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Paul Fleming (I609-I640): Gedanken / über der Zeit - Im Labyrinth



Gedanken über der Zeit

IHR lebet in der Zeit / und kennt doch keine Zeit /

So wisst Ihr Menschen nicht von / und in was Ihr seyd.
      Diß wisst Ihr / daß ihr seyd in einer Zeit gebohren.
      Und daß ihr werdet auch in einer Zeit verlohren.
      Was aber war die Zeit / die euch in sich gebracht?

Und was wird diese seyn / die euch zu nichts mehr macht?
Die Zeit ist was / und nichts. Der Mensch im gleichem Falle.
      Doch was dasselbe was / und nichts sey / zweifeln alle.
      Die Zeit die stirbt in sich / und zeucht sich auch aus sich.
      Dies kömmt aus mir und dir / von wem du bist und ich.
      Der Mensch ist in der Zeit; sie ist in ihm ingleichen.
      Doch aber muß der Mensch / wenn sie noch bleibet / weichen.
      Die Zeit ist / was ihr seyd / und ihr seyd / was die Zeit /

Nur daß ihr Wenger noch / als was die Zeit ist / seyd.
      Ach daß doch jene Zeit / die ohne Zeit ist kahme /

Und uns aus dieser Zeit in ihre Zeiten nähme.
      Und aus uns selbsten uns / daß wir gleich köndten seyn /

Wie der itzt / jener Zeit / die keine Zeit geht ein.
      Wir müssen zunächst die Fremdheit überwinden, die sich zwischen dieses Gedicht und den heutigen Leser stellt. Uns stören oder verwirren die gekünstelt wirkenden Wort- und Begriffsspiele. Das Gedicht ist der europäischen gegenklassischen Kunst- und Literaturtradition des Manierismus verpflichtet. In ihr sind das Irreguläre und Disharmonische, die Tendenz zur Verrätselung und zum kombinatorischen Kalkül oder gar Züge von Sprachalchemie keine Zeichen für die mangelnde Fähigkeit, harmonische, ja symmetrische Formen hervorzubringen, sondern das Kunstprinzip selbst. Von solcher Tradition her hat Flemings künstlerisches Vorgehen in diesen Versen Folgerichtigkeit.
      Das Gedicht begibt sich in halsbrecherischer Weise auf das dünne Seil des Jonglierens mit Bedeutungsnuanceii des Zeitbegriffs. Die im 17. Jahrhundert geläufige Versform des jambischen Alexandriners verleiht aber mit dem Einschnitt nach der dritten Hebung, also in der Mitte, diesem Seiltanz eine gewisse Balance, fordert zur raffenden, zugleich mit Entgegensetzungen arbeitenden Argumentation auf.
      Die der Zeitlichkeit unterworfenen Menschen, so sagt das Gedicht zunächst, haben kein rechtes Bewusstsein von der Zeit. Zwar ist, durch Geburt und Tod, das Leben in einer Zeit verankert, die wir Geschichte nennen können. In welche Art von Zeit aber sind wir mit unserem existenziellen Grund hineingebettet, welcher Art ist er selber, wenn Sein und nicht Sein beide unausweichlich sind? Der das menschliche Dasein umgreifenden Zeit steht jene Zeitdimension gegenüber, die an das Erleben und Bewusstsein des Menschen gebunden ist, sodass der Mensch sowohl in der Zeit ist wie sie in ihm.
      Von dieser anthropozentrischen Sicht aber, von solchem Beweggrund menschlicher Selbstüberhebung rückt das Gedicht wieder ab: Die Zeit überdauert, wenn der Mensch abtritt. Noch einmal fasst das Gedicht die Antinomien zusammen, bevor es den Horizont jener Grundfrage erreicht, die das Barockzeitalter so sehr bewegte: die Entgegensetzung von Diesseits und Jenseits, Endlichkeit und Unendlichkeit, Zeit und Ewigkeit. Im »Ach« der viertletzten Zeile vollzieht sich der Wechsel von der bloßen Reflexion zum reflektierenden Wunsch, der Ewigkeit teilhaftig zu werden.
      Erst beim zweiten oder mehrfachen Lesen kommt man den logistischen Gedankengängen und Schlüssen ganz auf die Spur. Der unvorbereitete Leser, bald desorientiert, glaubt sich in einem Labyrinth zu bewegen. Tatsächlich ist das Labyrinthische ein Grundmuster manieristischer Kunst und Literatur. Uns ist, seitdem wir in den Werken Franz Kafkas oder Friedrich Dürrenmatts das Labyrinth als eine Metapher für den heutigen Weltzustand erkannt haben, dieses Grundmuster vertrauter geworden. Paul Flemings Gedicht trifft wieder auf ein labyrinthisches Lebensgefühl, eine Desorientiertheit freilich aus Überinformation. Seine Reflexionen über die Zeit waren in jeder Epoche weiterzudenken, spätestens seit Kant und in unserem Jahrhundert spätestens seit der Relativitätstheorie von Albert Einstein mit ihrem Grundsatz der Relativität von Raum und Zeit.

     

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Paul  Fleming  (I609-I640):  Gedanken  /  über  der  Zeit  -  Im  Labyrinth    


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