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Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Expressionistischer Synkretismus - Oscar Walter Ciseks unveröffentlichter Roman Vermenschung (I920/I92I)



1. Textgrundlage
'Er war nicht nur einer der bedeutendsten Mittler zwischen der deutschen und der rumänischen Kultur", notierte der Innsbrucker Germanist Johann Holzner in einer Rezension zu einem Band ausgewählter Erzählungen von Oscar Walter Cisek, der 2002 im Verlag des Südostdeutschen Kulturwerks, München, ediert wurde und als Erstveröffentlichung auch dessen Levantini-sche Novelle aus dem Nachlass enthält,er war auch, wenngleich ein Außenseiter im deutschsprachigen Literaturbetrieb, von allem Anfang an ein von prominenten Kollegen geschätzter, tatsächlich ein glänzender Erzähler. Ein Schriftsteller, der anderes und der auch anders erzählen konnte als Thomas Mann, Hermann Hesse oder Stefan Zweig und dennoch deren und nicht nur deren Beifall fand: Oscar Walter Cisek in Bukarest als Sohn einer deutsch-böhmischen Familie geboren, ist in den 1920er Jahren in den Dienst des rumänischen Außenministeriums getreten und etwa gleichzeitig auf dem Gebiet der deutschen Literatur erschienen, und zwar vor allem mit Romanen und Erzählungen.
      Schon im Jahr 1972 war ein großer Teil des Nachlasses Oscar Walter Ciseks aus dem Besitz seiner Witwe loana Cisek vom Museum für Rumänische Literatur - Muzeul Literaturii Romane - erworben worden. Darin befand sich u. a. auch ein unveröffentlichtes, umfangreiches und abgeschlossenes Manuskript in der kalligraphischen Reinschrift des Autors: der Roman Vermenschung. Gebundenes Exemplar mit blauem Harteinband, 252 S. Das Titelblatt trägt den Vermerk: 'Geschrieben 16. Februar 1920 - 15. September 1921 zu Bukarest, Neapel, Sorrent, Bad Wörishofen."
Unter der Signatur MLR 17580/1-252 wurde das Manuskript akzessiert und kann zurzeit in der Bibliothek des Museums für Rumänische Literatur eingesehen werden. Eine Fotokopie des Textes, die ich im Juni 1999 anfertigte, wird im Archiv des Instituts für deutsche Kultur und Geschichte Südosteuropas aufbewahrt.
      Einem Beitrag von Annemarie Podlipny-Hehn über Ciseks Vermenschung aus dem Jahr 1991 ist zu entnehmen, dass der Ankauf auf Vermittlung des Schriftstellers und Publizisten Franz Storch zustande kam und dass - auf dessen Ersuchen - Frau Podlipny-Hehn ein dafür erforderliches Gutachten verfasst hat. Dieses hatte sie bereits 1972 in der Bukarester Zeitschrift Volk und Kultur veröffentlicht4, deren Chefredakteur Franz Storch zu jenem Zeitpunkt war. Es handelt sich hierbei um den ersten Kommentar zu Ciseks Jugendroman, der - laut Aussagen der Verfasserin - unter großem Zeitdruck, in einer Nacht, geschrieben werden musste/
Zu Ciseks Lebzeiten war im November 1920 - also vor Abschluss des Romans, als offensichtlich auch dessen Titel noch nicht feststand - nur ein kurzes, eher belangloses Romanfragment in der Hermannstädter Deutschen Tagespost erschienen. Sowohl in den wenigen Selbstzeugnissen, die er hinterließ, als auch in den Interviews, die er in den 1960er Jahren gewährte, brachte Cisek die Vermenschung nicht zur Sprache. Möglicherweise empfand er im Rückblick dieses eklektische Frühwerk als Jugendsünde', die keinerlei Erwähnung mehr verdient, doch war er sich sicherlich andererseits bewusst, dass seine Ausdeutung der in der Vermenschung beschriebenen, verheerenden ,Folgen' eines revolutionären Umsturzes kapitalistischer Herrschaftsverhältnisse nicht den Interpretationsschemata marxistisch-leninistischer Historiographie entsprach und daher Stillschweigen angebracht sei - die zweijährigen Hafterfahrungen in sieben Gefängnissen des kommunistischen Rumänien hatten ihn vorsichtig werden lassen, auch wenn er in seinem letzten Lebensjahrzehnt vielfache Anerkennung fand.
      Erst fünf Jahre nach Ciseks Tod lieferte Alfred Kittner einen ersten, ungenauen, Hinweis auf das Romanmanuskript. In einem Nachwort zu dem Band ausgewählter Erzählungen Die Tatarin erwähnt Kittner en passant 'den unveröffentlicht gebliebenen, in Sprachbehandlung und Handlungsaufbau der expressionistischen Richtung huldigenden Roman Entmenschlichung' [sie!], der im Manuskript erhalten geblieben ist [...]"7. Es sollten weitere 17 Jahre vergehen, bis die Bukarester Zeitschrift Neue Literatur einen relevanten Auszug - die Schilderung des Revolutionsausbruchs - aus Ciseks Romans abdruckte. Als Textgrundlage diente die handschriftliche Fassung aus dem Museum der Rumänischen Literatur. In einer knappen und prägnanten Präsentation feiert Helmut Britz, beflügelt von 'schierer Entdeckerfreude", 'das unbekannte Manuskript eines Klassikers" alsunbändige[s] Erstlingswerk, dessen zügellose Vitalität zu beschneiden, der Meister sich offenbar nicht entschließen konnte, das wie ein erratischer Block ins Gesamtwerk hineinragt und das literaturhistorisch sanktionierte Bild, wenn nicht gleich umstürzt, so doch verändert [...]; man entdeckt, dass Ciseks Werk um eine Dimension reicher ist, als wir bisher wahrhaben wollten.
