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Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Karin Gündischs Auswanderergeschichte Das Paradies liegt in

Amerika

Karin Gündischs Auswanderergeschichte Das Paradies liegt in Amerika, die erstmalig im Jahre 2000 im Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim und Basel, erschien und kurz danach in erweiterter Fassung auch ins Amerikanische ü-bersetzt wurde, erfreut sich großer Beliebtheit sowohl bei deutsch- als auch bei englischsprachigen Lesern. Das Buch, dessen deutsche Version in dritter, seine amerikanische bereits in vierter Auflage vorliegt, ist als 'bestes ausländisches Kinder- und Jugendbuch des Jahres 2001 in den USA" mit dem 'Mildred L. Batchelder Award"-Preis ausgezeichnet worden. Es kam auf die 'amerikanische Bestsellerliste" für Kinderbücher und bekam eine weitere wichtige Auszeichnung .' Ergänzt wird die Erfolgs- und Wirkungsgeschichte dieser Veröffentlichung, die in der deutschen Fassung etwa hundert Seiten, in der amerikanischen auf den ausdrücklichen Wunsch des Verlegers rund 30 Seiten mehr umfasst, durch zahlreiche, vorwiegend positive Rezensionen in Deutschland und den USA.
      Die Autorin Karin Gündisch stammt aus der siebenbürgischen Ortschaft Hel-tau/Cisnädie in Rumänien; sie studierte vier Semester an der Fakultät für Fremdsprachen, Abteilung Deutsch-Rumänisch, der Klausenburger Babes-Bolyai Universität und wechselte nach ihrer Heirat nach Bukarest über, wo sie an der Fremdsprachenfakultät ihr Studium abschloss. Danach war Karin Gündisch schriftstellerisch tätig, sie schrieb Kindergeschichten, arbeitete als Fremdsprachenlehrerin, verfasste Schulbücher und veröffentlichte ihre Beiträge in der rumäniendeutschen Presse und trat im deutschsprachigen Fernsehen Rumäniens auf. 1984 erhielt sie den 'rumänischen Kinderbuchpreis" für das Buch Lügengeschichten. Im selben Jahr wanderte sie in die Bundesrepublik Deutschland aus, wo sie als freischaffende Autorin lebt. Ihre Bücher sind mit mehreren Literaturpreisen bedacht worden. So wurde ihr u. a.
      1984 der 'Peter-Härtling-Preis für Kinderliteratur" für die Geschichten über Astrid verliehen, 1991 der 'Kinderbuchpreis der Ausländerbeauftragten des Berliner Senats" für die Erzählungen Im Land der Schokolade und Bananen.
      Das Paradies liegt in Amerika thematisiert die Auswanderung am Fallbeispiel einer Familie von Siebenbürger Sachsen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts ihre Heimat verlassen und einen Neubeginn jenseits des Ozeans wagen; es berichtet über die Schwierigkeiten des Neuanfangs und die beginnende Integration in die amerikanische Gesellschaft.
      'Wer auswandert, muss nach vorn sehen", sagt an einer Stelle des Buches der Vater des elfjährigen Johann . Doch der Blick des Berichterstatters ist sowohl nach vorn als auch nach hinten gerichtet, er lässt den Protagonisten Johann Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufmerksam beobachten, erwägen und vergleichen. Johann entschließt sich, seine Geschichte aufzuschreiben, um nicht zu vergessen, wie er, der Siebenbürger Sachse, zum Amerikaner wurde, als seine Familie am 12. Mai 1902 aus dem österreichisch-ungarischen Heimburg in Siebenbürgen nach Youngstown in Amerika auswanderte. Was auf diese Weise entsteht, ist eine gut dosierte Mischung von historischer und fiktiver Realität, eine lebendig und glaubwürdig erzählte Beschreibung eines Lebensausschnittes. Er erstreckt sich vom Tod der kleinen Schwester Eliss bis zur Geburt des noch kleineren Bruders George.
      Erzählt wird aus der Perspektive Johanns, der zwar kein Kind mehr ist, aber auch nicht den Erwachsenen zugerechnet werden kann. Es ist eine Ich-Erzählung, die Johann retrospektiv zu erzählen beginnt, und alles, was ihm aufzeichnenswert erscheint, niederschreibt. Als allwissender Erzähler kann er einiges aus der Distanz heraus beurteilen, anders nur andeuten oder vorweg nehmen.
