Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Des Kaisers neue Kleider - Zur binnendeutschen Hermeneutik einer 'extraterritorialen banatdeutschen Literatur



1. Problemdarstellung
Drei literarische Räume auf dem Gebiet des heutigen Rumänien haben die deutschsprachige Literatur in dieser Region zwar selbständig, doch auch immer in Beziehung zu den habsburgisch-österreichischen Ländern und zum deutschen Kulturraum entwickelt: das Banat, die Bukowina und Siebenbürgen.
      Was die deutsche Literatur des Banats angeht, fehlt bislang trotz ernsthafter literarhistorischer Unternehmungen, auf die hier im Einzelnen nicht eingegangen werden kann, eine Darstellung auf einer breit angelegten kulturgeschichtlichen Grundlage. Darauf aufbauend könnten die sozial- und kulturgeschichtlichen Voraussetzungen des literarischen Lebens strömungsgebunden analysiert und einzelne Autoren und ihre Werke in den sozialhistorischen Rahmen integriert werden.
      Freilich wird in einer solchen Literaturgeschichte vieles, was der tradierten binnendeutschen Vorstellung von literarischer Konsistenz nicht entspricht, unter der Bezeichnung Schrifttum aufscheinen. Allerdings gewährt gerade dieses Schrifttum, das zumeist den Hauptbestandteil der deutschen Regionalliteraturen ausmacht, den besten Einblick in die Dynamik der literarischen Entwicklung der Banater Sprachinsel.
      Diese Vorgangsweise kompensiert das mangelnde binnendeutsche sozial-und siedlungsgeschichtliche Wissen über diese Literaturlandschaft. Dessen Einbeziehung in die literaturgeschichtliche Erörterung ist wohl die einzige Möglichkeit, diese Literatur dem Publikum aus dem geschlossenen deutschen Sprachraum zu vermitteln und sie gleichzeitig vor der Verdrängung in eine folkloristische Ecke zu bewahren.
      Für das Banat stellt sich die Problematik der literaturgeschichtlichen Erfassung anders als für die Bukowina oder für Siebenbürgen dar. Dieser vorwiegend ländliche Raum kulminierte als Siedlungsgebiet der Deutschen in Temeswar, dem gegenüber die anderen größeren Ansiedlungen in Arad, Ora-witza, Reschitz, Tschanad , Werschetz und Weisskirchen deutlich abfielen. Das multiethnische Banat war durch seine gesamte geschichtliche Entwicklung eindeutig katholisch geprägt: Schon im 13. Jahrhundert war Temeswar, die Hauptstadt der Region, ungarischer Königssitz. Auch die ab 1716 im Banat ansässig gewordenen Deutschen waren, von geringen Ausnahmen abgesehen, katholisch. Allerdings deckten sich bei ihnen Kirche und Nationalität nicht, wie es bei den Siebenbürger Sachsen größtenteils der Fall war, da die Banater katholische Kirche auch ungarische Gläubige zählte. Zudem fiel das Banat 1529, nach der Schlacht von Mohacs, an das osmanische Reich, so dass Humanismus und Reformation in dieser Region nicht wahrgenommen wurden. Erst 160 Jahre später, unter Karl I., nach der Rückeroberung Ungarns bzw. des Banats, wurde ein literarisches Engagement im neuen Gebiet, dem so genannten neoacquisticum, möglich. Doch hielt sich im Banat die Bedeutung der klösterlichen Bildungszentren in Grenzen. Ihre literarischen Produkte - wenn überhaupt auffindbar - übersteigen kaum den Schwellenwert der gebrauchsliterarischen Texte, allerdings geben sie ein gutes Bild der urbanen Sozialisationsstrukturen im militärisch verwalteten Gebiet ab.
      Die klösterliche Literatur und das Theaterleben der Region im 17. und 18. Jahrhundert sind weitgehend unbekannt. Bis auf Horst Fasseis theatergeschichtliche Untersuchung zur Kooperation der Bühnen in Temeswar und Hermannstadt und Maria Pechtols Studie zur deutschsprachigen Lokalbühne in Temeswar ist das Theaterleben im Banat des 18. und frühen 19. Jahrhunderts noch nicht erforscht. Dafür bietet die zeitgenössische Presse eine Fülle von Informationen über die Wandertruppen, die im Banat gastierten. Die in den lokalen und regionalen Periodika anzutreffenden Ankündigungen von Wandertruppen sowie die mitunter recht ausführlich gestalteten Theaterkritiken zu deren Gastspielen ermöglichen eine detaillierte Rekonstruktion des Theaterbetriebes dieser Periode im Banat. Wie über den Theaterbetrieb ist über das eigentliche literarische Leben, über den Gedankenaustausch deutschsprachiger Literaten untereinander und deren Verhältnis zu anderssprachigen Autoren , ebenfalls sehr wenig bekannt.
