Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

Index
» Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien
» 'Gelegenheitssprecher einer kleinen, im Zuge der Auflösung befindlichen Menschengruppe

'Gelegenheitssprecher einer kleinen, im Zuge der Auflösung befindlichen Menschengruppe



Erwin Wittstock schreibt an Alfred Margul-Sperber

I.
      Am 26. Februar 1950 hatte der siebenbürgisch-deutsche Schriftsteller Erwin Wittstock in seinem Haus in der Kronstädter Puschkin-Straße 7 unerwarteten und ungewöhnlichen Besuch bekommen. Eine Frau namens Jenny Copony von der neu gegründeten deutschsprachigen Abteilung des Staatsverlags für Kunst und Literatur aus Bukarest hatte sich angemeldet und ihre Absicht signalisiert, mit dem Schriftsteller über seine Arbeit und seine Vorhaben sprechen zu wollen. Erfreut darüber, dass der rumänische Staatsverlag auch Bücher in deutscher Sprache herauszugeben bereit war, empfing Erwin Wittstock, dem der Umgang mit Vertretern der Verlage durch viele Begegnungen und ausführliche Korrespondenzen vertraut war, die Lektorin und führte mit ihr an zwei aufeinander folgenden Tagen ein insgesamt etwa siebenstündiges Gespräch.
      Das Treffen mit Frau Copony war für Erwin Wittstock alles andere als zufriedenstellend verlaufen. Bald hatte er erkannt, dass seine Gesprächspartnerin, die als überzeugte Kommunistin selbstherrlich auftrat, weder an den bereits abgeschlossenen noch an den in Arbeit befindlichen Werken des Schriftstellers interessiert war. Ihre Aufmerksamkeit richtete sie vorrangig auf ein zu realisierendes Projekt, eine Erzählung, deren Stoff Wittstock dem unmittelbaren Alltag zu entnehmen und diesen so zu gestalten habe, dass darin der Sieg des 'guten Neuen" über das 'böse Alte" als eindeutige Botschaft herauszulesen sei. 'Man verlangt von Ihnen", hatte die Verlagslekto-rin dem Schriftsteller als unmissverständlichen Auftrag der neuen Machthaber nahegelegt,im Dorfe Honigberg in Begleitung [...] eines Mitgliedes des Antifaschistischen Komitees eine Gruppe von 20 deutschen Mädchen, die dort als Traktoristinnen ausgebildet werden oder tätig sind, aufzusuchen und auf Grund der hierbei gewonnenen Eindrücke eine ErZählung zu schreiben, in der das Leben der Mädchen als Beispiel des gegenwärtigen Gemeinschaftserlebens geschildert werden sollte.'
Nicht genug damit, Frau Copony hatte den Schriftsteller nachdrücklich darauf aufmerksam gemacht, das 'man" von Erwin Wittstock erwarte, dass das 'Manuskript [...] selbst um den Preis unvollkommener künstlerischer Durchprägung ,rasch' abgeliefert" werden solle.
      Dem darob etwas verblüfften und verwirrten Schriftsteller war es nicht gelungen, dem Gespräch, das für ihn unerquicklich und ergebnislos verlief, eine andere Wendung zu geben und seine Partnerin, die stur auf ihrer Position und bei ihrer Forderung verharrte, auf andere Themen zu bringen. So waren die Gesprächspartner zwar höflich auseinander gegangen, ohne jedoch eine Vereinbarung zu treffen. Der von solcher Zielstrebigkeit und ideologischem Starrsinn überraschte und überrumpelte Schriftsteller hatte der engagierten Verlagslektorin keine Zusage gegeben und sich Bedenkzeit ausbedungen. Dieser Vorfall hatte Erwin Wittstock, innerlich so 'tief berührt und aufgewühlt", dass er, wie er Sperber gegenüber bekennen sollte, in den nächsten Wochen und Monaten kaum einem 'anderen Gedanken zu folgen fähig" war.
      In diesem Zustand innerer Erregtheit setzte er sich an den Schreibtisch und verfasste aus dieser Gemütslage heraus in den nächsten zwei Monaten ein langes, etwa 50-seitigen Schreiben4, das nicht nur zu den längsten Briefen gehören dürfte, die je von einem deutschsprachigen Schriftsteller auf dem Boden des heutigen Rumäniens geschrieben wurde, sondern auch ein außergewöhnliches Zeitdokument eines dunklen, von der historischen Forschung immer noch ungenügend erhellten Kapitels der gesamtrumänischen Geschichte ist.
      Diesen Brief schickte Erwin Wittstock aber nicht an Frau Copony und auch nicht an den Verlag - für ein offizielles Amt eines diktatorisch regierten Staates enthielt das Schreiben viel zu viele unverblümt und mutig ausgesprochene Wahrheiten, die um die Zeit in dem vom kommunistischem Terror beherrschten Rumänien kaum jemand mit einer solchen Offenheit wie Wittstock, wenn auch privat, zu verkünden wagte.
      Nein, der Brief ging an die Wohnung in der Strada Buzesti 98 in Bukarest, die dem in besonderer Gunst des neuen Regimes stehenden Dichter Alfred Margul-Sperber wohl kurz davor behördlicherseits zugewiesen worden war. Ihn hatte sich Wittstock als Gesprächspartner auserkoren. Obwohl sie sich noch nie begegnet seien, schrieb Wittstock in der Einleitung des Briefes, nehme er sich die Freiheit, sich mit seinen 'Ausführungen, Vorhaltungen und Sorgen" an Sperber wie an einen Menschen zu wenden, bei dem er 'zwar keinen näheren Einblick in die Voraussetzungen" von Wittstocks 'Empfindungswelt" erwarten dürfe, aber eine 'grundsätzlich wohlwollende Einstellung" seiner Person gegenüber und damit - was ihm besonders wichtig schien und was er bei Frau Copony vermisst habe - 'einen besonderen Grad von Einfühlungswilligkeit und diejenige Bildung und schöpferische Erlebnisfähigkeit [...], ohne die ein Gespräch über Dinge der Kunst nicht möglich" sei.
      II
Um zu zeigen, warum Wittstock sich Sperber zum Empfänger seines Schreibens erkoren hatte und worüber in diesem langen Brief, der eigentlich wenn auch nicht als Essay, zumindest als Erörterung angesprochen werden kann, referiert wurde, muss ein wenig ausgeholt und ein zumindest flüchtiger Blick auf die Jahre vor, während und unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg geworfen und knapp dargelegt werden, wie sie die beiden Briefpartner erfahren hatten.
      Zum besseren Verständnis dessen, was wir im Nachfolgenden diskutieren möchten, sei daran erinnert, dass Alfred Margul-Sperber bereits seit 1919 einen ausführlichen Briefwechsel mit siebenbürgisch-deutschen Autoren, zunächst mit jenen, die sich um die kurzlebige Kronstädter expressionistische Zeitschrift Das Ziel bzw. Das neue Ziel gruppierten, unterhielt, den er dann nach seiner Rückkehr aus den Vereinigten Staaten auf Anregung von Oscar Walter Cisek ab 1927 vor allem auf die Mitarbeiter des Klingsor ausweitete und hauptsächlich darauf ausrichtete. Besonders mit Heinrich Zillich , dem Herausgeber des Klingsor, dem Sperber auch andere Bukowiner Autoren zuführte, tauschte Sperber rund zehn Jahre lang zahlreiche Briefe, in denen es zunächst vorwiegend um literarische Fragen ging, ab 1933 jedoch zunehmend auch um ideologische und politische. Die Ansichten beider Schriftsteller, die bis dahin ähnliche poetische Positionen vertreten und in ihren Werken verwirklicht hatten, drifteten seit Anfang der 1930er Jahre immer mehr auseinander, so dass es 1936 zum offenen Bruch kam. Schuld am Zerwürfnis trug die zunehmende Sympathie Zillichs für die Ideologie des Nationalsozialismus, in deren Sog er über die konservativnationale Richtung in der Literatur der Weimarer Zeit geraten war und zu der er sich seit 1933 auch offen bekannte.
      Ãober Zillich hatte Sperber auch andere Siebenbürger kennen gelernt, mit denen er danach über Jahre und Jahrzehnte einen mitunter sehr intensiven Briefwechsel pflegte. Im Umfeld dieser Beziehungen kam es nicht nur zu weit verzweigten Briefkontakten zwischen siebenbürgischen und Bukowiner Autoren, sondern auch zu persönlichen Begegnungen. So lud der Kritiker Herman Roth , der mit Sperber und den anderen Dichtern der Bukowina ausführlich korrespondierte, Sperber 1935 'für einige Tage" nach Hermannstadt ein:
Sie können bei mir Quartier haben [...] Zillich wird zu Ostern auch einen Tag und eine Nacht mit Frau in Hfermannstadt] sein. Es wäre fein, wenn Sie auch auftauchten.
      Dieser Einladung fügte der Theaterkritiker und Journalist Ernst Jekelius hinzu:
Machen Sie wahrhaftig auch einen Sprung in diese sächsische Welt. Wir werden Ihnen viel Interessantes zeigen können und eine Nacht bei gutem Wein und gutem Wort zusammen sitzen.
      Dieses Treffen hinterließ bei allen Beteiligten eine nachhaltige Wirkung. Noch im September 1939, also rund vier Jahre später, bekannte Herman Roth gegenüber Sperber in einem Schreiben: 'Ich denke gern an unser Hermannstädter 60 Stunden Rekord Gespräch."

