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Ästhetik und minderheitenraum -aspekte der deutschen regionalliteraturen in rumänien

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,Auslanddeutsehe Literatur' und nationalsozialistische Literaturpolitik



Adolf Meschendörfers Roman Der Büffelbrunnen

I.
      Spätestens 1932 müssen den Literaten Adolf Meschendörfer alle guten Geister des gesitteten Bildungsbürgers und der schreibenden Zunft verlassen haben. Der Germanist Heinz Kindermann, Hochschullehrer an der kulturpolitisch wichtigen Grenzlandhochschule Danzig und bis Kriegsende Protagonist ,auslanddeutscher' Literaturforschung2, spricht in diesem Jahr ausgewählte Beiträger für eine literaturpolitische Publikation an, die mit dem programmatischen Titel Des deutschen Dichters Sendung in der Gegenwart pünktlich zur Machtergreifung' der Nationalsozialisten 1933 bei Reclam erscheint und die Bekenntnisse der national-konservativen, völkischen Autoren der Zeit präsentiert. Zur neuen Standortbestimmung des Dichters im 'Dritten Reich" wird die essayistische Tradition gezielt deformiert, indem kritischer Diskurs durch allgemeine politisierte Informationsleistung ersetzt wird, differenzierte Geschichtssicht durch historiographische Einebnung auf völkisch-biologistische Umstände, individueller Standpunkt durch Gemeinschaftsperspektive.
      Mit seinem Beitrag Die Stimme der Auslandsdeutschen paraphiert Meschen-dörfer öffentlich diesen Gruppenappell zu völkisch ideologisierter Politik, Wissenschaft und Literatur. Die Dialektik der Botschaft und ihr Inhalt sind einfach. Seine Zivilisations- und Fortschrittskritik an den industriegesellschaftlichen Veränderungen als 'Weltkrankheit" mündet in die Forderung nach agrarromantisch-nationalistischer Rückbesinnung auf 'den uralten Geschlechterrhythmus [...] alles lebendigen Volkstums" und 'Instinkt des Blutes'". Daraus ergebe sich 'die wichtigste Aufgabe des Deutschen Dichters", jene 'ewigen Urbilder alles bodenständigen Volkstums, deutschen Volkstums, wieder aufzurichten", die sich vorbildlich im 'Kolonistenschicksal" erhalten haben. Solche literargeschichtliche und literaturpolitische Konsequenz reduziert komplexe Literaturepochen von Klassik, Romantik, Biedermeier/Vormärz, Realismus auf eine ,ewige' deutschnationale Kunsttradition, zieht eine Ãœberlieferungslinie von Goethe über Jean Paul zu Hermann Stehr, Hans Grimm, Friedrich Schnack, fordert die völkische Erneuerung der 'Heimatdichtung" ohne ,falsche' 'Deutschtümelei" und Idyllisierung9, disqualifiziert die nicht genannten Vertreter der Moderne als unpatriotische 'Schmarotzer und Lumpen"10, ignoriert die internationale Literatur.
      Meschendörfer beteiligt sich mit seinen Aussagen an dem 'Volkstümlichkeitskonzept [der] Synthese von Volk und Führer"", welches der Staatskommissar Hans Hinkel - einer der kommenden einflussreichsten NS-Lite-raturpolitiker - mit den Schlagworten von aggressiver nationaler Revolution', 'Blut und Boden"-Ideologie und Führerverpflichtung im Geleitwort festlegt. Und er zeichnet das mit seinem Namen ab, was der Herausgeber Kindermann über 'Literaturwissenschaft als volkhafte Lebenswissenschaft" zur Aufkündigung wissenschaftlicher Ethik sowie zur politischen Einbindung des Dichters sagt, dessen künstlerische Freiheit dem 'Gesetz einer Thronerhebung der Volkheit" und seines daran gebundenen Auftrages als 'Seher und Künder seines Volkes" zu folgen hat, 'weit über die deutschen Staatsgrenzen hinaus"". Meschendörfers konformistisches Mitsprechen teilt die öffentliche Billigung von antidemokratischer ideologischer und administrativer Gleichschaltung, wie sie im Jahr der Buchveröffentlichung 1933 vollzogen wird. Auch sein , gespaltenes Bewusstsein' verkennt Qualität und Zusammenhang von Propagandaministerium, Reichsschrifttumskammer, Reichspressekammer und Zensur, Bücherverbrennung, Ermächtigungsgesetz, Austritt aus Völkerbund, internationalem PEN-Club und Bücherverbrennung als Signale verheerender Amalgamierung von allgemeinem Kri-senbewusstsein und rassistischer Erlösungsideologie. Die Stabilität dieser Weltsicht zeigt das Bekenntnis Goethe in meinem Leben, 1942 geschrieben, 1943 veröffentlicht in den völkisch ausgerichteten Straßburger Monatsheften, im Jahr von Stalingrad, Goebbels Sportpalastrede und Freislers Amtsantritt im Volksgerichtshof.'
In dem sentimentalen Text weicht der ,wallfahrende' Sechzigjährige, konfliktscheu wie zuvor, der allgemeinen Gesellschaftskrise aus, nunmehr der aktuellen von 'Drittem Reich", krimineller Ideologie und verheerendem Krieg. Er trennt weiterhin den eigenen Lebensentwurf des Schriftstellers von der Wirklichkeit des historisch-politisches Diskurses und der Literaturentwicklung durch den Paravant von Goethemythisierung, Geschichtsblindheit und Selbststilisierung. Dazu reduziert Meschendörfer Kultur auf Goethe, radikalisiert dessen nationalistische Mythisierung in der historistischen Tradition des 19. Jahrhunderts, beansprucht in seinem Namen kulturelle Weltmachtstellung für Deutschland und deutschen territorialen Anspruch, richtet die Namengebung in seiner Familie danach.2' In halsbrecherisch metaphori-sierender, allegorisierender, symbolisierender Verbildlichung und quasireligiöser Hymnik spricht er seinem Goethebild Universalität zu. Goethe erscheint ihm zugleich als 'Bild eines Halbgottes"22, als 'ein unverrückbarer Stern im Mittelpunkt der Welt, Erhebung und Richtschnur", als Inkarnation des ,ewigen' ,,Großdeutsche[n] Reich[es] des Goethezeitalters"23, wiedergefunden in der erotisierten Blut und Boden-Bindung ans Elsass, ihm, Meschendörfer, ,wieder'geschenkt' 'durch die Tat Adolf Hitlers"24. Die verkürzende Personalisierung von Politik und Kultur auf Hitler und Goethe entlarvt ein entsprechend dogmatisch verengtes Begreifen von Humanität als NS-Ethik, Geschichte als deutsche Geschichte und den Dichter als schicksalbeschwörenden 'Seher"25. Historie, euro- und germanozentrisch, ist die ideologisch interpretierte Tradition, aus der das 'Dritte Reich" seine Begründung speist, und eine entsprechend ideologisch bereinigte Gegenwart sowie eine davon abhängige Bewertung der tatsächlichen Verhältnisse. Diese Sinnverschiebung führt zu Realitätsfremdheit und Werteverlust, augenfällig in der Erstarrung von Sprache und Aussage in semantisch entleerter Phraseologie der Sentimentalitäten, Parolen und hyperbolischen Hoskeln. Der gebildete Goethefreund Meschendörfer, dem der Weimaraner 'zum Maßstabe aller Kunst, ja alles Lebens, der Gehalt an reiner Menschlichkeit geworden" ist, bekennt sich als chauvinistischer NS-Akteur. Er pflegt hemmungslosen Personenkult, unterstützt die Propagandahetze gegenüber der jüdischen, französischen, englischen und amerikanischen ,Unkultur' mit abschätziger Diktion27, wertet den Krieg als barbarische, heimtückische' Aktion gegen Goethe, Hitler und das Opfer Deutschland, glaubt an den Sieg, an Deutschlands archaischen Kampf wie der der Griechen in den Perserkriegen für eine neue Ordnung zum Wohle der Menschheit.

     
   All das ist Teil eines Lebensentwurfs, der Persönlichkeitsstärke vorgibt, aber als Minderheitenangehöriger durch Identitätsunsicherheit geprägt ist, bewirkt vom Konflikt von interkultureller Konkurrenz zwischen nationalstaatlichem Führungsanspruch und kulturellem Autonomieverlangen der Minderheit. Von hier aus gesehen erscheint es plausibel, dass Meschendörfer bereitwillig die Nähe zu einem Regime sucht, dessen versprochene Sicherung von Minderheitenexistenz den verbrecherischen Charakter der Ideologie und die Gefahr moralischer Korrumpierung lange verdrängen lässt. Das alles begünstigt eine Biographie, deren Ausrichtung auf das Personenduo Goethe und Hitler dazu prädisponiert, Selbstbestimmung mit zunehmender Selbstaufgabe zu verwechseln und dem Zirkelschluss zu folgen, Goethes Weltbild begründe das Weltbild Großdeutschlands und vice versa. So bekennt er folgerichtig, den 'stolzesten Tag" seines Lebens erfahren zu haben, als ihm 1936 die Goethe-Medaille zugesprochen wurde, wobei das 'Schreiben des Führers aller Deutschen" als höheres 'Siegel der Auszeichnung" eingeschätzt wird als 'Goethes Name".