      Im selben Jahr - 1988 - war von der Redaktion der Neuen Literatur eine maschinenschriftliche Erfassung des Romans in Auftrag gegeben worden. Anfang der 1990er Jahre hatte der Redakteur der Zeitschrift Helmut Britz dem an der Universität Klausenburg lehrenden Germanisten Michael Mar-kel, der an einer Anthologie des rumäniendeutschen Expressionismus arbeitete - ein Projekt, das leider nicht verwirklicht wurde -, eine Kopie von 186 Seiten des Manuskripts der Vermenschung leihweise überlassen und ihm auch in Durchschrift das 212 Seiten umfassende Typoskript dieser Romanteils zur Verfügung gestellt. In dieses Typoskript hat mir Michael Markel, der im Dezember 1992 in die Bundesrepublik Deutschland übersiedelte, freundlicherweise Einblick gewährt. Infolge der zahlreichen Transkriptionsfehler und Verschreibungen sowie einiger Textlücken stellt es allerdings keine gesicherte Arbeitsgrundlage dar. Ob sich eine vollständige Fassung des Typoskripts erhalten hat, konnte bisher nicht eruiert werden. In den e-hemaligen Redaktionsräumen - Str. Berthelot 41, Bucuresti - der Zeitschrift Neue Literatur, deren bereits stark ,geschrumpftes' Restarchiv durch einen Ankauf des Südostdeutschen Kulturwerks vor einer ,Entsorgung' gerettet werden konnte, war es nicht aufzufinden.
      2. Entstehungsgeschichthcher Hintergrund
Oscar Walter Cisek wuchs zweisprachig in der rumänischen Hauptstadt auf10, deren deutsche 'Kolonie" um das Jahr 1910 20.000-22.000 Personen zählte, die über 22 Vereine und über ein reich gegliedertes konfessionelles Schulwesen verfügten, Zeitungen und Kalender herausgaben." 1917 legte er am Evangelischen Gymnasium das Abitur ab - während des Ersten Weltkrieges und nach dem Einmarsch deutscher Truppen in Bukarest am 6. Dezember 1916. Die Militärverwaltung der Besatzungsmacht rief eine Zensurbehörde ins Leben und trachtete durch gezielte Maßnahmen danach, über Printmedien und Bildungsinstitutionen den Sieg der Waffen mit einer selbstbewuss-ten kulturellen Präsenz zu verbinden sowie die Errungenschaften des , deutschen Geistes' und dessen Suprematie zu popularisieren. Gegründet wurden im Jahre 1917 ein Deutsches Theater, das u. a. auch Stücke von Frank Wedekind und Georg Kaiser aufführte, sowie eine Frontuniversität, an der u. a. Oskar Walzel Vorlesungen hielt.I: Der junge Cisek hat in dieser Zeitspanne von zwei Jahren - im November 1918 räumten die deutschen Truppen Bukarest - seine Kenntnisse der deutschen Gegenwartsliteratur sicherlich erweitern können. Er selbst berichtet in einer Hommage für den 75-jährigen Arnold Zweig über die Faszination, die Georg Heyms Gedicht Deine Wimpern, die langen auf ihn ausübte und dass er in der deutschen Militärbuchhandlung, die auch 'für Zivilisten" zugänglich war, Neuerscheinungen wie Thomas Manns Herr und Hund, Gerhart Hauptmanns Ketzer von Soana und Arnold Zweigs Novellen um Claudia erstand.

     
   Jedenfalls zeugen die literaturkritischen Aufsätze, die Cisek nach Ende des Ersten Weltkrieges veröffentlichte, von einer erstaunlichen Belesenheit. Kenntnis- und zitatenreich, mit streckenweise überschwänglichem Enthusiasmus und metapherndurchsetztem Pathos durchwandert der 24-Jährige in der Deutschen Tagespost vorrangig die Gebiete des deutschen Gegenwartsschrifttums, rühmt Dehmel und Trakl, Däubler und Werfel, erweist aber auch Henri Barbusse, Knut Hamsun, Maxim Gorki und Walt Whitman seine Reverenz. In seinen frühen Gedichten werden Schreibweisen durchexerziert, die sich zwischen der Dekorationsästhetik des Jugendstils, neuromantischem Subjektivismus und expressionistischem Vitalitäts- und Menschheitspathos bewegen. Auch seine ersten Prosaversuche, die durchweg jenseits des primären Erfahrungsraums ,Alt-Rumänien' angesiedelt sind, werden von keinem einheitlichen Stilwillen gebändigt. Sie thematisieren Gegensätze zwischen den Zwängen bürgerlicher Existenzsicherung und Freiheitsdrang, festgeschriebenen sozialen Verhaltensregeln und normsprengenden Emotionen, Wirklichkeitserfahrungen und Traumphantasien, zwischen Realitäts- und Lustprinzip - Oppositionsrelationen, die auch seinen Roman Vermenschung durchziehen.
      3. Handlungsstruktur und Fabel
In Anlehnung an Horst Denklers Typologie des expressionistischen Dramas kann man Ciseks Vermenschung als einpoligen Wandlungsroman bezeichnen. Er enthält 39 titellose Abschnitte von unterschiedlicher Länge. Oscar Walter Cisek verzichtet auf eine Gliederung des Romans in Kapitel, da er deren Ordnung stiftenden Charakter offensichtlich als einen Strukturzwang empfand, der ihm mit den widersprüchlichen, geradezu unberechenbaren Reaktionen des Hauptakteurs sowie dem dynamischen Geschehnisablauf unvereinbar zu sein schien. Sein Titel, der in aller Kürze einen Entwicklungs-prozess signalisiert, ruft eine dominante Vokabel aus dem Schlagwortkatalog' des expressionistischen Aktivismus auf. Die Handlung, die sich in einem Zeitraum von acht Monaten abspielt, entfaltet sich einsträngig-kontinuierlich, der Szenenwechsel erfolgt allerdings oft sprunghaft, die einzelnen Abschnitte sind nur locker miteinander verknüpft; erzählt wird - abgesehen von drei integrierten Binnengeschichten - im Präsens und in Verschränkung auktorialer und personaler Perspektive. Dialogpartien nehmen breiten Raum ein.
