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Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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Büchner-Gedichte in der rumäniendeutschen Literatur



Von hier aus, also vom ,Commoden' her, aber auch im Lichte der Utopie, unternehme ich -jetzt - Toposforschung: Ich suche die Gegend, aus der Reinhold Lenz und Karl Emil Franzos, die mir auf dem Weg hierher und bei Georg Büchner begegneten, kommen. Ich suche auch, denn ich bin ja wieder da, wo ich begonnen habe, den Ort meiner eigenen Herkunft.

      Paul Celan: Der Meridian, i

  
   Unter den neueren Gedichten über den vormärzlichen hessischen Dichterrevolutionär Georg Büchner befinden sich auch einige, die von rumäniendeutschen Autoren stammen. Das bisher kürzeste und unscheinbarste dieser Gedichte hat 1982 Franz Hodjak geschrieben, es bezieht sich auf die von Büchner gemeinsam mit Friedrich Ludwig Weidig verfasste, aufwühlerische Flugschrift Der Hessische Landbote':
Variation auf ein thema von Büchnerist friede in den hütten, ist friede in den palästen -amen.
      Die drei lapidaren Zeilen bieten auf den ersten Blick nichts anderes als eine schlichte Variation des Mottos zum Hessischen Landboten: 'Friede den Hütten! Krieg den Palästen!", das seinerseits schon in bezeichnender Weise die beiden Teile der populären, dem französischen Moralisten Nicolas Chamfort zugeschriebenen, auch in Büchners Hauptquellen für Dantons Tod zitierten Losung 'Guerre aux chäteaux! Paix aux chaumieres!" umgestellt hatte. Hod-jaks anspielungsreiche Zitatkunst besteht jedoch darin, dass er hier - abgewandelt - auch Hans Magnus Enzensberger zitiert, der 1965 in einer ausführlich kommentierten Edition des Hessischen Landboten das Motto der Flugschrift - im Hinblick auf den Vietnamkrieg und auf den 'Riss" zwischen den Industrie- und den Entwicklungsländern - antithetisch aktualisiert hatte: 'Friede den Eigenheimen am Rhein und am Hudson! Krieg den Hütten am Congo und am Mekong!" Die neue Zitatvariante Hodjaks erweckt dagegen den Anschein totaler Friedfertigkeit, aber der doppelt zum Ausdruck gebrachte Friede entpuppt sich als ein geteilter, denn die Befriedung der Armen diene ausschließlich einem höheren Zweck: dem profitablen Frieden der Reichen. Das abgesetzte Schlusswort 'amen" scheint zwar wie im Gebet diesen Zustand resignativ abzusegnen, evoziert aber zugleich einen Zynismus, der einen Widerstand gegen solch konterrevolutionären Frieden auf Kosten der Armen provozieren soll. Damit ruft das Gedicht die zwar vielzitierte, aber mittlerweile in Vergessenheit geratene Erkenntnis Büchners wieder ins Gedächtnis zurück, derzufolge 'das Verhältnis zwischen Armen und Reichen [...] das einzige revolutionäre Element in der Welt" sei.' Eine dritte, gewissermaßen zwischen Enzensberger und Hodjak vermittelnde Variante des Chamfort-Büchner-Zitats aus dem Hessischen Landboten sollte übrigens Volker Braun acht Jahre später, 1990, in seinem Gedicht Das Eigentum präsentieren, das mit den beiden Zeilen beginnt: 'Da bin ich noch: mein Land geht in den Westen. / KRIEG DEN HÃoTTEN FRIEDE DEN PALÃ"STEN."
Von einer ähnlich lakonischen Simplizität wie seine Variation auf ein Thema von Büchner ist Hodjaks 1988 verfasstes, auf Büchners gleichnamiges Revolutionsdrama bezogenes Gedicht Dantons tod geprägt5:
Dantons todnicht den köpf verlor ich,das gesicht. seither schweigich weise, für die Visionen, hohesgericht, hab ich keinebeweise.