      Ebenso steht die literaturwissenschaftliche Bearbeitung der deutschsprachigen Mundart- und Volksdichtung im Banat aus. Die Volkspoesie wurde vorwiegend in den ländlichen Regionen gepflegt und kann als Ausgangspunkt für eine kulturgeschichtlich zentrierte Beschreibung der ländlichen literarischen Produktion im Banat dienen. Ihre Träger waren die 1722-1834 in den Dörfern angesiedelten deutschsprachigen Kolonisten. Diese kamen anfangs aus den rhein-und moselfränkischen Gebieten des Heiligen Römischen Reiches in das Nordwestbanat, später aus den Böhmischen Ländern in das Südostbanat und brachten ihre Dialekte und volksliterarischen Ãœberlieferungen mit. Diese Importe aus den Herkunftsgebieten prägten bei der ländlichen deutschsprachigen Minderheit im Banat ein eingangs recht undifferenziertes Bild des geschlossenen deutschen Sprachraumes, das in der Mundartdichtung immer wieder nachbearbeitet und weiterentwickelt wurde. Dies geschah schon während der theresianischen Schulreform, deren kulturgeschichtliche und literarische Folgeerscheinungen bis spät im 19. Jahrhundert nachweisbar sind, und setzte sich unter dem zunehmenden Druck des Ungarischen fort, das zu Beginn des 19. Jahrhunderts zur zweiten und ab 1867 zur ersten Landessprache wurde.
      Freilich führte die soziale Aufteilung in ländliche 'deutsche" Ortschaften, ausschließlich von deutschsprachigen Bauern besiedelt, und in städtische mehrsprachige 'österreichische" Ortschaften, die von Handwerkern, Verwaltungsbeamten und Militärangehörigen bewohnt wurden, zu einer Konzentration der deutschsprachigen Kunstdichtung in den städtischen Siedlungen. Im Unterschied zur Mundartdichtung der ländlichen Ortschaften waren Sprache und Dichtung dieser städtischen Kulturzentren der österreichischen überregionalen Form des Frühneuhochdeutschen um den Wiener Hof verpflichtet. Erst im 19. Jahrhundert entwickelte sich ein selbständiges deutschsprachiges Banater Bürgertum als Träger der Kunstdichtung in den städtischen Siedlungen. Dieses übernahm zum Teil die identitätsbildenden Topoi aus der Volksdichtung, die bis in die frühe Nachkriegszeit als fester Bestandteil des literarischen minderheitlichen Legitimierungsdiskurses dienten. Diese zwei kulturgeschichtlich stabilisierten Identitätsstrukturen spiegeln sich nicht allein in der herkunftsmäßigen Differenzierung der deutschsprachigen Siedler, sondern auch in einer straffen sozialen Strukturierung. Die ländlichen 'deutschen" Bauernkolonisten sind auf literarischer Ebene im Typus des ' Schwaben" anzutreffen, der zumeist ein Bauer, ein Dorflehrer oder Dorfpfarrer ist. Die städtischen, 'österreichischen" Siedler treten als Beamte, Bürger. Handwerker und Militärangehörige auf, die sich von den Bauernkolonisten abheben und von diesen als 'Herrische" bezeichnet werden.
      Dementsprechend gliedert Dieter Kessler im vierten Teil seiner Habilitationsschrift' das dokumentierte Kapitel Die Banater Literatur von der Revolution bis zum Ende des Ersten Weltkrieges nach arealen Rezeptions- und Orientierungskriterien :
Weder die wienerisch geprägte noch die banatorientierte Literatur definiert sich vornehmlich thematisch. Es herrscht im Gegenteil weitgehende Ãœbereinstimmung. Im Mittelpunkt steht das Banat; seine Landschaft, seine Menschen, seine Kultur, seine Geschichte. Während jedoch die wienerisch geprägte Literatur versucht, der deutsch-österreichischen Literatur ein neues Thema zu gewinnen, fordert die banatorientierte Literatur den banater Leser zu affirmativer, rein inhaltlich orientierter Lektüre auf. Stellt sich die wienerisch geprägte Literatur bewußt in den ästhetischen Zusammenhang der gesamten deutschen Literatur, stellt sich die banatgeprägte Literatur bewußt nicht in diesen Rahmen; ihr ästhetisches Leitbild ist der Kitsch der deutschen Familienzeitschriften.
      Jedoch aktivierte die zunehmende sprachliche Dominanz des Ungarischen im mehrsprachigen Umfeld den Akkulturationsprozess der deutschsprachigen Bevölkerung. Dieser äußerte sich zuerst in der Spaltung des ursprünglich föderativ-undifferenzierten Bildes des geschlossenen deutschen Sprachraumes. Was dadurch verloren ging, war:
Der Ausgleich zwischen Heimats-, Volks- und Staatsbewusstsein. Es sind das drei Begriffe, die sich für den Inlandsdeutschen selbstverständlich decken, nicht aber für den Deutschen im Auslande.
      So standen sich zunächst das verklärte Deutschlandbild als Herkunftsgebiet und das Banater Österreichbild des neoacquisticum als Einwanderungsgebiet gegenüber. Als 1861 dieses bislang als kompakt wahrgenommene Einwanderungsgebiet in die Staatsgebilde Österreich und Ungarn weiter aufgeteilt wurde, kamen auch die deutschsprachigen Regionen des Banats an das nicht-deutschsprachige Ungarn.
