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Johann Wolfgang Goethe (I749-I832): An den Mond - Im Labyrinth der Brust



Ein Kurzaufenthalt in Weimar, an einem Herbsttag des Jahres 1978. Da am anderen Morgen die Reise weitergeht, ein Abendrundgang durch den Stadtkern und hinaus in den Park an der Um, vorbei an Goethes Gartenhaus. Es ist längst dunkel geworden, Feuchtigkeit schlägt auf die Haut, leichte Nebelschleier heben sich aus den Wiesen. Und dann plötzlich taucht aus den treibenden Wolken der Mond auf. Ein unbeschreiblicher Moment, das Wunder des Wiedererkennens von etwas gar nicht Gesehenem. Nie wieder habe ich mich in einer Landschaft so unmittelbar in die Welt eines Gedichts versetzt, nie wieder mit dem Ich eines Gedichts wenigstens für einen Augenblick so identisch gefühlt wie hier. Ein Komet fiel aus der Welt der dichterischen Verse in meine eigene Welt.

      An den Mond
Füllest wieder Busch und Tal Still mit Nebelglanz, Lösest endlich auch einmal Meine Seele ganz;
Breitest über mein Gefild Lindernd deinen Blick Wie des Freundes Auge, mild Ãober mein Geschick.
      Jeden Nachklang fühlt mein Herz Froh und trüber Zeit, Wandle zwischen Freud' und Schmerz In der Einsamkeit.
      Fließe, fließe, lieber Fluß. Nimmer werd' ich froh, So verrauschte Scherz und Kuß, Und die Treue so.
      Ich besaß es doch einmal. Was so köstlich ist! Daß man doch zu seiner Qual Nimmer es vergißt!
Rausche, Fluß, das Tal entlang, Ohne Rast und Ruh, Rausche, flüstre meinem Sang Melodien zu!
Wenn du in der Winternacht Wütend überschwillst, Oder um die Frühlingspracht Junger Knospen quillst.
      Selig wer sich vor der Welt Ohne Haß verschließt, Einen Freund am Busen hält, Und mit dem genießt, Was von Menschen nicht gewußt, Oder nicht bedacht, Durch das Labyrinth der Brust Wandelt in der Nacht.
      Abgedruckt ist hier nicht die frühe Fassung des Gedichts aus der Zeit um 1776/ 78, die sich zwischen Briefen an Frau von Stein fand, sondern die von Goethe in die Schriften von 1789 übernommene, die wohl nach der Rückkehr von der Italienreise entstand.
      Der elegische Stimmungsreiz, den in Gedichten Klopstocks oder Höltys das Mondlicht auslöst, ergreift auch hier das Ich: im »Nachklang« froher und »trüber Zeit«. Aber schon die erste Strophe nimmt auch einen kleinen Widerruf vorweg. Der sanfte Glanz des Gestirns »löst« endlich die »Seele ganz«, er besänftigt, er befreit. Zwar ringen noch »Freud' und Schmerz« miteinander, aber auch aus diesem Streit geht eine Entkrampfung, geht Katharsis hervor. So besitzt der Mond eine initiierende Kraft. Freund ist er, dem sich die innige Gemeinschaft von Mensch und Natur verdankt. Seelenarzt ist er, der das Vergangene, die erlittenen und zugefügten Verletzungen, zurückruft in eine entlastende Erinnerung.
      Einen beruhigenden Rhythmus entfalten die Gruppen von vier- und dreihe-bigen Trochäen; das Zusammentreffen der Hebungen am Ende des Verses und am Beginn des nächsten zwingt immer wieder zu kurzem Halt in der rhythmischen Bewegung.
      Das gilt auch dann noch, als mit dem Fluss ein neuer Adressat der Anrede und mit dem Motiv des Fließens das Bild des unwiderruflichen Strömens der Zeit auftaucht - eines Verströmens, das allerdings durch den Gang der Jahreszeiten seinen zyklischen Takt erhält. Mit dem Fluss-Motiv verbindet sich der einzige Selbstbezug der Dichtung: der Gedanke von der Herkunft der lyrischen Melodien aus den Tönen der Natur selbst. Eine kleine Poetik der Naturdichtung verbirgt sich in den Versen . Nicht ausgesprochen ist der Gedanke, dass die dem Vergehen unterliegenden »Melodien« der Natur in der zeitüberwindenden Dichtung aufgehoben bleiben, aber mitgedacht werden darf er.
      Die beiden letzten Strophen sprechen vom Wunsch nach einem Rückzug aus der Welt , der zugleich aus der Einsamkeit herausführt, nämlich in die Gemeinschaft mit einem Freund. Diesem Seelenbündnis der Freundschaft, in dem der Schlüssel für etwas jenseits aller bisherigen Erfahrung Liegendes, für Welterweiterung liegt, gilt die höchste Sehnsucht. Damit gipfelt in diesem Gedicht noch einmal jene Freundschaftsdichtung des 18. Jahrhunderts, die in Klopstocks Ode DerZürcherseezum Hymnus wurde. »Aber süßer ist noch, schöner und reizender / In dem Arme des Freundes wissen ein Freund zu sein! / So das Leben genießen, / nicht unwürdig der Ewigkeit!« »O so bauten wir hier Hütten der Freundschaft uns! Ewig wohnten wir hier, ewig!«
Goethe verzichtet auf diesen hohen Feier- und Verkündigungston, steigert sich in keinen Ewigkeitsrausch, wendet sich vielmehr nach innen. Im Gedicht An den Mondvoüzieht sich die Beseelung der Freundschaftsdichtung, aber es ist auch die unergründliche Tiefe eines »Labyrinths«, in die es weist.
     

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