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Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Erinnerung an Samuel Kastriener - Zum Wirken des Banater jüdischen Autors in der Zwischenkriegszeit



Unter den Zeitgenossen bekannt und von ihnen geschätzt, ist Samuel Kastriener, der Temeswarer Publizist und Buchautor, in der Erinnerung der Nachwelt kaum noch eine Bezugsperson. In Anton Peter Petris Lexikon des Banater Deutschtums, 1992 erschienen, das von Fall zu Fall auch deutschsprachige Banater Juden berücksichtigt, bleibt er unerwähnt1; hingegen enthält das Lexikon der ungarischen Literatur in Rumänien aus dem Jahr 1991 über ihn einen Artikel. Wie eine Reihe anderer Banater jüdischer Schriftsteller und Journalisten, die noch vor dem Ersten Weltkrieg und in den Jahren danach in der Region wirkten, war auch Kastriener zweisprachig. Er teilt diese Gemeinsamkeit beispielsweise mit Armin Barät, alias Freund, dem langjährigen Chefredakteur der Temesvarer Zeitung, oder mit Viktor Orich, der ebenfalls bei diesem Blatt beschäftigt war. Unter den Jüngeren wäre Wilhelm Stepper zu erwähnen, der für dieses deutschsprachige Blatt wie auch für ungarische Zeitungen schrieb, seine Novellen und Romane auf Ungarisch verfasste und nach seinem Weggang aus Temeswar im Frankreich der 1930er Jahre zum französischen Journalisten und Buchautor wurde. Die Prager Jüdin Else Kornis geb. Pereies erlernte in Temeswar das Ungarische und debütierte hier als Ady-Ãobersetzerin. Das bekannte Banater Charakteristikum der Zwei- und auch Mehrsprachigkeit betrifft natürlich nicht nur Schreibende, nicht nur die Juden. Im Falle der Juden hat es viel mit ihrer Emanzipationsgeschichte und ihrer Sozialisation im ungarischen Teil der Donaumonarchie zu tun. Die staatlich geforderte Aneignung der ungarischen Sprache und die mit der Magyarisierung einhergehende Akkulturation bedeutete aber nicht unbedingt auch eine endgültige Abkehr vom Deutschen und von der Tradition deutscher Kultur, der man sich, nicht nur in Intellektuellenkreisen, weiterhin verbunden zeigte. Die dadurch untermauerte Zwei und Mehrsprachigkeit bewirkte, dass auch die Banater Juden bei der Ausgestaltung des kulturellen Lebens und der kulturellen Wechselbeziehungen in der Region einen beachtlichen Beitrag leisten sollten, vor allem in den an die Sprache gebundenen Bereichen wie Presse und Literatur. Im Zeichen solcher Interkulturalität wie auch des unmittelbaren Eintretens für die eigene, die jüdische Gemeinschaft stand das Wirken Samuel Kastrieners. Der Temeswarer pflegte mit Personen aller ethnischen Gruppen der Vielvölkerstadt beruflichkollegialen oder gesellschaftlichen Umgang und trat in diesem Umfeld auch öffentlich auf. Das belegen Presseberichte und zahlreiche andere Zeitungsbeiträge, auf die wir uns bei der Darstellung seines Werdegangs und seiner Tätigkeit im Folgenden stützen, insbesondere bei der Präsentierung der biographischen Fakten und seines Wirkens als Publizist.
      Samuel Kastriener wurde am 14. Oktober 1871 in Temeswar geboren, wuchs aber, da die Eltern zwei Jahre später nach Budapest übersiedelten, in der ungarischen Hauptstadt auf. Früh dem journalistischen Beruf zugeneigt, vervollkommnete er seine Fachkenntnisse in Deutschland, der Schweiz und in Frankreich, dann führte ihn der Weg wieder südostwärts. Nach einigen Jahren beim Bukarester Lloyd kam er aus der rumänischen Hauptstadt nach Temeswar, wo er 1897 zunächst als Redakteur der Temesvarer Zeitung verpflichtet wurde. Ãober den jungen, von westlicher Kultur geprägten Journalisten, der in seine Banater Geburtsstadt zurückgekehrt war, schrieb später ein Zeitgenosse:
Dass er sich in unserer Stadt niederließ, hatte seine Gründe. [...] Hier lebten seit Hunderten Jahren die verschiedensten Volksangehörigen friedlich beisammen [...]. Vom Neuankömmling wurde hier nie gefragt w e r er sei, sondern nur immer, was er kön-n e. Der neue Ankömmling Samuel Kastriener erschien voll Betätigungsdrang und mit glänzenden journalistischen Fähigkeiten |...].