      Die Auswanderung der Sachsen aus Siebenbürgen nach Ãobersee hat eine lange Tradition. Einige Jahrzehnte vor 1900 hatten prekäre wirtschaftliche Verhältnisse verarmte deutsche Bauern aus Siebenbürgen gezwungen, ihre Heimat zu verlassen und in Nordamerika ihr Glück zu suchen. Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges stieg die Zahl der Auswanderungswilligen erneut an. Die Statistiken, darunter die Angaben des Historikers Friedrich Teutsch, sprechen von rund 30 000 Personen Anfang der 1920er Jahre, von 40 000 Mitte der 1930er Jahre, die ausgewandert sein sollen. Karin Gündisch zitiert in ihrem Buch ein Auswandererlied , Die Armut trieb sie aus dem Vaterland, und nennt somit den eigentlichen Grund der Auswanderung der Familie Bonfert, aber auch vieler anderer siebenbürgisch-sächsischer Familien. Diese hofften auf ein besseres Leben in Amerika, wo sich die Industrie stark entwickelte und Arbeitskräfte suchte. Dampfschifffahrt und Eisenbahn ermöglichten die Massenauswanderung.
      Karin Gündisch erwähnt in ihrem Der lange Weg nach Amerika betitelten Nachwort, dass vor hundert Jahren über fünf Millionen Auswanderer aus Ost- und Südosteuropa das heutige Deutschland durchquerten, um sich in Häfen wie Bremerhaven oder Hamburg, für die Fahrt nach Nordamerika einzuschiffen. Sie erwähnt auch, dass es eine große Auswanderungswelle nach Amerika nach 1848 und sogar früher gegeben hat. Dabei betont sie, dass nicht nur Deutsche aus Siebenbürgen ausgewandert sind, sondern Angehörige aller Völker, die damals dort lebten. Nachdem die Auswanderungswelle im angelsächsische Raum, in Skandinavien und Westeuropa vorbei war, orientierten sich die Schifffahrtgesellschaften nach Osteuropa, und es waren Agenten, die nach Ã-sterreich-Ungarn, nach Russland, nach Serbien und Rumänien gingen und den Auswanderungswilligen den Weg zu den deutschen Ãoberseehäfen erleichterten.
      Das Buch von Karin Gündisch fußt auf Auswandererbriefen von 1902 und 1986, besonders aus dem Umkreis der siebenbürgischen Familie Sill, deren Nachkommen in Amerika, Kanada und Deutschland leben. Aus den Texten des Pfarrers und Schriftstellers Oskar Wittstock d. Ã". , der 1908 eine Amerikareise unternahm und darüber auch berichtete, erfuhr sie Einzelheiten über die Lebensbedingungen deutscher Ausgewanderter aus Siebenbürgen. In den USA hatten die ausgewanderten Siebenbürger Sachsen schon vor 1900 siebenbürgische Zusammenschlüsse ins Leben gerufen, die sich allmählich zu Verbänden entwickelten. Nach Hans BergeP war es vor allem der bis heute existierende große Zentralverband der Siebenbürger Sachsen, die 'Alliance of Transylvanian Saxons", eine Versicherungsgesellschaft, die zunächst ausschließlich das finanzielle Interesse der Siebenbürger in den USA wahrnahm, sich aber nach und nach auch ein ethno-kulturelles Selbstverständnis erarbeitete.
      Die gattungstypischen Möglichkeiten des Briefes werden von der Autorin in einer einfachen und oft ironischen Manier zur Fiktionalisierung bzw. zur Realisierung vieler kritischer, künstlerischer und polemischer Absichten genutzt. Durch das abwechslungsreiche Nebeneinander verschiedener Anliegen, die Johanns zwangslose und gesprächsnahe Gedankenführung am besten in Briefform zum Ausdruck bringen kann, erhält die Erzählung von Karin Gündisch einen besonderen Reiz, sie wirkt persönlich-intim, teils naiv, teils informativ, wie es auch der folgende Ausschnitt beweist:

Briefe schreiben ist für meinen Vater eine schwere Arbeit. Er kann mauern, am Hochofen arbeiten, ein Schwein schlachten, wenn es sein muss, er kann Mamas Handwagen reparieren und sogar unsere Schuhe flicken. Briefe schreiben kann er aber eigentlich nicht. Und Mama hat keine Zeit dafür. Jedesmal, wenn ein Brief aus Europa kommt, freuen sich meine Eltern darüber. Wenn sie ihn aber gelesen haben, stöhnen sie: Jetzt müssen wir auf den Brief antworten.' Das schieben sie dann von einer Woche auf die andere und zum Schluss schreibe ich den Brief. Eigentlich diktiert ihn die ganze Familie und ich schreibe ihn nur. Weil das aber so langsam geht, schreibe ich in den Brief einiges von mir dazu, das mir dann gerade einfällt. Irgendwann ist das Papier voll beschrieben und dann ist der Brief fertig.