   II
Weil Erwin Wittstock zu der Zeit in Karlsbad auf Kur weilte", ist es 1935 zu keiner Begegnung zwischen ihm und Sperber gekommen. Auch gibt es aus dieser Zeit keine Briefe, die auf eine engere Beziehung schließen ließen. Offenbar hängt es damit zusammen, dass die beiden Autoren über ihre gemeinsamen Freunde, Harald Krasser und Herman Roth beispielsweise, zwar voneinander wussten und wohl auch über die literarischen Werke und Vorhaben einigermaßen unterrichtet waren, dass Sie aber, hauptsächlich weil sich jeder von ihnen ausschließlich einem einzigen literarischen Genre - Sperber der Lyrik, Wittstock der Prosa - verschrieben hatten, kein besonderes Interesse für einen näheren Umgang miteinander, auch einen brieflichen, bekundeten. Dazu sollte es erst fünfzehn Jahre danach, im Jahre 1950, kommen.
      Die menschlichen und brieflichen Kontakte der Zwischenkriegszeit wurden hier auch deshalb erwähnt, um zu begründen, dass sich die Beziehung zwischen Wittstock und Sperber in den fünfziger Jahren zweifellos anders entwickelt hätte und dass so mancher siebenbürgisch-deutsche Literat in den endvierziger und fünfziger Jahren ein schwereres Schicksal hätte durchmachen müssen, wäre es nicht zu den erwähnten Begegnungen gekommen. Auch die Geschichte der rumäniendeutschen Literatur in der Zeit nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges und der kommunistischen Machtergreifung wäre, trotz ideologischer Vorgaben, anders verlaufen, hätte es in der Zeit davor nicht jene Kontakte zwischen den jüdischen Schriftstellern der Bukowina und den siebenbürgisch-sächsischen gegeben, die auf beiden Seiten ein menschliches Urvertrauen entstehen ließen, das es ihnen ermöglichte, nicht nur die Unheimlichkeit der Zeitläufe zu ertragen, sondern sich, wenn auch oft nur in eingeschränktem Maße, Beistand und Hilfe zu leisten. 'Zum Menschsein gehört Versöhnlichkeit", kommentierte Joachim Wittstock dieses Verhältnis, der als Erster auf diese Beziehungen in einer Studie hinwies, nicht Nachgiebigkeit um jeden Preis, nicht Schwäche im Verkehr mit den Rücksichtslosen, doch wiederholtes Ãoberprüfen der Beziehungen zu andern, um unfruchtbares Ressentiment abzubauen und nachträgerische Empfindung auszuschalten.