      Im Mittelpunkt steht ein 25-jähriger junger Mann, der in der Autorenrede häufig als 'der Junge" apostrophiert wird und der nur sehr selten aus dem erzählerischen Blickfeld verschwindet. Peter Rufer, ausgestattet mit einem expressionistisch eingefärbten Nachnamen, lebt in seinem bürgerlichen Elternhaus - der Vater ist Kaufmann - in einer namenlosen Stadt des 20. Jahrhunderts und arbeitet 'in einem dumpfen Bankhaus, hinter einem wackeligen Schreibtisch"15. Kompensation und Entspannung sucht er im Großstadtgetriebe, im ländlich-naturnahen Umfeld, in Büchern und in Begegnungen mit seiner Geliebten Lu Borinski, der Tochter eines tüchtigen Unternehmers, die er schon im Kindesalter während der Sommerferien in einem Luftkurort in den Alpen kennen gelernt hatte. Die vertrackte, von leidenschaftlichen Gefühlsverwirrungen begleitete Geschichte dieser Beziehung - 'Heute ist Lu meine schönste Dirne" - erzählt Peter Rufer 'in einem schäbigen Nachtlokal" seinem ehemaligen Klassenkameraden, dem melancholischen Dichter der Innerlichkeit -'Aber ich finde das Anziehende oft, allzu oft nur in mir, in meiner Einsamkeit, im Alleinsein mit der Natur." - Felician Sancho.
      Auf einem Waldspaziergang macht Rufer die Bekanntschaft der Familie eines wohlhabenden Rechtsanwalts und gerät in den Bann von dessen Frau, der 28-jährigen ,,schlank[en] und hellten]" Maria Vardot, die er mit abgöttischer Verehrung umkreist. In deren Haus begegnet er dem 20-jährigen Dienstmädchen Lina mit dem frischen Gesicht und dem schlanken festen Leib; die jungfräuliche Lina verliebt sich in Peter, der ihretwegen seinen Urlaubsaufenthalt in dem Gebirgsdorf verlängert: 'Und er bleibt noch drei Tage. Lina rast vor Glück. Abende verbringt er bei ihr. Nachher scheint ihm die Eisenbahn ein konsequent nüchternes Ungeheuer." Zurückgekehrt in die Stadt, verfällt er erneut den Verführungskünsten Lu's und verdrängt die Erinnerung an Lina, die sich in sehnsüchtiger und vergeblicher Erwartung verzehrt und schließlich aus Liebeskummer Selbstmord begeht.
      Felician Sancho führt Peter Rufer in einen Kreis ein, dessen Mitglieder eine gewaltsame Umgestaltung der sozialen Unrechtsverhältnisse planen. Zutiefst beeindruckt ist er vor allem von dem kleinen und blassen Efraim Blaustein mit den 'jüdisch-seherischen Augen unter der Last der gewaltigen Stirne". Dessen Weggefährte, 'Rohkopf Berkow" , führt die Verhandlungen mit den Führern der Arbeiterschaft und organisiert die revolutionären Aktionen. In der Wohnung des Architekten Johannes Veidt kommt man zusammen, um den bewaffneten Kampf vorzubereiten. Zwischen der in unglücklicher Ehe lebenden, abenteuerlustigen Julia Veidt und Peter Rufer entwickelt sich ein Liebesverhältnis, das von sinnlicher Begierde und bizarren Streitereien geprägt ist. Als Berkow das Zeichen zum Losschlagen gibt
,greifen Blaustein, Rufer und Sancho an der Seite von Arbeitern und Studenten, Dirnen und Kindern in die blutigen und verlustreichen Straßen- und Barrikadenschlachten ein; der zum todesmutigen Kämpfer gewandelte Dichter fällt durch einen Kopfschuss, Peter Rufer wird durch einen Streifschuss leicht verwundet.
      Doch die siegreiche Revolution mündet vorerst in Anarchie. Berkow und die anderen 'Rohköpfe schwelgen in Kostbarkeiten" , reißen schließlich die Macht an sich und errichten eine Diktatur, die sich über die Bedürfnisse und Hoffnungen des Volkes hinwegsetzt - die Opfer waren vergeblich, die Lüge triumphiert, der Hunger grassiert: 'Man kaut verschimmeltes Brot." Obwohl Blaustein und Rufer 'hohe Stellungen" angeboten werden, verweigern die beiden ihre Zusammenarbeit mit der neuen Regierung und gehen den Weg einer inneren Emigration, ziehen sich in ein abgelegenes Gebirgsdorf zurück und betreiben Annäherung an das , einfache Leben'. Die Sehnsucht nach Lu ruft Peter, der zur baldigen Rückkehr in die ländliche Idylle entschlossen ist, in die Stadt. Er trifft sie jedoch nicht an, erfährt, wo sie sich aufhält, reist ihr in eine Hafenstadt nach, mietet ein Zimmer in einem verfallenen Haus, begibt sich zu Lu, die in einem Villenviertel wohnt, und bleibt bei ihr zum Anbruch des Morgens, ohne mit ihr geschlafen zu haben.
      Auf dem Weg in sein Quartier verschenkt er an Passanten sein Geld und seine Kleider, streift auf der Schwelle seines Stübchens auch die 'schweißige Wäsche von seinem Leib" und reicht sie einem Krüppel, der ihn begleitet hatte. Abrupt endet der Roman: 'Lungenentzündung erwürgt den Jungen. Am dreiundzwanzigsten November stirbt er."
4. Der erzählte Raum
Die binäre epochentypische Opposition Zivilisation/Stadt vs. Natur/Dorf, die über die expressionistische Bewegung hinausgreift und gleichermaßen Heimatkunst und Neuromantik prägt, ist der Vermenschung eingeschrieben.
