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Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Kulturraum-Manipulation und Minderheiten-Bewusstsein unter Ceausescus ,Neusprech'



Das Plenum des Rates der rumänischen Werktätigen deutscher Nationalität sandte am 28. Oktober 1989 an den Genossen Nicolae Ceausescu, Generalsekretär der Rumänischen Kommunistischen Partei und Präsident der Sozialistischen Republik Rumänien, ein Telegramm, von dem hier probehalber nur der Anfang zitiert werden soll, weil es, wie die Huldigungsadressen an den 'Conducätor" stets und generell, von endloser Länge war:
In der Atmosphäre starken politischen Engagements, der entschiedenen patriotischen Verpflichtung, hervorgerufen durch die umfassende Erörterung der programmatischen Dokumente für den X

I

V.

Parteitag, deren Richtlinien dem Fortschritt und Gedeihen des ganzen Landes neue und lichtvolle Perspektiven eröffnen, bekunden die Teilnehmer am Plenum des Rates der rumänischen Werktätigen deutscher Nationalität mit lebhafter Genugtuung und hohem patriotischem Stolz ihre völlige Zustimmung zum Beschluß des Plenums des Zentralkomitees der Partei betreffend Ihre Wiederwahl, lieber und sehr geehrter Genosse Nicolae Ceausescu, der große Held unter den Helden des Volkes, der geniale Gründer des modernen sozialistischen Rumäniens, eine hervorragende Persönlichkeit der zeitgenössischen Welt, in das hohe Amt des Generalsekretärs der Partei. Diese historische Option, die auf glänzende Art und Weise den glühenden und einhelligen Willen des ganzen Volkes veranschaulicht, stellt die Gewähr für den erfolgreichen Aufbau der vielseitig entwickelten sozialistischen Gesellschaft in Rumänien aufgrund der schöpferischen Anwendung der allgemeinen Prinzipien des wissenschaftlichen Sozialismus auf die konkreten Gegebenheiten unseres Landes dar, die Garantie für die kommunistische Zukunft des Vaterlandes, seines unentwegten Voranschreitens zu den höchsten Gipfeln des Fortschritts und der Zivilisation.
      Jeder Kommentar hierzu, auch ein ironischer, erübrigt sich. Relevant ist allein das Phänomen: Auch zu einer Zeit, in der Rumänien im buchstäblichen Sinne des Wortes abgewirtschaftet hatte und die Bevölkerung am Tiefpunkt materieller und mit ihr auch physisch-psychischer Not angekommen war, trieb eine verordnete und bevormundende Sprache noch immer ihre Blüten: Ungewollt spiegeln deren tautologische Gigantomanien die Ausgehöhltheit eines autokratisch vereinnahmten und subordiniert verwalteten Landes wider. Kaum eines der ohnehin schon positiv besetzten Fahnenwörter, das sich durch ein steigerndes Adjektiv nicht in Redundanz auflöste: 'starkes [politisches] Engagement", 'hoher [patriotischer] Stolz", 'völlige Zustimmung", 'unentwegtes Voranschreiten", 'höchste Gipfel" usw.
