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VERHEISSUNG UND TRAUMWÃ"SCHEREI



Andreas Gryphius : Abend -Ingeborg Bachmann : Reklame

Abend
DEr schnelle Tag ist hin / die Nacht schwingt ihre Fahn / Und führt die Sternen auff. Der Menschen müde Scharen Verlassen Feld und Werck / wo Thir und Vogel waren

Traurt itzt die Einsamkeit. Wie ist die Zeit verthan!
Der Port naht mehr und mehr sich zu der Glider Kahn. Gleich wie diß Licht verfil / so wird in wenig Jahren Ich / du / und was man hat / und was man siht / hinfahren.
      Diß Leben kommt mir vor als eine Renne-Bahn. Laß hoechster Gott / mich doch nicht auff dem Lauffplatz gleiten / Laß mich nicht Acht / nicht Pracht / nicht Lust nicht Angst verleiten!
Dein ewig-heller Glantz sey vor und neben mir / Laß / wenn der müde Leib entschlafft / die Seele wachen Und wenn der letzte Tag wird mit mir Abend machen /

So reiß mich aus dem Thal der Finsternüß zu dir.
      Abendist eines der vier Tageszeitensonette von Gryphius, entstanden in der Zeit des Dreißigjährigen Krieges - diesen Zeithintergrund sollte sich der Leser gegenwärtig halten, auch wenn man im Gedicht keinen Verweis auf Kriegszustände findet, sondern der Abend hier einen normalen Arbeitstag beendet. Bilder wie »Renne-Bahn« und »Lauffplatz«, obwohl biblischen Ursprungs, sind doch von zeitgeschichtlichen Erfahrungen mitkodiert, vom Bewusstsein der Unsicherheit und Hinfälligkeit des Daseins.
      Trotz des Verzichts auf Strophentrennung lässt sich die Form des Sonetts mit ihren zwei Quartetten und zwei Terzetten klar erkennen, ebenso deutlich die Metrik des sechshebigen Alexandriners mit dem Einschnitt nach der dritten Hebung. Das Gedicht ist von geradezu artistischer Vollendung. Die Mittelzäsur im Alexandriner lädt zu Antithesen ein und fast immer wird diese Möglichkeit, Gegensätze aufzubauen, wahrgenommen. Wiederanknüpfungen des Endes an den Anfang tragen im ersten Quartett und in der Quartettgruppe zum Eindruck der Geschlossenheit bei . Den Einschnitt zwischen der Quartett- und der Terzettgruppe markiert der Wechsel in der Haltung des Sprechens und der Aussageweise .
      Der 5. Vers des Gedichts, der die Seefahrtsmetaphorik aufnimmt, hört auf, paradox zu wirken, wenn wir »der Glider Kahn« als den Körper und den »Port« als Schlaf verstehen. Noch lässt sich der Abend als konkrete Tageszeit begreifen, aber in den Versen 6 und 7 setzt der Vergleich den Verfall des Lichts in Beziehung zu einem allgemeinen Verlust, der in nicht ferner Zukunft bevorsteht. Der gegenwärtige Tag öffnet sich zur Lebensperspektive. Schutz vor der Gefahr, auf dem »Lauffplatz« dieses Lebens auszugleiten, wird von Gott erbeten . Eindeutig enthüllt sich im letzten Terzett der Abend als »Sinnen-Bild« für das Lebensende, den Tod. Licht und Ewigkeit sind nur bei Gott, in der Transzendenz. So erweist sich auch in einem tieferen Verständnis die Antithese als das Form- und Erkenntnisprinzip dieses Gedichts.
      Die Naturbilder des Anfangs lassen sich nicht dem zuordnen, was wir Naturlyrik nennen. Nicht die Tageszeit, nicht die Landschaft ist wichtig; sie sind nur Fingerzeig auf eine tiefere Bedeutung. In der religiösen Dichtung des Mittelalters und noch in Gedichten von Andreas Gryphius gilt das Gesetz einer Analogie des »mundus visibilis« zum »mundus spiritualis«; das Sichtbare ist nur ein Flechtwerk von Zeichen für eine spirituelle Welt: In die Natur und die Kreatur hat Gott bei der Schöpfung einen Sinn gelegt, den wir entsiegeln müssen. Für den Gläubigen lichtet sich das Dunkel des Diesseits durch die Verheißung von Ewigkeit.
      An dieses Sonett von Andreas Gryphius wurde ich sogleich erinnert bei der ersten Lektüre von Ingeborg Bachmanns Gedicht Reklame:

