.
      Als Sprachwissenschaftler interessiert mich natürlich die triadische Rekonstruktion der sprachlichen Räumlichkeit; wir wollen uns daher auf die Institutionen konzentrieren, insofern sie durch Sprachen repräsentiert werden, die Individuen, insofern sie Sprecher sind, und die Handlungen, insofern sie sich im Sprechen manifestieren. Entscheidend ist in diesem Zusammenhang nun nicht, dass alle drei Dimensionen sich im Raum manifestieren - das ist trivial -, sondern dass die Räumlichkeit ihnen inhärent ist; es handelt sich um essentiell räumlich fundierte Kategorien.
      Jede Sprache hat ein Verbreitungsgebiet, ein Areal und jede Staatssprache darüber hinaus ein Territorium, d. h. ein Herrschaftsgebiet, in dem sie in bestimmten Funktionen verbindlich installiert, die Linguisten sagen: implementiert, ist. Diese Sprachen besetzen den öffentlichen Raum ihres Territoriums und bringen ihn unter eine semiotische Kontrolle, die je nach historischer Epoche sehr unterschiedlich streng ausgeprägt sein kann. Rigoros in dieser Hinsicht verhalten sich vor allem die prototypischen Nationalstaaten des 19. Jahrhunderts.
      Jeder Sprecher ist gezwungen, sich mit den sprachlichen Anforderungen seiner arealen und territorialen Umgebung auseinander zu setzen; diese Aufgabe gestaltet sich nach seinen sprachbiographischen Voraussetzungen, d. h. nach seiner regionalen und sozialen Herkunft, und fällt leicht, wenn seine Erstsprache der Umgebung entspricht; sie fällt aber mehr oder weniger schwer, wenn dies nicht der Fall ist.
      Vor allem ist jedoch das Sprechen in so elementarer Weise durch die räumliche Konstellation von Hörer und Sprecher bestimmt, dass in der Varietätenlinguistik der spontan-akuelle Gebrauch explizit als Sprache der Nähe ge-fasst und der Sprache der Distanz gegenübergestellt wird6. Diesen beiden Begriffen eignet im linguistischen Verständnis natürlich auch eine übertragene, metonymische Bedeutung, insofern sie neben der ganz konkreten physischen Positionierung der Gesprächspartner auch die relative emotionale Direktheit, die soziale Vertrautheit u. a. bezeichnen. Die räumliche Verständnisgrundlage von ,Nähe' und ,Distanz' lässt sich allerdings nicht vollkommen ausblenden, denn dieses Kontinuum ist auf das Engste mit einer medialen Dimension verknüpft, die zu einer trennscharfen Opposition führt. Die Nähesprache beruht auf der Unmittelbarkeit des mündlichen Sprachgebrauchs; sie wird notwendig in einem ganz konkreten Raum, von gleichzeitig anwesenden Kommunikationspartnern einer ganz konkreten Herkunft aktualisiert; Produktion und Rezeption erfolgen, mit anderen Worten, interaktiv, synchron und am selben Ort.
