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Joseph Freiherr von Eichendorff (I788-I857): Sehnsucht - Poesie in der Poesie



Sehnsucht
Es schienen so golden die Sterne, Am Fenster ich einsam stand Und hörte aus weiter Ferne Ein Posthorn im stillen Land. Das Herz mir im Leibe entbrennte; Da hab ich mir heimlich gedacht: Ach, wer da mitreisen könnte In der prächtigen Sommernacht!
Zwei junge Gesellen gingen

Vorüber am Bergeshang,
Ich hörte im Wandern sie singen

Die stille Gegend entlang:
Von schwindelnden Felsenschlüften,

Wo die Wälder rauschen so sacht,
Von Quellen, die von den Klüften

Sich stürzen in die Waldesnacht.
      Sie sangen von Marmorbildern,

Von Gärten, die überm Gestein
In dämmernden Lauben verwildern,

Palästen im Mondenschein,
Wo die Mädchen am Fenster lauschen,

Wann der Lauten Klang erwacht
Und die Brunnen verschlafen rauschen

In der prächtigen Sommernacht.

In diesem Gedicht aus dem Jahre 1834 sind sie last alle da, die Signalwörter romantischer, Eichendorffscher Poesie: der Mondschein, die »Felsenschlüfte« und die Wälder, die Gärten und die Lauten, die Marmorbilder und Paläste, der Gesang der wandernden Gesellen und das Rauschen der Quellen, das Posthorn, die Einsamkeit und die Sehnsucht. Man hat das Kulissenhafte der Szenarien Eichendorffs erkannt, die Wiederholung oder die wechselnde Kombination eines begrenzten, requisitenhaften Bestands an Motiven, deren Austauschbarkeit, das Stereotype des Fensterblicks. Aus diesem engen Motivnetz fällt auch das Gedicht Sehnsucht nicht heraus.
      Und trotzdem, was besagt dieses Wissen noch, wenn man die Gedichte Eichendorffs einzeln liest, wenn man in den je besonderen Zauberbann der Verse gerät? Zu diesem Gedicht habe ich ein ganz eigenes Verhältnis, das ich erklären muss. Ich wurde nach dem Kriegsende für mehrere Jahre in einem Gefangenenlager festgehalten. In Hörnähe lag der Bahnhof der Stadt, am Lager vorbei führte die Straße zur Stadtmitte. Unser Beobachtungs- und Wahrnehmungsstandpunkt hinter dem Stacheldraht hatte mit dem Fensterplatz des Einsamen in Eichendorffs Gedicht eines gemeinsam: Das wirkliche Leben lag jenseits der unmittelbaren Erreichbarkeit. Straßenpassanten und vor allem das Rollen der Züge und die Pfeifsignale der Lokomotive erzeugten genau jene Empfindungen, die sich im Gedicht zusammenfassen im Ausruf: »Ach, wer da mitreisen könnte!« Wie entfernt mir auch der Sprecher des romantischen Gedichts, wie wenig vergleichbar unsere Situation sein mochte, Eichendorffs Sehnsucht traf ins Innere eigener Wünsche, Hoffnungen, Tagträume. So wurde und blieb Sehnsucht eines meiner Lieblingsgedichte. Noch heute weckt jedes ferne Rollen der Züge und jedes Signal der Lokomotiven in mir sofort die Assoziation zum Posthorn in Eichendorffs Gedicht.
Damals setzte das romantische Inventar des Gedichts mit seinen Bildern sowohl unberührter wie menschlich besiedelter Natur meine Einbildungskraft in Gang, entschädigte nicht nur den Gefangenen für eine abhanden gekommene Welt, sondern entführte ihn auch in Gefilde reiner Phantasien. Posthorn, Wälder- und Quellenrauschen oder »dämmernde Lauben« wurden zu Codewörtern, die immer neue Vorstellungen herbeiriefen, in denen Erinnertes und Erhofftes wunschtraumhaft verschmolz.
      In Eichendorffs Roman Dichter und ihre Gesellen werden die Verse von der Italienerin Fiametta gesungen; Erinnerungen an Mignons Sehnsuchtslied in Goethes Wilhelm Meister werden geweckt. Ich lese heute viel mehr die Melancholie, die der Sehnsucht im Gedicht unterlegt ist, mit. Es lässt sich ja nicht übersehen, dass dem Einsamen im Gedicht die berückende Welt der Landschaften, der Gärten und der Musik in doppelter Weise entrückt ist: Sie wird nur durch das Lied der Wandernden noch gegenwärtig. Was wir als romantische Zauberwelt empfinden, erscheint zum großen Teil schon im Gedicht als eine ästhetisch vermittelte Welt, ist Poesie in der Poesie.
      Damit nimmt das Gedicht eine Distanz vorweg, in die uns das Zeitalter der Industriegiganten und der technischen Medien erst recht versetzt hat: Natur ist ganz ins Reservat zurückgedrängt, ins Naturmuseum, sie hängt an der Herz-Lungen-Maschine der Naturschutzparks. Hier wie dort gilt die Sehnsucht etwas fast Verlorenem. So wird das Gedicht zur Elegie.
     

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