     
   In beiden essayistischen Texten weist Meschendörfer sich selbst als Teil der ideologisch-politischen Orchestrierung des 'Dritten Reichs" aus und als Befürworter der staatlich erzwungenen völkisch-rassistischen, nationalistischen Organisation eines Volkes, der gewalttätigen Unterwerfung der Volksfeinde' im Inland und besetzten Ausland. Er beteiligt sich an der instrumentalisierenden Pervertierung von Geschichte, Kultur und Politik, mit der die Semantik des gesellschaftspolitischen Raumes im Sinne des Regimes zurechtgerückt werden soll. In der absichtlichen Verzahnung deutscher Geschichte mit Minderheitengeschichte von der Jahrhundertwende an durch die falschen politischen Führer ist Meschendörfer Täter und Opfer zugleich. Der Impetus für seine demonstrative Linientreue ergibt sich aus der geschichtsklitternden, politisch opportunistischen Konstruktion vom Zusammenhang der beschädigten Ehre des deutschen Volkes durch die , Schande' von Weltkriegsniederlage und Versailler Vertrag, den davon unberührten deutschen Minderheiten, deren kultureller Stell vertreterkampf gegen , Ãœberfremdung' auf das Deutsche Reich und seine unter dem Nationalsozialismus angestrebte , Wiedergeburt' im Sinne völkischer Selbsterhaltung und globaler Kulturmission projiziert wird. Die Volksdeutsche Botschaff' des siebenbürgisehen Autors Erwin Wittstock, verkündet am 29. Oktober 1935 in der Kroll-Oper , und Reichsleiter Alfred Rosenbergs propagandistischer Schmonzes Ãœber das Auslandsdeutschtumi bewegen in diesem Sinne dieselben ideologischen Versatzstücke, die Heinz Kindermann in seinen redundanten Plädoyers für literaturwissenschaftliche Relevanz auslandsdeutscher Literatur verbraucht und in dem Auftrag des 'Deutschen Ausland-Instituts" institutionalisiert werden.
      Letzteres ist Teil des hermetischen kultur- und besonders literaturpolitischen Organisations- und Kontrollapparates, dessen Gründungsanfänge vor 1933 liegen. Jan-Pieter Barbian hat über das komplexe System und dessen einzigen politischen Auftrag ausführlich berichtet. Meschendörfer, nationalsozialistisch bekennender Auslandsdeutscher, stellt sich diesem Apparat zur Verfügung, lässt sich von ihm dienstbar vereinnahmen und nutzt ihn für seinen Literatenruhm. Seine beiden für diese Zeit wichtigsten Romane, Die Stadt im Osten und Der Büffelbrunnen , erscheinen im Langen-Müller Verlag und der Hanseatischen Verlagsanstalt , beides Verlagsgesellschaften, die als Teil des 'Deutschnationalen Handlungsgehilfen-Verbandes " dann im Besitz des Wirtschaftsimperiums der NSDAP 'Deutsche Arbeitsfront" im 'Dritten Reich" maßgeblichen literaturpolitischen Ein-fluss ausüben. Der Langen-Müller Verlag führt ohne Einschränkung sein Programm völkisch-nationaler Autoren als 'Kampfmittel gegen den jüdisehen und undeutschen Geschäftemachergeist in der Verwaltung des geistiges Gutes des deutschen Volkes" fort, kontrolliert von der zentralen Lekto-rats-/Zensurstelle des Gesamtunternehmens, dessen Leiter Eberhard Heffe darüber wacht, 'daß nur mit nationalsozialistischer Anschauung zu vereinbarende Werke und Schriften verlegt werden dürfen und nicht also liberalisti-sche Fußstapfen weiter ausgetreten werden." Meschendörfer beteiligt sich an den Propagandaaktionen für das ,Deutsche Buch', vor allem als Autor auf Lesereisen, überwiegend organisiert von der 'Reichsarbeitsgemeinschaft für Deutsche Buchwerbung" . Wer dem Regime diente, wurde nicht nur in seiner Arbeit befördert, sondern zusätzlich in einem System von Auszeichnungen an den Staat und seine I-deologie gebunden und zu staatstreuer Dankbarkeit verpflichtet. Meschendörfer hat diese kalkulierten Anerkennungsrituale mit dem Wohlbehagen des Geschmeichelten ohne kritischen Argwohn angenommen. Vorgeschlagen von dem Germanisten Paul Merker, einem Positivisten, dann regimetreuen Wissenschaftler40, erhält Meschendörfer zusammen mit zehn weiteren , auslanddeutschen' Persönlichkeiten 1936 von der Breslauer Universität, einer so genannten Grenzlanduniversität, im Rahmen der 125-Jahr-Feier die Ehren-doktorwürde. Nicht wissenschaftliche Leistung wird von den Fakultäten gewürdigt, sondern ideologische und politische Treue dem NS-Regime gegenüber, wenn der Festakt Konrad Henlein, den 'Führer deutschen Volkstums jenseits der Grenze", neben Meschendörfer plaziert, 'dem bedeutenden Schulreformator, dem Förderer des deutschen Kulturlebens in Siebenbürgen, dem dichterischen Gestalter hoher völkischer Ideale". Ein Jahr später zu seinem 60 Geburtstag am 8. Mai 1936 verleiht ihm der Führer und Reichskanzler Adolf Hitler, auf Vorschlag des Reichsministers für Propaganda und Aufklärung Dr. Goebbels, die 'Goethe-Medaille für Kunst und Wissenschaft" für seine Verdienste um die Volksdeutsche Kultur. Und ein Jahr darauf, im August 1937, erhält er als 'verdienstvoller Vorkämpfer im Ausland" die 'Silberne Ehrenplakette des Deutschen Auslandsinstituts" 44. Bei der Bewerbung um den 'Volksdeutschen Schrifttumspreis der Stadt Stuttgart und des D.A.I." , vergeben an Schillers Geburtstag am 9. Mai, für seinen Roman Der Büffelbrunnen kommt Meschendörfer nicht in die engere Wahl der Gutachter , die seinen Landsmann Erwin Wittstock mit seiner Erzählung Die Freundschaft von Kockelburg präferieren. Der Zusammenhang von Adolf Meschendörfers öffentlicher, d. h. publizistisch nachvollziehbarer Biographie und des 'Dritten Reichs" Geschichte erweist sich als Syndrom der politisch-ideologischen Verwicklung eines Literaten mit solchen Konturen, die keineswegs außergewöhnlich sind. Sein relativ abruptes Ãœberwechseln ins Lager der völkisch-nationalistischen Ideologen ist bereits Symptom dafür, dass die falsche Befreiungsbotschaft der Nationalsozialisten auf eine dafür prädestinierte Erwartungshaltung des ethnisch-völkisch orientierten Minderheitenangehörigen trifft. Weil der akademisch geschulte Philologe sich als national-konservativer Bildungsbürger mit eklektisch kumuliertem Wissen erweist, geistige Führerschaft in der Minderheit gewinnt, das aber im doppelten Sinne außerhalb des internationalen Diskurses von Geschichte, Kunst, Literatur, mangelt es an kritisch geübtem intellektuellen Widerstand und ermöglicht seine politische und ethische Korrumpierung durch den NS-Staat. Meschendörfer hat das Denken und die Sprache der Mächtigen geteilt und befördert, in bigotter Haltung das verbrecherische Regime respektiert, mitgetragen und stabilisiert, sein eigenes Welt- und Ästhetik Verständnis depraviert, die Wirklichkeit von totalitärer Diktatur in der Zeitgeschichte verdrängt und die missbräuchliche Instrumentalisierung der eigenen Person im gesteuerten Kultursystem nicht begriffen. Er bestätigt sich darin und die Öffentlichkeit, indem er, Goethe-Medaillen-Träger, 1938 Gustav Frenssen, der in diesem Jahr diese Auszeichnung aus den Händen von Gauleiter Lohse erhält, im Dorf Barlt die Ehre erweist, einem politischen Wallfahrtsort, von dem aus der Holsteiner Theologe seine aggressiven völkisch-biologistischen Ideen einer obskuren mythisierten Reichs- und Führeridee über die Medien verbreitet. Die gedankliche Verwandtschaft und sentimentale Verbindung beider dokumentiert auch ein Band der Erstauflage von Frenssens unsäglich geschichtsklitternder Historiographie Der Weg unseres Volkes , mit Widmung und eigenem Eintrag, den Meschendörfer in seiner Privatbibliothek lebenslang aufbewahrt: 'Herrn Dr. h. c. Meschendörfer zur freundlichen Erinnerung seines Besuches, / mit guten Wünschen / Gustav Frenssen / 4. Nov. 38". Dazu die Notiz des Beschenkten: 'Dies ist das Handexemplar Frenssens mit seinen eigenen Verbesserungen für die neue Auflage". Gerhardt Csejkas klugem Urteil von 1978 ist darum zuzustimmen. Meschendörfers selbst erfundenes 'Sendungsbewusstsein" und sein 'recht unkritisches Verhältnis zur völkischen Heilslehre, zur Rassentheorie" sind Positionen ,'auf der Höhe der Zeit'", wobei 'in demselben Maße die Epoche ihn gemacht, in dem er die Epoche macht". Dagegen bleibt Edith Konradts dilatorisches Handhaben dieser Problematik von 1987 philologisch unzulänglich und ideologiekritisch inkorrekt, wenn sie Meschendörfers Verstrickung von einer 'Berührung [...] mit der nationalsozialistischen Doktrin" durch den Hinweis auf seine , Verkennung' der 'tatsächliche^] Zielsetzungen" freispricht. Es ist für dessen intellektuelle und weltanschauliche Unsicherheit und Ratlosigkeit' bezeichnend, dass er der ideologiekritischen Definition seines ideologisch changierenden kulturgeschichtlichen wie politischen Standorts essayistisch durch die NichtVeröffentlichung zweier relativ diffuser Beiträge nach dem Zweiten Weltkrieg ausweicht, diese für ihn existentielle Problematik dafür in die Stellvertreterwelt zweier Erzählungen transponiert, und das mit bemerkenswerter Offenheit.