      Im Zuge dieses Ãœbergangs vom mehrsprachigen habsburgischen Vielvölkerstaat zum ungarischen Nationalstaat fand eine 'Renationalisierung" der Banater deutschsprachigen Bevölkerung statt. Die vornehmlich über eine regionale Loyalität definierte Zugehörigkeit dieser Gruppe zum habsburgischen, mehrsprachigen Vielvölkerstaat trat zugunsten einer betont deutschsprachig-deutschlandorientierten Identitätskomponente in den Hintergrund, welche die Eingliederung in den ungarischen Nationalstaat ab 1861 und die anschließende Verdrängung des Deutschen als erste Gebrauchssprache ab 1867 kompensierte.
      Dadurch wurden die minderheitliche Abgrenzungsmechanismen der Deutschen aktiviert, welche zum Versatz der regionalen Loyalität zugunsten einer deutschlandorientierten nationalen Identität als zentraler Bestandteil ihrer Selbstwahrnehmung führten. Gleichzeitig trat im Zuge der im deutschsprachigen Banat als Verrat empfundenen Abtretung der Provinz an Ungarn eine zunehmende Verwässerung des österreichisch geprägten Staatsbewusstseins zutage.
      Damit war auch die Tendenz zur Konstruktion des literarischen Identitätsbildes durch die Idealisierung des Deutschlandbezuges eingeläutet, das sich allerdings auf ein freilich nach wie vor undifferenziertes Deutschlandbild berief. Zugespitzt gesagt: Die Aktivierung des Deutschen als abgrenzende I-dentitätskomponente bei den Banater deutschsprachigen Kolonisten erfolgte erst im Zuge der zunehmenden Abnabelung von Wien. Die minderheitlichen Abgrenzungsmechanismen dieser österreichischen und später ungarischen Untertanen äußerten sich in literarischprogrammatischen Ausrichtungen mit unmittelbarem Deutschland-Bezug. Spätestens seit dem österreichisch-ungarischen Ausgleich 1867, als die Ma-gyarisierungspolitik im nunmehr ungarischen Banat wirksam wurde, kristallisierten sich als Folge des Akkulturationsprozesses drei kulturelle Strömungen mit entgegengesetzten literarischen Programmen heraus. Budapest-orientierte, ungarnfreundliche deutschsprachige Intellektuelle, die sich schon während der Revolution 1848 auf der Seite der ungarischen Aufständischen gestellt hatten, vertraten ein literarisches und kulturelles Sub-mersionsprogramm und erklärten öffentlich, dass sie mehr um eine Neupositionierung in der neuen Heimat Ungarn bemüht waren als um die kulturelle Autonomie und Dominanz der Deutschsprachigen.
      Andere wiederum, darunter viele städtische Siedler österreichischer Herkunft, waren um das Erhalten des Deutschen als Erstsprache bemüht, positionierten sich öffentlich als Wien-orientierte, ungarnfeindliche Vertreter des Immersionsprogrammes und plädierten für eine scharfe Abgrenzung von allen anderen Sprachgemeinschaften des Banats sowie für eine enge kulturelle Bindung an die konservativen Kräfte im Habsburgerreich. Die Immersionsprogrammatiker waren teils Deutschland- und teils Österreichorientiert. Interferenzen zwischen den zwei Fraktionen der Immersionsprogrammatiker gab es sehr wohl, allerdings sind offene literarische Konflikte bislang nicht bekannt.
      Schließlich entstand als Reaktion auf den österreichisch-ungarischen Ausgleich das Autarkieprogramm der deutschnational orientierten ländlichen Mundartdichter, welche für die Förderung der bäuerlichen Kolonistentraditionen plädierten. Diese belebten erneut ein undifferenziertes Bild des geschlossenen deutschen Sprachraumes ohne eine explizite Zentrierung auf die Wiener Plattform, die ihrer Meinung nach die Gruppeninteressen der Banater Schwaben nicht entsprechend vertrat.
      Als klassisches Fallbeispiel einer inselsprachlichen Randzonenliteratur lässt sich die Entwicklung dieser drei programmatischen Ausrichtungen der Literaturgeschichte des deutschsprachigen Banats sehr gut mit dem Instrumentarium der Plattform-Randzonentheorie darstellen. Die Rezeption der Strömungen aus dem geschlossenen deutschen Sprachraum ist teilweise zeitversetzt, und die Modelle und Vorgaben der zwei Plattformen Wien und Budapest werden in der Randzone Banat mitunter mimetisch übernommen. Sowohl das Autarkieprogramm als auch das Submersionsprogramm und das Immersionsprogramm weisen literarische Tendenzen mit programmatischem Charakter auf. Ihre Einbettung in die Plattform-Randzonentheorie würde die Darstellung der Banater Literaturgeschichte von einem positivistischen Ansatz befreien.
