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Luther - Conrad Ferdinand Meyer (I825-I898)



WlE GEMEISSELT

Luther
Je schwerer sich ein Erdensohn befreit, Je mächtger rührt er unsre Menschlichkeit.
      Der selber ich der Zelle früh entsprang, Mir graut, wie lang der Luther drinnen rang!
Er trug in seiner Brust den Kampf verhüllt, Der jetzt der Erde halben Kreis erfüllt.
      Er brach in Todesnot den Klosterbann — Das Größte tut nur, wer nicht anders kann.
      Er fühlt der Zeiten ungeheuren Bruch Und fest umklammert er sein Bibelbuch.
      In seiner Seele kämpft, was wird und war, Ein keuchend hart verschlungen Ringerpaar.
      Sein Geist ist zweier Zeiten Schlachtgebiet — Mich wundert nicht, daß er Dämonen sieht.
      Das Gedicht steht als Text Nr. XXXII in Conrad Ferdinand Meyers Epos in Reimpaarversen Huttens letzte Tage. Ihm voraufgeht das Gedicht Die deutsche Bibel, eine Huldigung an »das Erz der deutschen Zunge« Luthers. Mit den Personennamen anderer Gedichttitel wird der geschichtliche Hintergrund der Dichtung umrissen, die Zeit des Ãœbergangs vom Mittelalter zur Neuzeit, der Renaissance, des Humanismus, der Reformation — eine jener Epochen, die das besondere Interesse des Autors auf sich zogen.
      Conrad Ferdinand Meyer hat noch ein anderes Luther-Gedicht geschrieben, aus Anlass der Vierhundertjahrfeier von Luthers Geburtstag am 10. November 1883, das Lutherlied. In neun achtzeiligen Strophen mit Reimpaarversen lässt er die wichtigsten Stationen im Leben Luthers Revue passieren: das Mönchsgelöbnis, die neue theologische »Offenbarung« in der Klosterzelle, das Verhör durch den päpstlichen Legaten in Augsburg, die öffentliche Verbrennung der Bulle, mit der ihm vom Papst der Bann angedroht wird, der Reichstag zu Worms im Dezember 1502, Wartburgaufenthalt und Ãœbersetzung der Bibel. Die beiden Schlussstrophen loben Luthers Lehre und bringen auf den Choral Ein feste Burg ist unser Gott ein lyrisches Hoch aus.
      Von dieser lyrischen Chronik sticht das Luther-Gedicht des Hutten-Zyklus durch seine konzentrierte Form und seinen reflektierenden Charakter ab. In der zweiten Strophe spielt Ulrich von Hütten, der Sprecher, auf eine biographische Parallele an: Auch er war aus der Klosterzelle geflohen. Im Ãœbrigen aber geht dieses Gedicht auf einzelne Lebensereignisse nicht ein; Luther wird in seiner historischen Rolle gesehen.
      Huttens Hochachtung gilt zunächst der Selbstbefreiung Luthers und den Entscheidungsqualen, die ihr voraufgehen, dann dem Exemplarischen seiner Tat: Er ist der Protagonist eines Kampfes, in den die halbe Welt hineingerissen wurde. Die vierte Strophe nimmt das Motiv der qualvollen, aber notwendigen und unabdingbaren Entscheidung noch einmal auf und hebt die Figur ins Monumentale, ohne sich auf das theologische Problem selbst einzulassen. Auch in der folgenden Strophe wird die Kraft, den unerhörten Zeitenbruch auszuhalten, sehr allgemein dem absoluten Vertrauen auf die Bibel zugeschrieben. Zum Ort eines Ringkampfs nicht nur, sondern zur Walstatt einer Schlacht zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Abgelebtem und Werdendem stilisieren die beiden Schlussstrophen die Seele Luthers.
      Als Repräsentant einer Wendeepoche, der deren unerhörte Spannungen in sich auszutragen hat, erscheint also Luther. Ihm hat auch das Mittelalter ein schweres Erbe mitgegeben. So jedenfalls darf man den Hinweis auf die Dämonen im letzten Vers verstehen.
      Als einen Angelpunkt deutscher Geschichte hatte Heine, im Essay Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland, Luther gesehen, aber doch als Begründer der Geistes- und Denkfreiheit in Deutschland, der den Boden bereitete für ein stufenweises Fortschreiten der deutschen Geistesgeschichte zur politischen Revolution. Der »Held« der Reformation wird ihm zum »kompletten Menschen«, in dem »Geist und Materie« sich verbünden. Auch dem Dichter Conrad Ferdinand Meyer ist Luther ein Heros, aber gerade der inneren Spaltung wegen, die er auf sich genommen hat.
      An einem großen Individuum, an dem in einer Ãœbergangsperiode die Magnetkräfte zweier polarer Zeitalter zerren, arbeitet sich dieses Gedicht ab. In immer neuem Anlauf meißelt der Dichter Züge des einen Grundmotivs heraus: des Bruchs, der durch das Individuum und die Epoche geht. Es ist, als hätte den Dichter die Statue eines Künstlers jener Renaissancezeit, die ihm so vertraut war, inspiriert: die Statue des mit den Gesetzestafeln vom Sinai herabgestiegenen, sitzenden, aber leidenschaftlich aufgewühlten Moses von Michelangelo.

     

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