     
   Wenn man Autoren nach ihrem Verhältnis zum 'Dritten Reich" befragt, dann muss man sich bewusst sein, dass - wie im Falle Meschendörfer - lediglich die Außensicht auf den politischen Schriftsteller, kaum die Innensicht ins Denken des Kronstädter Schulmannes, Kulturfunktionärs. Pädagogen, Intellektuellen und Privatmannes beschrieben und beurteilt werden kann. Das aber schließt nicht aus, auf die signifikanten Diskrepanzen des nationalsozialistisch bekennenden Essayisten, heimatliterarisch-völkischen Minderheitenautors, engagierten Pädagogen und bürgerlichen Privatmannes zu verweisen, die seine Existenz bestimmen. Diese divergenten Lebensumstände werden zusätzlich von einem diffusen Autorbild und Literaturverständnis überlagert, das sich aus dem Zusammenspiel von minderheitenkulturellem Sendungsbewusstsein, gefährlich unreflektiertem Glauben an deutsche Größe, die kollegiale Nähe zu prominenten Autoren der NS-Litera-turszene, einer deutschtumskundlichen literarkritischen Bestätigung und einem umfangreichen Lektürewissen zusammensetzt, heterogen wie die Entwicklung der deutschen Literatur seit der Jahrhundertwende und eklektisch sortiert, subjektiv sentimentalisiert, unkritisch adaptiert. Was für sein Wirken und seine Rezeption in der Minderheitenkultur konstruktiv förderlich ist51, das bleibt vom kritischen Kunstdiskurs seiner Zeit ausgeklammert, wird zur Ursache für die ideologische Anfälligkeit und sein , Schreiben für Großdeutschland' in Essay und Belletristik.
      Unter diesen Voraussetzungen ist Meschendörfers Position im literarge-schichtlichen Prozess des Jahrhunderts und im Kontext seiner Verbindung mit dem 'Dritten Reich" kaum zu fixieren. Das Auflisten von überwiegend literarästhetisch eingeschätzten und politisch konservativen Autoren durch Csejka51, denen sich Meschendörfer auf verschiedene Weise verbunden sieht, das bemühte Einordnen in literarkritische Kategorien und Epochenphasen, wie es bei Edith Konradt geschieht, bestätigen lediglich seine Bindung an eine konservative literarische Tradition aus der Weimarer Republik und der Zeit vor 191854, markieren ein diffuses, den modischen Trends folgendes Lektüreverhalten und begründen seine ideologische Anfälligkeit. Meschendörfer übernimmt das an poetologischen und stilistischen Umständen, welches seinem Verständnis und literarischen Können entsprechen, orientiert an den Maßstäben minderheitenhistorischer wie minderheitenliterarischer Erfahrung, rezeptionsästhetisch auf den deutschen Literaturmarkt bezogen, i-deologisch gesteuert und von der Zensur kontrolliert. Weil das zu einer Form ethnisch-völkischer Heimatliteratur führt, weltanschaulich bestimmt durch chauvinistisches Ideengut aus der wieder belebten anti-modernen Heimatkunsttradition56, geht der Autor unkritisch in die Falle der Gesinnungsmythi-sierung .auslanddeutschen' und deutschen Schicksals, folgt der betrügerischen Krisen- und Konfliktlösungsofferte durch die NS-Ideologie. Folgerichtig akzeptiert ihn ein Teil der zeitgenössischen Literaturwissenschaft für die eigene deutschtumskundliche Konzeption, den Autor wiederum in seinen Grundsätzen bestätigend, die er in Wilhelm Schneiders Setzung von der ,volkserziehenschen statt der .künstlerischen' Funktion von Literatur wiedererkennt und in Karl Kurt Kleins Hinweis auf die ,volksbiologische' statt der ästhetischen' Verklammerung deutscher Dichtung begrüßt. Und so meint er, zeitlebens angestrebt, nicht nur zum geistigen Anschluss der provinziellen heimatlichen Literatur an die deutsche Literatur, sondern auch zum territorialen beigetragen zu haben. Seine gedankliche ,Verwüstung' ist - im Gegensatz zu Csejkas Urteil - Konsequenz einer siebenbürgischen 'unverwüstlichen Biederkeit".

     
   Die erneute Auseinandersetzung mit dem Schriftsteller Adolf Meschendörfer und seinem zweiten ideologiekritisch umstrittenen Roman Der Büffelbrunnen, die der Frage nach beider Affinität zum Nationalsozialismus folgt, hat sich an denjenigen Kriterien zu orientieren, die über die soziopolitischen , sozialhistorischen und literarästhe-tischen Voraussetzungen die Konvergenz zum Nationalsozialismus und der ideologisch sanktionierten Literatur leisten. Wie zuvor erläutert, ergeben sich für Meschendörfer die folgenden Bedingungen seiner Literatenexistenz59:
• Bekenntnis zum Nationalsozialismus und literaturpolitische Akzeptanz seiner Essayistik und der beiden Romane60;
• Konstituierung von krisenbewusster bildungsbürgerlicher Weltsicht, adaptierbar durch den Nationalsozialismus und vice versa, zugeschärft durch die Diasporasituation;
• Registrierung bedrohter geistiger Führerschaft, die in der davon abgeleiteten Konsequenz dazu aufruft, in der Tradition geistiger Revolutionen die politisch-ästhetische Führerrolle unter großdeutschem Anspruch und mit Hilfe artgleicher Bluts- und Volkstumsgemeinschaft zurückzugewinnen;
• die nationalkonservative, trivialisierte und ästhetizistische Ausdeutung von klassizistischer, romantizistischer Tradition deutscher Literatur und der aus dieser extrapolierten literarisch-künstlerischen deutschen Wiedergeburt mit Weltgeltung in den Traditionsformen , volkhafter Dichtung' , heldischer Dichtung' , ,Weihedichtung' .
      Diese Voraussetzungen prädestinieren den Autor Meschendörfer sozialpsychologisch dafür, die schon gelebte Rolle des geistigen Führers der Minderheit im größeren Literatur- und Kultursystem des 'Dritten Reiches" durch größere Führer bestätigt zu finden. In der kaum trennbaren Verflechtung von eigenem Anerbieten und literaturpolitischer Verwendung wird er zum Ideologieträger, der Weltsicht und Literaturkonzept öffentlich bestätigt findet und in literarischer Weise die ferne Provinz dem Reich ,Großdeutschlands' zuführt. Er unterstützt die sozialintegrative Funktion von ideologisierter Literatur, indem seine beiden Romane in ihrer Einrichtung der parteipolitisch adaptierten nationalkonservativen Ideologemtradition folgt:
• Volkstum: exklusive .Volksgemeinschaft' als ,Hundertmillionenvolk';
• Reich: nationalistisch statische Geschichtsexegese der Reichsidee , Begründung des großdeutschen expansionistischen Nationalstaates und der Minderheitenanbindung aus der mittelalterlichen Kolonisation61;
• Landleben: agrarisch-kleinbürgerliches Ideal der ,Volksgemeinschaft' als Form grenzüberschreitender Binnenkolonisation;
• Führer: Politiker und Künstler als Seher in der ,Volksgemeinschaft' als Kampfgemeinschaft';
• Kult: .Volksgemeinschaft' als Glaubensgemeinschaft
Mit der anschließenden Textanalyse wird von den skizzierten Kontextumständen ausgegangen. Dabei besteht nicht die Absicht, eine Gesamtinterpretation des Romans zu leisten, sondern vorrangig danach zu fragen, welcher Qualität die Affinität ist, die sich im Verhältnis von Roman und nationalsozialistischer Ideologie zeigt.
     

II.