      Ein weiterer zentraler Bestandteil der Banater literarischen Identität ist der Kolonisationstopos. Wie die ursprüngliche Zugehörigkeit zum vorerst undifferenzierten geschlossenen deutschen Sprachraum, findet diese weitere iden-titätsstiftend-legitimierende Form der Selbstwahrnehmung ihre literarische Ausdrucksform in den Bildern der Pioniere und Urbarmacher. Zu diesen gehören die Bauern, Dorfschulzen, Pfarrer und Handwerker der frühen Einwanderungszeit, allerdings nicht die Soldaten der kaiserlichen Armee. Der Kolonisationstopos wurde aus der Volksdichtung in die Kunstdichtung übernommen und ist eine bis dato unerforschte thematische Konstante der deutschsprachigen Literatur des Banats. Aus ihm entspringt die historischkulturelle kollektive Legitimierung der deutschsprachigen Einwanderer in Bezug auf die Anderssprachigen. Die Kolonisten sahen sich mit einem zivilisatorischen Auftrag versehen, der aus der Zeit unmittelbar nach der 1716 erfolgten Rückeroberung des Banats von den Türken stammt. Tatsächlich hatten die deutschsprachigen Kolonisten sowohl in ihrer Selbstwahrnehmung als auch in der Wahrnehmung der anderssprachigen Bevölkerungsgruppen des Banats die Verhältnisse vor der türkischen Besetzung wiederherzustellen. Diese selbst gesetzte Aufgabe der deutschsprachigen Kolonisten wurde von den anderen Sprachgemeinschaften der Region positiv aufgenommen. Sie ist auch heute im regionalgeschichtlichen Bewusstsein der anderssprachlichen Banater vorhanden, was zu einer Sonderstellung der deutschsprachigen Minderheit im Verhältnis zu den anderen Sprachgemeinschaften der Provinz führte und den Akkulturationsprozess belebte. Freilich können die spezifischen Erscheinungen und die Eigendynamik dieser Literatur nicht alleine über die Plattform-Randzonentheorie erklärt werden. Erst eine ergänzende diachronische Betrachtung der zwei Komponenten des Identitätsbildes, des Kolonisatonstopos' und des Akkulturationsprozes-ses. würde die Bearbeitung der thematischen Schwerpunkte dieser Literatur ermöglichen und das Verhältnis der Deutschsprachigen zu den anderen Sprachgruppen des Banats beleuchten.
      In letzter Konsequenz würde diese Vorgangsweise die vorrangig strömungsgebundene Stoffgliederung zugunsten einer konsequenten siedlungs- und sozialgeschichtlichen Einbettung der literarischen Erscheinungen verdrängen. Welche Forschungsdesiderata noch ausstehen und wie die banatdeutsche Literatur unter den weiter oben erörterten Voraussetzungen periodisiert werden kann, soll im Bezug auf das 18. und das 19. Jahrhundert im Folgenden kurz skizziert werden.
      2. Ein Periodisierungsvorschlag
So gesehen stünde im Brennpunkt einer strömungsgebundenen Banater deutschsprachigen Literaturgeschichte die Auseinandersetzung mit den Themenkreisen der Identitätsfrage im Rahmen der Plattform-Randzonentheorie, was Fragen nach der Akkulturation und dem Kolonisationstopos einschließt. Freilich bedarf es dazu einer noch ausstehenden systematischen Bearbeitung der hochsprachlichen Literatur, des Theaterwesens und der Publizistik sowie der mundartlichen Volks- und Gebrauchsliteratur. Die Darstellung dieser kulturellen und literarischen Erscheinungen 'von innen nach außen" würde die Literatur dieses Inselsprachraumes für den Leser aus dem binnendeutschen Sprachraum zugänglich machen und zugleich eine distanziert-sachliche Bewertung ermöglichen. Ausgangspunkt dieser Ãœberlegung bleibt die auf die Rezeption im binnendeutschen Raum ausgerichtete Annahme, dass die Entwicklungsdynamik des literarischen Schaffens im Banat über die Identitätsfrage, über die Akkulturationsprozesse im multiethnischen Umfeld und über den Kolonisationstopos nachgewiesen wird. Die Zuordnung von Autoren und Publikationen zum Banater deutschsprachigen Schrifttum würde aufgrund des thematischen Bezugs und des Entstehungsortes der jeweiligen Werke erfolgen, um mitunter auftauchende Einstufungen wie jene Nikolaus Lenaus oder Johann Friedeis zu den deutschsprachigen Autoren des Banats zu relativieren. Umgekehrt könnten dadurch bisher unbekannte Texte mit eindeutiger Banat-Relevanz, wie jene des Wienerischen Diariums, der Wiener Hofzeitung, dem Kreislauf der deutschsprachigen Literatur des Banats zugeführt werden.
      Zusätzlich würde die Bearbeitung von Berichten binnendeutscher Reisender im Banat sowohl die kulturelle und gesellschaftliche Atmosphäre der Region beschreiben als auch einer Darstellung der literarischen Verhältnisse aus der Perspektive des geschlossenen deutschen Sprachraums sehr entgegenkommen.
      Die Literatur- und Theaterträger, aber auch die Verleger, die Drucker und die Institutionen sollten im Hinblick auf ihre kulturellen und identitätsstiftenden Auswirkungen untersucht werden. Dabei kommt der literarischen Schulbildung im deutschsprachigen minderheitlichen Umfeld des multikulturellen Banats eine zentrale Bedeutung zu, ebenso den literarischen Foren . Die Werke der einzelnen Autoren, die in diesem Umfeld wirken, können eingebettet in der Beschreibung dieser Voraussetzungen des literarischen Lebens dargestellt werden. Diese Vorgangsweise sichert eine aufsteigende stilgeschichtliche Erfassung der literarischen Gattungen.
      Freilich sollten die gängigen gattungs- und stilgeschichtlichen Profile in der Lyrik, der Epik und der Dramatik erhalten bleiben. Aufgrund der Forschungslage besteht ein großer Nachholbedarf vor allem in der Dramatik, zumal die Theatergeschichte zwar bearbeitet wurde, nicht aber die Dramatik selbst.