     
   Es sei dies ein 'buchenländisches Erbe", schreibt Joachim Wittstock, und wir könnten hinzufügen, auch ein siebenbürgisches,nämlich die Neigung zu Verträglichkeit, zu zivilisiertem Umgang zwischen den in jenem Landstrich siedelnden Völkerschaften, die - außer mehr oder weniger energischem, selbstbewusstem Behauptungswillen - auch einen ausgeprägten Hang zur Nachsicht, zur Harmonie zeigten, Juden nicht weniger als Rumänen, und diese in nicht geringerem Maße als Buchenlanddeutsche und Ukrainer.

     
   Im umfangreichen Nachlass von Sperber gibt es auch Briefe sächsischer Schriftsteller aus der Zeit nach 1933, die belegen, dass nicht alle sieben-bürgischen Autoren so vorbehaltlos wie Zillich auf die nationalsozialistische Richtung einschwenkten. 1934 hatte sich der Kritiker Harald Krasser zu dem im selben Jahr erschienenen Gedichtband Gleichnisse der Landschaft positiv geäußert und sich hierbei eines sachlichen, von der Begrifflichkeit der Naziideologen unverseuchten Wortschatzes bedient, wofür er jedoch, weil er das Buch eines Juden besprochen und gelobt hatte, von den siebenbürgisch-sächsischen Nationalsozialisten angepöbelt worden war. Als aber Sperbers zweiter Gedichtband Geheimnis und Verzicht erschien, war es seinen siebenbürgischen Freunden nicht mehr möglich, ihre Meinung öffentlich auszudrücken. Sie taten es, wie der damalige Jassyer Universitätsdozent Karl Kurt Klein beispielsweise, mit wenigen Worten, oder versuchten auf ihre missliche Lage durch Anspielungen hinzudeuten, wie es ein Brief Erwin Neustädters vom 10. Juni 1939 belegt:
Seit Wochen schon dunkelt Ihr Geheimnis [gemeint ist Sperbers Gedichtband, den er für die Kronstädter Zeitung, deren literarische Wochenbeilage Mensch und Welt er von 1936 bis 1944 redigierte, rezensieren wollte, es aber nicht durfte] ... vom Schreibtisch mir entgegen, um mich an meine Pflicht zu erinnern, und von Tag zu Tag geh ich mit schlechtem Gewissen an ihm vorüber [...]. Nein, ich fühle mich nicht zuständig, zu .urteilen' [...] Mit bestem Dank für das Vertrauen, das aus Ihrer Zusendung spricht, das ich aber kaum habe rechtfertigen können.

     
   Sperber, der ein Jahr danach aus dem Blickfeld der Ã-ffentlichkeit verschwand und vier Jahre lang unerkannt lebte, hatte, bei aller Verurteilung der dem Nationalsozialismus verfallenen Rumäniendeutschen, Verständnis für die Haltung dieser Siebenbürger, wusste, dass sie Zwängen ausgesetzt waren, und dankte, so in einem Widmungsexemplar für den Literaturhistoriker Karl Kurt Klein, der ihn noch in seiner umfangreichen, 1939 erschienenen Literaturgeschichte des Deutschtums im Ausland lobend erwähnt hatte, für das 'unerschrockene, edelste Einstehen für den Verkannten und Verfemten"17.
      Er sollte es ihnen nicht vergessen, als sie nach 1945 selbst in Schwierigkeiten und Nöte gerieten.
      I

II.


Zunächst aber waren es, wenn wir die Chronologie der Ereignisse einhalten wollen, Sperber und seine jüdischen Schriftstellerkollegen, die in Bedrängnis gerieten.
      Der rumänische König Carol

II.