Meschendörfers Roman Der Büffelbrunnen erscheint 1935 im führenden NS-Verlag Langen-Müller und 1938 als einmalige Lizenzausgabe für die Buchklubmitglieder der , Deutschen Hausbücherei' durch die Hanseatische Verlagsanstalt ."' Beide Verlage sind Teil des parteiamtliehen Wirtschaftsimperiums der ,Deutschen Arbeitsfront '. Der sie-benbürgische Autor bemerkt nicht die fatale Verwechslung, der er erliegt, wenn er übersieht, dass sein Mitpublizieren im Verbund der literarischen 'Kampfgenossen" für den nationalen 'Kampf um Deutschlands Leben" ein Mitschreiben für die schon 1931 diskutierte 'literarische Diktatur" ist.6' Das Dilemma der zeitgenössischen, völkisch orientierten Literaturkritik, eine Position zu finden, die zwischen zeitgemäß ideologisch-politischer und lite-rarästhetischer Einschätzung vermittelt, spiegelt dasselbe Dilemma des Autors und seines zeitgeistorientierten Romans. Meschendörfers erzählerische Leistung wird als unbehaglicher Kompromissversuch gewürdigt. Heinz Kindermanns selbstreferentielle Einschätzung , im Roman lebe 'der große Aufschwung des neuen Deutschland", relativieren die Ansichten von Harald Krasser , Wilhelm Schneider und Karl Kurt Klein . Nach ihren Urteilen ist es nicht gelungen, den völkischen Gedanken in einem ästhetisch geschlossenen Romankonzept umzusetzen. Ãœberprüfen wir das an markanten Umständen erzählerischer Weltgestaltung wie dem Titel, dem Erzählanfang und Erzählschluss, dem Raumgefüge und seiner Schauplatzfunktion, der Personenkonstellation im Handlungsgang, dem Zeit- wie Geschichtsverständnis und der politischen Dimension des Textes. Die literargeschichtlich geläufige Fügung des Kompositums gliedert den Büffelbrunnen stilistisch-grammatikalisch der Wortfamilie ,,-brunnen" zu, über den Artikel und den Singular denotativ akzentuiert. Das Bestimmungswort 'Büffel-" reduziert die ästhetische Qualität der im Leser evozierten Brunnen-AVassermetaphorik und -Symbolik zugunsten einer agrarisch-pragmatischen Funktionsbedeutung. Diese im Vergleich zu Thomas Manns Romantitel Der Zauberberg gegenläufige Semantisierung, die Hinwendung zu bäuerlich-kulturellen, volkskundlichen Zusammenhängen, setzt nicht Leserphantasie, sondern Weltanschauung in Gang. Ãœber solche be-wusste Realienbindung bezieht der Autor die Symbolqualitäten des ,Büffels' ein, eines interkulturell mythologischen Zeichens der Zwölfheit als Zahl für die harmonische Einheit geistiger und weltlicher Ordnung bäuerlicher GeSeilschaft. Dieses Zeichen für gebändigte animalische Kraft und Bewegung in der agrarischen Raumweite als der Horizontalen verbindet der Autor mit dem entsprechenden Symbolpotential von ,Brunnen', das er auf die landwirtschaftliche Funktion der Wasserstelle reduziert und als Vertikale auf die Orts- und Bodenbindung von Mensch und Tier bezieht, Regionalität mit Globalität verbindend. Durch die spätere topographische Verortung in der Dobrudschaepisode, wenn es um das 'Schicksal der deutschen Bauern in Mangea Punar, d. i. Büffelbrunnen, einem Dorf am Schwarzen Meer" geht, relativiert der Autor die übergeordnete Bedeutung von Symbolik und Meta-phorik und ordnet diese der zeitgeistgemäßen Bedeutung gefährdeter deutscher Kolonistenfront ideologisierend zu und unter.
      Geht man von der so am Volkstumsgedanken orientierten Titelei aus, dann lässt sich eine Linie der ideologisch gesteuerten produktions- wie rezeptionsästhetischen Orientierung ausziehen. Meschendörfers national-konservative, faschistisch modifizierte Weltsicht wurzelt in seiner Wertschätzung der patriarchalischen Brunnenidyllen in Goethes Hermann und Dorothea und dem Werther66, folgt der ideologisierten anti-industriegesellschaftlichen agrarischkleinbürgerlichen Heimatdefinition, die über Büffel- und Storchenmotiv in seinem 1932 begonnenen Essay ausformuliert wird. Nach diesen Voraussetzungen entwirft er Thema, Stoff und Handlung des Romans und findet sich thematisch wie konzeptionell von den völkischen Bewertungskriterien der gleichgeschalteten reichsdeutschen Verlagspolitik und wissenschaftlichen wie journalistischen Literaturkritik bestätigt und in die literaturpolitisch definierten, von der Zensur überwachten Belange einer so genannten großdeutschen Literatur eingeordnet. Autor und Literaturpolitik bestätigen sich gegenseitig.
      Was in der Ãœberschrift vorausdeutend angelegt ist, das setzt sich im Erzählkonzept fort, definiert durch den Erzählauftakt, bestätigt im Erzählschluss. Die politische Botschaft erzwingt mit dem ersten Satz die auktoriale Kontrolle der Erzählsituation, die Abschwächung von direktem Erzählerauftritt und Fiktionsanspruch erzählter Wirklichkeit zugunsten eines historischtopographisch beglaubigten Faktizitätsanspruchs. Die Personen und ihr Handeln büßen, so determiniert, Selbständigkeit ein. In einem Erzählschritt werden zum einen der zentrale Handlungsort und die Personenkonstellation festgelegt, der Handlungsknoten geschürzt und zum andern die Einordnung in Zeit und Geschichte vollzogen. Das erste Wort, der imperativische Appell 'Sieh", ist deiktischer Gestus der Ansprache des Erzählers an sich selbst als Chronisten, der sich mit einem solch evokativen Appell nicht 'aufs sinnliche Dasein der Stadt" einlässt, sondern die konkrete Anschauung der Idee von einer spezifischen ethnoideologischen Gesellschaftsverfassung unterordnet. Weil die Interjektion in der Tradition des biblischen ,Ecce!' steht, beansprucht alles folgende Sprechen eine an die Menschen gerichtete Ex-cathe-dra-Verkündigung: der politisch gemeinte Romantext wird im Kontext christlichen Opfer- wie Auferstehungstopos' und deren theologischer Exegese positioniert. Dieser überhöhenden Weltsicht ordnet der Autor anschließend personale Gruppenstereotypen zu, banal weltfremde und weltzugewandte Haltungen personalisierend, für den zu erzählenden Konflikt und seiner Lösung dialektisch angelegt. Sie repräsentieren eine soziale Aller-weltssituation, identifizierungsfreundlich für den Leser, typisch auch für den exemplarischen Fall einer Kleinstadtgemeinschaft, hier das siebenbürgische Kronstadt. Der zweite Satz greift die relativ spezifizierten Hinweise auf die Gesellschaft, den aktuellen Zeitrahmen sowie den Schauplatz auf und transponiert die drei Dimensionen erzählter Handlung in das Gefüge einer höheren Ordnung, unterstützt durch romantisch-topische Diktion und rückwärtsgewandte Perspektive auf eine vorindustrielle Zeit. Diese übergeordnete Sinngebung sieht die Menschen in einem schmerzhaften, aber siegreichen Existenzkampf hinter dem metaphorisch sichernden 'Zinnenwald" und se-mantisiert ihr Dasein im Geiste einer verklärten immer währenden deutschen Reichstradition der Ordensritter, den Gründern von Kronstadt. Das Zeitadverb 'heute" benennt Durchgangszeit in einem historischen Prozess, in dem sich mittelalterliche mit nationalromantischer Reichsidee verbinden, die sich - unausgesprochenen, aber dem Leser gegenwärtig - in der nationalsozialistischen Revolution scheinbar zu erfüllen beginnen. Dessen Gelingen aber ist an den Gehorsam des Einzelnen gegenüber den schicksalhaft und geschichtlich festgelegten göttlichen und weltlichen Gesetzen gebunden, eingefordert durch den Hinweis auf die 'Große Glocke" und deren mahnendem Schlagen über Zeit, Raum und Einzelschicksal hinweg. In dem konstruierten Aufgehobensein provinziellen Minderheitenlebens in so verstandener deutscher Geschichte greift Meschendörfer das Ideologem vom historischen Vorpostenauftrag der , Auslanddeutschen' für das Deutsche Reich auf und wertet sich, den Autor, als geistigen Führer, sein literarisches Schaffen und seine Heimat als unverzichtbare Bestandteile großdeutscher Geschichte auf. Weil der Erzähler von diesen Voraussetzungen her den Handlungsgang strukturieren und zu einem vom ideologischen Ansatz her logischen Schluss kommen muss, ist die finale Episode konsequente Synthese der eingangs unterlegten Geschichts- und Geschichtendialektik. In einer eher peinlich sentimentalen Szene vom lebensglücklichen Paar proklamiert der kleinbürgerliche Romanheld, ein Wilhelm Meister-Verschnitt, emphatisch sein deutschnationales Bekenntnis zu den 'deutschen Pflichten des Alltags" im Verband einer großdeutschen Volksgemeinschaft der 'Deutschen in aller Welt". Und daraus ergibt sich die Leistung des Romans. Mit dem Text wird eine offene, von Individuen geprägte Welt im Ãœbergang zur ideologisch, soziokulturell geschlossenen vorgestellt. Die teleologisch unausweichliche Entwicklung in Richtung der propagierten hermetischen Gesellschaftsordnung spiegelt die Dialektik einer im Kreis geschlossenen Handlung, abgelaufen in der Erzählzeit von ,einem Jahr' und zweimal zwölf Kapiteln. Der Autor verstärkt diesen Prozess einer weltanschaulichen Rückkehr und zugleich unendlichen Entwicklung, indem er in autobiographischer Absicht seine politisch-historische Ãœberzeugung in der völkischen Weltanschauung des Helden wiederholt und von diesem - wie im vervielfältigenden Spiegelkabinett - multiplizieren lässt, indem sich der fiktionale Held zum Autor desselben erneut zu schreibenden Romans ernennt, dem er als erdachte Figur entstammt. Diese Konstruktion des offiziell erwünschten , Volksgenossen' erweist sich als Erzähltrick, mit dem der Autor durch die so erreichte politisch-pädagogische Funktion des Romans diesen als Dokument der deutschnationalen Belehrung in die transästhetischen Zielbereiche der unterhaltsamen Parteipropaganda verlagert.
