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Erich Kästner (I899-I974): Sachliche Romanze



Das sentimentale Vokabular hat ausgedient

Spricht jemand von »Neuer Sachlichkeit«, der literarischen Richtung, die in den zwanziger Jahren dem Visionären und Utopischen des Expressionismus illusionslose Wirklichkeitsnähe entgegenstellte, so fällt unweigerlich der Name Erich Kästner. »Sachlich« gibt sich Kästners Gedicht schon im Titel, und »Romanze« ist es im Sinne der Gattungsbezeichnung. Doch behandelt es das Ende einer romanzenhaften Liebe. Die »Neue Sachlichkeit« scheint nur eine Antiromanze zuzulassen.

      Sachliche Romanze
Als sie einander acht Jahre kannten , kam ihre Liebe plötzlich abhanden. Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.
      Sie waren traurig, betrugen sich heiter, versuchten Küsse, als ob nichts sei, und sahen sich an und wußten nicht weiter. Da weinte sie schließlich. Und er stand dabei.
      Vom Fenster aus konnte man Schiffen winken. Er sagte, es wäre schon Viertel nach Vier und Zeit, irgendwo Kaffee zu trinken. Nebenan übte ein Mensch Klavier.
      Sie gingen ins kleinste Cafe am Ortund rührten in ihren Tassen.
      Am Abend saßen sie immer noch dort.
      Sie saßen allein, und sie sprachen kein Wortund konnten es einfach nicht fassen.
      In Heinrich Heines Lyrischem Intermezzo, im XXXIX. Gedicht, liebt ein Jüngling ein Mädchen, das einen Zweiten liebt, aber von einer anderen ausgestochen wird und aus Enttäuschung einen Dritten, den »ersten besten Mann«, heiratet. »Es ist eine alte Geschichte. / Doch bleibt sie immer neu; / Und wem sie just passieret, / Dem bricht das Herz entzwei.« Eine »alte Geschichte« ist auch die Trennung von Liebenden, die sich auseinander gelebt haben. Doch bricht in Kästners Gedicht kein »Herz entzwei«.
      An Heines lyrischen Stil erinnert der Gebrauch der Volksliedzeile, die sich kein starres metrisches Schema aufzwingen lässt. Sie erreicht mit der freien Füllung der Senkungen hier eine rhythmische Lockerheit, die sich dem Prosarhythmus annähert und deshalb einem Stil der Sachlichkeit entgegenkommt. Wie Heine verzichtet Kästner allerdings nicht auf den sinnlichen Reiz des Reims , sodass sich eine klare strophische Ordnung herstellt, die nur in der letzten Strophe leicht durchbrochen wird. Wie bei Heine auch dient der Versachlichung eine saloppe Redeweise: durch die Gleichsetzung der Liebe mit einem Gebrauchsgegenstand . Banalisiert wird der Trennungsvorgang durch beziehungslos nebeneinander gestellte Begleitumstände .
      Doch gibt Kästners neusachlicher Ton etwas auf, was in Heines Gedichten nur selten verloren geht: das Liedhafte. Die Eingänglichkeit der Verse, die dem Buch der Lieder'im 19. Jahrhundert zu seinem unvergleichlichen Erfolg verhalf, verdankt sich nicht zuletzt der Glättung des Volksliedstils, die schon die Romantik - zumal mit Brentanos und von Arnims Volksliedersammlung Des Knaben Wunderhorn - durchgesetzt hatte. Darin bleibt Heine, trotz ironischer Brüche, ein Nachfahre der Romantik. In Kästners Romanze ist alle romantische Hinterlassenschaft getilgt. Nur begrenzt von Reim- und Strophenform, triumphiert das Prosaische.
      War möglicherweise die Liebe einmal glühende Lava, so ist sie längst erloschen. Heiteres »Betragen« und Kussversuche enden in Ratlosigkeit. Selbst Tränen rühren den Partner nicht mehr. Um der entstandenen Leere zu entkommen, flieht man ins Cafe. Umsonst. An die Stelle der Liebe ist totale Beziehungslosig-keit getreten. Man rührt stumm in den Tassen, das endgültige Schweigen greift um sich.
      Und etwas Wundersames geschieht. Die Ansammlung des Prosaischen schafft eine Sphäre der Traurigkeit, die von hoher poetischer Eindringlichkeit ist. Die Melancholie, die über dem Geschehen liegt, entwickelt sich aus dem Verlorensein der Partner in einer echolosen Umwelt und aus ihren hilflosen Gesten. Nein, am Ende ereignet sich nicht, was Heines Sprache noch in alter Weise benennt, es bricht kein »Herz entzwei«. Das alte sentimentale Vokabular hat ausgedient. In der Sachlichen Romanze stehen die Partner vor dem schlechterdings Unfasslichen. Der Absturz, die Fallhöhe aber ist kaum geringer.
     

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Erich  Kästner  (I899-I974):  Sachliche  Romanze    



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