      Seinen Beruf, der für ihn auch Berufung war, sollte der Vollblutjournalist vier Jahrzehnte lang, bis zu seinem Lebensende, in Temeswar ausüben. Nach Intermezzos bei anderen lokalen Blättern wie Südungarische Reform oder der von ihm zeitweilig herausgegeben humoristisch-satirischen Wochenzeitung Die Posaune gelang dem Zeitungsmann mit der Gründung des Temesvarer Volksblattes publizistisch wie auch geschäftlich der große Wurf. Das Politische Tagblatt, so der Untertitel, das von 1902 bis 1934 erschien, gilt als 'sein eigentliches Lebenswerk".' Von der Gründung bis zum Ende des Ersten Weltkrieges hat er sich mit dieser Zeitung persönlich befasst und ihre Richtung bestimmt. Das Volksblatt, das offenbar einem in breiten Leserschichten bestehenden Bedürfnis entgegenkam, setzte sich streitbar für die Interessen der kleinen Leute, des Gewerbestandes und der Arbeiterschaft ein und brachte es 'zu einer in unserem Zeitungswesen damals noch unbekannten Blüte". Für Kastriener, so wird dem Gestalter der Zeitung nachgerühmt, sei das Volksblatt aber 'kein Geschäftsschild, sondern Ausdruck seines Lebensideals" gewesen, seines Bestrebens für 'Timisoara-Temesvar und dessen Volk zu arbeiten, das Blühen dieser Stadt und das Gedeihen hiesiger Bevölkerung zu fördern." Mit dem engagiert agierenden 'Kreuzerblatt für die Volksmassen" ist er als Begründer des ersten Temeswarer 'Boulevardblatts" in die lokale Pressegeschichte eingegangen. 'Er stellte sein Blatt restlos in den Dienst des Fortschrittes und des Kampfes für das größere Glück und größere Stück Brot des Volkes", wurde dem demokratisch eingestellten Journalisten bescheinigt." Die Zeitung, aber auch Tätigkeiten in anderen Bereichen des Lebens der Kommune machten Kastriener überaus populär: 'Sein stadtbekanntes, gütiges, immer lächelndes Gesicht, umrahmt von der weißgetupften, lila Lavaliere-Krawatte und dem breitkrempigen Hute, ä la boheme, war ein Stück Timisoara-Temesvar [...]."'°
Mit dem Wirken des vielseitig hervorgetretenen Mannes ist auch die Gründung eines neuen typographischen Unternehmens in Temeswar verknüpft. Gemeinsam mit Mihäly Pogäny, dem Chefredakteur der lokalen ungarischen Zeitung Temesväri Hirlap, rief er 1912 die seinerzeit für ihre hochwertigen Erzeugnisse bekannte Hunyadi-Druckerei ins Leben. Hier wurden Zeitungen im Rotations verfahren und bibliophil ausgestattete Bücher gedruckt. Der belesene Autodidakt, der unermüdlich daran arbeitete, sein Wissen zu erweitern, besaß auch schöngeistige Neigungen, u. a. als Ãobersetzer. Noch während des Krieges, 1915, erschien in Temeswar Kastrieners erstes Buch, die Reiseschilderung Asien im Krieg, Untertitel: Drei Monate im mohammedanischen Osten, ein Zeugnis des ,,passionierte[n] Weltfahrer[s]", der Kastriener von Jugend auf war und bis ins Alter blieb.