      Zwischen Erzählauftakt und Erzählschluss lässt ein kompositorisch wenig disziplinierter Autor seinen Erzähler eine schlichte, teilweise mühsam koordinierte Handlungschoreographie entfalten. Karl Kurt Kleins grundsätzlich zutreffende Einschätzung, es sei der 'Unterhaltungsroman" eines wenig routinierten Schriftstellers, durchbrochen 'von literarisch-kunstsinnig-weltanschaulichen Betrachtungen"73, übersieht jedoch den Einfluss der politischen Zielsetzung. Mit seinem Roman verfolgt Meschendörfer dezidiert völkischerzieherische Absichten und schreibt eine regional eingerichtete Geschichte von der chauvinistischen Resurrektion des geisteswissenschaftlich erzogenen deutschen Bildungsbürgertums und seiner Rückgewinnung politischer Macht in einer monoethnischen Gesellschaft. Und diese Thematik lässt seinen Text ins Programm von Langen-Müller gelangen, die Zensur passieren, kontinuierliche Auflagen bis zum 45. Tausend erleben. Die politische Absicht und ihre erzählerische Umsetzung als Botschaft des Romans sind aus Gründen propagandistischer Effizienz eindeutig. Mit dem Thema , deutsche Minderheit erwache - Großdeutschland erwache' beteiligt sich Meschendörfer am deutschnationalen Messianismus seiner Zeit und zielt mit seinem Buch auf völkische Gesinnungsbildung, klassenlose Volksgemeinschaft und den Rechtsanspruch auf Bewahrung deutscher Kultur durch ethnische Selbstbehauptung und territoriale Expansion. Solch eindeutige politische Absicht verlangt aus Gründen propagandistischer Effizienz nach leicht verständlicher literarischer Transformation. Und so erweist sich von diesen Voraussetzungen her die fehlende literarästhetische Kohärenz des Romans nicht nur als Folge der begrenzten Schreibbegabung des Autors, sondern auch der Funktionalisierung epischer Erzählmittel zugunsten der erzählerischen Umsetzung ideologischer Propaganda im engagierten Roman. Zwar folgt der Autor grundsätzlich der konventionellen Schreibtradition des Realismus. Er löst aber, dem Primat der politischen Intention entsprechend, Romanpoetik und Genrestringenz in einer Melange von Heimatroman, Boulevardroman, Entwicklungsroman, Gesellschafts- und Zeitroman, Schwank und Anekdote auf, versetzt mit Passagen von volkskundlichen Berichten, historiographischen Abrissen und politischen Bekenntnissen. Der aufgeschwellte Text, stilistisch trivial, vermag die eher dürftige Fabel nicht zu verdecken: Im humorig gemäßigten Konflikt zweier Weltanschauungen von völkisch-idealistischem Bildungsbürgertum und kapitalistischem Besitzbürgertum , undeutlich repräsentiert durch zwei Familien und Generationen in spießiger Kleinstadtkultur, wandelt sich ein junger Deutschlehrer in einem Ausleseprozess der Verlierer und Sieger zur Führungsfigur einer ethnisch-politischen Bewegung chauvinistischer Gesinnung.
      Die Kapitelzählung, sinnfähig gemeint, aber nicht sinnfällig gemacht, wird durch drei dialektisch eingerichtete Erzählteile überlagert, markiert von deutlichen Zäsuren äußerer und innerer Handlung. Deren Komplexität ergibt sich aus den einjährigen Ereignissen um jeweils drei Personen, deren Handlungen sich chiastisch oder gegenläufig zueinander vollziehen. Die erste Gruppe, der Witwer und Bierbrauer Dietrich, der Junggesellen Onkel Florian, der Archivar Dr. Otto Weber - liiert mit Isabelle Dietrich -, endet in der persönlichen Katastrophe von Flucht und Tod außerhalb der Gemeinschaft, steht für den Niedergang der überkommenen Gesellschaft. Die zweite Gruppe, bestehend aus Fritz Kraus, Antonia Dietrich und dem Sohn Wolfgang, personalisiert den Aufbruch der neuen Gesellschaft in eine neue politische Zukunft innerhalb der Gemeinschaft. Diese eng begrenzte Welt, personen- und schauplatzgebunden an Kronstadt und Umgebung, repräsentiert in ihrer mikrokosmischen Reduzierung die Authentizität eines weltweit gültig gemeinten, gesellschaftspolitisch didaktisierten Beispiels der sozialen Veränderung, zusätzlich überhöht durch die Gegenmetapher , Amerika' und das Ausblenden jeglicher Bezüge, die auf das NS-Regime verweisen. Erzählorganisatorisch folgt diese hermetisierende Weltgestaltung der Tradition aufklärerischer Idealgesellschaften und ihrer heimatliterarischen Trivialisierung im 19. Jahrhundert.
      Die ersten acht Kapitel legen die erzählerischen Grundlagen für die Thematik, die Intention und den Gang der Handlung. Dem Leser wird aus didaktisch-politischen Zwecken ein simplifizierter Weltentwurf präsentiert: topographisch auf den Siedlungsraum Siebenbürgens reduziert, historischpolitisch auf die deutsche Minderheit und wenige Bürgervertreter, verknüpft mit der eindimensionalen Konfliktsituation von deutschem Volkstum in kultureller Abwehr und im völkischen Aufbruch der nicht direkt erwähnten nationalsozialistischen Revolution' von 1933. Zusätzlich liefert der Autor als Rechtfertigung dieses Konzeptes seine klitternde Geschichtsauslegung, die Historie auf die Tradition einer angeblich durchgängigen deutschen Reichsund Führergeschichte und ihre germano-mythische Verankerung zurückführt.
      Zentraler Schauplatz ist Kronstadt, ein urbanes Zentrum Siebenbürgens. Der Erzähler richtet das unpolitische 'Nest" freundlich-kritisch als spießig-biedermeierlichen 'Krähwinkel" ein, in dem 'Friede und Ordnung", 'Sauberkeit und Ehrlichkeit" und 'Schläfrigkeit" herrschen78, 'keine großen Sachen" passieren von der restlichen Welt durch 'die zackigen Berge" als 'Festungsmauer" isoliert. Kronstadt wird zum ethno-nationalen und binnenkolonisatorischen Zentrum völkisch-deutscher Welt stilisiert. Die Handlung konzentriert sich auf den kleinstädtischen Schauplatz und seine Umgebung, eingelagert in ein System der topographischen Verweise, die geographische Konzentrik suggerieren, aber nicht Ausdehnung meinen, sondern geographische Fluchtpunkte des Scheiterns für verfehlte Lebenskonzeptionen liefern.
      Auf diesen Schauplatz stellt der Erzähler seine herausgehobenen Personen, von der Kulissenfunktion des sozial diffusen Einwohnerpanoramas in den Handlungsvordergrund gerückt, und lässt sie vor allem unter sich miteinander für ein Jahr erzählter Zeit handeln. Sie vertreten das etablierte mittlere Bürgertum der Honoratioren, welches das Sozial- und Geschäftsleben weitgehend bestimmt. Entsprechend der zu erzählenden Modellwelt fallen Figurenkonstellation und Handlungseinrichtung simpel aus. Wenige stereotyp gezeichnete Personen erfüllen marionettenhaft Rollenklischees und Verhaltensmuster auf engem Bühnenschauplatz. Zwei zu einander kontrastiv konzipierte Figurengruppen zu je drei Personen aus zwei Familien agieren in sich überschneidenden Handlungssträngen. Meschendörfers Glaube an Namensymbolik und Persönlichkeitsvorbilder führt zu Namenge-bungen, mit denen Personen definiert werden.
      Bei dem einen positiv angelegten Trio, die Familie des Autors autobiographisch spiegelnd, folgen die Namen des Helden ,Fritz', seiner späteren Ehefrau ,Antonia' und seines Sohnes ,Wolfgang' der Zuweisung einer völkisch vorbildlichen Führerrolle mit den Qualitäten von politischer wie geistiger Führerschaft aus deutscher Familie: der Namentradition von ,Friedrich' bei bedeutenden deutschen Herrschern und Geistesgrößen seit dem Mittelalter, derjenigen des Heiligen Antonius von Padua, dem Schutzpatron der Ehe, und mit , Wolf gang' dem verehrten Goethe. Das dazu kontrastiv d. h. negativ angelegte Trio wird entsprechend etikettiert: ,Onkel Florian', der ,blühende, prächtige' Hochstapler, ,Bierbrauer Dietrich', der anmaßende kapitalistische ,Herrscher des Volkes' und ,Dr. Otto Weber', der ,textor' tagespolitisch weltfremder Historiographie.
      Die ersten acht Kapitel führen in die Handlungsvoraussetzungen des gesellschaftlichen Zustandes ein, in die sozialen Verhältnisse, das existenzielle Selbstverständnis der Protagonisten, ihre Geschichts- und Gesellschaftssicht.
      Der Handlungsablauf und seine gesellschaftspolitische Dialektik einer ideologischen Auseinandersetzung zwischen Kaufleuten und Bildungsbürgertum sowie die politische Zielvorstellung werden festgelegt. Der Protagonist ist Fritz Kraus, 'Professor am Honterusgymnasium"83, dem Hort klassischer Bildungstradition. Der junge Lehrer verkörpert den Gebildeten im Sinne des 19. Jahrhunderts mit Interesse an der Moderne. Ihm überträgt der Autor die vorbildlich verstandene Wandlung vom bildungsbürgerlichen Ästheten zum völkisch-politischen Führer, maßgeblich beeinflusst von seiner Jugendliebe und späteren Frau Antonia Dietrich. Ihre anfänglich erotisch schwül gezeichnete Liebesgeschichte geht im Laufe der Handlung in die pragmatische Ehegeschichte einer völkisch bewussten deutschen Familie über. Fritz Kraus' nationalistisches Verständnis von Literatur und die damit verbundene Verehrung deutscher Geistesheroen und ihrer tausendjährigen Leistung für deutsche Kultur korrespondieren mit chauvinistischer Geschichtssicht, gerichtet gegen 'Demokratie, Gleichmacherei". Die damit verbundene rassistische Arroganz gegenüber der angeblich politischen Gleichrangigkeit von ,Engstirnigen' und ,Botokuden' begründet er mit dem Hinweis auf seine geliebte Antonia, die die 'deutsche Edelrasse" vertrete und potenziell fruchtbare' 'deutsche Mutter" personifiziere, aus der 'das ganze Abendland blüht, aus ihrem Schoß in wunderbaren Menschen." Dies sei, so bekennt er, der historische und ethische Begründungszusammenhang für die seit der , Germanenzeit' gebotene völkische 'Kulturaufgabe".
      Als Protagonisten der für die völkische Sache schädlichen Gegenspieler setzt der Autor den ungebildeten Bierkönig Georg Dietrich' ein, den 'Millionär und Diktator"88, ökonomischen 'Spieler" und 'Amokläufer", geprägt von rücksichtslosem Gewinn- und Machtstreben gegenüber jedem, ausgestattet mit allen körperlichen, mentalen Eigenschaften und Statusattributen des unsozialen Neureichen: 'ein pestilenzischer Deutscher" mit 'amerikanischem Tempo!" Skurril gezeichnetes Spiegelbild dieses Klischees vom geldgierigen, betrügerischen Kaufmanns ist ,Onkel Florian'. Der Außenseiter und sympathische Phantast, Hochstapler, Spieler, Intrigant und Betrüger, mit Uncle Sams und der, Schlotbarone' Zylinder als Markenzeichen, entlarvt mit seinen kaufmännisch unseriösen Aktionen als 'Karikatur" und 'Zerrbild" Dietrichs den Kapitalismus in seiner unsozialen Variante. Die dritte Negativ-figur stellt der Schriftsteller, Philosoph und spätere Archivar ,Dr. Otto Weber', der dem praktischen Anliegen der Siebenbürger beim kulturellen Ãœberleben ins Theoretische ausweicht und Kulturpessimismus verbreitet. Allen drei Figuren ist das Scheitern in der Volksgemeinschaft immanent. Ihre Aktionen sind völkisch orientierungslos, ausschließlich selbstsüchtig, auch wenn Onkel Florian sein Schicksal, das der Kronstädter und aller Deutschen im Kontext des Klingsor-Mythos mit rhetorischer Beschwörung völkisch einzubinden sucht."