      2.1 Von der impopulation zur Aufklärung im Banat
Mit der impopulation des neoacquisticum setzen auch die Anfänge der deutschsprachigen Literatur des Banats ein. Ausgehend von der volksliterarischen Dichtung könnte für diese Periode der banatschwäbischen Literatur der Kolonisationstopos der ländlichen 'deutschen" Bauernkolonisten im Banat untersucht werden. Anhand von relevanten volksliterarischen Textbeispielen wäre die Entwicklung des Kolonisationstopos in seinen zwei Erscheinungsformen nachzuweisen. Die Abgrenzung von einer non-literarischen, rein historischsoziologischen Perspektive kann dabei durch die konsequente Einhaltung der gattungs- und stilgeschichtlichen Profile sehr wohl gesichert werden. Ausgehend von Josef Kallbrunners Untersuchungen zur impopulation des Banats, von zahlreichen Belegen aus dem Wienerischen Diarium und unter Mitberücksichtigung der lokalen Verhältnisse im Drucker- und Verlegergewerbe sowie unter Einbeziehung der Situation im Schulwesen kann der Beitrag der städtischen 'österreichischen" Siedler zur Entwicklung des literarischen Schrifttums im Banat nachgewiesen werden. Anhand dieser zwei Strömungen kann ein Gesamtbild des im Entstehen begriffenen deutschsprachigen Kulturlebens vermittelt werden.
      Zugleich wäre festzustellen, ob der Akkulturationsprozess der deutschsprachigen Bevölkerung im Verhältnis zu den anderssprachigen Bewohnern des Banats schon in der Aufklärung nachzuweisen ist.
      2.2 Von der Aufklärungszeit Maria Theresias zum Josephinismus

Die kulturgeschichtliche Relevanz dieser knappen, aber äußerst bewegten Ãœbergangszeit besteht im Banat hauptsächlich in den Auswirkungen der Theresianischen Schulreform. Diese erwirkte eine literarische Schulbildung, welche die Kulturmorphologie des deutschsprachigen Banats bis ins frühe 20. Jahrhundert bestimmte. Eine ausführliche Bearbeitung des institutionalisierten Rahmens der theresianischen Schulreform würde die Analyse der Lehrpläne, der Formen des Deutsch- und des Rhetorikunterrichts und der schulisch geförderten Formen der gesellschaftlichen Mehrsprachigkeit wie auch der verwendeten Schulbücher beinhalten und die Grundlage für die Beschreibung der späteren Akkulturationsmechanismen darstellen. Anschließend könnte vorrangig das Theaterwesen und das in dieser Zeit entstehende erste Banater Periodikum bearbeitet werden.
      Ãœber das Umfeld der städtischen 'österreichischen" Siedler, in welchem die erste deutschsprachige Banater Zeitung, die Temeswarer Nachrichten aus dem Jahre 1771, entstand, ist noch wenig bekannt. Ausgehend von den Beziehungen, die ihr Verleger Matthäus Heimerl zu dem Wiener Buckdrucker Johann Thomas Trattner pflegte, der 1783 das Buchhandlungsprivileg für Südungarn erwarb und es an Heimerl übertrug, kann das Abhängigkeitsverhältnis der regionalen Buch- und Zeitungsdrucker von jenen des binnendeutschen Sprachraumes erklärt werden. Vorarbeiten dazu liegen in einigen Wiener maschinenschriftlichen Dissertationen aus der Zeit um die Mitte des 20. Jahrhunderts vor.
      In dieser Zeit entstanden auch die ersten literarischen Produkte im Banat. Dazu gehören die Texte Heinrich Gottfried von Bretschneiders , der während seines kurzen Banataufenthaltes Beiträge an den Deutschen Merkur sowie an die Berliner Monatsschrift sandte. Für die Berliner Literatur- und Theaterzeitung arbeitete Johann Friedel , der in der gängigen Fachliteratur als bedeutendster deutschsprachiger Banater Autor dieser Zeit eingestuft wird. Allerdings wird der Stellenwert seiner literarischen Werkes eher durch seine militärischen Bildungs- und Erziehungseinflüsse als durch seine Temeswarer Herkunft bestimmt.
      2. 3. Vom Josephinismus zum Vormärz
Wie in allen habsburgisch-österreichischen Ländern, so entstand auch im jo-sephinischen Banat eine Vielfalt von literarischen Erzeugnissen der städtischen 'österreichischen" Siedler.
