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Georg Heym (I887-I9I2): Ophelia



Letzte Fahrt

Bertolt Brecht : Vom ertrunkenen Mädchen

In einer der poetischsten Szenen von Shakespeares Hamlet berichtet die Königin über den Tod der von Hamlet zurückgestoßenen und in Wahnsinn gefallenen Ophelia. Ihr Bericht schließt mit den Versen

Doch lange währt' es nicht, Bis ihre Kleider, die sich schwer getrunken, Das arme Kind von ihren Melodien Hinunterzogen in den schlämm'gen Tod.
      Die Verse sollte man noch im Oht haben, wenn man Bertolt Btechts 1920 entstandenes und in die Hauspostille übernommenes Gedicht Vom ertrunkenen Mädchen hört:
Vom ertrunkenen Mädchen
Als sie ertrunken war und hinterschwamm Von den Bächen in die größeren Flüsse Schien der Opal des Himmels sehr wundersam Als ob er die Leiche begütigen müsse.
      Tang und Algen hingen sich an ihr ein

So daß sie langsam viel schwerer ward.
      Kühl die Fische schwammen an ihrem Bein

Pflanzen und Tiere beschwerten noch ihte letzte Fahrt.
      Und der Himmel ward abends dunkel wie Rauch Und hielt nachts mit den Sternen das Licht in Schwebe. Aber früh ward er hell, daß es auch Noch für sie Morgen und Abend gebe.
      Als ihr bleicher Leib im Wasser verfaulet war Geschah es , daß Gott sie allmählich vergaß Erst ihr Gesicht, dann die Hände und ganz zuletzt erst ihr Haar. Dann ward sie Aas in Flüssen mit vielem Aas.
      In seinem Buch Das Wasser und die 7'räumeha.t Gaston Bachelard das Wasser als Melancholie weckendes Element bezeichnet. Und es ist kein Zufall, dass sich gerade in der Lyrik von Shakespeares Ophelia-Gestalt eine deutliche Spur zu Brechts »ertrunkenem Mädchen« zieht. Berühmt geworden ist ein Gedicht des französischen Lyrikers Arthur Rimbaud aus dem Jahre 1870, Ophelie. Hier wird Ophelia zu einer zeitlosen, fast mythischen Figur; schon mehr als tausend Jahre treibt sie als bleiches Phantom auf einem schwarzen Strom dahin; sie ist bereits Teil der elementaren Natur geworden, erscheint als Inbild menschlicher Zerbrechlichkeit. Und gar im Zustand der Auflösung befinden sich Körper und Identität in einem Ophelia-Gedicht vom Ende des Jahrhunderts, von Georges Rodenbach.
      Dagegen gewinnt im 1910 entstandenen zweiteiligen Gedicht von Georg Heym Ophelia ihre Körperlichkeit zurück, doch überfällt den Leser gleich der erste Vers mit einem Schock, mit dem Bild der Wasserratten in ihrem Haar. Im zweiten Teil des Gedichts allerdings wechseln die Wahrnehmungen. Im Unterschied zum zeitlosen Treiben des Leichnams bei Rimbaud taucht Ophelia hier in die moderne Welt ein. Industrielandschaften ziehen an den Ufern vorbei, von Gedröhn und Maschinenkreischen erfüllte Städte, in denen die Menschen zu harter Fron verurteilt sind. Doch bleibt die industrielle Welt nur Durchgangsstadium; am Ende lässt auch Georg Heym Ophelia ins Zeitlose hinaustreiben, vielleicht in die Feuer des Weltuntergangs:
Der Strom trägt weit sie fort, die untertaucht, Durch manchen Winters trauervollen Port. Die Zeit hinab. Durch Ewigkeiten fort, Davon der Horizont wie Feuer raucht.
      Georg Heyms Bild der Ratten kehrt wieder in Gottfried Benns Gedicht Schöne Jugend, in dem sich das Makabre noch einmal steigert. Der Mediziner Benn beschreibt den Vorgang einer Leichenöffnung in der Anatomie. Die Ratten, die sich im Innern des Leichnams ernährten, werden ins Wasser geworfen. »Ach, wie die kleinen Schnauzen quietschten!« Der Zynismus scheint unüberbietbar, den kleinen Ratten wird mehr Anteilnahme entgegengebracht als dem toten Menschen. Aber die scheinbare Inhumanität steht hier ganz im Dienst einer gezielten antiästhetischen Provokation.
      Auch Brecht beschönigt den Verfall des menschlichen Körpers nicht. Doch erscheinen das Licht der Sterne und der Opal des Himmels als Metaphern für die Wärme von Sympathie und Mitgefühl. »Begütigen« ist das Leitwort der ersten Strophe. Begütigen heißt hier auch: beschwichtigen, über etwas hinwegtrösten. Aber dies steht im Zeichen des »Als ob«. Denn der Verfall ist unaufhaltsam, der abgestorbene menschliche Leib unterliegt dem Naturgesetz der Verwesung wie tierisches Aas. Das scheinbar Tröstende erweist sich als das Gleichgültige. Hier will an der Vergänglichkeit des Menschen auch Gott nicht rütteln. Die anfängliche Poetisierung des Todes wird zurückgenommen, weicht dem sachlichen Befund.
      Dennoch lässt sich Brecht hier auf Bilder ein, die nach Benns Morgue-Gc-dichten von 1912, zu denen SchöneJugend'gehört, nicht mehr möglich schienen.
     
Fast romantisch, neuromantisch wirken Wendungen wie »wundersam«, »Licht in der Schwebe« oder »Opal des Himmels«; und selbst auf den Schlussvers mit seiner unerbittlichen Feststellung strahlt noch die Behutsamkeit des lyrischen Tons hinüber. Das Faszinierende an diesem Gedicht des zweiundzwanzigjährigen Brecht ist, dass die scheinbar romantischen Vokabeln ganz unverbraucht wirken. Die Wiederauffrischung der deutschen Dichtungssprache in der Hauspostille ist wohl die bedeutendste Leistung des jungen Brecht.
     

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Georg  Heym  (I887-I9I2):  Ophelia    





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