hatte in der Folge der aufgezwungenen Gebietsabtretungen Rumäniens an Ungarn und an die Sowjetunion am 6. September 1940 zu Gunsten seines neunzehnjährigen Sohnes Mihai zurücktreten müssen, und der mit vielen Vollmachten ausgestattete General Ion Anto-nescu hatte - zunächst in Koalition mit der 'Eisernen Garde" und seit Januar 1941, nachdem er den Putsch der Legionäre vereitelt und niedergeschlagen hatte - eine Militärdiktatur installiert, die bis zum 23. August 1944 das Land mit harter Hand regierte. Am 8. August 1940 war die Entlassung der Juden aus dem öffentlichen Dienst dekretiert und das Eheverbot zwischen Juden und Rumänen verfügt worden; am 16. Oktober des gleichen Jahres wurden die Gesetze zur 'Rumänisierung" der jüdischen Betriebe erlassen, was im Klartext deren Enteignung bedeutete. Darauf kündigte Sperber seinen Dienst in Burdujeni, er hatte dort als Fremdsprachenkorrespondent in einem rumänisch-englischen Selchwarenbetrieb gearbeitet, tauchte in Bukarest unter und überlebte den Weltkrieg als Privatlehrer für Deutsch und Englisch. Den Recherchen von Peter Motzan ist zu entnehmen'8, dass Sperber nur dank der Beziehungen zu hoch angesehenen rumänischen Literaten der Deportation nach Transnistrien entkam, seine Familie jedoch nach der Rückeroberung der Nordbukowina durch rumänische und deutsche Truppen arg zu leiden hatte . Moses Rosenkranz gelang es, wie Sperber, dank der Hilfe rumänischer Freunde, sich zu verstecken, Alfred Kittner und Immanuel Weissglas wurden in die Arbeits- und Todeslager Transnistriens verschleppt, aus denen sie jedoch, im Unterschied zu den Eltern von Paul Celan und vielen anderen, heimkehren konnten.
      Aus dieser Zeit haben sich keine Briefe siebenbürgischer Autoren an Sperber erhalten. Möglicherweise hat er die Beziehungen zu ihnen abgebrochen, vermutlich aber, und das scheint mir plausibler, sind sie, aus Opportunismus, Ãoberzeugung und wohl auch aus Angst auf Distanz zu ihm gegangen. Einige wie Heinrich Zillich, der 1936 seinen Wohnsitz nach Bayern verlegt hatte, und Erwin Wittstock, der 1939 zunächst nach Berlin und im Frühjahr 1941 nach Hammer am See in Böhmen umgezogen war. feierten, weil sie sich der national-völkischen Richtung der deutschen Literatur verschrieben hatten bzw. sich von ihr hatten vereinnahmen lassen, bis dahin für einen deutschen Autor aus der Diaspora undenkbare literarische Erfolge im nun hauptsächlich aufs 'Völkische" ausgerichteten Literaturbetrieb des 'Dritten Reiches". Auch die in Rumänien Verbliebenen, Adolf Meschendörfer beispielsweise, wurden nicht weniger hochgejubelt, erhielten zahlreiche für die Zeit recht honorige Auszeichnungen, andere übernahmen Ã"mter und Arbeitstellen in dem von den Nazis umgekrempelten rumäniendeutschen Kunst- und Literaturbetrieb.1'' So wurde Erwin Neustädter 1941 zum Leiter der Schrifttumskammer ernannt20, einer Organisation, die im Rahmen der Kulturkammer der Deutschen Volkskammer in Rumänien in Anlehnung an die gleichnamige Institution im 'Dritten Reich" gegründet worden war, Herman Roth, der sich als Ãobersetzer und Literaturvermittler betätigte, wurde Leiter der Hermannstädter Geschäftsstelle des Bukarester Deutschen Wissenschaftlichen Instituts21.
     

I

V.


Den Befunden im Sperberschen Nachlass zu schließen, setzt der Briefwechsel siebenbürgisch-deutscher Autoren mit Sperber erst Anfang 1946 erneut ein. Wolf von Aichelburg , ein von der Ideologie des Nationalsozialismus unbeleckt gebliebener junger Hermannstädter Lyriker, der nach Studien der Germanistik und Romanistik in Klausenburg und Dijon sowie mehreren Aufenthalten und Bildungsreisen in Mittel- und Westeuropa von 1941 bis 1944 in der Pressedirektion des rumänischen Propagandaministeriums in Bukarest tätig gewesen war und in dieser Zeit außer Ion Pil-lat , Oscar Walter Cisek auch Moses Rosenkranz und Alfred Margul-Sperber kennen gelernt hatte22, lässt Sperber am 5. Januar 1946 aus seiner Heimatstadt Hermannstadt, wohin er im Herbst 1944 zurückgekehrt war, wissen:
Seit unserem letzten Beisammensein habe ich manches Abenteuer übler Art erlebt, aber mit eigener und Freundeshilfe bald glücklich hinter mich gebracht.

     
   Was Wolf von Aichelburg damit andeutete, waren Erfahrungen, die er im Zuge der Maßnahmen gemacht hatte, die gegen die deutsche Bevölkerung nach dem 23. August 1944 eingeleitet worden waren, dem Tag, ab dem Rumänien sein Militärbündnis mit der 'Achse" gekündigt, dem 'Dritten Reich" und dessen Verbündeten den Krieg erklärt und den Zweiten Weltkrieg bis zu dessen Ende am 9. Mai 1945 an der Seite der Alliierten fortgesetzt hatte, nachdem es seit Juni 1941 mit am Feldzug gegen die Sowjetunion an der Seite Hitlerdeutschlands beteiligt gewesen war.
      In der siebenbürgisch-sächsischen Historiographie ist der Zeitabschnitt vom 23. August 1944 bis zum 30. Dezember 1947 für die Deutschen Rumäniens als eine 'Ex-lex-Periode" bezeichnet worden24. Nachdem Rumänien das Militärbündnis mit Deutschland gelöst hatte, wurde im Herbst desselben Jahres die 'Deutsche Volksgruppe" verboten, die seit dem 20. November 1940 als Rechtspersönlichkeit vom rumänischen Staat anerkannt gewesen war und aufgrund der Volkszugehörigkeit den überwiegenden Teil der Deutschen Rumäniens umfasst hatte. Ihr Verbot hatte auch den Entzug der staatsbürgerlichen Rechte der Mitglieder der Volksgruppe, und das war fast die gesamte deutsche Bevölkerung Rumäniens, zur Folge, die undifferenziert der Kollaboration mit dem zum Kriegsfeind mutierten ehemaligen Verbündeten bezichtigt wurde und praktisch bis Anfang der 1950er Jahre ohne rechtlichen Schutz Willkürmaßnahmen und Enteignungen ausgesetzt war. Das sich die Ausschreitungen gegen die Deutschen in Grenzen hielten, ist außer auf die Tatsache, dass Rumänien und Deutschland fast bis zum Ende des Krieges verbündet waren, auch auf das allgemein doch recht gute nachbarschaftliche Verhältnis zwischen Rumänen und Deutschen zurückzuführen.
      Januar 1945 erfolgte die Deportation von rund 70 000 arbeitsfähigen Rumäniendeutschen im Alter von 17 bis 45 Jahren in die Sowjetunion, und im März 1945 die Enteignung der Bauernschaft. Am 30. Dezember 1947 wurde der rumänische König Mihai I. von Hohenzollern-Sigmaringen zum Abdanken und zum Antritt des Exils gezwungen. Nachdem am 11. Juni 1948 auch Großbetriebe, Banken und Gesellschaften verstaatlicht worden waren, setzte eine brutale soziale und kulturelle Repression und Reglementierung ein, mit dem Ziele, die kommunistische Diktatur in der rumänischen Gesellschaft fest zu verankern. Am 9. August 1948 sind auch die Schulen verstaatlicht worden, was für die Siebenbürger Sachsen das Ende von deren Betreuung und Anbindung an die evangelische Kirche bedeutete. Am Ende dieser 'Ex-lex-Periode", schreibt der Publizist Hans Hartl nicht ohne einen Schuss Ironie und Bitterkeit, sei die 'deutsche Volksgruppe als organisierte Gemeinschaft nicht mehr vorhanden gewesen", sie habe sich aus entrechteten, wirtschaftlich depossedierten und sozial deklassierten Einzelindividuen zusammengesetzt, die 'reif für den Aufbau des Sozialismus in Rumänien gewesen wären.