      Da in seinem Wesen unschwer erkennbar, ließe sich all dies, und im Nachhinein zumal, kräftig glossieren. Der Sache wohnt jedoch insofern eine unser Augenmerk verdienende Widersprüchlichkeit inne, als das zitierte Telegramm die erste Seite der wichtigsten und größten Tageszeitung der deutschsprachigen Minderheit in Rumänien, Neuer Weg, schmückte, einer Zeitung, die solch fragwürdigen Zierrats ungeachtet gern und ausgiebig gelesen wurde und selbst im Ausland ihre Interessenten, ja Abonnenten hatte. 1964 hatte der Neue Weg bei einer rumäniendeutschen Gesamtbevölkerung von etwa 400 000 - in dieser Zahl sind Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben zusammengerechnet - eine Höchstauflage von 80 000, und selbst 1990 betrug sie trotz der gewaltigen Auswanderungswelle der Rumäniendeutschen in die BRD immerhin noch 30 000.2 Der Grund für diese die deutschen Siedlungsgebiete nahezu flächendeckende Nutzung des Blattes war der, dass es von den ersten ein, zwei Seiten abgesehen, die dem .offiziellen Material' vorbehalten waren, im Ãobrigen durchaus etwas mitzuteilen und, in diesem Sinne, etwas zu sagen hatte. Man musste sie nur ignorieren, jene bombastischen Eingangsseiten mit den Reden von Ceausescu und den sprachlich genormten und ver-formelten Mitteilungen über die von ihm in Personalunion geleiteten Partei-und Staatsangelegenheiten und diplomatischen Empfänge, eingeschlossen die Akklamationsrituale der Bevölkerung, und konnte sie ja ohne weiteres überschlagen, die tagtägliche Hofberichterstattung über das Ehepaar NICO-LAE und ELENA CEAUSESCU, die bis zur Blasphemie der Schreibung beider Namen in gottgleichen Majuskeln getrieben worden ist. Die in ihrer Widersprüchlichkeit benannte Sache stellt sich noch ein wenig verwickelter dar, wenn man ein anderes - ressortspezifisches - Beispiel aus dem Bereich der Journale heranzieht, nämlich die gleichfalls im In- und Ausland außerordentlich geschätzt gewesene deutschsprachige Monatsschrift Neue Literatur, die in ihrem Gehalt, Niveau und Charakter der Insider-Zeitschrift der DDR-Intellektuellen Sinn und Form vergleichbar war. Auch dort hatte man noch im Juli-Heft des Jahres 1989 Ã"hnliches, ja Identisches lesen können, hieß es doch im Vorspann der Redaktion unter anderem:
Der Beschluß des jüngsten Plenums des ZK der RKP betreffend die Wiederwahl des Genossen NICOLAE CEAUSESCU beim X

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V.

Parteitag in das hohe Amt des Generalsekretärs der Partei, ein Vorschlag, der von der gesamten Nation begeistert unterstützt wird, stellt einen beredten Beweis für die hohe Wertschätzung, für die tiefempfundene Dankbarkeit dar, die Genosse NICOLAE CEAUSESCU genießt, einen Ausdruck der Gewißheit, daß die Partei, das Volk, wenn seine außerordentliche Persönlichkeit an der Spitze steht, neue eindrucksvolle Leistungen erbringen, unbeirrt auf dem lichtvollen Weg des Aufbaus der neuen Gesellschaft voranschreiten werden können.
      Vom 'illustren und lieben Führer" ist da ferner die Rede und von dem festen 'Wille [n], in vollem Ausmaß die revolutionäre Politik der Partei durchzuführen, eine zutiefst realistische, wissenschaftliche Politik, deren Richtigkeit vom Leben bestätigt worden ist".
      Wie im Erstzitat aus der Tageszeitung also auch hier oder besser gesagt -legt man den Textsorten-Maßstab und das Sprach-Kriterium für eine Literaturzeitschrift an -: selbst hier die Auswüchse des Partei- und Herrscherlobs bzw., in der richtigeren Reihenfolge, des Herrscher- und Parteilobs. Aber: Ebenso wie dort war solches Lob regelmäßig an der, wenn man so sagen kann, Lesepforte installiert und damit mehr oder weniger gesondert und abgekoppelt vom jeweiligen inwendigen', eigentlichen Publikationsteil, der sich nach dem klandestinen Selbstverständis der Redaktionen substanzielle-ren Dingen widmen sollte und konnte.