      Karin Gündisch wurde bei Lesungen oft nach den biographischen Hintergründen dieser wie ihrer anderen Aussiedlergeschichten gefragt. Sie gab zur Antwort, dass das eine oder andere Buch mit ihrer Biographie zusammenhänge, aber sie erzähle nicht ihre eigene 'Lebensgeschichte", auch wenn diese eine große Rolle für das Buch spiele. Wie bei jedem Schriftsteller seien über das Biographische hinaus auch andere Umstände und Situationen von Bedeutung, sie habe sich umgehört, habe Material gesammelt, es geprüft, Ãoberflüssiges ausgelassen, Wichtiges hinzugefügt, eigene Worte für das Ganze gesucht. Es sei ein 'Schreiben [...] an der eigenen Biographie entlang, aber kein autobiographisches Schreiben" gewesen, führt Karin Gündisch in einem Interview aus." Es sei wohl ein Zufall gewesen - erläutert die Autorin -, dass ihr ein Brief aus dem Jahr 1902 in die Hände fiel, den eine Frau, Mutter von fünf Kindern, aus Youngstown im Staat Ohio an ihre in Siebenbürgen verbliebene Familie schrieb. Doch es sei beileibe kein Zufall, dass gerade sie, von diesem Brief ausgehend, ein Buch über jene Auswanderer geschrieben habe, denn es habe sich ihr dadurch auch die Möglichkeit eröffnet, ihre freilich fast ein Jahrhundert später erfolgte eigene Auswanderungsgeschichte aufzuarbeiten. So entstand die künstlerische Fiktion unmittelbar aus der eigenen Realität, die Schriftstellerin konnte sich problemlos in die Lage der Auswanderer versetzen, diese auf weiten Strecken verständnisvoll 'begleiten", nicht zuletzt weil sie als Ausgewanderte ähnliche Erfahrungen gemacht hat.
      So verbinden sich im autobiographischen Bericht Johanns Elemente des eigenen Lebenslaufes der Schriftstellerin mit der Darstellung eines Kapitels aus der Auswanderungsgeschichte der Siebenbürger Sachsen zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
      Man kann die Auswanderungsgeschichte von Karin Gündisch auch deshalb nicht als ausgesprochen autobiographischen Text betrachten, da es darin nicht allein um die chronologische Abfolge der berichteten Lebensereignisse geht, auch nicht um die 'Doppelung" oder 'Aufspaltung" des Ichs in ein erzählendes und ein erzähltes Ich, wie das in den meisten autobiographischen Texten der Fall ist. Der literarisch begabte Autobiograph Johann lässt in seine Prosa mit dem Bericht über seinen Lebensgang und den Werdegang seiner Familie auch fiktiv-erzählerische und symbolisch-überhöhende Elemente einfließen. Erst aus diesem Konglomerat entsteht die Erzählung, wie aus den Worten von Johanns Vater ersichtlich wird:
Mariechen, ich will auswandern und mein Glück in Youngstown versuchen. Dort brauchen sie Arbeiter. Hier geht es mit der Wollweberei bergab. Im Inland können wir nur einen Teil unserer Ware absetzen. Die Zollgesetze sind so, dass wir durch den Verkauf ins Ausland nichts verdienen können. Daran wird sich auch in Zukunft nicht viel ändern. Die Landwirtschaft bringt zu wenig Gewinn. Das ist die Lage. Ich will nicht warten, bis wir nichts mehr zu beißen haben. Ich sehe einen einzigen möglichen Ausweg: die Auswanderung.
Durch das Niederschreiben der Ereignisse macht Johann aus der Realität Fiktion:
Um mir die Zeit zu vertreiben, ging ich in Gedanken spazieren, und in meinem erfundenen Amerika traf ich eine reiche Baronin, die nicht wusste, wem sie ihr Schloss vererben sollte, weil sie keine Kinder hatte. Als ich das Schloss besichtigen wollte, fiel mir ein, dass ich noch nie in einem Schloss gewesen war und es mir nicht vorstellen konnte.
Am eindruckvollsten sind die Passagen, in denen Johann mit offenen Augen träumt oder seine reellen Träume beschreibt: 'Ich dachte viel an Amerika. Wenn ich unter dem Nussbaum saß, konnte ich am besten träumen." Oder:
In einer Nacht träumte ich von dieser wunderbaren Stadt mit großen Häusern und breiten gepflasterten Straßen, auf denen Straßenbahnen und Automobile spazieren fuhren.