     
   Ziel der Rumänischen Arbeiterpartei, die im Februar 1948 durch den Zu-sammenschluss der Kommunistischen und der Sozialdemokratischen Partei entstanden war und im Einparteienstaat nunmehr über die uneingeschränkte Machtgewalt in der Gesellschaft verfügte, war es, die nun offiziell dem rumänischen Mehrheitsvolk rechtlich gleichgestellte deutsche mitwohnende Nationalität in den kommunistischen Umerziehungs- und Eingliederungs-prozess einzubeziehen. Dazu wurden Organisationen 'auf der Grundlage der Klassendifferenzierung geschaffen", zu deren Aufgabe es gehörte, den 'Ein-fluss des Hitlerismus in der deutschen Bevölkerung" zu eliminieren26, wie es das im Juni 1948 abgehaltene Plenum ausdrücklich festlegte. Am 13. Februar 1949 wurde ein 'Deutsches Antifaschistisches Komitee der Rumänischen Volksrepublik" gegründet, als dessen Presseorgan die deutschsprachige Tageszeitung Neuer Weg ab dem 13. März 1949 zu erscheinen begann. Im gleichen Jahr erschienen auch zwei Kulturperiodika, der Kulturelle Wegweiser, der ab 1956 in Volk und Kultur umbenannt wurde, und das Banater Schrifttum, eine literarische Zeitschrift, die nach ihrem Umzug von Temes-war nach Bukarest den Namen Neue Literatur trug. 1949 wurde auch eine deutschsprachige Abteilung im rumänischen Staatsverlag für Kunst und Literatur ins Leben gerufen.

     
   Bukarest, das in der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen zwar als deutschsprachiges Literaturzentrum vor allem durch das Wirken von Oscar Walter Cisek, aber auch durch die Tätigkeit von Bernhard Capesius und die des jungen Georg Maurer , eine gewisse Bedeutsamkeit auch in der rumäniendeutschen Literaturszene erlangt hatte, wurde nach 1949 durch die Gründung des Neuen Wegs und - später - der deutschen Abteilungen des Staatsverlags, der Herausgabe der Neuen Literatur zum Mittelpunkt des deutschsprachigen literarischen Lebens im kommunistischen Rumänien.
      Was durch die Gründung dieser Medien als großes Entgegenkommen für die Schriftsteller auch aus den Reihen der deutschen Minderheit gefeiert und von den kommunistischen Machthabern dementsprechend propagandistisch inszeniert wurde, waren vom Staat gesteuerte und kontrollierte Machtinstrumente. Denn gedruckt wurde nur Staats- und Ideologiekonformes, sowjetischen Mustern Nachempfundenes, ideologische Abweichung und formale Experimentierfreude, die die allgegenwärtige Zensur registrierte und ahndete, wurden nicht geduldet. Wer sich widersetzte, wurde als Klassenfeind, und im Falle der Deutschen auch als 'Hitlerist", apostrophiert und geriet in die Fänge der seit 1949 institutionalisierten allmächtigen 'Securitate" und wanderte für viele Jahre in Gefängnisse oder Arbeitslager, zum Beispiel an den berüchtigten Donau-Schwarzes Meer Kanal ab.
     

V.


Angesichts dieser Sachverhalte und Entwicklungen verfasste der von Zweifeln, Nöten und Ã"ngsten geplagte siebenbürgisch-sächsische Schriftsteller Erwin Wittstock den bereits erwähnten Brief an Alfred Margul-Sperber. Wittstock schrieb an Sperber, weil dieser als Jude zu den Verfolgten des An-tonescu-Regimes gehört hatte und weil er, spätestens seit er den Leitartikel für die erste Nummer des Neuen Weg verfasst hatte, auch öffentlich Bereitschaft signalisiert hatte, den neuen Machthabern nach dem Mund zu reden, was er während der 1950er Jahre sowohl in freier als auch in gebundener Rede nach außen hin und bis zum Ãoberdruss tun sollte. 'Offensichtlich zermürbt" - schreibt Peter Motzan -von dem schweren psychischen Druck, unter dem er während der Militärdiktatur Ion An-tonescus hatte leben müssen, scheute Sperber das Risiko der Konfrontation mit der kommunistischen Diktatur, die im Umgang mit Andersdenkenden keinerlei Bereitschaft zur Schonung zeigte, die Kollaboration hingegen großzügig honorierte.