      Wurde Ceausescu auf der einen Seite pausenlos in seiner politischen, ökonomischen und kulturellen Ingeniosität beschworen, war relativ früh zugleich auch für eine legendenkonforme Erhöhung der ihm angeblich einwohnenden humanen Eigenschaften und Fähigkeiten gesorgt worden. Und zwar derart, dass sich der Mythos eines Mannes etablierte, der durch sein Wirken, ja durch sein schieres Da-Sein Heil und Heilung verkörperte. Gehen wir in die siebziger Jahre zurück und kehren wir die Zitatabfolge um, so war in der sehr couragierten Lyrik-Sondernummer der Neuen Literatur anlässlich der damaligen Ãoberschwemmungskatastrophe in Rumänien ein Telegramm des Schriftstellerverbandes an das Zentralkomitee der Rumänischen Kommunistischen Partei und den Genossen Nicolae Ceausescu abgedruckt , in dem sich solche Verklärung vorbereitete:
Ihre persönliche Gegenwart, wie auch die Gegenwart der anderen Genossen aus der höchsten Parteileitung, in der vordersten Linie der Front [der Hilfsfront, K. W], [...] ist für uns Schriftsteller ein mitreißendes Beispiel. / Indem sie noch einmal ihr tiefstes Einverständnis mit der Leitung der Rumänischen Kommunistischen Partei und mit Ihnen persönlich, lieber Genosse Ceausescu, aussprechen, versichern Ihnen sämtliche Schriftsteller unseres Landes [...].
      In den vom Neuen Weg im März 1977 tagtäglich wiedergegebenen Kommuniques über Bergungseinsätze und Sofortmaßnahmen nach dem furchtbaren Erdbeben in Bukarest hieß es von Ceausescu, 'dessen Seele so groß wie das Land ist", dagegen schon, dass er, namentlich er, es gewesen sei,der, von tiefer Menschlichkeit und Menschenliebe gelenkt, die Rettungsaktionen für Menschen und Güter rastlos Tag und Nacht heroisch und unerschrocken leitete, das Unmögliche möglich machte und bewirkte, dass die unter Trümmern Begrabenen wiedergeboren wurden.
      'Ich kannte das Wort Menschlichkeit, aber erst jetzt weiß ich, was es in Wirklichkeit bedeutet!"7, wird eine mit einer Notwohnung versorgte Obdachlose beim Gewahrwerden des Ehepaars Ceausescu zitiert. Oder: ,'Sie waren uns wie ein Vater', sagte [zu Ceausescu] einer der Kranken." Oder : ,'Als ich im Radio [das sie in ihrer Not bei sich hatte, K. W.] hörte, dass Sie auf der Sahia-Strasse seien, sagte ich mir: Jetzt bin ich gerettet.'" Politisch affirmative Redegestik, durchgeführt in Form der Captatio benevolentiae kleinerer und größerer Dimension oder, wie soeben gehört, am Legendenstil orientiert
,war durchgängig anzutreffen in den von ihrer Klientel her sehr unterschiedlichen rumänischen und deutschsprachigen Presseorganen. Unsere zeitlich weit auseinander liegenden Beispiele sollen signalisieren, dass auch Ceausescu sein ideologisches Programm - die Erziehung des rumänischen Volkes und der anderen Ethnien zur sozialistischen Menschengemeinschaft und die Herstellung eines äquivalenten ,Kultur'raums - in einer Art ,Neusprech' zu verankern suchte, ein Programm, das Schritt für Schritt umschlug in den nationalkonservativen Kult einer Person. 'Neusprech", heißt es in George Orwells Roman 1984,sollte nicht nur ein Ausdrucksmittel für die den Anhängern des Engsoz [man könnte ersetzen: für die den Anhängern des Rumsoz] gemäße Weltanschauung und Geisteshaltung bereitstellen, sondern auch alle anderen Denkweisen unmöglich machen."
