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Eduard Mörike (I804-I875): Gesang zu Zweien in der Nacht - Die tönende Welt



Gesang zu Zweien in der Nacht
Sie: Wie süß der Nachtwind nun die Wiese streift, Und klingend jetzt den jungen Hain durchläuft! Da noch der freche Tag verstummt, Hört man der Erdenkräfte flüsterndes Gedränge, Das aufwärts in die zärtlichen Gesänge Der reingestimmten Lüfte summt.
      Er: Vernehm ich doch die wunderbarsten Stimmen, Vom lauen Wind wollüstig hingeschleift, Indes, mit ungewissem Licht gestreift, Der Himmel selber scheinet hinzuschwimmen.
      Sie: Wie ein Gewebe zuckt die Luft manchmal, Durchsichtiger und heller aufzuwehen; Dazwischen hört man weiche Töne gehen Von selgen Feen, die im blauen Saal Zum Sphärenklang, Und fleißig mit Gesang, Silberne Spindeln hin und wieder drehen.
      Er: O holde Nacht, du gehst mit leisem Tritt

Auf schwarzem Samt, der nur am Tage grünet,
Und luftig schwirrender Musik bedienet

Sich nun dein Fuß zum leichten Schritt,
Womit du Stund um Stunde missest,

Dich lieblich in dir selbst vergissest
Du schwärmst, es schwärmt der Schöpfung Seele mit!

Wohl manchem Leser werden wie mir beim Anfang des Gedichtes Verse aus Shakespeares Kaufmann von Venedig in der Schlegel-Tieckschen Ãobersetzung mitklingen. Lorenzos Worte aus dem Dialog mit Jessica auf dem Landsitz Bel-mont : »Wie süß das Mondlicht auf dem Hügel schläft! / Hier sitzen wir und lassen die Musik / Zum Ohre schlüpfen.« Der dramatische Dialog wird zur lyrischen Rede, die Liebe des Paares stimmt ein in den Zusammenhang von Mensch und Natur, ja in eine Weltharmonie. Denn die musikerfüllte Welt von Belmont hat teil an jener Sphärenharmonie, die - glaubt man der Lehre der Pythagoreer - den wohlproportionierten Kosmos durchtönt.
      Und der Mörike-Leser wird vielleicht beim »Nachtwind«, der klingend »den jungen Hain durchläuft«, außerdem Verse aus dem Gedicht An eine Ã"olsharfe mithören, Mörikes Verse vom Wind, der in die Harfe fährt und sie zu »geheimnisvollem Saitenspiel« bewegt. Im Gesang zu Zweien in der Nachtbedarf es nicht einmal des Instruments; es ist die Natur selbst, es sind die Bäume des Hains, die sich dem Wind als Saiten bieten. Alles Dasein wird zu Musik, sobald Geräusche und Lärm des Tags verstummen.
      Ein Mysterium vollzieht sich. Erdkräfte senden ihre »zärtlichen Gesänge« aufwärts; der Wind »schleift« sie mit, und seiner Bewegung folgt ein »hinschwimmendes« Licht des Himmels. Musik lenkt die Vorstellung zu den Feen hin, die mit Gesang die Spindel drehen - Verweise auf die Parzen oder Nornen, die den Faden des Schicksals spinnen. Und mit dem Sphärenklang stellt sich auch das Schlüsselwort für die Harmonie des Kosmos ein. Aber nicht nur der Weltenraum, selbst der lautlose Stundenschritt der Nacht , die Zeit also, hat teil an der alles durchwirkenden Musik. In der schwärmenden Musik- und Selbstvergessenheit der Nacht feiert die Schöpfung sich selbst.
      Eine Vielzahl von Verben und Substantiven, Adjektiven und Adverbien bezeichnet Akustisches oder lässt es assoziieren. Der Musikalisierung der Welt entspricht die Musikalisierung der lyrischen Sprache. Das Schmelzende, Sanfte, Lösende bestimmt die Verskunst: der Wechsel der Verslänge, das Melodiöse der Vokale und der Reime, die Vielfalt der Reimanordnung, die Mannigfaltigkeit der rhythmischen Bögen, der Wechselgesang der Partner. Es ist allerdings die Nacht, nicht die Zeit des »frechen Tags«, die solche Musik hörbar macht. Und eben dieser Vorbehalt bewahrt das Gedicht vor dem Verdacht der Beschönigung einer zerspaltenen Wirklichkeit. Die »Sphärenharmonie« des Gedichts ist eine Wahrnehmung hochsensibler und, sagen wir es ruhig, poetischer Sinne. So hält der Gesang zu Zweien in der Nacht als ein Gebilde vollkommener Poesie auch Erfahrungen stand, die so viel rauer geworden sind als die des schwäbischen Pfarrers in der Windstille nach den Napoleonischen Kriegen.
      Ein berühmter Vierzeiler Eichendorffs lautet: »Schläft ein Lied in allen Dingen, / Die da träumen fort und fort, / Und die Welt hebt an zu singen, / Triffst du nur das Zauberwort.« Nur wenige Dichter haben wie Eduard Mörike diesen Zauberschlüssel zu nutzen gewusst, nur wenige Gedichte wie Gesang zu Zweien in der Nacht die, Welt so vollkommen als tönende Welt beschworen.

     

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Eduard  Mörike  (I804-I875):  Gesang  Zweien  der  Nacht  -  Die  tönende  Welt    


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