Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Rebellion
» Gottfried August Bürger (I747-I794): Der Bauer - Tyrannenlästerung

Gottfried August Bürger (I747-I794): Der Bauer - Tyrannenlästerung



Der Bauer

An seinen durchlauchtigen Tyrannen
Wer bist du, Fürst, daß ohne Scheu Zerrollen mich dein Wagenrad, Zerschlagen darf dein Roß?
Wer bist du, Fürst, daß in mein Fleisch Dein Freund, der Jagdhund, ungebläut Darf Klau und Rachen hau'n?
Wer bist du, daß durch Saat und Forst, Das Hurra deiner Jagd mich treibt, Entatmet, wie das Wild? -

Die Saat, so deine Jagd zertritt,
Was Roß, und Hund, und Du verschlingst,

Das Brot, du Fürst, ist mein.
      Du Fürst hast nicht, bei Egg' und Pflug, Hast nicht den Erntetag durchschwitzt. Mein, mein ist Fleiß und Brot! -
Ha! du wärst Obrigkeit von Gott? Gott spendet Segen aus; du raubst! Du nicht von Gott, Tyrann!
Die Schlusszeile des Gedichts gibt das Stichwort für jene Gruppe politisch-sozialkritischer Lyrik des Sturm und Drang, zu der sich Bürgers Verse stellen lassen: die sogenannte Antityrannenlyrik. Zu ihr zählt Die Fürstengruft von Christian Friedrich Daniel Schubart, entstanden während der vom Herzog Karl Eugen von Württemberg ohne Urteil verhängten zehnjährigen Haft : die lyrischrhetorische Anklage gegen eine fürstliche Willkür, die ein irdisches Inferno verschuldet. Sogar das Gedicht eines adligen Autors, des Grafen Friedrich Leopold von Stolberg {Die TrümmeR) donnert gegen die »Zwingherrn«. Ihren späten rhetorisch-pathetischen Gipfelpunkt erreicht die »Antityrannenlyrik« in Schillers Die schlimmen Monarchen .
      Gottfried August Bürger ist vor allem als einer der Begründer der deutschen Kunstballade, als Autor der Lenore, in die deutsche Literaturgeschichte eingegangen. Und zum Gedicht Der Bauer schlägt die Ballade Des Pfarrers Tochter von Taubenhain eine Brücke, die Erzählung vom unschuldigen Mädchen, das durch den Schlossherrn von Falkenstein mit falschen Versprechen verführt, vom streng-bigotten Vater verstoßen und schließlich als Kindsmörderin hingerichtet wird. Noch näher steht dem Gedicht die Ballade Der wilde Jäger: Der »Wild- und Rheingraf« verletzt die Weihe der Gottesdienststunde und jagt mit seinem Jagdgefolge durch »Korn und Dorn, durch Heid' und Stoppel«. Er jagt einen weißen Hirsch, der in ein Ahrenfeld flieht. Ein armer Landmann bittet um Erbarmen: »Verschont den sauren Schweiß der Armen!« Aber die Meute zerstampft nicht nur das Ahrenfeld, sondern bricht auch noch in eine Herde ein. »Bluttriefend sank der Hirt zur Erde. / Bluttriefend Stück für Stück die Herde.«
Was die Ballade, im Rahmen der Sage vom »Wilden Heer« erzählerisch entfaltet, bringt das Gedicht Der Bauer in eine Anrede an den Fürsten, den »Durchlauchtigen Tyrannen«. Bürger ist nicht der einzige unter den zeitgenössischen Autoren, die gegen das adlige Jagdrecht und seine rücksichtslose Wahrnehmung protestieren. Aber sein Gedicht bringt die Anklage in die bündigste Form.
      Dem Anklagecharakter des Gedichts kommt ein Verzicht auf den Reim entgegen, wie er in Gedichten mit regelmäßigen Strophen, die nicht antiken Mustern folgen, zu Bürgers Zeit durchaus noch selten ist. So erhält das Gedicht eine vergleichsweise prosaische Rauheit, die dem Gerichtston der Ansprache Härte gibt. Die drei ersten Strophen beginnen anaphorisch mit dem »Wer bist du«, mit einer pochenden Frage. In immer neuem Anlauf werden Rücksichtslosigkeit und Jagdfrevel gebrandmarkt, eine brutale Arroganz, die den Menschen selbst zum Jagdwild macht und die Saat und damit die Ernte vernichtet. Georg Büchner wird später im Hessischen Landboten die saint-simonistische Unterscheidung von unproduktiver und produktiver Klasse übernehmen und zum Gegensatz von parasitärer und armer Klasse verschärfen. Solche Gedanken deuten sich in Bürgers Gedicht schon an und spitzen sich zu der Forderung zu, dass das Brot auch dem gehört, der »bei Egg' und Pflug« und am Erntetag dafür schwitzt. Ein zur Zeit des fürstlichen Absolutismus wahrhaft als unerhört empfundener Anspruch!
Wie jede Strophe durch die Verkürzung des vierhebigen Verses zum dreihebi-gen in der dritten Zeile einen Raffungseffekt erreicht, der den Kerngedanken wirkungsvoll herausbringt, so endet auch das Gedicht als Ganzes mit einer Zuspitzung der Aggressivität, mit der umstürzlerischen Leugnung des Gottesgna-dentums der Fürsten. Es gibt in der Epoche des Sturm und Drang kein politisch kühneres und in der Form schlagkräftigeres Gedicht als dieses.

     

 Tags:
Gottfried  August  Bürger  (I747-I794):  Der  Bauer  -  Tyrannenlästerung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com