      Aus der Konstellation von Sprachraum, Sprecherraum und Raum des Sprechens lässt sich daher eine durchaus sinnvolle Typisierung individueller Räume entwickeln; wenn man etwa das Verhältnis von individueller Nähesprache und Sprache der arealen bzw. territorialen Umgebung zu Grund legt, ergeben sich die folgenden vier Typen:
Abb. 6: Vier Typen nähesprachlich fundierter Kommunikationsräume
Nähespr. gehört zur selben historischen Sprache wie die implementierte Staats- bzw. Territorialsprache; monoglot-ter Sprecher Nähespr. gehört zu einer anderen historischen Sprache als die implementierte Staats- bzw. Territorialsprache; di-, polyglotter Sprecher in dissoziierten Kommunikationsräumen
Nähesprache = traditionell a-realspezif. am Kommunikationsort Typ 1: , aktiver Dialektsprecher' Typ 2: .Angehöriger einer sprachlichen Minderheit'
Nähesprache * traditionell a-realspezif. am Kommunikationsort Migrant' ; Typ 3b: .nicht dialektophoner Sprecher ' Typ 4: .extraterritorialer Migrant'
Es sei wiederholt, dass kein Sprecher in seinem jeweils aktuellen Raum gefangen ist ; er konstruiert ihn -ganz im Gegenteil - in den Grundzügen selbst, nämlich durch die Auswahl seiner Kommunikationspartner, den Ausbau seines Repertoires, seine Mobilität etc. Ein Dialektsprecher kann sich in allen informellen oder wenig formellen Situationen mit seinem Dialekt bescheiden und seinen Radius be-wusst auf einem lokalen oder regionalen Kommunikationsraum beschränken. Im .niederen' Bereich der spontan vertrauten, mündlichen Nähesprache gibt es ja in Rechtsstaaten keinerlei institutionelle Festschreibungen. Weiterhin muss nachdrücklich festgehalten werden, dass die resultierende Räumlichkeit, in der sich der Sprecher bewegt - sei sie lokaler, regionaler, nationaler oder transnationaler Natur -, eine reine Funktion seines Repertoires, d. h. seines Sprachgebrauchs ist. Keineswegs hängt sie von den Inhalten und Gegenständen der Kommunikation ab.
      In formelleren und institutionalisierten Situationen greifen dann territoriale, meist nationale Vorschriften, in denen in der Regel auch im mündlichen Gebrauch nicht sehr viele Sprachen zugelassen sind; hier muss sich der Sprecher nach der Decke der Staatssprache strecken - nicht selten ist ein Staatsapparat streng einsprachig. Davon kann in Rumänien zum Glück nicht die Rede sein; neben der auf dem gesamten Staatsgebiet voll implementierten Nationalsprache ist die regionale Geltung des Ungarischen sowie nurmehr ganz resthaft die Implementierung des Deutschen als Unterrichtssprache anzuerkennen. Immerhin garantiert die rumänische Verfassung grundsätzlich den Unterricht in der Muttersprache :
Invätämintul de toate gradele se desfäsoarä in limba romänä. In conditiile legii, invätämintul se poate desßsura si intr-o limbä de circulatie intemationalä.
      Dreptul persoanelor apartinind minoritätilor nationale de a inväta limba lor maternä si dreptul de a putea fi instruite in acestä limbä sint garantate; modalitätile de exercitare a acestor drepturi se stabilesc prin lege.
      Diese Regelung betrifft eine stattliche Zahl anderer Sprachen: das Ungarische, Deutsche, Serbische, Ukrainische, Roma und Türkische.
      3. Literatur im kommunikativen Raum
Ein radikal verschiedenes Verhältnis zur Räumlichkeit gewinnt der Sprecher allerdings, wenn er seine kommunikative Distanz über die Reichweite seiner Stimme hinaus erweitert; dergleichen wird erst mit dem mittelbaren Einsatz sekundärer Medien wie etwa des Telefons möglich. Vor allem ist freilich die Schrift zu nennen, die es dem zum Schreiber gewordenen Sprachbenutzer ermöglicht, diskursive Inhalte ganz aus der Aktualität des kommunikativen Raums, ja aus der Kommunikation mit Anderen überhaupt herauszulösen und sie sozusagen aufzuheben. Dadurch erlangt der Text völlige Autonomie; er verselbständigt sich vom Schreiber, und der Rezeptionsort wird grundsätzlich unabhängig vom Produktionsort. Ein Schriftstück, wie man auf Deutsch bezeichnend sagt, entsteht zwar notwendig irgendwo - einmal entstanden ist es jedoch grundsätzlich überall rezipierbar. Mit den sumerischen Keilschriften kann man sich in Paris, Berlin oder Bukarest ebenso befassen wie in Mesopotamien. Daraus folgt: die Qualifikation der geschriebenen Sprache als Dwtarczsprache ist im Unterschied zur Nähe der gesprochenen Sprache nur mehr metaphorisch im Raum fundiert: Während gesprochene Sprache bei physischer Distanz ausgeschlossen ist, da sie auf konkrete Räumlichkeit angewiesen bleibt, kann geschriebene Sprache auch unter den Bedingungen physischer Nähe gebraucht werden .