      In dem ambivalenten Stadt-Portrait - Ausdruck eines für den Expressionismus charakteristischen, gespalteten Wirklichkeitsbegriffs -, das vorrangig aus dem Blickwinkel Peter Rufers, aber in einigen Erzählpartien auch aus einer von Autorkommentaren begleiteten übergeordneten Perspektive gestaltet wird, dominiert zwar scharfe Zivilisationskritik, doch schimmert andererseits auch Faszination durch, die von der buntscheckigen Großstadtwirklichkeit ausgeht. Diese durchstreift zu unterschiedlichen Tageszeiten der unruhige Flaneur Rufer, wodurch erzähltechnisch die Möglichkeit geboten wird, einen Ballungsraum der schrillen und grellen Dissonanzen in bewegter Optik auszukundschaften. Es dürfte dem Leser schwer fallen, ein reales ,Urbild' der Landeshauptstadt, in der sich der Regierungssitz des Präsidenten befindet, zu eruieren und diese geografisch zu verorten. Keinerlei Namen von Wohnvierteln, Straßen, Plätzen, Banken, Museen etc. werden genannt. Auffällig ist, dass die ethnische Zugehörigkeit der Personen nur bei Juden ex-pressis verbis hervorgehoben wird, gelegentlich ist von Armeniern, Türken und Italienern in den Vorstädten die Rede. In expressionistischer Stilisierung formt Cisek die urbane Fiktionslandschaft zum Modell einer von sozialen Gegensätzen zerrissenen bürgerlich-kapitalistischen Vergesellschaftungsweise - zum locus terribilis der Moderne, zu einer Produktionsmaschine von ineinander greifenden, verwirrenden Wahrnehmungen, die einerseits in unverkennbar expressionistischem Simultanstil protokolliert, andererseits bildhaft verdichtet werden - durch die metaphorische Verdoppelung' des Empfundenen und Wahrgenommenen: 'An den Hals springt ihm die Furcht: eine Wildkatze" ; 'Zerknittertes Laub, hängen die Röcke an ihren krummen Hüften herab" ; 'Ein summendes Rad, greift der Junge in den Braus" ; 'Zeit kriecht auf ihm: eine ekelhafte Käfermenge, die alles trübt, verdunkelt." Das in der Vermenschung raa-nieristisch und allzu extensiv praktizierte Verfahren, dargestellte Realität und Gefühlszustände sinnenhaft fassbar zu machen und zu gestalten, wird Cisek in seinen späteren Erzählwerken mit schärferem Kunstverstand einsetzen, die Metaphorik gleichsam ,autochthonisieren', sie aus einem balkanischen Lebensumfeld herausfiltern.
      Die Stadt mit ihren wenigen Kirchen, voll gepferchten Theatern, Lichtspielhäusern, Bordellen und Grünanlagen, deren Randbezirke in Industriegebiete mit ragenden Fabrikschloten, in Elendsviertel mit verrufenen Kaschemmen übergehen, ist durchtost vom Geläute der Trambahnen, dem Geratter der Kraftwagen, dem Gerumpel der Pferdedroschken, den Rufen der Zeitungsausträger; sie erscheint als Konglomerat des Heterogenen, bevölkert von e-leganten Damen und heruntergekommenen Dirnen, von wohl situierten Bürgern und keifenden Marktweibern, von schwindsüchtigen Arbeitern und aggressiven Bettlern, von utopischen Träumern und verzweifelten Sozialisten. Mit ihrem chaotischen Angebot an überraschenden Erfahrungen, vielfältigen Vergnügungen und verlockenden Abenteuern, in der Eigendynamik ihrer flutenden Menschenmassen ist sie ein Topos akzelerierter Wahrnehmung und gesteigerter Lebensintensität:
Hinundher, buntes Gemenge, Warnungsrufe und Signale, die wie schartige Messer in a-bendliche Luft dringen: eine Hauptstraßenkreuzung. Und als Hintergrund dazu: ein orange Himmel, der allmählich erblasst und sich in einer Stunde ganz in seine schwarze Schlafmütze gehüllt haben wird.
      Wie satte Blutegel kriechen am Nachmittag feucht-fette Wolken über Dächer. Dann fällt fein und dicht der Aprilregen, zaudert, stürzt. Eine Stunde dauert das, vielleicht mehr. Sich dessen zu besinnen, hat man hier nicht Zeit. Man trachtet, recht bald und leicht, diesem Verknotungsgewimmel zu entkommen, fern zu sein diesem ewig bewegten Strudel. Treffen Augen dies Wirrsal-perpetuum-mobile, warnen Gehirne: Sinne, springt wachend vor! Auch Straßenbahnen rutschen ins Dunkel, Autohupen, stöhnende, grölende, heulende, künden Tod. Rinnen beißen Räder in glänzenden Asphalt, finden sie dich, wird ein lebloser Klumpen aus dir schon in nächsten Sekunden, ein roter breit gequetschter Klumpen! Aber all dies ist Bewegung, ist unendlicher Rhythmus, Durststillen; all das: Tanz des Lebendigseins!
Als Ergebnis eines rasanten und rücksichtslosen Modernisierungsprozesses von naturnegierender Kraft ist sie jedoch auch ein Vernichtungsraum authentischen Lebens, ein Ort enthumanisierten, entfremdeten Daseins, das gleichsam einer ,Erlösung' entgegenfiebert:
Sie ist da: steil gebietend. Schlote beschimpfen den Himmel mit dem Qualm ihrer Münder. Grünes fristet ein halb verschollenes Leben. Das will gestreichelt sein wie ein kränkliches Kind.
      Menschen, viele, arme sind ihm [Peter Rufer - Anm. P. M.] verkrüppelte Wurzeln. Seltsam, dass Gesichter so vom Schmerz bekritzelt sind, dass Häuser nicht noch lauter seufzen.
      Offenes Land, umarmendes, in weiter Einfalt.
      Aber hier: so viele Schlupfwinkel der Kleinheit! Es wird schwer sein, Städte zu erlösen. Fast ist, als wären niemals Engel in ihren Mauern gewesen. Oder kann ihr Gesang kein Echo finden in diesen tausend tauben Regungen?
Aus dem würgenden und künstlichen Dickicht der Stadt in das 'offene Land", in die 'weite Einfalt" flieht Peter Rufer mehrfach - auf der Suche nach der Heilmacht des Ursprünglichen. Ein Refugium auf Dauer bieten der Naturraum und das erdverbundene Landleben nicht, doch bilden sie eine Gegenwelt voller Erleuchtungen und Offenbarungen zur gesellschaftlich-zivilisatorischen Realität. In vitalistisch-nietzscheanischem Ãoberschwang wird der Einbruch des Frühlings gefeiert: 'Leben warf, erbrach, spie Leben."
