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Johannes R. Becher (I89I-I958): Spreewald -Bertolt Brecht (I898-I956): Der Rauch



Harmonie in Ãœberfülle

Als Rebell betrat Johannes R. Becher die literarische Arena. »Der Dichter meidet strahlende Akkorde. / Er stößt durch Tuben, peitscht die Trommel schrill. / Er reißt das Volk auf mit gehackten Sätzen.« So beginnt das berühmt gewordene Gedicht Vorbereitung, das 1916 in Bechers Sammlung An Europa erschien und in Kurt Pinthus' expressionistischer Anthologie Menschheitsdämmerung den Abschnitt Aufruhr und Empörung eröffnete. Nachdem Becher Mitglied der Kommunistischen Partei geworden war, erklärte er den Dichter zur »Roten Nachtigall« . Als Minister für Kultur in der DDR propagierte er eine volksverbundene Dichtung. Zwar setzte er die in »Vorbereitung« zertrümmerte »Form«, etwa im Plädoyer für das Sonett, wieder in ihre Rechte ein, forderte zugleich aber Rückkehr zur »Schlichtheit«. Ihr suchte er selbst, allerdings oft mit erborgter Naivität, in seiner Sammlung Neue deutsche Volkslieder zu entsprechen. Das Gedicht Spreewald gehört zum Komplex der zwischen 1949 und 1958 entstandenen Lyrik.


      Spreewald
Von sanften Kanälen durchzogen,und wie verzaubert ein See

Voll Wurzeln und Wasserrosen
Und schwimmenden Farnen und Mosen:

Zur Waldung verwandelte Spree.
      Wie schlafend herabgebogen

Uralte Wipfel. Ein Reh,
Sich spiegelnd im Bodenlosen,

Im grünen Verdämmern der Spree ...
      Das Gedicht ist ein Rückgriff auf das Genre der Naturlyrik. In einem seiner schönsten Sonette, Tübingen oder Die Harmoniere'S), hatte Becher das Maßvolle, das reich Gegliederte, aber zugleich Geordnete, auch das »der Quellen Ursprung« Nahe gerühmt. Im Gedicht Spreewald ruft er jene »Akkorde« zurück, die er in Vorbereitung aus der Dichtung verwiesen hatte. Aber bringt er sie wirklich zum Klingen?
Lauter literarische Assoziationen weckt das Gedicht: an die Kanäle der Venedig-Dichtung, an die Wasserrosen von Storms verzaubertem Immensee, an die Wipfel in Wanderers Nachtlied von Goethe und an — pardon! - das Reh der Postkartenpoesie. Alle genannten Details sind gewiss Bestandteile der Land-schaft des Spreewalds. Und doch wirken sie arrangiert. Das Adjektiv des ersten Verses, »sanft«, gibt den Ton an, auf den alles gestimmt ist, bis hin zum »Verdämmern der Spree«.
      Bewundert werden kann die Musik der Sprache, die Ungezwungenheit der Reimanordnung , die rhythmische Anmut - kein Laie der Dichtung hat dieses kleine Netzwerk von Versen geknüpft. Und doch bleibt der Eindruck einer kunstgewerblichen Landschaftskulisse, mit der hier eine Rückkehr zur naturinnigen Lyrik inszeniert wird. Vielleicht hilft zur Verdeutlichung der vergleichende Blick auf eine der Buckower Elegien Bertolt Brechts, Der Rauch.

      Der Rauch
Das kleine Haus unter Bäumen am See.

      Vom Dach steigt Rauch.
      Fehlte er

Wie trostlos dann wären
Haus, Bäume und See.
      Eine See-Idylle ohne Idyllik. Ein Naturbild, aber nicht von der Palette der Landschaftsmalerei. Kein Zauber, kein Verdämmern. Die einzige Bewegung: Rauch. Rauch kann Metapher für das Verfliegende, das sich Zerlösende, das Vergängliche und auch Zeichen für verheerende Brände sein; hier aber ist er Zeichen für das Bewohntsein des Hauses, für den wohltätigen Gebrauch des Feuers. Der Rauch als Naturerscheinung weist auf die Anwesenheit des Menschen - das Ensemble von Mensch und Natur ist auf ein einfaches Bild gebracht. »Naturlyrik« von letzter Lakonik und poetischer Verdichtung.
      Dagegen wirkt Bechers Spreeivaldgeradezu geschwätzig. Natürlich ist Brechts lyrische Kurzform, die an das japanische Haiku erinnert, nicht die einzig mögliche oder »moderne« Form des Naturgedichts. Aber der Vergleich des Becher-schen mit dem Brechtschen Gedicht zeigt, wie abgeschliffen ein konventionelles Motiv- und Stimmungsmuster erscheinen und wie problematisch es sein kann, einen von der Goethezeit, zumal von der Romantik angebahnten Weg der Naturlyrik zurückzugehen. Die Harmonie von Bechers Tübingen-Gedicht von 1938 ist dosiert; sein Gedicht Spreewald trief t von Harmonie.

     

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Johannes  R.  Becher  (I89I-I958):  Spreewald  -Bertolt  Brecht  (I898-I956):  Der  Rauch    





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