      Wie steht es also um die Räumlichkeit distanzsprachlicher Produkte, d. h. um die Räumlichkeit von Texten? Leicht fällt die Antwort in Bezug auf Textsorten, die an die sprachlichen Konventionen staatlicher Einrichtungen gebunden sind und insofern über die institutionalisierte Territorialität der Sprache nationale Geltung beanspruchen Aber in diesem diskursiven Feld sind die Verfasser als mehr oder weniger anonyme Agenten der jeweiligen Institution, die im Übrigen auch die Funktionalität gewährleistet, der Notwendigkeit enthoben, den eigenen kommunikativen Raum zu konstruieren und zu pflegen. Hart trifft die Emanzipation der Mitteilung von der räumlichen Kopräsenz der Kommunikanten den individuellen, schöpferischen Schreiber, d. h. den Autor, er verliert nämlich gleichzeitig jede Kontrolle ü-ber das Zustandekommen einer wirklichen, den Empfänger interaktiv einbindenden Kommunikation: Nicht die Produktion, sondern erst die Distribution schafft die Bedingungen für eine Kommunikation, die freilich auch dadurch niemals notwendig erfolgt. Literarische Werke entfalten ihre Wirkung, wenn überhaupt, nicht selten mit großer Verzögerung und in Kontexten, die von denen ihrer Entstehung historisch und geographisch weit entfernt sein können. Exemplarisch ist der bekannte Fall des 1925 in Moskau entstandenen Romans Hundeherz von Michail Asfanasjevic Bulgakov , der 1968 postum in einer russischen Exilzeitschrift in Frankfurt am Main veröffentlicht wurde und seine Rezeptionsgeschichte in Russland erst weitere 20 Jahre später entfaltete.
      Während der Sprecher, wie skizziert, seinen kommunikativen Sprachraum selbst konstruiert, muss der Schreiber sich damit abfinden, dass der kommunikative Raum seiner Werke durch ihre Rezeption, durch Leser und Literaturkritiker bzw. -Wissenschaftler also, konstruiert wird und so seiner Gestaltung weitestgehend entzogen ist7. Gewiß nimmt der Verlagsort Ein-fluss, und der politisch motivierte Versuch, die Kreativität des Autors systematisch zu beschränken oder nur zu lenken, prägt die Entstehungsbedingungen. Das Imprimatur der Zensurkommissare, die Verweigerung der Papierzuteilung usw. haben jedoch niemals den Gang der Literaturgeschichte zum politisch opportunen Ziel geführt. Das, was unter solchen Bedingungen entsteht, vor allem das, was nur unter den Bedingungen einen solchen deformierten öffentlichen Kommunikationsraums entstehen kann, sollte man daher als "Staatsliteratur" bezeichnen; ein charakteristisches Beispiel ist die so genannte DDR-Literatur.