Cisek evoziert in der Vermenschung die Natur als Magna Mater. Noch kippt die von kosmologischen und personifizierenden Metaphern, von expressionistischen Lyrismen durchwirkte Sprache in ekstatisch-visionäre Redseligkeit um, sie präludiert jedoch die Melodie der geheimnisvollen Schöpfungseinheit, die Cisek in seinem Gedichtband Die andere Stimme anstimmt und in den gebändigt kraftvollen Landschaftsschilderungen seines Romans Strom ohne Ende aufklingen lässt:
Wenn der Morgen aufglimmt, sind die beiden Freunde [Blaustein und Rufer - Anm. P. M.] schon auf dem braunen Feld. Tau perlt hart und eisig [...]. Ein Chor nackter Birken-stämmchen singt Licht am Weg. Wolken sind weiße Dolden, schlingen Blumenketten herab. Das Wunder ist groß. Ãoberall flutet mit Fingern fassbare Verzückung. Dass man weint. Dass man tief in den Himmel taucht das Gesicht. Dass man wächst in unnennbaren Traum. Dass die trocknen Gräser in Wallung geraten, sich spannen wollen, um jedes Gewicht hoch zu schleudern. Dass man wiehern möchte wie ein junges Pferd.
5. Figurenkomposition und Figurenkonstellation
Peter Rufers Werdegang wird von den anderen Romangestalten flankiert, begleitet, modelliert, sie erfüllen bestimmte Funktionen bei seiner Wegsuche, wirken als Kontrast- und Korrespondenzfiguren, als Hindernisse bzw. als Katalysatoren seiner Wandlungen. Wie in vielen anderen Werken der Jahrhundertwende düstert in Peter Rufers Erinnerungen die Schule als Haftanstalt auf, wird der Vater-Sohn-Konflikt - allerdings in einer relativ gemäßigten Form - thematisiert. Verständnis findet er bei seiner gütigen und hilfsbereiten Mutter, an die ihn eine unzerstörbare emotionale Bindung bis an sein Lebensende kettet.
      Die Handlung auslösende Befindlichkeit Rufers, der seine Arbeit in einer Bank - 'ein kalter Keller", eine 'Hölle der Scheinheiligkeit, die verkümmerte Stickluft erbricht" - als sinnentleert, als geist- und gefühlstötend empfindet, ist eine brodelnde Unzufriedenheit, die diffuse Sehnsucht nach einem Anderssein. Der Beruf des Bankangestellten bildet bekanntlich in der Literatur des Expressionismus eine metonymische Konfiguration der ver-hassten Realität des Profits, der Zahlen, der Allmacht des Geldes - hier sei nur an den Kassierer in Georg Kaisers Stationendrama Von morgens bis mitternachts erinnert.
      Angewidert ist Peter Rufer nicht nur von der Ã-de seines Berufsalltags, sondern auch von bürgerlich-utilitaristi scher Mentalität, von bürgerlichen Verkehrs- und Umgangsformen. Zum Dingsymbol der verwalteten Welt, der genormten Lebenswirklichkeit wird die Uhr, die als ein Leitmotiv des Romans figuriert. Schon als Kind hat Rufer eine Uhr gegen eine schäbige Mundharmonika eingetauscht: 'Einziger Grund: auf dieser konnte ich den ,Gesang Weylas' und ,Das Lied an den Abendstern' aus ,Tannhäuser' spielen." Jahre später stiehlt er dem Vater eine goldene Uhr, die er einem Juwelier verkauft.
      Uhren sind die genauesten, kältesten Buchhalter, deren hartes Betragen mich niemals anzog. Das Gesicht der Uhren ist unverschämt und nackt und bar jeder Phantasie ,bekundet er in einem Gespräch mit Marie Vardot. Sein Antipode und ehemaliger Schulkamerad Max Forli, ein gesellschaftlich angepasster, karrierebe-wusster Vernunftmensch, 'schlägt den Kopf wie die Deckel eines Bierglases hoch, plappert, dass seine Worte dem Getue einer Spieluhr gleichen [...]".
Der Ausbruchswunsch aus einem eingeschnürten Existenzbezirk treibt Peter Rufer um. Ein von widerstreitenden Gefühlen zerrissenes Subjekt dürstet geradezu nach turbulenten Erlebnissen. Hochgradige Erregungszustände alternieren mit Abstürzen in die Lethargie, übersteigertes Selbstbewusstsein wird punktuell von Anfällen der Selbstverachtung durchkreuzt, auf ekstatische Aufschwünge folgen Momente tiefer Verzweiflung. Peter Rufer gerät in jubelnde Verzückung oder wird von Weinkrämpfen geschüttelt, führt Selbstgespräche, grüßt fremde Menschen, schneidet Grimassen, fahndet nach emotional aufwühlenden, ungewöhnlichen Begegnungen jenseits der herrschenden Ordnungs- und Verwertungszwänge:
In ihm wimmeln Gefühle. Durst wälzt sich zwischen seinen Zähnen, treibt Keile gegen die Kiefer.
      Er möchte im Leibe der Mutter liegen, Lus Hüften bestaunen, ihre Achseln kitzeln, einen Hengst bändigen, überreife Apfelsinen ausschlürfen, wie eine Klapperschlange eine Kuh anspringen, ihre Euterspitzen umfassen, laue Milch trinken. Alles auf einmal.
Nahtlos integriert sich die Figurenkomposition von Ciseks Hauptakteur in das , Strickmuster' expressionistischer Helden - wie sie in Prosatexten von Kasimir Edschmid bis Melchior Vi scher in Erscheinung treten:
Das Streben nach Simultaneität ist daher einer der aufschlussreichsten Schlüssel zum Verständnis dieser so schwer fassenden Bewegung, die sich wohl nirgends besser zu erkennen gibt als in diesem superlativischen In- und Durcheinander aller nur denkbaren menschlichen Verhaltensweisen.