      Das Ende des Ersten Weltkrieges und der Zusammenbruch Ã-sterreich-Ungarns, gefolgt von Grenzverschiebungen, durch die der größere Teil des Banats mit Temeswar bekanntlich Großrumänien einverleibt wurde, bedeutete auch in Kastrieners Tätigkeit einen Einschnitt. Der über 50jährige zog sich von seinen größeren Unternehmen, der Volkszeitung und der Druckerei allmählich zurück. Das 'ziemliche Vermögen", das er sich damit erworben hatte, ging in der Krisenzeit zu einem beträchtlichen Teil verloren. Er versuchte den Verlust wettzumachen, was aber nicht gelang. Der ihm eigene unverwüstliche Optimismus, zu dem sich ein frischer, lebhafter Geist und ein 'wohl sarkastisch unterstrichener, aber trotzdem stets sonniger Humor" gesellten, neue Initiativen - zuletzt hatte er ein belletristisches Familienblatt und eine Wirtschaftszeitung - halfen ihm, sich in der neuen Lebenslage zurechtzufinden."
Kastriener blieb auch nach dem Krieg der aufmerksame Beobachter und Kommentator der politischen und sozialen Entwicklungen, sei es im unmittelbaren Umfeld, sei es im Weltgeschehen. Dazu legte er - es war sein zweites Buch - einen Prosaband mit dem Titel Weitere Verlustlisten vor, in dem er mit journalistischen wie auch literarischen Mitteln Zeitgeschichte einzu-fangen trachtete. Gleichzeitig wurde er zunehmend auf kulturellem Gebiet aktiv, und zwar insbesondere im Hinblick auf das Judentum. Mit seinem literarisch-publizistischen wie auch öffentlichen Wirken in den etwa zwei Jahrzehnten nach Kriegsende sind diese Ausführungen schwerpunktmäßig be-fasst. Kastrieners Buchveröffentlichung Weitere Verlustlisten, Aspekte seiner Tätigkeit in der Temeswarer jüdischen Kultusgemeinde und sein Hervortreten als Verfasser von Buchkritiken stehen im Vordergrund. Samuel Kastrieners Band Weitere Verlustlisten, ohne Angabe des Erscheinungsjahres veröffentlicht, 200 Seiten stark, erschien zu Beginn des Jahres 1932 im Moravetz-Verlag Temeswar und wurde ebenda in der Graphischen Kunstanstalt Hunyadi gedruckt. Was mit Verlustlisten gemeint war, verstand der Zeitgenosse ohne weiteres. Es handelte sich um die Personenverzeichnisse, die im Ersten Weltkrieg von den Heeresführungen über die Gefallenen zusammengestellt und veröffentlicht worden waren, zu Beginn des Krieges zumindest, bei wachsender Opferzahl verzichtete man auf die Bekanntgabe der 'Verluste".
      Der Erste Weltkrieg und seine Folgen waren in der Zeit danach bekanntlich wiederholt Gegenstand literarischer Werke gewesen, die aus unterschiedlichem Blickwinkel, zwischen Glorifizierung des Erlebnisses und Anklage der Tötungsmaschinerie, sich mit diesem tragischen Geschehen auseinander setzten. Romane wie Krieg und Nachkrieg von Ludwig Renn, Der Streit um den Sergeanten Grischa von Arnold Zweig oder, besonders heftig umstritten, Im Westen nichts Neues von Erich Maria Remarque gehörten in der deutschsprachigen Literatur zu den bekanntesten Antikriegsbüchern der Zeit - alle gegen Ende der 1920er Jahre erschienen. Bald nach seiner Veröffentlichung wurde der Remarque-Roman auch in der Temeswarer Presse wahrgenommen und von dem deutschsprachigen Rumänen Sascha Erimescu, der selber ein Weltkriegsteilnehmer war, zustimmend rezensiert. Nach der 1930 erfolgten amerikanischen Verfilmung des Buches, gegen die von den Nationalsozialisten in Deutschland Krawalle organisiert worden waren, kam es auch in Temeswar zu öffentlich ausgetragenen hitzigen Debatten. Die Aufführung im kommunalen Kino wurde schließlich von der Stadt genehmigt. Zu jenen, die für ein Verbot plädiert hatten, gehörten bürgerlich-national eingestellte Deutsche, aber auch der erwähnte jüdische Journalist Viktor O-rich. Ein in der Region lebender ungarischer Schriftsteller, Rodion Marko-vits, wurde nach der 1930 veröffentlichten deutschen Ãobersetzung des Kriegsgefangenenromans Sibirische Garnison, der mehrere fremdsprachige Ausgaben folgten, international bekannt.