     
   Doch seine nunmehr privilegierte Position im Literaturbetrieb hatte Sperber nicht nur dazu genutzt, sich persönliche Vorteile nach Zeiten der Demütigung und langer Entbehrungen zu verschaffen, sondern auch in Not geratenen ehemaligen Bekannten und Freunden zu helfen. Erwin Wittstock war nicht unbekannt geblieben, dass Sperber bereits in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg bei der Freisprechung von Erwin Neustädter und Harald Krasser entscheidend mitgewirkt und auch sonst Menschen aus unterschiedlichen nationalen Kreisen und Gesellschaftsschichten geholfen hatte. 'Ich muss Ihnen" [...] noch ganz besonders dafür danken", schrieb Erwin Neustädter am 26. März 1947 an Sperber,dass Sie keine Mühe u. Unannehmlichkeit gescheut haben, um mir aus dem Lager zu helfen. Ich habe erst nachher davon erfahren, u. es hat nicht wenig dazu beigetragen, meinen sehr erschütterten Glauben an Menschlichkeit, Menschheit u. dgl. wieder aufzurichten u. zu stärken.

     
   Ein Zeuge, der während des Prozesses aus dem Jahre 1949 gegen Harald Krasser im Gerichtssaal saß, schrieb an Sperbers Frau Jessica:
Der Prozess von Harald ist zu unserer aller Freude gut ausgegangen [...]. Die Verteidiger haben sich ihrer Klienten sehr herzlich angenommen, auch der sehr wichtige Dekan der hiesigen Advokatenkammer Max Fröhlich, der auf Grund von Sperbers Brief für Harald ein besonderes Wort der Anerkennung fand. Das Publikum des Gerichtssaals brach nach dem vom Volksgericht erbrachten Urteil in Beifallskundgebungen aus. Harald ist Sperber, wie er mir sagte, von ganzem Herzen dankbar.'"
Im Vertrauen auf Sperbers Humanität und Hilfsbereitschaft erlaubte sich Wittstock über Ereignisse und Zuträgnisse fernerer und vor allem der neueren Geschichte zu referieren, und zwar in einer Unmissverständlichkeit und mit einer Unverblümtheit, mit der er sich zu jener Zeit an keinen anderen dem kommunistischen Machtapparat so nahe wie Sperber stehenden Intellektuellen gewandt hätte.
      Inhaltlich kreist Wittstocks langer Brief hauptsächlich um zwei Kernbereiche. Zum einen sind es die Sorgen um die Existenz und die Zukunft der sie-benbürgisch-sächsischen Gemeinschaft, als deren Repräsentant, Sachwalter und epischer Darsteller er sich Zeit seines Lebens verstanden hat. Er sei, heißt es an einer Stelle des Briefes,ungewollt und absichtslos der GelegenheitsSprecher einer kleinen, im Zuge der Auflösung befindlichen Menschengruppe, die ihre eigene Geschichte gehabt hat und [die] in der Gestalt, in der wir sie noch gekannt haben, unwiderruflich der Vergangenheit angehört.
      In diesem Zusammenhang sind jene Partien des Briefes zu lesen, die Wittstock der siebenbürgisch-sächsischen historischen Ãoberlieferung, der älteren und der neueren, widmet, in der Absicht, Sperber plausibel zu machen, dass die Geschichte des sächsischen Gemeinwesens, sich nicht auf den Gegensatz arm - reich reduzieren lasse, wie es die kommunistischen Machthaber im Zuge ihrer Enteignungsmaßnahmen gern hinstellten, dass der sächsische Großbauer und Fabrikant im sächsischen Gemeinwesen in der Regel nicht der Ausbeuter und Profitler war, sondern ein von gemeinnützigen Zielsetzungen bestimmter Familien- und Gesellschaftsmensch, eine Art Primus in-ter pares.
      Nicht kürzer sind in Wittstocks Brief die Partien über die nationalsozialistische Zeit, über Andreas Schmidt und seine Clique, denen Wittstock, ebenso wie der Regierung Antonescus, die Hauptschuld am Desaster zuweist. Auch in der Schilderung dieses nunmehr historisch gewordenen Zeitabschnittes wird Wittstock von der Absicht geleitet, Sperber zu verdeutlichen, dass die Strafe, die seinen zum überwiegenden Teil politisch unbescholtenen und ahnungslosen Landsleuten pauschal auferlegt wurde, in dieser Undif-ferenziertheit und Brutalität ungerecht sei. 'Bitte mir zu glauben, dass die Siebenbürger Sachsen nach dem 23. August 1944 bis heute seelisch Ungeheueres haben verarbeiten müssen." Wittstock erwähnt Flucht und Deportation, die Haft von einigen Hunderten in politischen Lagern, das Verdrängen der Sachsen aus den öffentlichen Stellen des Staates auf allen Ebenen - vom Beamten bis zum Kanalarbeiter -, die Totalenteignung des ländlichen Eigentums einschließlich der Bauernhäuser, des Vermögens der Minderjährigen und Geisteskranken, die Enteignung der Industrie- und Gewerbebetriebe, die Einengung der Wohnraummöglichkeiten u. ä. 'Darf und kann der Dichter", fragt sich Erwin Wittstock,der dies alles miterlebt hat und der Gestalten aus dem siebenbürgisch-sächsischen Lebensbezirk schildert, an all diesem Unglück vorüberblicken, ohne sich von vorneherein auf einer Ebene der Gefühllosigkeit und Verlorenheit zu bewegen, auf der ihm zur Strafe ohnehin nichts anderes hervorzubringen gelingen wird als hohle Worte?