     
   Wie der Arzt Werff Rönne in Gottfried Benns Erzählung Der Geburtstag sprengt Rufer in rauschhaften Visionen den Kerker der Individuation, katapultiert sich in assoziativ-kombinatorischen Phantasiespielen in ferne exotische Gegenden. Nach einer bei Lu Borinnski verbrachten Nacht verwandelt sich während des frühmorgendlichen Heimwegs die Welt des Großstadtalltags in eine arkadische Naturidylle, in eine südlich durchsonnte Jugendstil-Szenerie:
Beine werden träger, seine Lider zieht er herab wie ein Maler, der die Farbensprache eines Bildes ganz verstehen möchte. Mechanisch folgt er dem matten Band des Fußsteiges, aber seine Arme werden von Verzückung gehoben: er ist weit. Ein Wonnegefühl trennt seine Lippen: er atmet, lebt in einer breiten Landschaft. [...]
In der Unendlichkeit dieses Meeres möchte der Wanderer ertrinken, nur müsste Sonne sich sogar im letzten Tröpfchen des Grundes baden. Heilung, Rettung wäre das in diesem Augenblick, denn vielleicht - und Angst zittert in ihm - könnte schon nach Sekunden die Farbe der Himmelsdecke erblassen, und das ließe dann die Zusammenballung des Lebens in ihm nicht zu [...]. Aber eine Ãoberwindung dieses Bangens spricht dann das große Wort. Die Gipfelreihe der Bergkette fängt dann die Blicke auf, weit, rückwärts. Und Licht lehnt an den Abhängen, schneidet in Täler, fließt wie goldener Wein über Abflachungen, die an helle, über Zecheitische fließende Tücher gemahnen. [...]
Meer tönt hier kraftvoller und einheitlicher, funkelt in der Bucht: ein Smaragd in silberner Fassung.
In einem Brief über den jungen Werfel hatte Oscar Walter Cisek 'eine Art Unanimismus" als Erlebnisgrundlage des Prager Dichters bezeichnet:
[...] Werfel möchte in allen Dingen aufgehn, mit allen vollkommen verwachsen, als habe er alle Schicksale durchgemacht, als dürfe er darum alle Menschen zur Verbrüderung rufen [...]. Werfel ist ein Mensch!

   Auch Peter Rufer schwelgt in Sehnsüchten nach einer Ich-Entgrenzung, einer pantheistischen All-Liebe und All-Einheit:
Erfüllung: jede Last mit sich tragen und jede Frau mit entzückten Blicken küssen und mitgraben an jedem Grab und mit dem ganzen eigenen Wesen aus der Stimme jedes Bettlers um ein Almosen bitten. Erfüllung: eins zu sein mit dem durch Harkenhiebe zerstückten Wurm, eins zu sein mit dem Todeswimmern des verwundeten Rehs. Erfüllung: durch den Tod eines Flugzeugs sein eigenes Genick zu brechen, durch das Aufblühen einer Kamille unendlich bereichert zu werden. Erfüllung: Engel und Teufel zugleich zu sein, überlebensgroß zu sein und doch, trotz allem, durch alles, mit allem, befruchtet durch alles, gepeinigt von allem, verspottet von allem, erhoben durch alles: ein Mensch, ein Mensch, ein Mensch."
Diesen Projektionen einer intensiv erfühlten Totalität des Seins wirkt Rufers triebbestimmte Egozentrik - Ausdruck der vitalistischen Spielart des Expressionismus - entgegen. Deren Sog liefert er sich anfänglich lustvoll aus, wobei das hemmungslose Ausleben sexueller Bedürfnisse eine erste, eine subjektiv-anarchische Modalität der Rebellion gegen bürgerliche Inhibierung darstellt. Dabei repräsentieren die vier Frauen, die in sein Leben treten, unterschiedliche weibliche Typen, die gleichsam die Bandbreite seiner Neigungen und Leidenschaften dokumentieren: Lu verkörpert die lasziv-mondäne Luxusgeliebte, Marie Vardot den sakralisierten und spiritualisierten E-ros, Lina die naturhafte Einfalt und Julie Veidt die promiskuitiv-vulgäre Sexualität.
      In den zahlreichen Begegnungen mit diesen Frauen verkommt der kraftmeierische und bilderreiche expressionistische Sprachduktus über weite Strecken zu triefender Sentimentalität, kitschiger Trivialität oder platter Banalität -wider des Erzählers Intention könnten diese Passagen auch als Parodie und Persiflage gelesen werden. Sie bilden den Hauptgrund dafür, dass von einer Veröffentlichung des ganzen Romans abzuraten ist. Hier seien zwecks Illustration nur wenige Ausschnitte eines Dialogs zwischen Peter und Lina zitiert:
So hopst sie in eine Zimmerecke, schwingt einen Stuhl in seine Nähe, wird rot und heiß, gesteht: ,Peter, ich hab dich lieb. Es ist schrecklich, dass ich dich so lieb habe. An mich möchte ich dich drücken, ganz eng an mich, dass du kaum noch imstande wärest, richtig zu atmen.'
Der Junge, dessen Silben in der Kraft ihres Gesichts verwehen: ,Lina, du bist eine Blume, die aus dem Blut wuchs, nach dem schon meine Ahnen lechzten. Ich muss ganz in dir leben, da mich sonst deine herbe Anmut kasteien würde, weil deine Güte so arm ist und so fromm. Dürfte ich dich nicht ein wenig glücklich machen, ich wäre unrettbar unglücklich.'