      Das ist der weitere und engere zeitgenössische literarische Kontext, in dem Kastrieners Buch Weitere Verlustlisten in Temeswar herauskam. Auch sein Prosaband thematisiert Krieg und Nachkrieg und stellt in seiner Grundaussage ein Antikriegsbuch dar, beachtenswert schon deshalb, weil in der regionalen deutschsprachigen Literatur der Zeit Veröffentlichungen, die sich des Themas aus solcher Sicht annahmen, kaum anzutreffen sind. In der Einführung zu dem Band erläuterte Kastriener:
Meine kleinen Skizzen befassen sich mit den Einzelmenschen und ihren Tragödien im und nach dem Krieg. Dass der Weltkrieg das größte Verbrechen der Weltgeschichte war, brauche ich nicht erst zu betonen, ebenso wenig, dass die Blutströme [sich] auf alles auswirkten, was Mensch ist. Ich will darauf hinweisen, dass man den sogenannten Heldentod nicht nur auf dem Schlachtfeld sterben konnte, sondern dass auch für die F o 1 g e n des Krieges Verlustlisten aufgelegt werden müssten.
     
   Diese 'weiteren Verlustlisten" sind im Titel Buches gemeint. Die Skizzen bringen durch den Krieg verursachte physische und psychische Traumatisierungen wie auch mit wirtschaftlichem Ruin einhergehende gesellschaftliche Schäden und Störungen in den zwischenmenschlichen Beziehungen zur Darstellung. Nicht die nationale Zugehörigkeit der Personen, sondern die Fortwirkungen des erfahrenen Leids der menschlichen Individuen sind bei den vom Autor vorgenommenen Schilderungen maßgeblich. Deutsche, Franzosen, Belgier, Amerikaner, Ungarn, russische Emigranten, Rumänen und Deutsche aus Rumänien, Wiener Juden etc. bilden das kosmopolitische Figurenensemble. Gläubige und Gleichgültige, Bürgerliche und Leute von Adel gehören dazu, Intellektuelle, und immer wieder - bezeichnend für Kastriener - die Schutz- und Wehrlosesten der Gesellschaft, Proleten, kleine Handwerker, Gewerbetreibende, Bauern. In den Skizzen sind die Gestalten und das Umfeld der Erlebnisse, in dem sie sich bewegen bzw. in das sie hineingestellt sind, unterschiedlich scharf konturiert. Die Sprache wirkt mitunter kolportagemäßig ausgedünnt, blass, der psychologische Tiefgang fehlt. Es sind die bekannten Schwächen, wie sie in der Tendenzliteratur öfter zu beobachten sind. Besonderer Wert wird darauf gelegt, möglichst unmissverständlich Gesinnungen zu vermitteln. Das geschieht dann auf Kosten der Durchgestaltung und beeinträchtigt die Ãoberzeugungskraft. In dem Band, der ein Dutzend Texte beinhaltet, gibt es auch Gegenbeispiele dafür. Das gelungenste ist zweifellos eine Geschichte aus Rumänien, betitelt Die Kriegsbigamie.^ Die Prosa besticht durch die gedrängte, chronikartige Darstellung der Ereignisse, in die der Streckenwächter Juon Petrescu aus dem Prahovatal durch den Krieg hineingezerrt wird, ohne sich wehren zu können. Er gerät von der Front nach Russland in die Revolutionswirren, ist, wie es die Kampflage mit sich bringt, mal auf Seite der Roten, mal bei den Weißen, kommt, ohne dass er weiß wie, nach Sibirien und von dort, nach Jahren, auf Umwegen wieder in die Heimat zurück. Doch diese Heimkehr, die während des Krieges sein einziger Gedanke war, sie sollte eine Heimkehr mit Schrecken sein ... Erzählt wird das alles von Kastriener protokollarisch-nüchtern, dadurch aber um so eindringlicher: die fatale Geschichte eines neuzeitlichen Simplex, der dem Krieg