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Friedrich Nietzsche (I844-I900): Abschied [Vereinsamt] - Winter-Wanderschaft



Einsamkeit ist eines der Hauptthemen im Denken Nietzsches. »Mein ganzer Zarathustra«, erklärt er in Ecce homo, »ist ein Dithyrambus auf die Einsamkeit«. Dort allerdings wird Einsamkeit als Bedingung für Selbstfindung und Schöpfertum, für die Erneuerung des Menschen verstanden. Dagegen konzentriert sich Abschied [ Vereinsamt] - diese Titel sind nur zwei unter den von Nietzsche erwogenen - auf den Gedanken des Ausgeschlossenseins und des Leidens an der Einsamkeit. Es ist 1884 entstanden und 1894 erstmals gedruckt worden.

     
Abschied [Vereinsamt]

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnei'n —
Wohl dem, der jetzt noch - Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!

Was bist du Narr
Vor Winters in die Welt - entflohn?

Die Welt — ein Thor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!

Wer Das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

      Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,

Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

      Flieg', Vogel, schnarr'
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton!

Versteck', du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei'n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:

Bald wird es schnei'n,
Weh dem, der keine Heimat hat!

Mit jahreszeitlichen Bildern beginnt das Gedicht: Abflug der Krähen vom Land, bevorstehender Schneefall, Sorge um rechtzeitige Geborgenheit. Die Abwandlung des bildkräftigen und lautmalerischen Verbs »schwirren« zum Adjektiv nimmt schon Kühnheiten expressionistischer Lyrik, etwa August Stramms, vorweg. Der Wechsel zwischen zweihebigem und vierhebigem Vers in den vierzeili-gen Strophen mit Kreuzreim wird zumeist für eine Spannung zwischen zeigender und reflektierender Haltung genutzt.
      Erkennen der eigenen Lage und Selbstbezichtigung in der zweiten Strophe kulminieren im Wort »Narr«. In einer der sogenannten Dionysos-Dithyramben Nietzsches, Nur Narr! nur Dichter!, ist der »Narr« dazu verdammt, von der Wahrheit ausgeschlossen und in die Lüge verstrickt zu sein. Hier in Vereinsamt steht das Wort »Narr« für den Unklugen, der verfrüht aufgebrochen ist; und doch umgibt ihn, wie den Narren in der Dionysos-Dithyrambe, die Aura des Tragischen.
      Denn der Weltgierige wurde in Wüsten gelockt. »Die Wüste wächst, weh dem, der Wüsten birgt ...« beginnt eine andere der Dionysos-Dithyramben. Dort gerät Zarathustra unter die »Töchter der Wüste«, die »allerliebsten Mädchen« in der »Oasis« — Welthunger ist auch Liebeshunger, und der Mensch, der Wüsten »birgt«, ist von »Wollust ausgeloht«. Solche Bedeutung darf dem Bild der Wüste in Vereinsamt nicht unterlegt werden. Denn zu sehr erweist sich hier die Wüste als Ort der Kälte, der Sprach- und Echolosigkeit und des Verlustes.
      Der Weg, der dem Winter-Wanderer in der Wüste vorgezeichnet ist, führt eben in keine Oase, sondern in noch härtere Kälte, in noch unerbittlicheres Alleinsein. Und nirgendwo im Gedicht klingt der Gedanke an Selbstfindung und Schöpfertum auch nur an. Winter und Wüste, das sind hier gleichnishafte Bilder für eine als Fluch verhängte unfruchtbare Einsamkeit.
      Die vorletzte Strophe möchte der Versuchung zum Selbstmitleid vorbeugen. Auch dem »Lied im Wüsten-Vogel-Ton« wird das Gesetz der Kälte vorgeschrieben: nämlich das Leid hinter einem Panzer aus »Eis und Hohn« zu verbergen. Doch dann bricht in der Schlussstrophe, mit der wiederholten, aber durch eine wesentliche Variation veränderten Anfangsstrophe, die Klage sich Bahn. Das »blutende Herz« sammelt allen Ausdruck im Wehruf.
      In einer Antwort aus demselben Jahr hat Nietzsche das Missverständnis seines Gedichtes abgewehrt und klargestellt, was sich im Gedicht nicht ausspreche: Sehnsucht »zurück / Ins deutsche Warm, / Ins dumpfe deutsche Stuben-Glück«. Die Warnung ist deutlich genug. Jede Verkürzung des Gedichts auf biographische oder temporäre Bezüge verbietet sich. Die Obdachlosigkeit des »Narren« in diesem Gedicht ist von existenzieller Art. Sie darfauch nicht mit jener melancholischen Einsamkeitserfahrung verwechselt werden, die aus Gottfried Benns bekanntem Vers im Gedicht Tristesse spricht: »Und dann November, Einsamkeit, Tristesse«. Melancholie und Tristesse haben immer noch etwas die Seele Erwärmendes; die »Winter-Wanderschaft« in Vereinsamt führt ins Eis. Ich kenne keinen Text in der deutschen Lyrik, in dem religiöser und philosophischer Trost so fern wären und die Verlassenheit des Individuums so total wie in diesem Gedicht.
     

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Friedrich  Nietzsche  (I844-I900):  Abschied  [Vereinsamt]  -  Winter-Wanderschaft    


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