      Zu den bekannten, aber noch nicht bearbeiteten josephinischen Autoren des Banats gehört Joachim Hödl , ein Jesuitenprediger, der nach der Auflösung des Ordens als Geistlicher in mehreren Banater Ortschaften, darunter auch in Werschetz, tätig war. Von seinen Dichtungen sind bisher sieben unbearbeitete lateinische Gelegenheitsgedichte und mehrere deutschsprachige Texte bekannt, darunter auch das Heldengedicht Musa Werschet-ziensis, ein Loblied auf seine neue Heimat. Ein weiterer Geistlicher, der literarisch relevante Texte schrieb, war der Temeswarer Domprediger Josef Gruber , der anschließend Pfarrer in Csatad wurde und dort Gelegenheitsgedichte verfasste, die literarhistorisch bislang nicht untersucht wurden. Auch die Schriften Karl Anton Gruber von Gruberfels' , eines Banater Spätaufklärers österreichischer Prägung, sind kulturgeschichtlich noch nicht aufgearbeitet worden. Ein bedeutender Autor der Zeit mit unmittelbarem Banat-Bezug ist Joseph Christian von Zedlitz , der alle Sommermonate der Jahre 1817— 1836 auf den Familiengütern seines Schwiegervaters in den Banater Ortschaften Lowrin und Gottlob verbrachte. Dort entstanden einige seiner Schriften mit Banater Bezug, beispielsweise die Gedichte Die Dorfkirche und Die Heide, sowie sein Toast an Goethes achtzigstem Geburtstag an der türkischen Grenze ausgebracht . Auch ein weiterer binnendeutscher Autor, August Kern, war 1821-1830 in Pancsevo, im Südbanat literarisch tätig und brachte in dieser Zeit seinen bisher von der regionalen Literaturgeschichtsschreibung unbeachtet gebliebenen Gedichtband Meine Zerstreuungen {Fest, 1828) heraus.
      Zeitverzögert zur josephinischen Blütezeit der Wiener Plattform bleibt die Entwicklung der Presselandschaft in der Randzone Banat. Sie setzt erst mit dem allmählichen Ausklang des Josephinismus ein.
      Für diese Zeitspanne ist die Presselandschaft im Banat besonders gut dokumentiert. Die ersten zwei kurzlebigen Theaterzeitungen und weitere Wochenzeitungen in verschiedenen Ortschaften des Banats bieten ein reichhaltiges unbearbeitetes Dokumentationsmaterial. Der Buchdrucker und Journalist Josef Klapka verlegte in Temeswar mehrere Zeitungen, darunter die Banater Zeitschrift für Landwirtschaft, Handel, Künste und Gewerbe und das Temeswarer Wochenblatt . Klapkas Publikationen sind dem im Entstehen begriffenen Submersionsprogramm weitgehend verpflichtet, das von den ungarnfreundlichen Piaristen, die als Zensoren bestellt waren, unterstützt wurde. Kurz vor seiner Wahl zum Bürgermeister von Temeswar und anschließend zum ungarischen Reichtagsabgeordneten brachte Klapka seine ersten zwei deutschsprachigen Theaterzeitungen Südosteuropas heraus: die Notizen und ihre bis auf eine einzige Nummer vollständig erhaltene Fortsetzung Thalia . Die oben genannten Publikationen sowie das kulturelle Umfeld, in welchem sie erschienen, vermitteln ein angemessenes Bild dieses ersten konsistenten literarischen Zeitalters im Banat.
      2.4. Vom Vormärz bis zur Gründerzeit
In dieser Entwicklungsperiode beschäftigten sich die deutschsprachigen Schriftsteller verstärkt mit der kulturellen und regionalen Identität der Banaler Deutschen. Im ständigen Wechsel zwischen den kulturellen und politischen Orientierungspunkten Wien und Budapest thematisierten die Literaturschaffenden im Wien-orientierten" Immersionsprogramm bzw. im Budapestorientierten Submersionsprogramm mehr als in jeder anderen Entwicklungsperiode ihre regionale und sprachliche Identität. Zugleich eignet sich diese Periode exemplarisch für die Veranschaulichung der Plattform-Randzonentheorie: literarische Modelle und gesellschaftliche Polemiken werden aus den Zentren Wien und Budapest übernommen, mit Banater Inhalten versehen, und dann in der regionalen Kulturpolitik ausgetragen. Diese Umstände haben nicht alleine das gesellschaftliche Leben und das öffentliche Bewusstsein der deutschsprachigen Minderheit im Banat geprägt, sondern auch die Erscheinungsformen der Banater deutschsprachigen Literatur im 19. Jahrhundert bestimmt und auch ihre Entwicklung bis weit ins 20. Jahrhundert beeinflusst. Die rhein- und moselfränkische Mundartdichtung der ländlichen Ortschaften unterscheidet sich von den standardsprachlich-süddeutsch geprägten literarischen Produktionen der städtischen Kulturzentren nicht alleine durch die Themenwahl, sondern auch durch ihre gesellschaftliche Funktion.
      Die sprachliche und gesellschaftliche Spaltung dieser nach außen als geschlossen wahrgenommenen Minderheit begann in dieser Periode auch auf literarischer Ebene deutlich zu werden. Während die Mundartdichtung mit ihren volksliterarischen Wurzeln vermehrt dem Autarkie-Programm verpflichtet blieb, wurden in der Kunstdichtung in zunehmendem Maße die kulturellen Debatten zwischen den Vertretern des Submersionsprogrammes und jenen des Immersionsprogrammes ausgetragen.