in die unerbittlichen Fänge gerät, diesen zwar fast entwischt, dann aber, andere mit sich reißend, als ein Opfer des Krieges post bellum endet. Durch die Gesamtheit der in dem Band geschilderten Einzelschicksale sollen die Leser, das ist Kastrieners erklärte Absicht, aufgerüttelt und zu einer militanten Stellungnahme gegen den Krieg herausgefordert werden: 'Erst wenn man diese [die Einzelschicksale des Kriegsunglücks] entsprechend multipliziert", formuliert er in der Einführung,entwickelt sich vor der Kamera des menschlichen Auges das Schreckliche in seiner ganzen grauenhaften Größe. Der ehrliche Pazifismus miisste sich solcher Einzeltragödien bedienen, um die ganze Menschheit für eine Riesenarmee gegen den Kriegsgedanken zu gewinnen.
     
   Mit seinem Buch, das gegen den Krieg gerichtet ist und für den Weltfrieden plädiert, befindet sich Kastriener, was einen geschichtlichen Zusammenhang herstellt, in der Tradition und guten Gesellschaft des gebürtigen Banaters Leopold Katscher , der ein enger Mitarbeiter Berta von Suttners war und in der Friedensbewegung der Zeit, in Deutschland, Ã-sterreich und der Schweiz, eine Rolle spielte. Seine literarische Anthologie Friedens stimmen erschien 1894 mit einer Einleitung von Conrad Ferdinand Meyer und Bertha von Suttner in Leipzig. Ãober die spätere Friedensnobelpreisträgerin verfasste er eine Biographie Bertha von Suttner, 'die Schwärmerin" für Güte . Zu überprüfen wäre, ob die beiden Publizisten Kastriener und Katscher nicht miteinander bekannt waren und freundschaftliche Beziehungen unterhielten. Zu Beginn der 1920er Jahre erschien in der Temeswarer lokalen Presse ein Aufruf, dem notleidenden Leopold Katscher zu helfen. Der Appell des 70jährigen aus Interlaken in der Schweiz ist an seine 'Temesva-rer Freunde und Bekannte" gerichtet und enthält die Bitte, ihn durch Bezug seiner Zeitschrift Politische Hefte in der prekären materiellen Situation zu unterstützen. Unter den angesprochenen 'hiesigen Freunden" - das ist naheliegend - könnte sich als ein Gesinnungsgenosse und Alt-Temeswarer auch Samuel Kastriener befunden haben.'
Die Teilnahme Kastrieners am öffentlichen und kulturellen Leben der Stadt in den 1920er und 1930er Jahren sei in der Folge nur gestreift. Sie hängt eng mit seiner Unterstützung des Kulturlebens der Temeswarer Juden zusammen, für dessen Förderung er sich in der Zwischenkriegszeit wirksam einsetzte, u. a. war er, gemeinsam mit Dr. Adolf Vertes, 'der Initiator und Schöpfer des Jüdischen Lyzeums" in Temeswar." Verdienste erwarb er sich auch als Leiter der Kulturabteilung der Jüdischen Kultusgemeinde. Dabei war ihm nicht nur die Pflege und Bekanntmachung der Traditionen des Judentums ein Anliegen, sondern beispielsweise auch dessen Beziehung zur deutschen Kultur, wie es die von ihm vorbereitete Veranstaltung zum Goethe-Jubiläum 1932 erkennen lässt, bei der er auch mit einem Vortrag mitwirkte. Zu den Gästen dieser Feier der Jüdischen Kultusgemeinde zählten laut Pressebericht 'die prominenten Führer des hiesigen Deutschtums" und der damalige deutsche Konsul in Temeswar, Dr. Arthur Busse. Als der Publizist und Dichter Viktor Orendi-Hommenau im Freundeskreis seinen 60. Geburtstag beging, gehörte Kastriener zu den Festrednern und zu den Unterzeichnern des Festalbums, das die Teilnehmer dem Jubilar überreichten.