Seine Triebhaftigkeit empfindet Rufer selbst als 'Brunst, die ihn grundwärts zieht" , und er erkennt in ihr allmählich ein Hemmnis auf dem Weg in die Vermenschung: 'Fiele die Sinnlichkeit von mir, wäre ich ein Engel: aus einer Raupe würde ein Schmetterling werden." Peter Rufer, der sich gelegentlich in die Schriften der deutschen Mystiker vertieft, hat in der Bildergalerie eines Museums ein aufrüttelndes Kunst-Erlebnis. In seiner entflammten Vorstellung wird eine Gipsfigur des Heiligen Franz zum Wegweiser in bisherige Glückserwartungen transzendierende Sphären:
[...] aus der Kapuze leuchtet erdfern der Geist: Gesichtszüge, aus denen das Fleisch längst verstummt ist, ein Sehen, in Wundererfüllung verbannt, Entwurzelung, die nach dem Jenseits schmachtet. Jedes Alter fällt von ihm ab. Welt orgelt Ewigkeit. Unerbittliches bricht auf im Jungen. Er weint laut. Von Unbewusstem gehoben, möchte er diesem Heiligen folgen. Er weint. Erde hat in ihm sich verkrampft und will Himmel.
Doch der Freitod Linas, der heftige Gewissensbisse in ihm auslöst und ihn mit rasender Verzweiflung erfüllt, vermenschlicht' ihn, macht den Schwankenden - der nun auch seine Stelle in der Bank aufgibt - vorerst ,reif zur Tat: Aus dem vitalistischen Individualisten wird ein unmittelbar eingreifender Aktivist.
      In expressionistischer Modellhaftigkeit fungieren die beiden Protagonisten der Weltveränderung - Blaustein und Berkow - als Ideenträger. Dabei konfrontiert Oscar Walter Cisek zwei unterschiedliche Vorstellungen von der Errichtung der neuen Gesellschaft und deren Beschaffenheit, über die - nach dem Sieg der bolschewistischen Revolution in Russland, vor allem aber nach Ende des Ersten Weltkriegs - Wortführer des Expressionismus in Deutschland heftig und polemisch debattierten. Obwohl auch Blaustein, dem Gebot der Stunde gehorchend, zum Barrikadenkämpfer wird, erweist er sich als Adept eines idealistischen Revolutionskonzepts, das auf Kurt Hillers Projektion von der Kraft des Geistes und der erzieherischen Führungsrolle der Intellektuellen bei dem Aufbau einer von Ausbeutung befreiten republikanisch-demokratischen Gesellschaft gründet. Offensichtlich kannte Cisek die von Hiller herausgegebenen drei Z/eZ-Jahrbücher , ein Organ des literarisch-politischen Aktivismus, das für die 'tätige Gemeinschaft geistig gerichteter Menschen"" warb.
      Blaustein, dessen 'gelichtetes Haupthaar einem Heiligenschein gleicht" , träumt davon, dass die Erde wieder gartenhaft und hassfrei werde, will die herrschende 'Macht durch starke Einklänge und Melodien des Geistes erdrücken" und - als 'Sämann für Künftiges" - in seinem Lebenswerk 'den Menschen von hier aus mitteilen, welche Wege sie einschlagen könnten, wenn sie Letztes nicht scheuen würden". Ihm gehört gleichermaßen die Sympathie des Erzählers Cisek wie seiner Figur Peter Rufer, der Blaustein als Lehrer verehrt und als Freund liebt. Scharf verurteilt wird durch den Geschehnisablauf hingegen die Verwirklichung des bolschewistischen Revolutionskonzepts, das u. a. in Franz Pfemferts Berliner Zeitschrift Die Aktion propagiert wurde und das der machtbesessene und illusionslose Stratege Berkow verkörpert. Wie Berkow handelt auch Jose Othink in Max Herrmann-Neißes Roman Der Flüchtling , 'in dem der Aufbruch des Büroangestellten [!] Otto Kirch aus seiner grauen Alltagswelt und die Durchführung einer Revolution geschildert werden"20:
Sobald Jose Othink und seine Clique sich aller Machtpositionen vergewissert haben, befestigen sie sich rücksichtslos in ihrem Besitz. Alles bleibt wie es war, nur dass andere Männer sich der ungerechten Vergünstigungen erfreuen. Die ungerechten Vergünstigungen bestehen fort.
      Nach der gestohlenen und verratenen Revolution erlischt Peter Rufers Triebobsession, aber auch seine Bereitschaft, handelnd und kämpfend - unter dem Banner einer aktivistischen Zielutopie - in das Weltgetriebe einzugreifen. Nichtsdestotrotz vollzieht sich seine zweite Wandlung unerwartet und überraschend, was aber den Eigentümlichkeiten expressionistischer Figurenkomposition entspricht, die auf den 'psychologisch-begründenden Mörtel" verzichtet. Ãoberfallartig wirkt sich dabei - mit Spätzündung -jener Appell aus, der von der Gipsfigur Franz von Assisis ausging: Du musst dein Leben ändern.
      Als 'göttlich und rein" erlebt er im Morgendämmer die 'Welt" , die fremde Hafenstadt eröffnet sich ihm als ein magisch-transparenter Raum:
Ein Besessener, trägt er Trunkenheit in allen Nerven. [...] Krähen sind blitzende Phönixe. Ãoberall tanzt vor den Schritten flackernde Flüssigkeit. Menschen kommen ihm mit hellen Gesichtern entgegen. Durch ihren Gang taumelt Seligkeit der Berufung, in ihrer Brust sieht er große rote pulsende Herzen. [...| Dass er lachen muss, leicht, nirgend Brunst ahnend. Dass er, ein verzückter Schwimmer, auf die Stadt eindringt, sie enthüllt. [...] Alle Häuser sind durchsichtig wie Glas, alle Mauern. Schlafende Frauen erblickt er in ihnen, Kinder in zirpenden Wiegen. Männer beeilen sich, um pünktlich neue Arbeit anzufangen. Hinter glühenden Ã-fen sind zusammengerollte Katzen Haufen weißer Wohligkeit. Gewaltiges baut in seiner Seele einen klaren Tag.