Selbst wenn man im Wissen um die historische und strukturelle Schieflage eines solchen Vergleichs ihn nicht weiter ausbaut und sich auch nicht dazu verführen lässt, in Anlehnung an Victor Klemperers Begriff der ,LTP die Hypothese vom schleichenden Vollzug einer Ceausescuschen Reichssprache LCI aufzustellen, wofür der sprachanalytische Nachweis vermutlich nicht allzu schwierig wäre - von der Existenz eines spezifischen und spezifisch verqueren Politolekts, einer auffälligen und auffällig obskuren Varietät von Sprache, die zumindest im öffentlichen Raum der Verlautbarungen und Manifeste um sich griff und ihn lückenlos besetzte, wird man aber sehr wohl reden können.
      Mit anderen Worten: Betrachtet man die Geschichte Rumäniens in der Ã"ra Ceausescu zwischen 1965 und 1989 tritt uns sprach- politisch intendierte Kulturraumformung in der territorialen Totale, als ideologische Umstülpung eines ganzen Landes, entgegen. Dass sie auf Dauer der Dekulti-vierung des polyethnischen, multikulturellen und vielsprachigen Rumänien gleichgekommen wäre, lag in der Natur dieses immer ein-förmiger werdenden Nivellierungskonzepts. Uns interessiert, woran diese vermessene Kulturraumformung gescheitert oder, vorsichtiger gesagt, auch gescheitert ist. Zu diesem Zweck müssen einige Fakten und allem voran die Tatsache in Erinnerung gerufen werden, dass die Ceausescu-Ã"ra in sich nicht homogen gewesen ist, sondern zwischen relativer Liberalisierung an ihrem Ursprung und dem zunehmend dogmatischeren Agieren des ,Conducätors' oszilliert. In Bezug auf die Minderheitenpolitik Rumäniens ist zunächst einmal festzuhalten, dass sie, verglichen mit Verfahrensweisen in anderen Staaten des e-hemaligen Ostblocks, objektiv durchaus Recht schaffend war und den mitwohnenden Nationalitäten zumindest in kultureller Hinsicht ein wesentliches Haben zugestand: die gestuft freie Verfügung über eigene Schulen, Gymnasien, Kirchen, über muttersprachliche Presse, Verlage, künstlerische Laienensembles und professionelle Theater. Was die deutschsprachige Minderheit angeht, ist darüber hinaus die vorbildliche Qualität der in Eigenregie erarbeiteten Lehr- und Lesebücher für die verschiedenen Unterrichtsebenen und die couragiert wahrgenommene bildungspolitische Rolle der rumäniendeutschen Germanistik als Multiplikator eines kritischen Bewusstseins herauszustellen.
      Und um auf die Zeitungen und Zeitschriften zurückzukommen, waren nicht nur intensive sprachpflegerische Aktivitäten zu verzeichnen , sondern auch die Initiierung von Wettbewerben schreibender Schüler samt eigens dafür eingerichteten 'Jugendseiten". Ãoberhaupt erscheinen ,ost'vergleichsweise die Entscheidungs- und HandlungsSpielräume bemerkenswert, die den Redakteuren laut deren Selbstbekunden für die Gestaltung der, wie wir oben sagten, inwendigen' und für das Eigentliche erachteten Publikationsteile verblieben - vor allem für die landesüberschreitende internationale Umschau in Politik oder Wissenschaft und Kultur, eine Umschau, die sich nicht selten aus westdeutschen oder westeuropäischen Magazinen speiste. Dass zur Bewahrung oder Ausreizung solcher Spielräume im Zeichen einer abgeschafft-fortbestehenden Zensur den Zeitungsverantwortlichen die hohe Kunst der Seiltänzerei und Agreements mit den Propaganda-Abteilungen der Partei abverlangt waren11, bildete dabei zwar die risikoreiche und gelegentlich wenig appetitliche Kehrseite des Blättermachens. Doch ist für unseren Zusammenhang ausschlaggebend, dass diese Spielräume genutzt wurden.