Zentrales Anliegen des ersten Romanteils aber ist die weltanschauliche Orientierung von Figuren und Leser. Der Erzähler setzt des Autors völkischnationales Politik- und Kulturverständnis um, indem er die Ideologeme , Führer - deutsche Volksgemeinschaft - völkische Gesinnung' durch das Honterusfest an der Honterusquelle in einer Kult- und Weiheveranstaltung vorführt. Die jährlich zelebrierte Feier ist als 'Freuden- und Bruderfest" sowie 'Heerschau" ein in seiner quasi religiösen wie militärischen Choreographie, Ausstattung und Verbalisierung ein 'flammendes Bekenntnis" zum kollektiven Selbstverständnisses einer der Blut- und Boden-Ideologie verbundenen Minderheitenidentität, ihrer historisch-mythischen Verortung und schicksalhaften Verpflichtung zu deutschem Kulturchauvinismus. Entscheidend für den Roman und seine politische Botschaft aber ist, dass der Dissenz über das Verständnis von 'völkischer Wehrhaftigkeit" und passiver Wagenburgmentalität, vertreten durch den Rektor des Honterusgymnasiums, Andreas Hirscher96, hin zu einer modernen, offensiven kulturell-ideologischen Missionierungsstrategie gelöst wird, die Fritz Kraus zu vertreten haben wird. Ãœber die Ansprache des Gymnasialrektors verbindet der Autor die Grundsätze der reformatorischen Botschaft von Honterus mit den Ideen des jungen Lehrers Fritz Kraus in dessen Debütrede zu der einen ideologisierten Botschaft des Romans. In pathetischer Rhetorik und Feierstundensemantik, geläufig aus nationalistischen Ansprachen zur Ehre von historischen Größen und vaterländischen Gedenktagen der vorherigen hundert Jahre, bedient Hirscher den Honterus-Mythos mit der Absicht, die heroisch bewahrte Identität deutscher Kulturmenschen in der Diaspora und den Rechtsanspruch auf territoriale Expansion geschichtlich zu legitimieren. Sie mögen, beschwört er, 'wetterhart und spröde wie die Eichen" sein, damit in jedem Jahr tausend junge Streiter und Streiterinnen dastehn, das achthundertjährige Erbe verteidigen, auszuharren, zu tragen, zu opfern, zu leiden und dadurch zu siegen über alle, die uns Vergangenheit und Zukunft rauben wollen! Heil Honterus!
Diesen Durchhalteappell differenziert der Junglehrer in seinem Anschlussreferat mit einem ideologisierten historistischen Diskurs zum örtlichen und globalen Recht aufs Deutschtum, indem er den gegenwärtigen Kampf der 'Volksgenossen [...] für das größte und herrlichste Gut, [...] für unseren deutschen Namen" als schicksalhafte Pflicht ansieht. Diese sei allen aus der Kette der 'Geschlechter" zugewachsen, entstammend 'dem ältesten Adel Europas", und ziele auf die Fortsetzung der kulturellen Welteroberung im Sinne der Reichsidee, wie sie sich herleite von vor '1 Jahrefn]", als 'die Welt germanisch war", von der 'deutschen Ordensritter" Kolonistenleistung 'vor 700 Jahren", von Johann Honteri Wirken vor ' Jahrefn]". Die akklamativen Rufe der Menge ,Heil Honterus! Heil Herr Professor!', weltanschaulichen Konsens bestätigend, wirken aus heutige Sicht bizarr, sind a-ber dem Zeitgeist entsprechend manipulierte Kollektiveuphorie eines patriotischen, aber auch dumpfen, ideologisch stimulierbaren Deutschtums. Fritz Kraus' Rede, ein regionalpolitischer Initiationsritus coram publico, lässt der Erzähler bedeutungsschwer in ein Gewitter münden, das die mit ihm beginnende Zeitenwende unter dem Zeichen neuer Mächte ankündigt." Das politisch-ideologische Tableau eines aggressiven chauvinistischen Deutschtums ist damit erzählerisch entworfen. Erzählziel und Handlungskontinuität ziehen ihre thematische Ausrichtung aus dieser Voraussetzung, sind der weltanschauliche Klebstoff für die epische Integration, die über Erzählerpräsenz, Figurenkonstanz, Schauplatzeinheit und den Netzüberwurf aus den beiden geläufigen Motiven ,Quelle' und ,Fenster' epische Brüchigkeit nur mühsam verdeckt. Diese beiden symbolträchtigen Leitmotive, in der trivialisierten Bedeutung von ,völkischer Bodenständigkeit' und ,deutschtumsförderndem Aufbruch' erzählerisch gebraucht100, begleiten und markieren Sieger und Verlierer im Roman. Von dem Verlierertrio Dietrich, Florian, Weber ist Letzterer der erste, der Gesinnung verrät, die Gemeinschaft aus privatem Interesse flieht, sich ,von der Quelle' entlernt, das ,Fenster für die eigene Zukunft öffnet', sich damit außerhalb stellt. Solche metaphorisch negative Referenzleistung erfüllt sich auch für Dietrich und Florian, definiert durch die ideologisch aufgefüllte Symbolik vom ,Büffelbrunnen', die der Buchtitel anmeldet, über den aber erst im zweiten Teil gesprochen wird. Beide verantworten, dass das Motiv ,Quelle' ihres archetypischen Sinnes durch missbräuchliches Tun beraubt wird: als Luxusobjekt ,Springbrunnen', als Kommerzobjekt für die Bierherstellung und betrügerisch aufgezogenen Kurbetrieb.
      Bis zu dieser Zäsur nach dem ersten Erzähldrittel sind die Grundlagen für den weiteren Handlungsgang gelegt. Dem Leser ist vermittelt worden, dass es im Roman um ethnopolitische Anliegen, nicht um die epische Fiktio-nalisierung von übergeordnet bedeutsamen Problemen kleinstädtischländlicher Gesellschaftsverhältnisse geht. Stadt und Bewohner sind lediglich Funktionsgrößen, bleiben unerzählt. Sie sind zwar topographisch verortet, aber als Kleinstadtkommune und Gesellschaftsinsel zum Vorwand genommen, um Fiktion im Dienst einer übergeordneten Intention zu leisten, der Vermittlung einer politischen Botschaft."" Es zeichnet sich ab, dass Autor, Erzähler und Held zu einer Figur des historisch, politisch und kulturell Verantwortlichen für eine deutschnationale Kultur der Zukunft konvergieren, für die globale Volksgemeinschaft, regenerierbar aus der Familie. Eine rückwärtsgewandte Utopie wird als vorwärtsorientierte Vision angeboten. Die bis hierher schon greifbar mangelhafte Formbewältigung bei der Umsetzung des Großgenres ,Roman' hat einerseits mit des Autors begrenzter Gestaltungspotenz zu tun. Sie ist aber andererseits vor allem Ausdruck des Scheiterns an der beabsichtigten erzählerischen Verbindung von historischer Wirklichkeit , volkskundlicher Belehrung , Minderheitenbedienung , aktueller Ideologiepropaganda , Unterhaltungsleistung . Diese epische Inkonsequenz schlägt sich in der brüchigen Komposition der Handlungsstränge nieder. Darum erweist sich auch die heitere Freundlichkeit im Umgang mit Konflikten nicht als souverän agierender Humor, der die Konflikte der Menschen im Erträglichen aufzuheben vermag, sondern sie hat zu tun mit einer sentimentalisierenden Entschärfung der Brisanz von persönlichen und gesellschaftsinternen Problemen, eine Folge wiederum fehlender Courage zur Wahrheit und anbiedernder Lesergeneigtheit, die sich im Stilgebaren niederschlägt, das zwischen seichtem Feuilletonstil, belehrendem Berichtton und pathetischem Rhetorikschwulst pendelt. Das neunte Kapitel beendet den ersten Erzählteil des Romans, leitet die Handlung des zweiten Teils ein und erfüllt mit deutlichem Einschnitt im episehen Vorgang eine Scharnierfunktion. Diese Zäsur ergibt sich aus zwei Umständen der Handlungsplanung, einem gesellschaftlichen, der Hochzeit von Fritz Kraus und Antonia Dietrich in Kronstadt, und einem räumlichen, der Hochzeitsreise in die Dobrudscha am Schwarzen Meer10', beide sich ereignend zu Beginn des neuen Jahres nach dem ethnokulturellen Kalender, dessen Rhythmus vom Weihefest des Honterus bestimmt ist. Es geht um den Aufbruch einer neuen Generation, deren jugendliche Unerfahrenheit durchs Erleben der gesellschaftspolitischen Wirklichkeit bedrohter deutscher Kultur unter fremder Herrschaft zu Erfahrung und volkspolitischer Aktionsbereitschaft gewandelt werden soll. Beide erzählten Vorgänge, Hochzeit und Hochzeitsreise, geraten zu gesellschaftspolitisch sinnfälligen Aktionen. Die Hochzeit ist völkisches Gemeinschaftsereignis, öffentliches Bekenntnis zu Gemeinschaftswerten von Familie, Kultur, Heimat, sie macht Gruppenschicksal bewusst, ist Signal des Generierens von Tradition und Identität, aber auch des Aufbruchs, der missionarischen Sendung deutscher Kultur im Ausland. Die Hochzeitsreise funktionalisiert diese Aspekte durch Raumausweitung und Schauplatzexpansion, Aufbrechen spießiger Kleinstadthermetik und Horizontenge, Anschauung von tatsächlich bedrohtem Schicksal der Deutschen in der Welt, Wahrnehmen des immanenten Appells für den Kulturkampf. Die jungen Leute, verbunden bis 'in alle Ewigkeit!"104, sollten dem Brautvater Dietrich nachleben, dem 'kühnen Pionier, der die ewig Aufgabe jedes Kolonistenvolkes begriffen habe und siegreich bis zum Meer gedrungen sei"105, konstatiert vermächtnishaft der Onkel Florian in der Hochzeitsrede. Bei des Autors Bemühen um die ästhetische Transformation dieser Zusammenhänge entgleitet ihm - wie zuvor - die geschlossene Fiktionalisie-rung, weil das politische Ansinnen und die doppelte Rezeptionsorientierung - reichsintern und minderheitenintern - die Konzeptgeschlossenheit stört und die panoramatische Darstellung von Markttag und Hochzeit in stilistisch disparate Episoden von privatem Agieren, volks- und landeskundlich informierenden Erzählerberichten und Rollenmonologen ideologischer Einfär-bung zerfallen lässt.

