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Jürgen Becker (geb. I932): Natur-Gedicht -Erich Fried (I92I-I988): Gespräch über Bäume



Vom Ende der Landschaftsmalerei

Der Titel von Jürgen Beckers Gedichtsammlung aus dem Jahre 1974, Das Ende der Landschaftsmalerei, pointiert fast programmatisch ein Grundthema seiner Lyrik: das allmähliche Verschwinden der Voraussetzungen und des Gegenstandes von Naturlyrik. Selbst was man »Stadtlandschaft« nennt, scheint von der Zerstörung bedroht. In Köln, seiner Geburtsstadt, sah Becker auch niedergewalzt, was die Luftbombardements überstanden hatte.

      Die Verse des vom Hitlerregime vertriebenen Brecht , wonach »ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen« sei, weil es »ein Schweigen über so viele Untaten« einschließe, hat eine Welle von Echo- und Widerspruchsgedichten ausgelöst. Erich Frieds Gedicht Gespräch über Bäume aktualisiert zur Zeit des Vietnam-Kriegs den Brechtschen Gedanken und klagt die amerikanische Entlaubungsaktion an:
Seit der Gärtner die Zweige gestutzt hat,sind meine Ã"pfel größer
Aber die Blätter des Birnbaumssind krank. Sie rollen sich ein.
      In Vietnam sind die Bäume entlaubt.
      Sonst aber überwiegt das ökologische Thema, sofern nicht Wunschträume idyllische Bilder wieder herbeizitieren. Natur kann auch als bloß ästhetische Landschaft entworfen werden. So in Jürgen Beckers Bildbeschreibung.
      Das Bild einer Bucht, und die Bucht ist gewesen, leer und sanft, an den Rändern. Der Name sagt nichts mehr; es gibt keinen Namen, und das Bild ist erfunden, unbeschreibbar, wie all das hier herum.
      Wo sich der Blick auf Konkretes richtet, ist der Befund erschreckend - und doch geht auch von den Resten unversehrter Natur noch Faszination aus. So in Bek-kers Natur-Gedicht.
      In der Nähe des Hauses,der Kahlschlag, Kieshügel, Kratererinnern mich daran -nichts Neues: kaputte Natur,aber ich vergesse das gern, solange ein Strauch steht.
      Es ist kein billiger Trost, zu dem Becker hier Zuflucht nimmt - dass es mit der »heilen« Natur vorbei ist, weiß er zu gut. Aber er sucht doch in der naturbedrohenden Welt des industriellen Zeitalters einen Ort. Im Gedicht sehr früh ist der Augenblick festgehalten, da mit dem Erwachen die Tageswirklichkeit unabweisbar wird:
In der Frühe um fünf weckt michdas Geräusch eines einzelnen, kreisenden Flugzeugs;ich kämpfe noch, an den Ränderndes Schlafs, um den Rest eines Traums;kreischend die Vögel, ehe zu dröhnenbeginnt mein vollbeschäftigtes Land [...]
In der Nähe wird eine neue Autobahn gebaut; das dichtere Netz der Verkehrswege schlingt sich um die Wohnsiedlungen und in sie hinein, nimmt ihnen Luft. Resignation breitet sich aus. Aber auch die Zeit der Illusionen ist vorüber:vor vielen Jahren erfand ich nach jeder Täuschung die nächste, dann wußte ich mehr; so fängt der Tag an, die Volkswagen schnarren, Wirkliches mit der Zeitung, anderswo noch Schnee.
      Das Ich zieht sich nicht in sich selbst zurück. Der vollends Erwachte öffnet sich dem Heute, der Mitwelt, den Geräuschen des Werktags; er nimmt die Nachrichten auf, die ihn mit dem Weltgeschehen verbinden und ihm ferne Landschaften ins Bewusstsein rufen.
      Die Lyrik Beckers ist grundiert von Melancholie. Aber sie verschmäht Wehleidigkeit und reflektiert die Situation, die eine »Landschaftsmalerei« immer mehr erschwert, ja ihr den Boden entzieht. Das Gedicht braucht, wendet man ein Wertkriterium Max Frischs an, »die wirkliche Welt nicht zu scheuen«, weil es »eben diese Welt, ihr nicht ausweichend, sprachlich durchdringt«. Es hält sich dabei von der Katastrophenliteratur wie von der aktivistisch-politischen Lyrik gleich fern.
     

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