      Enge Kontakte pflegte der Publizist und Schriftsteller zu ungarischen Intellektuellenkreisen. 1929 wurde er Mitglied der traditionsreichen literarischen Arany-Jänos-Gesellschaft. Er übersetzte ins Ungarische und ins Deutsche und schrieb auch als Publizist für deutschsprachige und ungarische lokale Blätter, die u. a. eine Reihe von Erinnerungen an Alt-Temeswar von ihm brachten.
      Häufig gastierte Kastriener in den 1930er Jahren, nachdem sein Volksblatt nicht mehr erschien, bei der Temesvarer Zeitung, wo er um die Jahrhundertwende seine Laufbahn als Banater Journalist begonnen hatte. Reiseschilderungen, gelegentlich eine Erzählung und in größerer Zahl Buchkritiken dokumentieren seine Präsenz in diesem bürgerlich-liberalen Blatt, das sich in jüdischem Besitz befand, durch seine Orientierung als 'Blatt der Nationen des Banats" aber Leser in allen Gruppen der Vielvölkerregion hatte, was sich auch in der Zusammensetzung des Mitarbeiterstabes der Zeitung spiegelte. In der Zeit nach der nationalsozialistischen Machtergreifung in Deutschland und um die Mitte der 1930er Jahre, als auch in Rumänien in Politik und Gesellschaft rechtsgerichtete Kräfte die Oberhand erhielten und nationalistische wie antisemitische Tendenzen sich auszuwirken begannen, wurde diese Entwicklung von dem weltoffenen, auf Konzilianz bedachten Blatt mit Besorgnis beobachtet. Zunehmend beschäftigte man sich in Beiträgen mit der gefährdeten Situation der Juden, die im In- und Ausland Diskriminierungen ausgesetzt waren. Ã-fter wurde auch das Palästina-Problem erörtert. In Te-meswar, wo ein starkes zionistisches Zentrum bestand, gab es nicht wenige Juden, die zu den Auswanderungswilligen zählten. Bei der Zeitung war es nicht zuletzt Samuel Kastriener, der sich mit engagierten Beiträgen der Situation und Problematik des Judentums annahm. Neben Stellungnahmen zur Tagespolitik nutzte er insbesondere die Besprechung von einschlägigen Neuerscheinungen für sein Anliegen. Es sind in der Hauptsache ungarische Veröffentlichungen regionaler jüdischer Autoren, auch Ãobersetzer, die der Literaturkritiker, als den man ihn hier kennen lernt, den mehrnationalen Lesern der deutschsprachigen Zeitung vorstellt. Neben einem Roman des bereits erwähnten Rodion Markovits {Karneval der Krüppel, 1933) oder der 1935 in Klausenburg erschienenen Ãobersetzung des Romans Magnolia Street von Louis Golding handelt es sich dabei vorwiegend um Werke von Jänos Giszkalay. Der vielseitige Autor, Ãobersetzer, Prosaist und Historiker, laut Kastriener, 'heute der repräsentative Schriftsteller des Siebenbürger und Banater Judentums", ließ seine Bücher, darunter eine Nachdichtung von Heines Atta Troll , in dem Lugoscher jüdischen Verlag Kirjat Sefer erscheinen. Der Rezensent bewertet sie, sofern es sich um Belletristik handelt, als literarische Leistung, in erster Linie aber ist es ihm darum zu tun, den Lesern die darin erörterte jüdische Problematik zu vermitteln. Durch ihren Informationsgehalt, stellt Kastriener heraus, könnten Giszkalays Bücher auch dazu beitragen, Wissenslücken zu schließen und Vorurteile abzubauen. Ãober den geschichtlichen Parabel-Roman Das wunderbare Leben Rabbi A-kibas bemerkt er:
Wir können dieses Werk Giszkalays mit bestem Gewissen auch NichtJuden empfehlen. Eine überaus interessante und lehrreiche Lektüre, denn sie entkräftet eine Menge Feststellungen gewisser Rassepolitiker, die das Wort von der .Minderwertigkeit' der Semiten erfunden haben.