Auf derselben gedanklichen Ebene liegen auch jene Partien des Briefes, in denen sich Wittstock mit seiner eigenen schriftstellerischen Laufbahn in den Jahren kurz vor dem Ende des Zweiten Weltkrieges auseinander setzt, ohne freilich auch die Zeit davor zu erwähnen.
      Es sind dies Teile, die uns im Zusammenhang unserer heutigen Themenstellung weniger interessieren, deshalb lassen wir es bei diesem Hinweis bewenden.
      Zum anderen sind es die Nöte Erwin Wittstocks, die er erwähnt, weniger die privaten, sondern die eines Schriftstellers, der 'seine Eigenart entwickelt und bewiesen hat", und der angesichts einer völlig neuen politischen und weltanschaulichen Situation, der er sich ausgeliefert sieht, ihr gegenüber sich aber nicht gänzlich zu verschließen gedenkt,sein Erworbenes nicht einfach aufgeben oder auslöschen kann, ohne damit zugleich auch das .höchste Glück der Erdenkinder', nämlich die Persönlichkeit, zu verlieren und [...] seine Sprache einzubüßen.
      Die persönliche Situation erwähnt er vergleichsweise eher beiläufig. Während er über dem Brief an Sperber sitze,gehen Kommissionen durch die Straßen der ganzen Stadt und präsentieren in ungezählten Häusern den Eigentümern eine Mitteilung zur Unterfertigung, in der ihnen zur Kenntnis gebracht wird, dass ihr Haus entschädigungslos enteignet ist.
      Auch sein Schwiegervater Dr. Wilhelm Depner, ein international anerkannter Krebsforscher, Wohltäter und überzeugter Gegner des Nationalsozialismus sowie auch viele andere Familienmitglieder und auch er selbst sei hiervon nicht ausgenommen.
      Frau Copony hatte Erwin Wittstock mit aller Nachdrücklichkeit klar zu machen versucht, dass er hinfort Bücher in der nunmehr zum feindlichen kapitalistischen Ausland gehörenden Bundesrepublik Deutschland nicht mehr veröffentlichen dürfe, was den Schriftsteller, der im Hamburger Hoffmann und Campe Verlag in den Jahren 1948 und 1949 noch drei Erzählbände hatte herausgeben können, unmittelbar auch finanziell betraf. So war es angesichts der sich anbahnenden Entwicklungen Wittstocks größte Sorge, seinen schriftstellerischen Beruf unter den neuen, durch den Machtantritt der Kommunisten geschaffenen Voraussetzungen nicht mehr ausüben zu können, oder wenn, dann nur mit großen ideologischen Zugeständnissen an die neuen Machthaber und bei völliger Einbuße geistiger Unabhängigkeit und Wahrhaftigkeit.
      Wie solle er, legt er Sperber dar, über die Honigberger Traktorfahrerinnen wahrheitsgetreu schreiben, wenn er nicht erwähnen dürfe, dass die Eltern dieser Mädchen bis 'neulich noch selbständige Bauern mit eigenem Haus und Hof gewesen" sind. Jetzt aber hätten sie alles verloren und fristetenihr Dasein in den meisten Fällen mit ihren Kindern zusammengedrängt in einem Stübchen ihres ehemaligen Anwesens, in dem der eingesetzte .Kolonist', der .proprietär', als Herr schaltet, der den früheren Eigentümern oft nicht einmal erlaubt, sich auch nur ein paar Kartoffeln hinter der Scheune anzubauen.
      Immense Schwierigkeiten bereite es ihm, den von Frau Copony und anderen Kulturaktivisten geforderten Klassenkampf in den Reihen der sächsischen Bevölkerung darzustellen, und alles auf den Gegensatz Alt - Neu zu reduzieren. 'Einer meiner letzten Besuche auf dem Lande", schreibt Wittstock,war bei einem Bauern im Dorfe Ãormesch [Irmesch, rumänisch Ormenis]. Früher hatte er Kinder, schönes Vieh, schöne Pferde, wohlbestellte Felder, Weingärten und eine geordnete Hof- und Hauswirtschaft. Jetzt sind seine Kinder in der Welt zerstreut, Feld, Haus, Weingärten, Vieh, Pferde usw. hat er verloren, er dämmert in einem Kämmerchen seines ehemaligen, im Verfall befindlichen Hauses dahin und besitzt noch eine Katze. Soll ich ihn jetzt beschimpfen, weil er zu den Wohlhabenden der Gemeinde gehört hat? Er hat von früh bis spät dem Dorf gezeigt, wie man als vernünftiger und fleißiger Mensch unter Verhältnissen, die man nicht selbst geschaffen hat und nicht zu ändern vermag, arbeiten muss, um vorwärts zu kommen. Ist das ein Verbrechen? Ist er ein Ausbeuter gewesen?
Wittstock wusste, dass an eine Ã"nderung der Verhältnisse und eine Rückkehr zu normalen demokratischen und zivilen Umgangsformen im kommunistischen Machtbereich in der ihm noch bevorstehenden Lebens- und Schaffenszeit wohl nicht mehr zu denken war. Er brachte seine und die Situation der Gesellschaft, in der er hinfort sein Leben einzurichten hatte, resignierend auf die Formel: 'Dermaßen bezwingender Machtfülle hatte ich nichts als meine Gedankenwelt entgegenzusetzen."
Deshalb hat Wittstock in den Brief an Sperber immer wieder Bekundungen eingestreut, die seinen Willen zum Ausdruck bringen, sich, wie er schreibt, 'in den Geist der neuen Zeit nach Maßgabe der in diesem Brief gezeichneten psychologischen Möglichkeiten einfügen" zu wollen.