      Aber ist es sinnvoll, ein literarisches Werk wie Die gerettete Zunge mit räumlichen Kategorien zu fassen? Zweifellos darf man von deutscher Literatur, d. h. von Literatur in deutscher Sprache reden. Aber schon die Qualifikation als Ato/ona/literatur ist völlig unangemessen8, und es ist müssig, den farbigen Fächer analoger Beispiele hier auszubreiten - es genügt der exemplarische Hinweis auf Milan Kundera, Paul Celan, Emil Cioran, Italo Svevo, Joseph Conrad, Jean-Jacques Rousseau. Immerhin wird man zugestehen, dass Autoren durch Kanonisierung nationalisiert werden können, wobei die originäre Abfassung in der jeweiligen Nationalsprache die notwendige Bedingung für die nationale Reklamation zu sein scheint. In jedem Fall ist die gewählte Sprache wichtiger als die Provenienz der Autoren bzw. der Entstehungsort ihrer Werke; aber selbst wenn etwa Adalbert Stifter und Franz Kafka in diesem Sinn zu österreichischen Autoren gemacht werden können, so hören sie doch damit nicht auf, Monumente der deutschen, d. h. deutschsprachigen Literatur, zu bleiben. Die Nationalität der Literatur, d. h. die Zugehörigkeit zu nationalen Sprachterritorien, ist eindeutig und ausschließlich ein Ergebnis der Rezeption, die natürlich gerade durch die ideologische Intention konditioniert sein kann, eine kultur-räumliche, gleichsam kultur-territoriale Rechtfertigung für die Existenz einer politisch-staatlichen Nation zu liefern. Es versteht sich andererseits von selbst, dass die national-literarische Kanonisierung nichts über den tatsächlichen Rezeptions- und Wirkraum eines Textes sagt, der ja schon ohne Übersetzung weit über die Nation hinausreichen kann und bei Berücksichtigung der Übersetzungen völlig unübersichtlich und unvorhersehbar wird.
      Selbst in den staatssprachlichen Räumen, die auf Grund territorialer, d. h. institutioneller Vorgaben, scharf begrenzt sind, lassen sich literarische Texte offensichtlich nicht zuverlässig verorten; diese Feststellung ist in mancher Hinsicht trivial, vor allem ist sie jedoch sehr ernüchternd im Blick auf die Bestimmung der Regionalität der so genannten Regionalliteratur wie etwa der rumäniendeutschen. Die bereits skizzierten allgemeinen Rahmenbedingungen gelten ja weiterhin. Es kommen freilich andere hinzu, so vor allem Herkunft und Wohnort des Autors, die im Unterschied zu der ausschließlich über die Sprache z. B. als "deutsch" klassifizierten Literatur zu notwendigen Kriterien avancieren, ohne dabei allerdings hinreichend zu werden: Die in Deutschland entstandenen Arbeiten von Dieter Schlesak, Herta Müller, Richard Wagner u. a. würde man kaum als "rumäniendeutsch" bezeichnen und sicherlich nicht als Regionalliteratur klassifizieren, ebenso wenig übrigens wie die in Bukarest oder vorher noch in Czerno-witz geschriebenen Texte von Paul Celan bzw. das Werk von Oscar Walter Cisek; es ist so, als hätten die drei Erstgenannten mit dem Wechsel nach Deutschland auch die Regionalliteratur verlassen. Die beiden anderen werden wohl von vornherein nicht dazu gezählt: Celans in Rumänien entstandenen Werke sind erst wirklich bekannt geworden, nachdem er bereits als bedeutender Autor anerkannt war; Cisek dagegen passt als Bukarester in keines der drei "regionalen" deutschsprachigen literarischen Milieus .
      Mit der großen Wertschätzung der Bodenständigkeit ist auch eine grundsätzliche Offenheit für die zugehörigen lokalen und regionalen Sprachvarietäten verbunden. Allerdings ist auch der Dialektgebrauch weder ein hinreichendes noch gar ein notwendiges Kriterium; z. B. den in banatschwäbischer Mundart geschriebenen Roman De Kaule-Baschtl von Ludwig Schwarz wird man zweifellos zur Regionalliteratur rechnen dürfen; die ba-natschwäbisehen Gedichte von Rolf Bossert im Bändchen Siebensachen dagegen sicherlich nicht. Im Allgemeinen sind die rumäniendeutschen Autoren in regional sprachlicher Hinsicht ja besonders unauffällig, d. h. standardnah. Auch die Behandlung der eigenen lokalen und regionalen Lebenswelt bzw. Geschichte macht einen Text nicht automatisch zur Regionalliteratur, wie eine Rezeptionsgeschichte von Herta Müllers Niederungen zeigen würde".