Oder: 'Bald schlief ich ein, denn ich war es nicht gewöhnt, so früh aufzustehen. Und ich hatte einen schönen Traum."
Mit den Worten, 'Schreib auf, wie du Amerikaner geworden bist" , forderte die Lehrerin, Miss Miller, Johann, der eigentlich Johann Bonfert hieß und nach siebenbürgisch-sächsischer Gepflogenheiten Hanzi genannt wurde, zum Schreiben auf. Auch die Mutter hält ihn des Ã-fteren an, er solle etwas tun, damit die Erinnerung an das Vergangene nicht dem Vergessen anheim falle. So beginnt die Geschichte über die lange Reise und die ersten Jahre danach.
      Nicht selten spricht Johann von Aufzeichnungen in einem Tagebuch, das ihm als Erinnerungsstütze zur Erkundung der eigenen Identität dient. Dieses Tagebuch setzt sich aus regelmäßig notierten, nicht immer datierten Eintragungen zusammen, wobei der Verfasser monologisch-subjektiv das eigene Leben und Erleben, seine Meinungen und Gedanken, seine Gefühle und Träume, seine Pläne und Taten festhält. Er tut all dies hauptsächlich für sich selbst, meint aber am Schluss des Buches, seine Aufzeichnungen könnten möglicherweise auch sonst auf Interesse stoßen: 'Vielleicht werde ich Rosie eines Tages daraus vorlesen, wie wir ausgewandert sind. Vielleicht will sie es wissen."
Neben dem Auftrag der Mutter, die Familiengeschichte niederzuschreiben, führt Johann auch Tagebuch, weil ihn sein eigenes Innenleben interessiert. Sein Bericht bedeutet zugleich Selbstbeobachtung und -prüfung und dient Johann nicht nur als Erinnerungsstütze, sondern auch als Mittel der Selbstanalyse, der Selbstkritik, Selbstbesinnung und Selbstvergewisserung. Die Autorin wählt die Form des Tagebuchs bewusst als Einlage im Gesamttext des Erzählwerkes, ohne hierauf die Gesamtstruktur und -aussage der Erzählung auszurichten. Ute Rill schrieb in ihrer Rezension zu Recht, Karin Gündisch habe in dem Neu-Amerikaner Johnny alias Hanzi einen Ich-Erzähler geschaffen, der seine Geschichte zielstrebig und schnörkellos erzähle, in erster Linie Fakten festhalte und nur selten das subjektive Erleben in den Vordergrund stelle.
      Die Erzählung ist faktisch zunächst in der Lebenswelt Siebenbürgens verankert. Dazu gehört schon der Name Bonfert, der in Siebenbürgen sehr verbreitet war, ebenso die Tatsache, dass in Siebenbürgen die Familien der Sachsen kinderreich waren. Authentisch ist auch die Erwähnung der Arbeit in den Wollwebereien Heitaus und in der Landwirtschaft sowie in dem Sägewerk von Slatina, nicht zuletzt der Hinweis auf die Bräuche der Siebenbürger Sachsen:
Mama ließ einen Teil des frischen Specks aus, so dass wir genügend Grammeln und Fett hatten. Es roch ganz siebenbürgisch in unserem Haus in der Dennick Avenue und wir waren richtig glücklich. Am Weihnachtsabend leisteten wir uns ein Festessen, wie wir es von früher kannten: gebratene Wurst mit Sauerkraut und Palukes und als Nachtisch Backpflaumen.
Zur künstlerischen Ausstattung des siebenbürgischen Lebensumfeldes gehören die von der Autorin vielfach verwendeten Sprachgewohnheiten der Siebenbürger Sachsen, in deren Ausdrucksmöglichkeiten sich viele österreichischen, rumänische und ungarische Einflüsse bemerkbar machen. So fällt der fürs Siebenbürgisch-Sächsische typische Gebrauch von 'Tata" für Vater auf:
Tata schrieb zwar regelmäßig, aber es dauerte oft mehrere Wochen, bis die Briefe die Reise über den Ozean gemacht hatten. Manchmal kam lange kein Brief, weil Tata zu müde zum Schreiben war.