      Ein bis heute literarhistorisch noch nicht bearbeitetes bedeutendes zeitgeschichtliches Dokument, Georg von Ambrozys kulturpolitische Schrift Te-meswar im Jahre 1849 , widerspiegelt den Zeitgeist der Epoche und bietet zugleich einen Einblick in das soziale und kulturelle Leben des Banats um die Mitte des 19. Jahrhunderts und steht - so gesehen -dem epischen Werk des Feuilletonisten Karl Wilhelm von Martini keineswegs nach. Die Epik Martinis, eines städtisch 'österreichisch" geprägten Dichters, der in seinem Stilleben eines Grenzoffiziers das Leben an der Südbanater Militärgrenze beschreibt, bietet eine atypische Behandlung des Kolonisationstopos, nämlich aus der Sicht eines Offiziers. Doch kommt in dieser Zeit auch die klassische Variante des Kolonisationstopos in der literarischen Produktion der Mundartdichter aus den ländlichen 'deutschen" Ortschaften voll zur Geltung. Martinis ebenfalls noch kulturhistorisch nicht genügend aufgearbeiteter Band Pflanzer und Soldat ist das epische Pendant zu den lyrischen Produkten Karl Grünns , der dem Autarkieprogramm verpflichtet ist. Adalbert Birkenheuer ist ein Lyriker dieser Zeit, welcher die programmatische Fixierung ü-berwindet und in seiner Lyrik eine identitätsstiftenden Synthese anstrebt. Er veröffentlicht in seinem Band Liebe, Freiheit, Kultur ein komplettes Paradigma der Banater deutschen Literatur, das sich für eine genauere Bearbeitung der Identitätsfrage geradezu anbietet. Literarhistorisch zu erschließen sind zudem die über 20 Tragödien und Lustspiele des äußerst produktiven Mundartdichters Karl Zeh , die ein Zeitbild des ländlichen Lebens im Banat vermitteln.
      In dieser Zeit schrieb der dramatisch äußerst produktive Johann Nepomuk Preyer seine Dramen und Lustspiele: Canova. Dramatisches Gedicht ; Die Sulloten ; Hannlbal und Huny-adi Laszlo . Sie wurden mitunter auch auf Bühnen im binnendeutschen Sprachraum aufgeführt. Auch Preyers Werk wurde bisher nicht genügend erforscht.
      Von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Gründerzeit erschienen in den Kleinstädten des Banats über ein Dutzend Periodika, die thematisch von der programmatischen Polemik zwischen den Vertretern des Immersi-onsprogrammes und jenen des Submersionsprogrammes dominiert waren. Diese verschärfte sich in der Zeit unmittelbar um den österreichischungarischen Ausgleich aus dem Jahre 1867. Diese Wochenzeitungen in den kleineren städtischen Ortschaften des Banats sind eine verspätete Reaktion der Randzone auf die Plattformerscheinungen in Wien und Budapest. Indem sie die Thematik der Plattformperiodika übernehmen und diese auf die lokalen und regionalen literarischen Begebenheiten und kulturellen Erscheinungen übertragen, erwirken sie eine Eigendynamik des literarischen und kulturellen Lebens in der Region. Die relevantesten Beispiele dafür sind der Lugoser Anzeiger oder der langlebige, für das südliche Banat bedeutende Werschetzer Gebirgsbote , der von einem Brandenburger Verleger und Drucker, Eduard Kirchner , herausgebracht wurde. Später druckte Kirchner auch Victor Gläsers Weisskirchner Anzeiger . Als dieser in Zusammenarbeit mit dem Herausgeber und Verleger Julius Wunder aus Danzig Die Nera , und anschließend eine weitere kurzlebige regionale Publikation, den Berggeist herausgab, brach eine rege Polemik zwischen diesen Publikationen aus, die alle mehr oder minder ausgeprägt submersionsprogrammatisch ausgerichtet waren. Diese Polemik ist eine hervorragende Quelle für die Darstellung des literarischen und gesellschaftlichen Lebens im Südbanat. Doch ist damit das Quellenmaterial aus dem Südbanat nicht ausgeschöpft: Mehrere kurzlebige, ebenfalls nicht bearbeitete Wochenzeitungen, wie das Orschowaer Wochenblatt , die Karansebescher Zeitung , oder die Dettaer Zeitung ermöglichen es, ein Gesamtbild dieser Periode zu zeichnen. Auch in Temeswar wurde in dieser Zeit eine weitere Publikation, die Neue Temeswarer Zeitung, gegründet . Doch ging diese 1884 im Konkurrenzkampf mit der überregionalen Temeswarer Zeitung unter.
      Wie bei jeder Minderheitenliteratur im mehrheitlich anderssprachlichen Umfeld führte die literarische Thematisierung der Identitätsfrage auch bei den Banater Deutschen, insbesondere im Autarkieprogramm und im Immersionsprogramm, zu literarischen Produkten, die heute als national-abgrenzend bewertet werden. Exemplarische Zeugnisse dieser Ausrichtung nahmen wiederum einen beachtenswerten ideologisierenden Einfluss auf die Leser und verschärften die programmatischen Tendenzen im öffentlichen Bewusstsein.
      3. Fazit: Totgesagte leben länger
Vor gut vierzig Jahren gab der Literatur- und Sprachwissenschaftler Karl Kurt Klein leicht resigniert zu, dass ihm die Ursachen des geringen Wirkungswertes seines Spezialgebiets unbekannt seien:
Im eigenartigen Gegensatz zu dem anerkannten Erkenntniswert der Sprachinselforschung steht ihr geringer Wirkungswert. [...] Ist ihre politische Bedeutungslosigkeit, der Missbrauch durch das Dritte Reich daran schuld? Ich weiß es nicht."