      Was in gebotener Kürze über Gewährung und Wahrnehmung der allgemeinen kulturellen Minderheitenrechte soeben ausgeführt worden ist, stellt sich speziell für das Verhältnis von Literatur und Politik unter Ceausescu - also für das neuralgische Moment in der Beziehung von Geist und Macht - herr-schaftsseitig als fortwährendes Geben und Nehmen mit steigender, auch repressiver, letztlich aber nie ganz durchschlagender Tendenz zur Entmündigung der Andersdenkenden, Anderssehenden und Anderssprechenden dar14: Das anfängliche Gutheißen von literarischer Weite und Vielfalt , begleitet von Ansätzen größeren ideellen Offenseins , dieses Toleranzgebaren zwischen 1965 und 1971 war zwar insofern janusköpfig, als sich hinter ihm wie ehedem ein instru-mentelles Verständnis von Dichtung samt der Forderung nach Parteilichkeit verbarg, eröffnete den Schriftstellern alles in allem aber enorm erweiterte Entfaltungsmöglichkeiten, die sie entsprechend auszuschöpfen begannen.
      Und umgekehrt hat weder Ceausescus hausgemachte Kulturrevolution' zwischen 1971 und 1974 noch haben die darauffolgenden propagandistischen Nötigungen zu einer konformistischen Literatur im Dienste circensischen Diktatorenkults das Widerspruchs- und Konfliktbewusstsein der Schriftsteller und deren sklavensprachlich oder unverdeckt vorgetragene Gesellschaftskritik je wirklich suspendieren können.
      In der von Peter Motzan 1976 herausgegebenen anthologie junger rumäniendeutscher lyrik mit dem Obertitel vorläufige Protokolle, deren Entstehung ich während meiner Gastlektorenzeit in Klausenburg habe erleben können, sind Gedichte nachmaliger Suhrkamp- und Luchterhand-Autoren enthalten, die trotz oder gerade wegen ihrer Thesenhaftigkeit und mithin ihres gleichwohl noch etwas ungelenken und forcierten Ausdrucks das soeben Behauptete beredt zu machen vermögen. Das Gedicht unhymnische feststellung von Werner Söllner lautete:so entstand die neue gesellschaft:indem man beschloßdie schwächen und stärkender einzelnenals schwächen und stärkenallerzu betrachtenso entwickelte sie sich: indem man beschloß ihre schwächen zu schwächen und ihre stärken zu stärkenso bekam sie ihre probleme:indem ihre schwächen stärker wurdenweil man darüber schwiegund ihre stärken schwächer wurdenweil man sie zerredeteso wird die neue gesellschaft ihre probleme lösen: indem sie sich zu ihnen bekennt.
     
   Und das Gedicht dialektik von Richard Wagner:wir haben die Verhältnisse erkannt wir haben beschlossen sie zu verändernwir haben sie verändertdann kamen andere die haben die veränderten Verhältnisse erkannt und haben beschlossen sie zu verändernsie haben die veränderten Verhältnisse verändertdann kamen andere die haben die veränderten veränderten Verhältnisse erkannt und haben beschlossen sie zu verändernsie haben die veränderten veränderten Verhältnisse verändertdann kamen andere.'
Es ist hier nicht der Ort, um die Entwicklung der in den rumänischen Realsozialismus hineingewachsenen oder hineingeborenen Lyriker und Prosaschriftsteller und deren Aufbruch in die stilpluralistische Moderne auch nur skizzieren zu können. Die anfängliche historische Bejahung - oder kritische Akzeptanz - des Sozialismus, erwachsen aus dem Begehren nach einem Gemeinwesen der Gerechtigkeit und der Gleichherrlichkeit der Individuen, hat - so könnte man die Entwicklung dieser damals jungen rumäniendeutschen Dichter auf den Punkt bringen - rasch einer 'Entwöhnung" Platz gemacht, die bereits in der zweiten Hälfte der siebziger Jahre Ã"ußerungen wie diese hervortrieb:
In den Höfen hält der Sonntag seine Stirn vor die Axt, gehenwir. Ich schlage mir die Hand vors Gesicht. Ich winke abdies ist das Ende."