Auch weitere siebenbürgisch-österreichisch-deutsche Ausdrücke wie 'Kletti-ten" für Pfannkuchen, 'Kukuruz" für Mais, 'peddern" für zupfen, 'Palukes" für Maisbrei, 'Strämpel" für Schenkel, 'Tschiripik" für einen siebenbürgi-schen Eulenspiegel, 'Bischofsbrot" für eine Art Stollen, u. a. m. gehören zu den stilistischen Eigenheiten der Schreibweise von Karin Gündisch. Doch auch die neue Welt, Johanns amerikanisches Domizil, ist in zahlreichen Fakten und Begebenheiten präsent:
Hier in Amerika muss man nämlich gut Englisch sprechen, wenn man es zu etwas bringen will. Die Ungarn, die Slowaken und die Rumänen halten ihren Gottesdienst am Sonntag nur in der Muttersprache, aber in der evangelischen Kirche der deutschen Einwanderer gibt es den Gottesdienst in zwei Sprachen, denn die jungen Leute können in kurzer Zeit oft besser Englisch als Deutsch. Die Deutschen geben ihre Muttersprache am schnellsten auf. Sie sind eben meistens schon lange in Amerika und die Kinder sind hier geboren.
Immer wieder wird auf die Gegenüberstellung Amerika - Europa angespielt. In Europa leben die Völker in nachbarlicher Beziehung zueinander, anders ist diese Beziehung in Amerika. Für Europa ist Amerika das Gegenüber, die 'Neue Welt", ein Spätkind der Geschichte, eine historische Ãoberraschung. Karin Gündisch liefert vor allem in dem Kapitel Endlich im Land des Wohlstands ein realistisch-pragmatisches, ironisch-kritisches Amerikabild:
In Amerika geht das Kochen sehr leicht und schnell und ohne Holz, denn die Menschen haben Gasöfen. Das Wasser kommt in die Küche und fließt auch wieder hinaus, so dass wir es nicht mehr vom Brunnen holen müssen. Mama möchte, dass ich das aufschreibe, und auch, dass hier niemand häkelt. Man weiß hier gar nicht, was das ist. [...]

Doch auch die Schattenseiten bleiben nicht unerwähnt:
Unserem Nachbarn Schuster gefällt es in Amerika nicht. Er hat zu mir gesagt, ich soll aufschreiben, dass dieses Land eigentlich Mordamerika heißen müsste, denn es gibt hier keinen Tag ohne Verletzte oder Tote. Man ist sich in den Stahlwerken keine Minute seines Lebens sicher. Man muss immer nur arbeiten und vor allem muss man gesund sein, damit man arbeiten kann. Amerika ist für manche ein Goldland, aber eben nicht für alle. Von tausend Einwanderern verwünschen neunhundertneunundneunzig Kolumbus für seine Entdeckung. Ich soll diese mordamerikanische Beschreibung an die .Landwirtschaftlichen Blätter' in Heimburg schicken als Warnung für alle, die auswandern wollen.
Auch in der Fortsetzung, die Karin Gündisch nach Erscheinen der deutschen Fassung schrieb und die bisher nur in englischer Ãobersetzung veröffentlicht wurde10, spielt die Gegenüberstellung Amerika-Europa in Sachen Erziehung, Bildung, Lebensweisen, Gewohnheiten eine zentrale Rolle:
In Amerika ist es anders. Hier haben Jugendliche viel mehr Freiheit. Sie gehen ohne die Eltern zum Tanz, tanzen andere Tänze und trinken Branntwein. Das können neu eingewanderte Eltern nicht verstehen.
      Nachdem in den gesamten Text immer wieder religiöse Aussagen und Anspielungen eingestreut wurden - 'Aber wisst ihr, dass man zuerst sterben muss, um ins Paradies zu kommen?" ; oder: 'Der Weg ins Paradies [...] geht durch den Tod, und wir wissen nicht einmal, ob wir hier in Amerika nicht in die Hölle statt ins Paradies kommen" -, endet auch der Schluss der Erzählung, der auf ihren Titel Bezug nimmt und noch einmal das gesamte Erzählgeschehen pointiert zusammenfasst, in bewusster Offenheit: 'Ich weiß nicht, wo das Paradies liegt", sagte Mama. 'Vielleicht reicht es, wenn man darauf hofft."
Beschließen möchte ich meine Ausführungen mit einem Brief, den Karin Gündisch an mich richtete:
Ich bin keine Literaturwissenschaftlerin. Vieles entsteht bei mir intuitiv, aus dem Augenblick heraus. Im Grunde genommen treffen drei Fakten in diesem Buch aufeinander: die Auswanderung von Siebenbürgern nach Amerika; die anrührende Auswanderungsgeschichte der Familie ,Bonfert' , wie ich sie aus den zwei Auswandererbriefen von 1902 und 1986 erfahren habe und als drittes meine eigene Auswanderung, die mich für das Thema besonders empfänglich macht. Hinzu kommt, dass ich eine gute Geschichte erzählen wollte.
     

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