      Das schlichte, aber kunstvoll gebaute, mit bedeutungsvollen Binnenreimen ausgestattete Gedicht vermittelt einen resignativen, desillusionierten Eindruck, der im letzten, einen ganzen Vers bildenden Wort 'beweise" gipfelt. Die Utopien haben keine historische Bestätigung gefunden. Das lyrische Subjekt scheint mit Danton identisch zu sein, der zwar nicht den Verstand , wohl aber die Moral verloren habe, der nicht mehr an seine revolutionären Ideale glauben könne und sich 'weise" - wie Büchners Titelfigur vor dem Revolutionstribunal - 'in die Citadelle der Vernunft zurückziehen" wolle . Hinter dem als Danton maskierten lyrischen Subjekt verbirgt sich natürlich auch der Autor Franz Hodjak höchstpersönlich, wiewohl er sich, wie er in seiner gleichzeitig verfassten lebenslaufschilderung erklärt, in einem
wesentlichen Punkt von dem enthaupteten französischen Revolutionär unter-
scheide: 'doch ich habe glück, ich trage auf den eignen schultern den eignen
köpf. Die Desillusionierung durch den Verlauf der Geschichte, das Endeder Utopien stelle immerhin eine eigenständige Erkenntnisleistung des Subjekts dar, dem noch eine gewisse Existenzfrist beschieden sei, um sein Verhältnis zwischen Leben und Tod neu zu definieren. Daraus resultiert, wie Hodjak in seiner lebenslaufschilderung mit ironischer Paradoxie erläutert, 'der Optimismus meines pessimismus: mit jedem schritt, mit dem ich dem tod entgehe, verlängere ich das leben um einen schritt"7. Ebenfalls im Jahre 1988 veröffentlichte Nikolaus Berwanger das Gedicht stellt euch Büchnet*:im nachlaßaufgaben für generationen wer kann antworten wer will standhalten nagelprobefür Zeitalter ungeheurer kettenrevolutionenfür Schurkerei niedertracht selbstzerstörungheuchler aller länderdespoten aller gesellschaftssystemestellt euchwer kann standhalten.
      Das Gedicht bezieht sich zunächst auf das wechselvolle Schicksal von Büchners literarischem Nachlass, seinen Werken und Briefen, deren Edition, wenn man nur an das Woyzeck-Fragment denkt, eine große Herausforderung für viele Generationen von Schriftstellern und Literaturwissenschaftlern bis in unsere unmittelbare Gegenwart darstellt. Von der derzeit als 'ultimativ" geltenden, historisch-kritischen Marburger Büchner-Ausgabe sind erst Dantons Tod , Lenz und Leonce und Lena erschienen. Erst 2013, im zweihundertsten Geburtsjahr des Dichters, soll diese Ausgabe abgeschlossen sein. Büchners Nachlass ist legendenumrankt, da es nicht nur um die erhaltenen Schriften, sondern, fast mehr noch, um die verschollenen geht: das Pietro Aretino-Drama, das Tagebuch und diverse Briefe, ferner persönliche 'Notizen" und 'unvollständige Auszüge", die dem ersten historisch-kritischen Büchner-Editor, dem aus Galizien bzw. der Bukowina stammenden Schriftsteller Karl Emil Franzos auszuhändigen sich Büchners Braut, Wilhelmine Jaegle, noch wenige Jahre vor ihrem Tode strikt geweigert hat. Doch hofft man hier von Generation zu Generation immer wieder aufs Neue auf ein Entdeckerwunder, die es ja auch in Ansätzen 1986 und 1993 tatsächlich schon gegeben hat, als man auf vier neue, unbekannte Briefe Büchners stieß.
      Mit dem Nachlass Büchners spielt Berwangers Gedicht aber auch auf das politische Vermächtnis an, das der hessische Dichterrevolutionär hinterlassen hat und das es immer wieder aufs Neue zu aktualisieren gilt - im Hinblick auf die Bekämpfung barbarischer Diktaturen allüberall in der Welt, nicht zuletzt zu dieser Zeit gerade auch in Rumänien. Der Emigrant Büchner dient dem rumäniendeutschen, in die Bundesrepublik emigrierten Lyriker als 'Nagelprobe" des Widerstands gegen die gescheiterte Trias des 'rumänischen Sozialismus, Romanismus und Balkanismus"9, auf den wohl in erster Linie die drei Prädikate 'Schurkerei niedertracht selbstzerstörung" gemünzt sind. Zu den 'Despoten", die sich Büchners sozialrevolutionärem Auftrag in allen Zeiten und Ländern stellen sollen, weil sie ihm nicht standzuhalten vermögen, zählt Berwanger, wie er an anderer Stelle ausführt, namentlich den gescheiterten Diktator Nicolae Ceausescu, 'der jede Beziehung zur Realität verloren hat, der längst einen Polizeistaat aufgebaut hat, wie ihn die rumänische Geschichte in zweitausend Jahren nicht gekannt hat." Schon ein Jahr später wurde der rumänische Despot standrechtlich erschossen. Berwanger hat Ceausescus dramatisches Ende am 25. Dezember 1989 nicht mehr erlebt, er verstarb schon am 1. April desselben Jahres in Ludwigsburg. Im Jahre 1988 erschien noch ein drittes Büchner-Gedicht aus der Feder eines rumäniendeutschen Lyrikers, nämlich Werner Söllners Der Logenschließer.