Unser Rückblick auf die rumänische Politik gegenüber den nichtrumänischen Nationalitäten ergibt, dass der kulturrechtliche Minderheitenstatus und mit ihm ein kulturräumliches Minderheitenbewusstsein prinzipiell so befestigt und gekräftigt waren, dass sie auch im Prozess fortschreitender diktatorischer Machtentgrenzung kaum entscheidend destabilisiert werden konnten. Für die seit dem 12. Jahrhundert nach Transsylvanien eingewanderten Siebenbürger Sachsen und die seit dem 18. Jahrhundert im Banat lebenden Schwaben mit ihrer überwiegend ländlichen und kleinstädtischen Sozialstruktur bestanden auch insofern günstige Bedingungen für ein Verschontbleiben von den sprachlichen und ideologischen Uniformierungskampagnen der Bukarester Zentrale, als sie in ihren noch weitgehend geschlossenen, wenn auch durch Abwanderung nach Deutschland schon erheblich durchlöcherten Siedlungsgebieten mental, mundartlich und brauchtümlich auf ihre Traditionen in Familie, Nachbarschaft und Gemeinde auszuweichen vermochten. Das entsprach zwar einem Sicheinrichten und Ãoberdauern in der Provinzialität, einem Ãoberdauern auf Abruf , garantierte und konservierte zugleich aber Identität, eine kollektive I-dentität historischer Selbstbewusstheit und lebenspraktischer Selbstgenügsamkeit jenseits gesellschaftlicher Herausforderungen und politischer Zumutungen. Zumindest weitgehende Nichtvereinnahmung18, die passive Variante von Opposition, wurde so möglich.
      Die jüngere rumäniendeutsche Literatur emanzipierte sich demgegenüber in zweierlei Hinsicht. Als Erbin des doppelten Rands um Autonomie bestrebt, hat sie der in Ceausescus Herrschaftsjargon verankerten Ideologie die authentische Sprache künstlerischer Subjekte entgegengestellt, auf diese Weise der Macht ihre Gefolgschaft aufgekündigt und das ,Neusprech' des Rumsoz ad absurdum geführt. Sie hat zugleich aber mit einer Mission gebrochen, die den ,klassischen' rumäniendeutschen Autoren des 20. Jahrhunderts noch unhintergehbar erschienen war: Repräsentant des ',höheren' Sinn[s]" und des 'spezifischen ,Geist[s]'" der Geschichte deutscher Gemeinden in Südosteuropa zu sein. Indem sich im Gegensatz dazu die in den siebziger Jahren debütierenden rumäniendeutschen Autoren von der insularen Mentalität ihrer Schwestern und Brüder kritisch absetzten, lösten sie sich, zumindest tendenziell, aus ihrem Herkommen und korrigierten ihre 'Sprechrichtung weg vom Rezeptionsraum der Minderheit" hin zu kosmopolitischen Horizonten. Die trennten sie fortan sowohl von der bornierten rumänischen Gesellschaftsdoktrin als auch vom rein ethnisch fundierten Kulturraumempfinden ihrer Vätergeneration .
      Daher könnte man - bezogen auf die Deutschen in Rumänien - resümieren, dass Ceausescus sprach- und literaturpolititisch manipulative Kulturraum-formung zum einen durch die Trotzbesinnung und den Rückzug der Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben aufs Ãoberkommene, zum anderen aber durch eine Widerständigkeit beweisende rumäniendeutsche Literatur unterlaufen worden ist, die dank erweiterter und sozusagen entteritorialisier-ter Perspektiven den transkulturellen Diskurs vorbereiten half.
     

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Kulturraum-Manipulation  Minderheiten-Bewusstsein  unter  Ceausescus  ,Neusprech'    


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