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Friedrich Gottlieb Klopstock (I724-I803): Die frühen Gräber - Die Sommernacht - Mond, der Gedankenfreund



Die frühen Gräber
Willkommen, o silberner Mond, Schöner, stiller Gefährt der Nacht!
Du entfliehst? Weile nicht, bleib, Gedankenfreund! Sehet, er bleibt, das Gewölk wallte nur hin.

      Des Maies Erwachen ist nur
Schöner noch, wie die Sommernacht,
Wenn ihm Tau, hell wie Licht, aus der Locke träuft, Und zu dem Hügel herauf rötlich er kömmt.
      Ihr Edleren, ach es bewächst Eure Male schon ernstes Moos!
O wie war glücklich ich, als ich noch mit euch Sähe sich röten den Tag, schimmern die Nacht.
      Die Sommernacht
Wenn der Schimmer von dem Monde nun herab In die Wälder sich ergießt, und Gerüche Mit den Düften von der Linde In den Kühlungen wehn;
So umschatten mich Gedanken an das Grab Der Geliebten, und ich seh in dem Walde Nur es dämmern, und es weht mir Von der Blüte nicht her.

     
Ich genoß einst, o ihr Toten, es mit euch!
Wie umwehten uns der Duft und die Kühlung, Wie verschönt warst von dem Monde, Du o schöne Natur!
Man kann die beiden Oden wie Seiten- oder auch Gegenstücke zu dem wohl bedeutendsten Gedicht aus Klopstocks Frühzeit lesen, zur Ode Der Zürchersee , die mit dem berühmten Vers »Schön ist, Mutter Natur, deiner Erfindung Pracht« beginnt, mit einem Bild, das sich noch in Versen von Goethes Zürchersee-Gedicht Auf dem See widerspiegelt: »Wie ist Natur so hold und gut, / Die mich am Busen hält!« Obwohl der Titel der frühen Ode Klopstocks ein Landschaftsgedicht erwarten lässt, bleibt die Naturschilderung allgemein; vorherrschend ist das Gedankliche, der Preis großer Empfindungen. Aber selbst den Gedanken der Unsterblichkeit, des Fortlebens durch die Dichtung, überbietet noch der Preis der Freundschaft als der würdigsten aller Empfindungen. Auch mit seinen fernen, verstreuten Freunden wünscht der Dichter vereint zu sein, in »Hütten der Freundschaft«, in einem neuen »Elysium«. - In dieser Ode hat die Freundschaftsdichtung und -hymne des 18. Jahrhunderts einen ihrer Höhepunkte.
      Kein Ort der Seligkeit wird in den beiden Oden von 1764 und 1766 beschworen, rückwärts gerichtet sind die Gedanken. Die Momente der Glückseligkeit liegen bereits in der Vergangenheit und das Erinnern gilt den Toten. Zu den »Edleren« sind auch Freunde zu rechnen; die Mittelstrophe des zweiten Gedichts wird genauer und bezieht sich auf die »Geliebte«. Im Jahr 1754 hatte Klopstock Meta Moller geheiratet, schon 1758 war sie gestorben. In der Schlussstrophe von Sommernacht aber werden dann alle geliebten Toten in die elegische Rückerinnerung einbezogen.
      Unüberhörbar ist in den beiden Oden das Echo einer aus England herübergekommenen Empfindungskultur und Dichtungsweise. 1751 hatte einer von Klopstocks Freunden Edward Youngs Night Thoughts on Life, Death, andImmor-tality übersetzt. In die Wirkungsgeschichte dieser Nachtgedanken in Deutschland schaltete sich bald Thomas Grays Elegy written in a Country Churchyardwon 1750 ein; Friedhofspoesie kam in Mode. Eingegangen ist dieses damals wohlfeile Muster auch in Klopstocks Oden, aber mit einer nirgendwo sonst erreichten gedanklich-poetischen Konzentration.
      Bei den meisten seiner Oden hat Klopstock das metrische Schema der Strophe dem Gedicht vorangestellt. Er pflegte antike Odenstrophen, wo er sie übernahm, metrisch leicht abzuwandeln. Obwohl er das angegebene Schema treu erfüllt, stellt sich nicht einen Augenblick lang der Eindruck ein, dass die Verse Sklaven des Metrums seien oder zum Skandieren einlüden. Ãober das metrische Gerüst spielt eine rhythmische Bewegung hinweg, die schon freie Rhythmen vorahnen lässt. So auch in unseren beiden Gedichten.

     
Ein wichtiges Signal der bewussten Abhebung poetischer von der Prosasprache gibt Klopstock mit der Umkehrung der regelmäßigen Wortfolge, der Inversion - ein Beispiel bieten in der zweiten Strophe des Gedichts Die frühen Gräber die beiden ersten Verse. Stärker als im früheren setzt Klopstock im späteren Gedicht die Wirkung lautlicher Korrespondenzen ein: In der ersten, vom Mondschimmer sprechenden Strophe überwiegt der helle Klang der /- und «-Laute, in der zweiten untermalen die ^-Laute das Schatten- und Grabmotiv, während in der letzten Strophe die offeneren o- und ö-Laute wieder dem Freundlichen der Erinnerung entsprechen. Es scheint, als sei die Musik dieser Sprache schon sich selbst genug. Dem anderen Gedicht hat einer unserer größten Liedkomponisten seine Musik beigegeben: Franz Schubert vertonte Die frühen Gräber.
      Der Mond, das poetische Nachtgestirn schlechthin, hier der »Gedanken-freund«, löst in beiden Gedichten den lyrischen Vorgang aus; und in beiden wird aus der Situation einer Sommernacht gesprochen. In Die frühen Gräber allerdings ist sie nur Folie für den Preis des Maimorgens im Frühling. Dass die Natur dem, der seiner Toten gedenkt, keinen Trost bereithält, wird ausdrücklich gesagt in Sommernacht. »... ich seh in dem Walde / Nur es dämmern, und es weht mir / Von der Blüte nicht her«. Und doch bereichert diese im Mondlicht liegende Natur den Einsamen, nämlich durch ihre Evokationskraft: Sie löst jene Erinnerung aus, die einen glücklichen Zustand zurückruft, in die Gegenwart der Gedanken und Empfindungen holt, sodass er noch einmal genossen und zugleich als verloren betrauert werden kann. Es gelangt umgekehrt in das elegische Erinnern, das die nächtliche Natur erweckt, auch ein Anflug von Selbstgenuss der Trauer, der schon auf die Empfindsamkeitsbewegung im letzten Drittel des Jahrhunderts vorausweist.
      Welches von den beiden Gedichten das vollendetere, gültigere ist? Ich wage es nicht zu entscheiden. Mir scheinen sie beide nur Variationen eines einzigen Gedichts zu sein - einander ähnlich wie Zwillinge, die ja auch nacheinander geboren werden.

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Friedrich  Gottlieb  Klopstock  (I724-I803):  Die  frühen  Gräber  -  Die  Sommernacht  -  Mond,  der  Gedankenfreund    


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