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Christian Hofmann von Hofmannswaldau (I6I7-I679): Die Welt - Alles ist Blendwerk



Die Welt

Was ist die Welt, und ihr berühmtes Gläntzen?
Was ist die Welt und ihre gantze Pracht?

Ein schnöder Schein in kurtz-gefaßten Grenzen,
Ein schneller Blitz bey schwartz-gewölckter Nacht;

Ein buntes Feld, da Kummer-Disteln grünen;
Ein schön Spital, so voller Kranckheit steckt.
      Ein Sclaven-Haus, da alle Menschen dienen,
Ein faules Grab, so Alabaster deckt.
      Das ist der Grund, darauf die Menschen bauen,
Und was das Fleisch für einen Abgott hält.
      Komm, Seele komm, und lerne weiter schauen,
Als sich erstreckt der Circkel dieser Welt.
      Streich ab von dir derselben kurtzes Prangen;
Halt ihre Lust für eine schwere Last;

So wirst du leicht in diesen Port gelangen,
Da Ewigkeit und Schönheit sich umfaßt.
      Hofmannswaldaus Gedicht stellt sich in eine Reihe, nein eine wahre Kolonne von Barockgedichten, deren Thema der Titel eines Gedichts von Andreas Gry-phius am bündigsten fasst: Es ist alles Eitel . Hofmannswaldau hat Gedichte über weibliche »vollkommene Schönheit« geschrieben, aber der Frau auch sein Memento mori zugerufen, etwa in dem Sonett Vergänglichkeit der Schönheit »Es wird der bleiche Tod mit seiner kalten Hand / Dir endlich mit der Zeit umb deine Brüste streichen, / Der liebliche Corall der Lippen wird verbleichen«. Und er nimmt im Titel eines anderen Gedichts, Verachtung der Welt, das Ergebnis seiner Argumentation schon vorweg. Die Welt ist seine prägnanteste Antwort auf die Frage, die so viele Menschen seiner Zeit aufrüttelte.
      Die ersten beiden und dann die nächsten sechs Verse sind fest miteinander verklammert durch gleichlautende Zeilenanfänge und die Gleichheit des Satzbaus, durch die rhetorischen Mittel der anaphorischen Reihung und des Parallelismus. Auf die Frage, was Glanz und Pracht der Welt seien, werden sechs Antworten gegeben, die jeweils einen desillusionierenden Gegensatz benennen. Ihre Anordnung ist nicht beliebig, folgt vielmehr dem Gesetz der Steigerung. Der »schnöde Schein« in »kurtzgefaßten Grenzen«, die bildliche Umschreibung des Edelsteins, enthüllt die Welt als Blendwerk, der »schnelle Blitz« das Leben als einen kurzen Lichtblick inmitten tiefen Dunkels. Muster für die Entzauberungstechnik ist offenbar die mittelalterliche Darstellung der »Frau Welt«, die von vorn die schöne Schauseite einer Venus zeigt und von der Kehrseite einen Rücken voll Schlangen, Geschwüren und Maden. So erweist sich hier die liebliche Natur als Distelfeld, im schönen Gebäude haust die Krankheit. Mit dem Sklavenhaus als Lebens- und dem Grab als Bestimmungsort des Menschen erreicht die Enthüllungsreihe ihren Höhepunkt, wobei der achte Vers die bisherige Entgegensetzung von Schein und »Wirklichkeit« umdreht und so noch einmal mit Nachdruck das Blendwerkhafte der Welt demonstriert.
      Die beiden folgenden Verse ziehen das Resümee und bereiten zugleich den Appell an den Sinneswandel des noch im Schein befangenen Menschen vor. Nicht von »Fleisch« und »Lust«, sondern nur von der Optik der Seele her ist jene Orientierung zu gewinnen, die sicher zum Hafen hinführt. Das Gedicht teilt die Mahnung zur Umkehr mit vielen Gedichten der Zeit. Ein Generationsgenosse Hofmannswaldaus, der Lyriker und Mystiker Angelus Silesius , hat sie in einem seiner bekanntesten Sinngedichte — wenn auch mit eigener Akzentsetzung - aphoristisch auf den Punkt gebracht: »Mensch, werde wesentlich, denn wenn die Welt vergeht / So fällt der Zufall weg, das Wesen, das besteht.« Nur im Jenseits, so die Botschaft Hofmannswaldaus, besitzt die Schönheit, die im Hier mit so vielen Masken der Vergänglichkeit glänzt, auch Beständigkeit.
      Aber nicht dieser »Botschaft« verdankt das Gedicht seinen Rang. Was es gegenüber anderen im Thema verwandten Gedichten auszeichnet, ist das einzigartige Zusammenspiel von dichterischer Demonstration und Reflexion. Es betreibt im ersten Teil die Demaskierung mit einem geballten Aufgebot an Metaphern, an Anaphern, Parallelismen und Antithesen, das in ein spannungsvolles Verhältnis zum Enthüllungszweck tritt: Das Gedicht entlarvt den falschen Schein seinerseits mit einem rhetorischen Feuerwerk. Es begegnet dem Blendwerk, wenn auch in sprachlicher Form, mit seinen eigenen Waffen.
      Vom Staccato-Stil, mit dem im ersten Teil dem »schnöden Schein« überfallartig die Masken abgerissen werden, wendet sich das Gedicht im zweiten Teil, die Desillusion nutzend, einem ruhigeren Argumentations- und Ãœberredungsstil zu, den Imperative eindringlicher machen, bevor es mit der Verheißung winkt. Dieses Gedicht nimmt den ästhetischen »Schein« der Kunst von der Verachtung aus: Es brilliert mit einer hochartistischen Wirkungsstrategie.
     

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