      Als Captatio benevolentiae, weniger um die Gunst Sperbers, sondern eher die der neuen Kulturaktivisten und Machthaber zu gewinnen, lassen sich mehrere Stellen des Briefes lesen. Die Gründung der deutschen Abteilung des Staatsverlages sei ein Anzeichen einer günstigen Entwicklung, schreibt Wittstock. Weder zur ungarischen noch zur Zeit des
Wiener Einflusses oder des großrumänischen Staates nach dem ersten Weltkrieg wäre vorstellbar gewesen, dass ein Staatsverlag sich nach der deutschsprachigen Literatur der einzelnen Landesprovinzen umblickt. Jeder, der die deutsche Sprache liebt, wird sich über ihre neue Pflegestätte freuen.
      Er habe es sich zur Gewohnheit gemacht, 'die Vergleichsmaßstäbe nach Möglichkeit nicht bei der Frage anzusetzen, wie es früher gewesen ist, sondern bei den Zuständen der jüngsten Zeit." Unter dieser Voraussetzung sei es ihm wichtig zu unterstreichen,dass in letzter Zeit viele Sachsen, meist Russlandheimkehrer, in der hiesigen Industrie Anstellungen gefunden haben; dass heute jeder gesunde Sachse unter 50 Jahren, der körperliche Arbeit aushält, bei einigem Suchen eine Arbeit finden kann, die ihm, wenngleich unter schweren Bedingungen, das tägliche Brot wenigstens für seine Person sicherstellt; dass es Unternehmen gibt, in denen der arbeitende Sachse nach der chauvinistischen Hochflut der früheren Jahre heute keinen Chauvinismus mehr zu spüren bekommt oder in denen man wenigstens den Willen merkt, aus dem Chauvinismus herauszuwachsen, dass die frühere Willkür- und Erpresserwirtschaft bei den Steuerbehörden immer mehr einer geregelten Ordnung weicht, dies alles sind Grundstufen einer neuen Entwicklung, die jedermann erfreut anerkennen wird, der für die gegebenen Verhältnisse einen ungetrübten Blick besitzt.
      Sperber hat auf diesen Brief und auch auf die darauf folgenden von Wittstock, auf die hier nicht weiter eingegangen wird, nie geantwortet. Im Nach-lass von Erwin Wittstock, den sein Sohn Joachim betreut und dem ich diese Information verdanke, hat sich kein einziges Schreiben von Sperber erhalten. Es gibt darin lediglich ein Telegramm, das Sperber nach dem Tod von Erwin Wittstock an dessen Witwe gesandt hatte.
      Ãober die ausgebliebene Antwort Sperbers können wir heute bloß Vermutungen anstellen. Hatte Sperber, der wie es der Briefwechsel mit Zillich beispielsweise belegt, um eine argumentierende, mit spitzer Feder geführte Antwort nie verlegen war, Angst, der Brief könnte von der allwissenden 'Securitate" abgefangen werden? Hatte ihn am Brief von Wittstock gestört, dass dieser bei aller seiner Offenheit und Willensbereitschaft, vieles aus der Zeit vor 1945 verschwiegen hatte, auch was seine, Wittstocks Person anbelangt, vor allem seine zeitweise nicht zu übersehende Nähe zur völkischen Literaturrichtung und zu Medien und Instanzen des 'Dritten Reiches'*? War er verärgert darüber, dass Wittstock, der mit solcher Emphase das zugegeben harte Leid seiner Volksgruppe schilderte, dabei mit keinem Wort die dem jüdischen Volk von Deutschen und auch von Wittstocks Landsleuten zugefügten unvergleichlich größeren Leiden erwähnte, die sie zu dessen fast gänzlicher Vernichtung geführt hatten?
Wie dem auch sei, beantwortet wurde dieser Brief wahrscheinlich nicht, doch er hatte eine erste Begegnung und eine ausführliche Aussprache der beiden Schriftsteller in Bukarest zur Folge, von der vor allem Wittstock profitierte.
      Worüber sich die beiden Schriftsteller in ihrem Bukarester Gespräch ausgetauscht haben, ist nicht belegt und kann auch nur vermutet werden. Doch aus den Inhalten der nächsten Briefe ist darauf zu schließen, dass dieses Treffen auf Wittstock eine beruhigende Wirkung gehabt hat, dass der in diesen Hinsichten viel erfahrenere Sperber ihm wahrscheinlich angedeutet hat, dass in Rumänien auch unter der kommunistischen Willkürherrschaft nie so heiß gegessen wie gekocht wird, dass viele der äußerst streng anmutenden Vorschriften sich in der Praxis ganz anders ausnehmen, und mit einigen Tricks zu umgehen sind.
      Auf diese Weise gestärkt, hat sich Wittstock erneut an seinen Schreibtisch gesetzt, und hat auch den schwierigen politischen Bedingungen und bald auch seiner unheilbaren Krankheit noch so manches seiner schriftstellerischen Projekte abtrotzen können, auch wenn er ihren größten Teil nicht mehr hat abschließen können oder wollen.
      Dass Wittstock das wieder konnte, ist zum guten Teil auch dem neu gewonnen Schriftstellerfreund Sperber zu verdanken.
     

 Tags:
'Gelegenheitssprecher  einer  kleinen,  Zuge  der  Auflösung  befindlichen  Menschengruppe    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com