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Walter Helmut Fritz (geb. I929): Also fragen wir beständig ... Aber ist das eine Antwort?



Heinrich Heine : Laß die heiigen Parabolen ...

Laß die heiigen Parabolen, Laß die frommen Hypothesen -Suche die verdammten Fragen Ohne Umschweif uns zu lösen.
      Warum schleppt sich blutend, elend, Unter Kreuzlast der Gerechte, Während glücklich als ein Sieger Trabt auf hohem Roß der Schlechte?
Woran liegt die Schuld? Ist etwa Unser Herr nicht ganz allmächtig? Oder treibt er selbst den Unfug? Ach, das wäre niederträchtig.
      Also fragen wir beständig, Bis man uns mit einer Handvoll Erde endlich stopft die Mäuler -Aber ist das eine Antwort?

Im Fragenden dieses Gedichts, das in der letzten zu Lebzeiten Heines veröffentlichten Lyriksammlung, den Gedichten 1853 und 1854, den Zyklus Lazarus eröffnet, erkennt man Züge der Gestalt Hiobs wieder. Das jämmerliche Dasein auf dem Krankenbett, in der »Matratzengruft«, aber auch eine Rückbesinnung auf die jüdische Überlieferung und den persönlichen Gott haben Heine zu dieser Figur des Alten Testaments, des schwer Geprüften und gegen Gott Aufsässigen, geführt. Erst mit der Wiederannäherung an die Vorstellung eines persönlichen Gottes, nach langer Hinneigung zu einem sinnenfrohen Pantheismus, stellt sich für Heine die Frage nach göttlicher Verantwortung und Schuld. In vier Strophenblöcken wird, in der Form pochender Trochäen, mit Imperativen und hartnäckigen Fragen auf Klärung bestanden.
      Aber nicht wie der Hiob des Alten Testaments hält der Fragende des Gedichts seinen Protest Gott selbst entgegen; er wendet sich an einen Adressaten, der Gott mit Gleichnissen und Glaubenssätzen zu erklären versucht. Aus der Konfrontation Hiobs mit Gott wird so ein - allerdings einseitig geführter - Disput über theologische Fragen. Da es keine Streitrede mit Gott gibt, entfällt auch die Antwort Gottes. Ja, es ist gerade das Ausbleiben der Antwort, das den Fragenden aufbringt - einen Zweifler, der sich das »Maul« nicht »stopfen« lässt.
      Nicht um die Frage der Theodizee, die Frage nach der möglichen Rechtfertigung Gottes trotz des Übels in der Welt, geht es im eigentlichen Sinne. Mit der Gegenüberstellung einer »Kreuzlast« des Gerechten und der Siegerpose des Schlechten knüpft Heine an ein Thema der Historien im Romanzero an. Dort wird das grausame Geschichtsgesetz beklagt, das den Besseren unterliegen und den Schlechteren triumphieren lässt. Doch wird jetzt keine anonyme Geschichtsinstanz, sondern Gott, der »Herr«, zur Rechenschaft gezogen. Damit erhält Heines skeptische Geschichtssicht religiöse Eindringlichkeit.
      Letzte Konsequenz des Fragens ist der Zweifel an der Allmacht Gottes, ja der Verdacht, dass Gott ein übles Spiel mit den Menschen treibe. Doch auch hier verharrt die Rede im Modus der Frage. So ist das Gottesbild dieses Gedichts das eines stumm gewordenen Gottes; Werner Kraft hat gezeigt, wie am Ende gerade der Halbreim »Handvoll -Antwort«, also der vorenthaltene Reim, nicht nur das Ausbleiben der Antwort, sondern auch Heines Verweigerung eines Harmonisierungsversuchs versinnlicht. Die Empörerhaltung steht dem Hadern Hiobs in nichts nach, ist andererseits gebrochen durch tiefe Resignation.
      Mit diesem Gedicht, das gewiss zu den makellos großen Dichtungen Heines zählt, tritt mehr als ein Jahrhundert später Walter Helmut Fritz ins Gespräch, in seinem Gedicht Also fragen wir beständig... .
      Also fragen wir beständig Bis man uns mit einer Handvoll Erde endlich stopft die Mäuler -Aber ist das eine Antwort?
Als Heinrich Heine das schriebals er mit letzten Amüsementsdem Verhängnis zuvorzukommen suchtebei Gesprächendas gelähmte Augenlid mit dem Finger hobmit dem Opernglasdie Menschen auf der Straße beobachteteda schleppte er sich hinter sich selbst hererfuhr er Last und Überlasthatte er verstanden,daß man immer zu spät sieht,wann etwas aufzuhören beginntstellte er sich die Frage, ob alles unabänderlich seiach diese Vogelscheuche Vergänglichkeit.
      Vergänglichkeit ist, ob in offener oder verborgener Form, ein Thema vieler Texte von Walter Helmut Fritz. Und mit dem Motto hängt sich dieses Gedicht unmittelbar an die Schlussstrophe Heines an. Wieder erkennbar werden die Lebensstationen des späten Heine: seine Lebensgier vor der endgültigen Lähmung, das Heben des Augenlids mit dem Finger beim Eintreten von Besuchern in die »Matratzengruft«, das Zurückbleiben der leiblichen hinter der geistigen Person und die Einsicht in die Trägheit eines Bewusstseins, das der Wirklichkeit noch nicht ins Auge sehen möchte.
      Da aber das vorangestellte Zitat die Erinnerung eben an das Eröffnungsgedicht im Zyklus Zum Lazarus aufruft, entgeht dem Leser nicht die Zurücknahme, die Reduktion des Heineschen Gedankens. Ob alles unabänderlich sei, diese Frage nimmt die Radikalität der Frage Heines ebenso wenig auf wie das Bild der »Vogelscheuche«, bei dem die Assoziation zum bloßen »Schreckgespenst« unvermeidbar ist. An die Unerbittlichkeit der Empörung Hiobs erinnert hier nichts mehr. Der persönliche Gott ist im Denkmuster dieses Gedichts nicht vorhanden, also kann der Mensch auch nicht mehr mit ihm zürnen. Was aber der Autor Walter Helmut Fritz mit Heine teilt, ist Skepsis gegen die schnellen Tröstungen.

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