      Er öffnet für das Theater und er tritt zurück ins Dunkel. Er hat es oft gesehen. Was ist denn wirklich wichtig? Die Mäntel und Hüte an der Garderobe abgeben, an der ein Mensch sich sammelt? Für die uralte Geschichte, die auf der Bühne geschieht? Oder sollen wir auf die Straße gehen, den Moment mittlerweile nur abwarten und die Notwendigkeit lieben lernen? Mit uns zu leben, das ist das schwerste, um ein- und auszugehn bei den andern, die jetzt vielleicht im Theater sitzen und denken, daß das, was sie sehen, ein Schauspiel ist. Der Logenschließer zündet sich auf dem Gang die vorletzte Zigarette an. Er hat Rosetta auf den Brettern gesehn. Dann geht er, wahrscheinlich gegen elf, nach Hause.
      Das Gedicht bezieht sich auf Büchners Lustspiel Leonce und Lena und auf die davon abgeleitete Polarität von Kunst und Leben. Thematisiert wird abermals die Frage, was 'wirklich wichtig" sei: das Geschehen auf der Bühne oder jenes auf der Straße, die Liebe in der Komödie oder in der Wirklichkeit? Bemerkenswert ist der Umstand, dass dem Logenschließer besonders die Figur der vom Prinzen Leonce zum bloßen Liebesobjekt verdinglichten Rosetta im Gedächtnis bleibt. Dies erinnert an Christa Wolfs Büchnerpreisrede , deren besonderes Augenmerk ebenfalls auf Rosetta gerichtet ist. Von Rosettas desillusionierter Wunschvorstellung, 'Meine Füße gingen lieber aus der Zeit", hatte Christa Wolf eine feministische Geschichtsphilosophie abgeleitet, die auf einen utopischen Austritt aus der barbarischen, von Männern gemachten Unheilsgeschichte abzielt. Dieses Postulat bildet das Zentrum von Christa Wolfs mythischer Erzählung Kassandra , wo Rosettas Satz im Munde der Titelfigur wörtlich wiederkehrt. Es ist nicht auszuschließen, dass Söllner in seinem Gedicht auf diesen ganzen intertex-tuellen Komplex mit anspielt.
      Ein Jahr später, am 24. Juli 1989, veröffentlichte Werner Söllner in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung ein weiteres Büchner-Gedicht, das diesmal auf die Lenz-Novelle und den darin thematisierten Aufenthalt des von geistiger Umnachtung bedrohten Sturm und Drang-Dichters Jakob Michael Reinhold Lenz beim philanthropischen Pastor Johann Friedrich Oberlin im elsäs-sischen Waldersbach Bezug nahm:
Oberlin an Lenz
Ruhig und still und kalt ist die Nacht, und der Mondein halbes Gelächter. Bade nicht, wenn du nicht einschlafen kannst,sondern rede mit Gott, der Gas gibt und die nächste Ausfahrtzu dir nimmt. Wenn dich friert,am Ende dieses langen, tiefen Tals,laß dein Gefühl für Gesteine, Metalle, Wasser und Pflanzen.
      Sprich mit Kaufmann über Literatur oder geh mit uns in die Schweiz.
      Es handelt sich um eine lyrische Umformung von Oberlins Rechtfertigungsbericht, die appellativ an Lenz als das apostrophierte Du gerichtet ist. Beinah das gesamte Wort- und Motivmaterial wurde der Lenz-Novelle Büchners entnommen" und zu sechs eindringlichen, schlichten, jeweils zweizeiligen Strophen verdichtet, deren beruhigender Predigtton einen ergreifenden Kontrast zur ausgesparten Unruhe des angesprochenen Du abgibt. Wie im blas-phemischen Lachen von Büchners Lenz manifestiert sich auch bei Söllner im 'halben Gelächter" des nächtlichen Firmaments der verzweifelte Atheismus des modernen, gottverlassenen Subjekts, dem das unerschütterliche, naive Gottvertrauen des elsässischen Pfarrers als wenig überzeugende Alternative kontrastiert: Denn die Vorstellung eines Gottes, der als Autofahrer seine Geschwindigkeit beschleunigt, um dem lyrischen Subjekt entgegen zu eilen, wirkt nicht weniger lächerlich als das 'dumme blaue Aug'' des Himmels und des 'ganz lächerlich" und 'einfältig" drin stehenden Monds, wie Büchners Lenz seine metaphysische Obdachlosigkeit beschreibt, die Söllner in seinem Gedicht zitiert.
      Wie diese wenigen Beispiele zeigen, die keine Vollständigkeit beanspruchen wollen, ist Georg Büchner in der rumäniendeutschen Lyrik auf eine vielfältige, politische und ästhetische Weise präsent. Möglicherweise wurzelt dieser Befund in einer Tradition, die über Paul Celan bis zu dessen bukowinischem Landsmann Karl Emil Franzos zurückreicht, auf den sich der Czemowitzer Büchnerpreisträger am Ende seiner Dankrede Der Meridian so demonstrativ berufen hat.
     

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