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Jeder ist allein - Hermann Hesse (I877-I962): Im Nebel



Im Nebel
Seltsam, im Nebel zu wandern! Einsam ist jeder Busch und Stein, Kein Baum sieht den andern, Jeder ist allein.
      Voll von Freunden war mir die Welt, Als noch mein Leben licht war; Nun, da der Nebel fällt, Ist keiner mehr sichtbar.

      Wahrlich, keiner ist weise, Der nicht das Dunkel kennt, Das unentrinnbar und leise Von allen ihn trennt.
      Seltsam, im Nebel zu wandern! Leben ist Einsamsein. Kein Mensch kennt den andern, Jeder ist allein.

     
Ich gestehe, dass die Anfangszeile »Seltsam, im Nebel zu wandern!« eine Zeitlang gtoße Faszination auf mich ausgeübt hat, sich automatisch in mir meldete, wenn ich, wo immer auch, plötzlich in den Nebel geriet, wenn im Krieg heranwallender Nebel das Gefühl bedrohlicher Orientierungslosigkeit auslöste, aber auch wenn in den Novembernächten der Kieler Zeit vom Nord-Ostsee-Kanal herüber die Nebelhörner der Schiffe tönten und man sich selbst außerhalb aller Gefahr glauben konnte. Ob Schauer, Angst oder ein wohliges Sicherheitsgefühl das Übergewicht hatten, immer brachte sich etwas mit ins Spiel, was mich isolierte und auf mich selbst zurückverwies. Es war im Grunde nur der Anfangsvers, der, wie gewisse Melodien, durch Assoziationen herbeigerufen wurde. Als ich später das Gedicht wieder als Ganzes las, mehrfach und mit voller Konzentration, schlugen auch einige kritische Alarmglocken.

     
Eine merkwürdige Altersperspektive beherrscht das Gedicht. Zurückgeblickt wird auf ein Leben in der Gemeinschaft vieler Freunde. Der Nebel, nur Metapher, ja Symbol, lässt diese »lichte« Zeit in einem verschwommenen Einstmals verschwinden. Ein weise Gewordener gibt seine Erkenntnis als Lebensdefinition weiter. Solche Gebärde des Weisen wirkt aufgesetzt; sie erscheint noch merkwürdiger, wenn man weiß, dass der Autor dieses 1906 veröffentlichten Gedichts noch nicht einmal dreißig war. Und vollends befremdet die Schlussstrophe, die den Ort des Menschen in der Welt formelhaft bestimmt, zumal in der die Simplifizierung nicht meidenden Sentenz »Leben ist Einsamsein«.
      Aber dies ist nur die eine Möglichkeit der Aufnahme des Gedichts. Die Aussagen verlieren ihre aufreizende Einseitigkeit, wenn sie nicht als objektive, sondern als durchaus subjektive Befunde verstanden werden. Dem Leser, der von der Grundstimmung unberührt bleibt, muss das Gedicht verschlossen bleiben. Hier gelten die Voraussetzungen einer Art von Lyrik, die man - ob der Ausdruck glücklich ist, sei dahingestellt - »Stimmungslyrik« genannt hat. Über die »Stimmung« des Gedichts entscheidet schon der erste Vers, der zur Bekräftigung am Anfang der letzten Strophe wiederholt wird. Die Empfindungen, die beim Wandern im Nebel ausgelöst werden, sind wichtig, nicht die Realität, die bei plötzlichem Verschwinden des Nebels sichtbar würde.
      An diesen Empfindungen beteiligt ist aber eine Konvention, die vor allem in der romantischen Lyrik verfestigt wurde: die enge Verknüpfung der Stimmung des lyrischen Ich mit der Naturstimmung. Nicht nur schließt Hesses Gedicht vom Naturphänomen Nebel auf die Verhältnisse des Lebens und der Welt, es setzt auch das menschliche Ich in Analogie zu den Einzelerscheinungen der Landschaft. Der Isoliertheit von Steinen, Büschen und Bäumen antwortet im sehenden und empfindenden Subjekt das Erlebnis des Alleinseins, der Einsamkeit. Genauer wohl: Das Ich des Dichters projiziert seine Stimmung, seine Einsamkeit in die Natur hinein.
      Nicht von ungefähr hat Hermann Hesse seinen ersten Gedichtband Romantische Lieder genannt. Seine neuromantischen Dichtungen sind auch geheime Proteste gegen den Naturalismus, gegen etwas, was er als Realitätshörigkeit empfand. Den Ansprüchen der sozialen Welt setzte er das Recht auf Selbst-bezogenheit, auf den Traum, auf die Weltscheu entgegen. Und so gerät auch in das Gedicht Im Nebelzm Ende mit der dreimaligen Umschreibung von Einsamkeit ein leicht programmatischer Zug. Dieses dichterische Ich behauptet seine Subjektivität im Bestehen auf Einsamkeit.

     

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Jeder  allein  -  Hermann  Hesse  (I877-I962):  Im  Nebel    





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