     
   Die drei Flitterwochen geraten zu einer Art Kraft-durch-Freude-Unter-nehmen von Urlaub am Meer und ideologischer Erbauung in Sachen deutscher Kultur, ihres prekären Diasporaschicksals und des völkischen Kolonistenauftrages. Die Zugreise, als ,Suche' nach den 'Goten am Schwarzen Meer" im dortigen 'Völkerurwald"1" ist zugleich Exkursionsauftakt in die Wirklichkeit der Dobrudschadeutschen und völkische Lehrstunde, die sich im Zielort vom 'Schwabendorf, in Mangea Punar"109, einem Stück der Meta-heimat 'Deutschland" mit dem zentralen 'Büffelbrunnen"1" erfüllt. Die Wichtigkeit des Folgekapitels 10 zeigt sich nicht nur daran, dass es das umfangreichste ist." Es enthält die maßgeblichen Umstände der inneren wie äußeren Handlung und Lesersteuerung: die weltanschauliche Katharsis des Heldenpaares und das völkische Lebenskonzept beider als Perepetie für den Handlungsgang, mit dem ersten Romanteil leitmotivisch verknüpft durch die Wiederholung der Gewittersymbolik und die weltanschauliche Anbindung des Motivs vom Büffelbrunnen an den Motivkomplex von der Honterusquel-le im Eichenhain, wie sie die Einbandillustration als stilisierende Collage wiederholt, - deutsche Eiche wächst aus deutschem Brunnen in der Fremde. Die Flitterwochenatmosphäre, unbeholfen gezeichnet als erotisiertes Getändel und allerlei triviale Beseelung der Natur, ist die unterhaltsame Verpackung des eigentlichen Anliegens: die historisch-ideologische Ãœberzeugung einer neuen Generation vom notwendigen Kampf fürs Deutschtum und Christentum in der Welt. 'Das Schwabendorf' und das 'Kirchlein" werden dazu als Vorposten für 'das christliche Europa [...] im flimmernden Orient" zwischen 'Tataren, Türken, Bulgaren, Rumänen, Lipovanern, Albanern, Tscherkessen" hochgewertet."
Die Belehrung der jungen Leute erfolgt systematisch durch die Vermittlung eines historisch-mythisierenden Ãœberbaus im Sinne von Herders kulturmorphologischen Vorstellungen. Völkerwanderung und Germanen, Goten - 'die ewigen Landsucher, Lichtsucher" - und Deutsche werden in abstruser Geschichtssicht gleichgesetzt und als Begründung dafür genommen, dass das Schwarze Meer als 'einst deutsches Meer" ' wieder deutsch werden müsste; denn ''seit den Tagen der Erzväter" von 'Cimbern und Teutonen" sei der 'Brunnen [...] vor allem ein Symbol des deutschen Menschen"." Die veranschaulichende Begründung dafür liefern ausgiebige Berichte von örtlichen Bewohnern über 'die Gründung des Dorfes"" und bäuerliche Einzelschicksale"7, gefährdet durch einen ethnischen und kapitalistischen Vernichtungs-prozess, erzählerisch exemplifiziert durch andere Ethnien, durch den großgrundbesitzenden Bojaren, den Bierbrauer Dietrich und ,Amerika' als Metapher für Europaflucht und kulturelle Selbstaufgabe.
      Aus dem lokalen Erleben und den Eindrücken einer Autofahrt über Land begreift der junge Ehemann Fritz Kraus, dass ,'Deutsches Blut und deutsches Mark [...] verschleudert [wird] in alle Welt.'""8. Für die beiden jungen Leute fügen sich sämtliche Erfahrungen zu der für sie logischen Erkenntnis:
1. Schöngeistigkeit hat 'nichts Schöpferisches", keinen lebenspraktischen 'Wert".1"
2. Der existenziellen Bedrohung der Dobrudschadeutschen durch 'Türken", 'Russen", 'Rumänen" hat man 'als rücksichtsloser Bejaher" des Deutschtums politisch zu begegnen.1