Reklame
Wohin aber gehen wirohne sorge sei ohne sorgewenn es dunkel und wenn es kalt wirdsei ohne sorgeabermit musikwas sollen wir tunheiter und mit musikund denkenheiterangesichts eines Endesmit musikund wohin tragen wiram bestenunsre Fragen und den Schauer aller Jahrein die Traumwäscherei ohne sorge sei ohne sorgewas aber geschiehtam bestenwenn Totenstilleeintritt
Ahnliche Motive wie bei Gryphius: Dunkelheit, Sorge, Tod und die Frage nach dem Nachher. Auch in Ingeborg Bachmanns Gedicht wird der Sorge Trost angeboten, ja aufgedrängt, in einer Wechselrede von Frage und Antwort . Die Kursivschrift deutet eine andere Art von Rede an, hilft uns die Antworten als Einflüsterungen zu verstehen. Geht die erste Frage aus dem Bedürfnis nach Geborgenheit hervor, so wünscht die zweite Orientierung in der geistigen und existenziellen Unsicherheit, die aus der Gewissheit unserer Endlichkeit entspringt. Sie löst die Fragen nach einer letzten Instanz aus und nach dem, was beim Eintreten des Todes und danach geschieht.
      Ständig unterbricht die Reklame das Fragen, und ihre Scheinantworten sind Versuche, die Fragenden zu beschwichtigen, zu beruhigen, einzulullen; sie möchte abwiegeln. Der Singsang der Werbesprache appelliert an die Sorglosigkeit und verspricht Heiterkeit - Musik ist Droge. Wo im Sonett des Barockdichters das Gebet zum Vermittler der Hoffnung wird, wiederholt die Reklame mit der Eintönigkeit von Gebetsmühlen ihr Beschwörungs- und Betäubungsvokabular. Werbung ist Abwerbung, Ablenkung des Menschen von seiner Suche nach einem Daseinsziel. Die Litanei der Werbesprache reizt Süchte nach flachem Glück.
      Alle Züge der Reklame schillern noch einmal auf in der vieldeutigen Metapher »Traumwäscherei«. Erste Assoziationen, die sich bei mir einstellten, waren: Traumfabrik und Gehirnwäsche. Ingeborg Bachmann hat sowohl eine Erzählung wie ein Hörspiel mit dem Titel Ein Geschäft mit Träumen geschrieben : Träume können Gegenbilder zur Welt der gesellschaftlichen Zwänge erstehen lassen oder solche Zwänge zu Alpträumen verdeutlichen; fragwürdig sind die Geschäfte der Konsumindustrie, wenn sie mit den Mitteln der Massenbeeinflussung alle menschlichen Ã"ngste, Sehnsüchte und Hoffnungen, die den Verkaufsstrategien entgegenwirken könnten, verdrängen, um dafür Ersatzbefriedigungen anzubieten.
      »Traumwäscherei« ist eine Metapher für eben diese Verdrängung. Das Gedicht zeigt nicht nur, wie der Mensch von verführerischen Stimmen umstellt ist und von Reklameverheißungen berieselt wird, die ins Unterbewusstsein drängen, sondern auch, wann und wo die suggestive Gewalt der Reklame versagt: im Angesicht des Todes. Das Wort »Totenstille« lässt die Sprache der Beschwichtigung plötzlich verstummen.
      Zu ihrem Gedicht Reklame mag Ingeborg Bachmann Anstöße durch eine Amerika-Reise im Jahre 1955 erhalten haben. Bei uns waren damals Werbeindustrie und Medien, zumal das Fernsehen, noch in der Entwicklung zurück. Heute sind sie in unserem Leben eine Großmacht. Längst auch hat sich bei uns die Zivilisations- und Kulturkritik über das Thema der Bewusstseinsmanipulati-on hergemacht - und es zerschwätzt. Da ist es gut, wieder ein Gedicht zu lesen, das die Kniffe der Verführung nicht beredet, sondern sie selbst zum sprachlichen Ereignis werden lässt.
     

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