Dass diese resignative Beanstandung gleichermaßen den Wirkungswert der linguistischen und jenen der literaturwissenschaftlichen Sprachinselforschung betrifft, darf aufgrund von Kleins literaturgeschichtlichen Leistungen wohl angenommen werden. Dass die Antwort auf diese Frage in einer von ihm selbst geäußerten literaturwissenschaftlichen Mahnung zu finden ist, kann allerdings bestritten werden. Klein behauptet nämlich an anderer Stelle, dass es:grundsätzlich ganz verfehlt sei, die Tätigkeit eines Germanisten in Jassy mit der eines in München oder Heidelberg wirkenden Gelehrten zu vergleichen. Eher müsste man an die Arbeit eines Romanisten in Deutschland oder eines Anglisten in Italien denken.

     
   Im Rahmen der feinen Abstufung zwischen Auslandsgermanisten und binnendeutschem Gelehrten mag die Tätigkeit eines Germanisten in Jassy sehr wohl mit jener eines Romanisten in Deutschland oder eines Anglisten in Italien vergleichbar sein, denn allen dreien ist die Mittlerrolle zwischen ihrem Fach und ihrem anderssprachigen kulturellen und wissenschaftlichen Wirkungskreis gemeinsam. Jedoch kommt auf den Jassyer Germanisten eine weitere, inselsprachliche Aufgabe zu, die einem Romanisten in Deutschland oder einem Anglisten in Italien fremd ist. Er soll den besagten anerkannten Erkenntniswert seiner Sprachinselforschung von innen nach außen, von der Sprachinsel in den geschlossenen deutschen Sprachraum befördern. Um mit Stefan Sienerth zu sprechen:
Während im Falle der deutschen Literatur bei Autor und Leser ein aus ähnlichen geschichtlichen, kulturellen und sprachlichen Erfahrungen erwachsener gemeinsamer Erwartungshorizont vorausgesetzt werden kann, reklamiert ein adäquates Verstehen von Texten deutscher Autoren aus Südosteuropa zusätzlich spezielle Kenntnisse über das Umfeld, das diese Texte mitgeprägt hat."
Zugleich ist die Kleinsche Klage ob des geringen Wirkungswertes der literarischen Erforschung von Sprachinseln auf die Struktur des binnendeutschen Kanons der zwischen- und nachkriegszeitlichen Germanistik zurückzuführen, der die durchaus erkenntnisreichen Erträge der extraterritorialen litera-tur- und sprachwissenschaftlichen Forschung kaum wahrzunehmen vermochte. Dem 19. Jahrhundert verpflichtet, ist dieser Kanon auf den geschlossenen deutschen Sprachraum eingegrenzt und bietet aufgrund dieser Restriktion der literarischen und sprachwissenschaftlichen Erforschung der auslandsdeutschen Sprachinseln einen begrenzten Wirkungskreis. Nach wie vor ist der gesamte binnendeutsche mittelschulische Unterricht in den Fächern Geschichte, Erdkunde und Sozialwissenschaften auf die Vermittlung jener Grundkenntnisse ausgerichtet, die zu einem Netzwerk impliziten Wissens zusammenwachsen, worauf die erfolgreiche Vermittlung der binnendeutschen Literaturgeschichte aufbaut. Dieses implizite Grundwissen um die sozialen, historischen und literarischen Verhältnisse von literarischen Epochen im geschlossenen deutschen Sprachraum wird daselbst als selbstverständlich vorausgesetzt, anders als für die der inselsprachlichen Literaturen. Der umfangreiche sozial- und siedlungsgeschichtliche Erklärungsbedarf der inselsprachlichen literarischen Produkte erschwert ihre Rezeption im binnendeutschen Raum erheblich. Vom implizitem Wissen über die Identitätsmerkmale bis zu den literarischen Konsequenzen des Minderheitenstatus' mangelt es binnendeutschen Rezipienten immer wieder an jenen Grundkenntnissen, die einen uneingeschränkten Zugang zu den Inselliteraturen ermöglichen würden. Um erneut Sienerth zu zitieren: Die Scherezwischen der intendierenden Sinngebung des Autors und den Aufnahme- und Deutungsmöglichkeiten der Leser [ist] nicht gänzlich geschlossen worden.

     
   Freilich bleibt die vollwertige kanonische Ãœbernahme dieser 'extraterritoria-lien" Literaturzeugnisse nach wie vor ein frommer Wunsch. Jedoch bieten -gerade in der neueren Zeit - die zunehmende Lockerung des binnendeutschen germanistischen Kanons und die Neupositionierung der Germanistik als integrative Kulturwissenschaft Chancen, die Schere, auf die Sienerth hingewiesen hat, zu schließen. Die zunehmende Akzeptanz der kulturwissenschaftlichen Methoden in der Literaturwissenschaft ermöglicht eine erfolgreiche Gratwanderung zwischen der Minderheitensoziologie und der Hermeneutik der literarischen Produkte der inselsprachlichen Literaturgeschichte. Diese Umstände könnten der Banater Literaturgeschichte von einem anerkannten Erkenntniswert zu einem hohen Wirkungswert verhelfen. Die neueste Erfolgsgeschichte der Forschungsschwerpunkte Siebenbürgen und Bukowina steht als Beweis dafür.
     

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