   3. Dies ist ein politischer Auftrag, der die Siebenbürger Sachsen zur völkischen Binnenkolonisation gegen Emigration und expansionistischer Außenkolonisation der Deutschtumsverbreitung aufruft.1

   4. Er ist nicht erfüllbar durch Mittelmäßigkeit in 'Gleichhheit und Demokratie", sondern hat demjenigen 'Genius" und seiner ihm immanenten 'Kriegserklärung" zu folgen, der als Führer und Held eines 'leidenschaftlichen Selbstbehauptungskampfes" bestimmt ist.1

   Fritz Kraus hat sein Damaskuserlebnis erfahren. Er zeigt sich 'verändert". Seine Weltsicht ist durch das Begreifen von ,,Werte[n] der realen Welt" ,erschüttert'. Am 'Schicksal" der deutschen Dobrudschabauern, seinen , Brüdern', fühlt er sich 'als Deutscher .[...] mitschuldig", das sie der Assimilation durch 'Rumänen und Tataren und Türken" ausgeliefert sind. Durch zwei Maßnahmen, folgert er, könne man dagegenhalten, durch machtpolitischen Eingriff wie im Falle von ''Elsaß-Lothringen'" und durch volksbiologische Initiativen: 'Ich will fünf Buben haben," plant er für Antonia als fruchtbare deutsche Mutter, gesunde Kerle [...]. Dann aber wünsche ich mir ein Mädchen [...]. Und meine fünf starken Söhne und die schöne Tochter sollen sechs große Familien gründen und jede muß wieder sechs Kinderhaben [...].1

   Fritz' Metamorphose vom ,,schmachtende[n] Mondscheinjüngling" zum politischen Tatmenschen wird durch weitere Umstände vom Erzähler gezielt beschleunigt, durch die Kritik des Rektors an des jungen Lehrers eigenwilliger Pädagogik, durch die pragmatische Haushaltsführung seiner Ehefrau und den bedrohlichen Steinwurf eines aggressiven Schülers:
Ein Schleier nach dem anderen war /errissen, da stand er, aus seiner farbigen Traumwelt erwacht, in der rauhen, nackten Wirklichkeit da, entdeckte, daß es rings um ihn von Waffenlärm erschallte, entdeckte auf einmal, daß in seiner Vaterstadt auch Magyaren und Rumänen wohnten, und zwar erheblich mehr als Sachsen, hörte, wie unheimlich sie sich vermehrten, und daß deutsches Gewerbe und deutscher Handel ständig zurückgingen. [...] Doch am meisten hatte ihn aufgerüttelt das Schicksal der deutschen Bauern in Mangea Punar. Daß es überall in der Welt Büffelbrunnen gab, an denen deutsche Wanderer rasteten und an denen deutsche Knochen bleichten, das war zu ungeheuerlich, da mußte jeder Deutsche erwachen!I

   Die dazu kontrastive Handlung um die Negativfiguren Florian, Dietrich und Weber nimmt im Verlauf der Handlung an Rasanz in Richtung persönlicher Katastrophen zu, die die falsche Lebensphilosophie dieser Personen decou-vrieren. Florian mit seinem Betrugsunternehmen ,Schlangenbad' und Dietrich mit seiner ungezügelten Fabrikantenraffgier verstricken sich immer tiefer gegen- und miteinander in ihr pathologisches Gewinn- und Machtstreben, unter opportunistischem Missbrauch von Gemeinschaftssinn und Deutschtum. Die Unternehmungen werden mit Zügen von Betrug und Verbrechen ausgestattet, beider Aktionen als bigotte und zynische Verfehlung markiert: ' [...] aber die Idee wird gerettet, ein großes sächsisches Werk wird getan." Dem Dritten im Bunde, Otto Weber, inzwischen Archivar im Kronstädter 'Rathausarchiv"131, gelingt nicht der Sprung von der retrospektiven, die Geschichte der Auslanddeutschen konservierenden Historie, irrend als 'unsere verdammte Pflicht" bezeichnend, in die politisch praktische Tätigkeit. Seine Flucht mit Ehefrau nach Amerika, persönlich begründet, wird vom Autor als völkischer Offenbarungseid verstanden, denn sie haben damit 'den Grund unter den Füßen verloren" und an der deutschen Kultur Verrat geübt.
      Mit dem dritten Teil des Romans folgt der Autor konsequent der dialektischen Erzählorganisation seiner politischen Botschaft.
      Nach der Vermittlung volkstumspolitischer Orientierungslosigkeit im ersten Teil und einer theoretischen volkstumspolitischen Orientierung im zweiten geht es im dritten Teil um deren praktische gesellschaftliche Umsetzung und den erforderlichen Aktionskonsequenzen innerhalb der deutschen Volksgemeinschaft' . Damit sind die maßgeblichen Handlungsvoraussetzungen für das Verhalten der funktionstragenden Führerfiguren geklärt, und die Entwicklung der beiden kontrastiven Handlungsstränge läuft in dramatisch zunehmendem Tempo der Katastrophe und dem Happy End zu. Planungsgerecht erfüllt Kapitel 18 die finalen Voraussetzungen für die Folgehandlung. Onkel Florian ist durch Einbruch bei Dietrich, dem Diebstahl dessen Haushaltsbuches und unterlassene Hilfeleistung angesichts des zusammengebrochenen Bierbrauers zum skrupellosen Kriminellen geworden. Sein moralischer Offenbarungseid korrespondiert mit dem seines Opfers, der nach dem Verlust dieses Haushaltsbuches, seines ,,Lebenselixier[s]"134, den gesamten Besitz verkauft, um Florian daran zu hindern, die triumphale De-couvrierung des eigenen unlauteren Geschäftsgebarens zu vollziehen. Zwei negative Charaktere vernichten sich in der nun unaufhaltbar desaströsen Handlung gegenseitig, haben sich der Volksgemeinschaft entzogen und werden ihr als völkisch zu bereinigende Last vom Erzähler genommen. Dietrich gibt sich durch den Verkauf seines Besitzes selbst auf, die Verfehltheit seines Lebenskonzeptes nicht begreifend. Er geht zu einer 'Kur nach Italien" außer Landes135, entlarvt seinen tatsächlichen Charakter als notorischer Va-banquespieler im Spielcasino von 'Monaco"136, wo er ein zweites Mal seinen Untergang erlebt, den endgültigen im Sterben, den Hotelnamen 'Gloria" als Hohn erfahrend. Auch Florians ,Sieg' über Dietrich durch persönliche Schädigung und kapitalistischen Erfolg mit dem Schlangenbad ist ein Triumph, dessen selbstzerstörischer 'Phantasie- und Lügenbereich"' ihn zu entwürdigender Flucht vor der Polizei und vor sich selbst zwingt, vermutlich in die ,volksfremde' 'Türkei"13". Der dritte Herr, Otto Weber mit Frau Isabella, verrät den völkischen Kulturauftrag in seiner irrationalen Suche nach einer kolonisierbaren 'Insel" außerhalb ,,Europa[s]" durch Emigration nach , Amerika' - Metapher kultureller Selbstaufgabe -, und der Erzähler ahndet dieses völkische Sakrileg am Auftrag europäischer Binnenkolonisation dadurch, dass 'sie erschossen" werden.
      Auch für den positiven Handlungsstrang werden die Zukunftsorientierenden Prämissen festgelegt. Den Protagonisten Fritz Kraus lässt der Erzähler erkennen, dies sei 'das entscheidende Jahr [s]eines ganzen Lebens". Sein Heraustreten aus politisch-sozialer Isolierung von 'Träumen und Wortklängen", metaphorisch in 'Insel" und 'Turm" gefasst143, wird an die folgenden Erkenntnisse gebunden: ,Blut' und Boden sind die elementaren Bindungen der Volksgemeinschaft. Eine Generation der 'Jungen" legt fest, dass auf dieser G

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