      Zahlreiche und berühmte Parallelen aus anderen Literaturen weisen in dieselbe Richtung; es würde niemandem einfallen, die Werke von Luigi Piran-dello oder Leonardo Sciascia, die sich auf das Engste mit Sizilien auseinandersetzen, einer Regionalliteratur zuzuschlagen. Gerade sizilianische Autoren, wie der momentan außerordentlich erfolgreiche Andrea Camilleri zeigen, dass auch eine regionale Färbung der Sprache, die im Fall von Camilleri oft sehr dialektnah und in Einzelheiten durchaus nicht für alle Italiener verständlich ist, für die Klassifikation als regional nicht verantwortlich sein kann.
      Es dürfte klar geworden sein, dass sich der Ausdruck , Regionallliteratur' ü-ber spezifische Eigenschaften von Autor und Werk nicht griffig operationali-sieren lässt; er umfasst vielmehr all das, was ausschließlich in der Entstehungsregion wahrgenommen wird, völlig unabhängig davon, ob es sich bei den Regionen um Sprachinseln, kulturell eigenständige Provinzen oder um Ränder eines zusammenhängenden Sprachgebiets handelt. Literarische Regionalität entsteht, mit anderen Worten, ausschließlich durch marginale Rezeption, wozu, insbesondere in Bezug auf ältere Texte natürlich die unzureichende theoretische und literarhistorische Aufarbeitung zu rechnen ist12. Streng genommen werden literarische Texte also durch spezifisch regionale Formen des Literaturbetriebs ,regionalisiert'; unter diesen kleinräu-migen, tendenziell auf die überlieferte eigene Lebenswelt fixierten Rezeptionsbedingungen ist die letztlich ideologische Fundierung in der Bodenständigkeit des Autors schwer vermeidbar. Die regionale Leser- und Kritikerschaft will den Autor mit "einer von uns" ansprechen und eben als solchen -diesen affirmativen Zug darf man nicht übersehen - akzeptieren. Dadurch steht der Begriff der , Regionalliteratur' stets in der Gefahr, als weniger emo-tionsbeladenes Synonym von , Heimatliteratur' verstanden zu werden, und man sollte sich gut überlegen, welchen Text man mit diesem Siegel der Harmlosigkeit abstempeln will. Dieses skeptische Fazit zielt keineswegs darauf, den Wert regional ausgerichteter Literaturgeschichte schlichtweg in Frage zu stellen; es ist vielmehr als Plädoyer gemeint, weniger die vermeintliche Regionalität der Texte als vielmehr die ganz konkrete Regionalität des jeweiligen Literaturbetriebs in ihrer historischen Spezifik und Dynamik zu fokussieren. In der prekären Situation zunehmender sprachlicher Minorisie-rung, die sich im rumänischen Nationalstaat seit dem Ersten Weltkrieg beispielhaft nachzeichnen lässt, ist gerade in der Kontinuität der literarischen Öffentlichkeit die entscheidende Voraussetzung für die quantitativ überraschende und qualitativ beeindruckend vielfältige Palette deutschsprachiger Autoren zu sehen. Diese Öffentlichkeit speiste sich seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur aus den drei regionalen Quellen sehr unterschiedlicher historischer Tiefe , sondern auch aus deren erzwungenem, aber nicht unfruchtbaren institutionellen Zusammenfluss im nationalkommunistischen rumänischen Einheitsstaat - paradoxerweise fehlen seit der Revolution von 1989 und dem nachfolgenden fatalen Exodus "dafür [...] alle Voraussetzungen"16. Freilich darf man für die künftigen, zweifellos viel weniger zahlreichen deutschsprachigen Talente aus Rumänien hoffen, dass der Verlust dieser Starthilfe in der Produktionsregion ein Stück weit durch den nunmehr medientechnisch ebenso selbstverständlichen wie politisch unbeeinträchtigten Zugang zu einem bedeutend erweiterten und virtuell sogar unbegrenzten Rezeptionsraum kompensiert wird.

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