     
   Nicht ausgespart bleibt, dass Giszkalay in seinen Büchern auch das Fehlverhalten mancher Glaubensgenossen einer bitter-scharfen Kritik unterwirft. Er erzähle, zeigt Kastriener, von dem wirksamen Einsatz jüdischer Neusiedler in Palästina, zeichne aber auch Gestalten, die 'als Konjunktur-Zionisten sich betätigen und großtun, sofort aber abflauen, [wenn] das zionistische Bekenntnis den heiligen Geldsack zu gefährden scheint." [...] Sein neuestes Buch, gemeint ist der Roman Die Sühne der Bat-Seba verdiene volle Würdigung, 'denn aus diesen Blättern kann jeder sehr viel lernen, er begegnet da Gestalten, die ihm nicht fremd sind." Der Palästina-Thematik, das sei in diesem Zusammenhang erwähnt, widmet sich auch ein deutschsprachiger literarischer Beitrag der Zeit, Das wiedergefundene Lachen, ein bislang kaum beachtetes Lehrgedicht von Else Kornis, das etwa 1933 in Temeswar mit Linolschnitten des Künstlers Ferdinand Gallas erschienen ist: Ein hartherziger Reicher macht darin durch das, was er in einem Kinderdorf für Pogromwaisen bei seinen Landsleuten in Palästina auf einer fiktiven Reise erlebt, eine Wandlung mit: 'Er wird ein Mensch in Palästina / ... Und mitten unter frohen Kindern wird aus dem Geizhals selbst ein Kind." Auch Kastriener unterstützte die Umsetzung des zionistischen Gedankens. Das zeigte bereits die von ihm in der Zeitung propagierte Literatur. Seine Positionen erläuterte und, sofern erforderlich, verteidigte er auch in öffentlichen Diskussionen. Der 'beruflichen Umschichtung" der jungen Generation, durch die in Palästina wichtige Grundlagen einer neuen Existenz für das Judentum geschaffen werden sollten, maß er besondere Bedeutung bei. 'Professionisten", also Handwerker und Facharbeiter, vor allem aber auch geschulte Landwirte seien für die dortige jüdische Aufbauarbeit erforderlich, hob Kastriener öfter hervor. Um Eindrücke unmittelbar vor Ort zu sammeln, unternahm er im Herbst des Jahres 1936 über Konstanza, Konstantinopel, Athen und Beirut eine Schiffsreise nach Palästina, wo er sich einige Zeit in Haifa und Tel Aviv aufhielt. In einem Vortrag und einer in der Zeitung veröffentlichten Reiseschilderung berichtete er über das dort 'Gesehene und Gehörte".2'' Der ausführliche Bericht Momentaufnahmen im Orient. Aus meiner Reisemappe war Kastrieners letzter größerer Pressebeitrag. Während eines Ausflugs nach Ungarn noch im gleichen Jahr zog er sich bei einem Verkehrsunfall Verletzungen zu, an deren Folgen er am 22. Oktober 1937 im Alter von 66 Jahren in Temeswar verstarb." In Trauerreden, die in ungarischer bzw. deutscher Sprache gehalten wurden, nahmen die Journalistenkollegen Läszlö Pogäny und Gabriel Särkäny von ihm Abschied. In einem Ehrengrab der Temeswa-rer Jüdischen Gemeinde fand er seine letzte Ruhestätte.
      Durch die, wenn auch nur skizzenhafte Erinnerung an das Wirken Samuel Kastrieners sollte der Platz erkennbar gemacht werden, der dem Publizisten und Buchautor in der deutschsprachigen Literatur des Banats, insbesondere der Banater Juden gebührt, an der Seite anderer, hier genannter wie auch nicht genannter deutschsprachiger jüdischer Autoren, die in eine Geschichte dieser Literatur noch einzubringen wären.
     

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