Erfüllt von Nächstenliebe, bis zur Selbstaufgabe verzichtend auf persönlichen Besitz, handelt nun Peter Rufer. Indem er seinen 'Ãoberzieher" an einen 'Bedürftigen" verschenkt, übertrifft er den jungen Martin, den späteren Bischof von Tours, der - einer Legende zufolge - im Jahre 334 im südfranzösischen Amiens einem frierenden halbnackten Bettler die Hälfte seines Mantels geschenkt haben soll. Die Chance einer dauerhaften Bewährung in dieser asketisch-schwärmerischen Daseinsform wird Peter Rufer allerdings nicht geboten. Cisek hält diesen .franziskanischen' Weg der Selbst- und Sinnfindung im 20. Jahrhundert offensichtlich nicht für gangbar. Sucht man für Rufers Wandlungsabläufe ein prägendes Vorbild, so stößt man unweigerlich auf Alfred Döblins Roman Die drei Sprünge des Wang-lun, der 1915 im Berliner S. Fischer erschien. Döblin entwirft darin ein handlungspralles, vielschichtiges, von unerhört grausamen Auseinandersetzungen durchfurchtes Bild der chinesischen Gesellschaft im 18. Jahrhundert und erzählt, eingebettet in die Schicksalsgemeinschaft einer taoistischen Sekte, die Geschichte des Fischersohnes Wang-lun und seiner drei Sprünge. Aus einem Dieb und Taugenichts wird ein Anhänger der Gewaltlosigkeit, ein Führer der Armen und 'Wahrhaft Schwachen", die großen Zulauf finden. Als der Kaiser die Ausrottung der Ketzer befiehlt, wandelt sich Wang-lun zum handelnden Rächer, seine Truppen bedrohen Peking, werden aber zurückgeworfen und vernichtend geschlagen:
Trompetenstöße, Handgemenge in finsteren Straßen. Von Dächern und nahen Hügeln hauchende Pfeilschüsse, sausende Speerwürfe in die gebäumte tolle Menge. Die Massen stauten sich. Neue Kompagnien bullerten vom Norden her, pfählten sich in die Aufrührer, schwangen sich auf die niedrigen Dächer, schössen in langen Reihen, Straße über Straße bildend, auf den Markt. In den kürzeren Pausen des Johlens klang ein fernes, wildes Blasen, Schurren, Rumoren; ein Bergrutsch: die Rebellen draußen berannten die Tore. Unbarmherzig drängte die Masse nach Norden, zerrieb sich an der Barriere der Soldaten.

     
   Erst im Angesicht des Todes findet Wang-lun zur Lehre der Bedürfnislosigkeit und des Nicht-Handelns zurück: 'Schwach sein, ertragen, sich fügen ieße der reine Weg. In die Schläge des Schicksals sich fügen hieße der reine Weg. [...] Liebe hieße der reine Weg."

   Doch auch die Döblinsche Gestaltung der Kampf- und Massenszenen hat sich auf die Erzählweise die jungen Bukaresters ausgewirkt, der in der Schilderung der Revolution expressionistische Ausdrucksregister in Reinkultur zieht - Simultanstil in starker Rhythmisierung, bildhafte und lautmalende Kontraktionen, syntaktische Satzverzerrung, Hyperbeln, und Synästhesien:
Aus harmlosen Wänden gellt der Irrsinn der Verwundeten. Dunkel wuchert in Höfen, Pflastersteine schürfen Wundes, beißen in Sohlen. Stimmen bellen, heulen auf, brüllen wie Rinder, verfließen mit dem Knallen zu unscheidbarem Gemengsei. Geschütze zerquetschen die Luft, sprengen schmerzberstende Mauern, die niedergleiten, Menschen zerstoßen, mahlen. Dämmer presst sich enger an Gestalten, deren Gebärden zittrige Linien ziehen. Aber nirgend brennt ein Licht. Zwischen den Gebäuden vertiefen sich die Schächte der Straßen, in denen die Menschen staubgrau krabbeln, in Klagen sinken. Geräusche wachsen unaufhörlich, übertönen die harten Schritte des Zuges. Rasender Lärm beherrscht den Abend.
6. Der Stellenwert des Romans im Kontext
Cisek schrieb die Vermenschung, als dem Expressionismus in Deutschland bereits Totenscheine ausgestellt worden waren25, während er in der deutschen Literatur Rumäniens im Zeitraum 1920-1921 seinen 'Höhepunkt" erreichte. In deren überschaubarem Kontext ist der Stellenwert der Vermenschung einzigartig - als umfangreichster expressionistischer Prosatext, vergleichbar in seinem radikalen Duktus nur mit der ungleich sorgfältiger durchkomponierten Erzählung Die Tscherigowna des Bukowiners Alfred Mar-gul-Sperber. Neben der 118 Seiten zählenden 'Geschichte eines Gezeichneten" Die Peitsche im Antlitz2'' des Banaters Franz Xaver Kappus ist die Vermenschung der einzige expressionistische rumäniendeutsche Roman. In einem anderen Vergleichszusammenhang - dem der rumänischen Literatur - dürfte dieser dank seiner expressionistischen Gestaltungsweise sogar den Anspruch auf eine Vorreiterrolle erfüllen.

     
   Cisek verschränkt, verschmilzt und variiert in der Vermenschung auf synkre-tistische Weise verbreitete und gängige Topoi, Themenfelder, Konfliktmuster, Emeuerungs- und Erlösungskonzepte des Expressionismus, er orientiert sich vom Rande her an avantgardistischen Modellen und ästhetischen Standards des deutschen Zentrums. Durch Angleichung und Anpassung an die Konstruktionsregeln der Mitte hofft der 25-Jährige, auf dem deutschen Buchmarkt zu reüssieren.
      Oscar Walter Cisek hat den Roman nachweislich mindestens zwei bekannten deutschen Verlagen angeboten, die ihn auf höfliche, aber unmissverständli-che Weise ablehnten und dem Autor das Manuskript zurücksandten30, was wohl mit dazu beigetragen haben dürfte, dass er sich in der zweiten Hälfte der 1920er Jahre für die Auslotung balkanischer Lebenswelten entschied und sich durch die Mimesis ans Besondere auch sein eigenständiger Erzählstil herausbildete. Doch war es nicht zuletzt die Aura des Exotischen, die seiner Prosa zu beachtlichen Erfolgen im deutschen Sprachraum verhalf.
     

 Tags:
Expressionistischer  Synkretismus  -  Oscar  Walter  Ciseks  unveröffentlichter  Roman  Vermenschung  (I920/I92I)    


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