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Reinhold Schneider (I903-I958): Entfremdet ist das Volk mir ... -Albrecht Haushofer (I903-I945): Schuld



Selbstgericht

Einige der Autoren, die dem Hitlerregime den Beifall versagt, aber das Land nicht verlassen hatten, erhoben nach dem Krieg in ihren Angriffen auf Exilschriftsteller die Literatur der sogenannten »Inneren Emigration« zur Literatur des »besseren« Deutschlands. Auf solche Anmaßung antwortete Thomas Mann mit einem Offenen Briefen Walter von Molo seinerseits mit berechtigter Schärfe, aber auch mit Ãœberspitzung; er verdächtigte alle Literatur, die in der Zeit des »Dritten Reichs« gedruckt werden konnte, sie habe zur Beschönigung der Verkommenheit und des Verbrechens beigetragen.

      Wahr ist, dass auch einige »unerwünschte« Autoren durch Kontrollen schlüpfen konnten , dass aber entschieden oppositionelle Bücher die Zensur nicht hätten passieren können. Reinhold Schneiders Sonette erschienen 1941 als Privatdruck.
      Schneider gehörte zu den Repräsentanten des religiösen Widerstands. Er war befreundet mit Jürgen Klepper, dessen geistliche, die Bibel auslegende Lieder {KyriE) in der »Bekennenden Kirche«, der in den inneren Widerstand gegangenen protestantischen Kirche, gesungen wurden. Nach der Rückwendung zur Konfession seiner Mutter wurde Schneider zum Mittelpunkt des inneren katholischen Widerstands. Er erhielt 1940 Schreibverbot, veröffentlichte aber 1944 den Auswahlband Das Gottesreich in der Zeit und wurde 1945 wegen angeblicher Vorbereitung zum Hochverrat angeklagt. Nur der Zusammenbruch des »Dritten Reichs« rettete ihn vor dem Prozess.

     
Sicherlich hoffte Reinhold Schneider, den Widerstandswillen der Widerstandswilligen schärfen zu können. Dass er in den Köpfen der Machthaber und ihrer Mitläufer etwas bewegen könne, glaubte er wohl nicht. Von schmerzlicher Klarsicht und voll Trauer sind seine Sonette aus der Zeit des Naziterrors und der Verblendung des Volkes. Weit entfernt bleibt das Sonett Entfremdet ist das Volk mir... von der Zufriedenheit des Widerstandskämpfers mit sich selbst.
      Entfremdet ist das Volk mir, nur sein Leiden Bedrängt mich nachts, und furchtbar drückt die Not, Daß ich nicht spreche nach des Herrn Gebot Und schweigend seh das Heilige verscheiden.
      Ob aller Augen sich am Glänze weiden, Seh ich die Nacht, das Unheil und den Tod, Und wie der Untergang im Siege droht Und sich in falschen Ruhm Verderber kleiden.
      Verkehrt sind alle Zeichen, stumm die Dichter. Es bannt das Wort nicht mehr die Todesmächte, Die deine Seele, Volk, in Fesseln schlagen.
      Mein Volk, mein Volk, wie wird der ewige Richter Dereinst uns wägen nach dem ewigen Rechte, Wenn er nicht zählte, was wir stumm getragen!
Der Vers »Daß ich nicht spreche nach des Herrn Gebot« verweist auf das Dilemma des Schriftstellers Schneider, auf seine Gewissensnot. Nur wenige Gedichte reflektieren so klar die Situation des oppositionellen Schriftstellers in der Inneren Emigration: Das Wort, das gesagt werden müsste, nicht zu wagen oder nicht sagen zu dürfen — so oder so Schuld auf sich zu laden.
      Ganz beherrscht von der Schuldfrage wird das Sonett von Albrecht Hausho-fer.
      Wie Gottfried Benn diente sich Haushofer zunächst dem Hitlerregime an und entschloss sich dann zur Abkehr, vollzog aber die Kehre in ganz anderer Weise als Benn durch die Tat. Der Lyriker und Autor klassizistischer Geschichtsdramen lehrte seit 1940 als Professor für politische Geographie in Berlin, war zeitweise Berater von Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß und von Hitlers Außenminister von Ribbentrop. Er sammelte jedoch in Berlin um sich einen Kreis Oppositioneller, wurde 1941 zum ersten Mal verhaftet und des Amtes enthoben. Er nahm Verbindung zur Widerstandsbewegung der Offiziere und Bürgerlichen auf, nach dem Attentat vom 20. Juli 1944 verhaftete man ihn erneut. Kurz vor dem Einmarsch der sowjetischen Armee in Berlin erschoss ihn ein Rollkommando der SS vor dem Moabiter Gefängnis. Nach der Befreiung fand sein Bruder ein Manuskript mit Gedichten, die als die Moabiter Sonette großen Widerhall fanden. Das Gedicht Schuld zählt zu ihnen.
      Schuld
Ich trage leicht an dem, was das Gericht mir Schuld benennen wird: an Plan und Sorgen. Verbrecher war' ich, hätt' ich für das Morgen des Volkes nicht geplant aus eigner Pflicht.
      Doch schuldig bin ich anders als ihr denkt, ich mußte früher meine Pflicht erkennen, ich mußte schärfer Unheil Unheil nennen -mein Urteil hab ich viel zu lang gelenkt...
      Ich klage mich in meinem Herzen an: Ich habe mein Gewissen lang betrogen, ich hab mich selbst und andere belogen —ich kannte früh des Jammers ganze Bahn -ich hab gewarnt - nicht hart genug und klar! Und heute weiß ich, was ich schuldig war ...
      Das Gedicht bezieht sich zunächst auf den berüchtigten »Volksgerichtshof« unter dem Blutrichter Roland Freisler. Dessen Anklage belastet Haushofers Gewissen nicht, die Erwartung des Prozesses, des Urteils und der Vollstreckung nicht sein Bewusstsein. Haushofer stellt sich vor die Schranke des inneren Gerichts. Und die Begründung für das vernichtende Selbsturteil läuft immer wieder hinaus auf ein »Zu spät!«
Die metrisch strenge Form des Sonetts ist für die unerbittliche Selbstbefragung eine besonders angemessene Ausdrucksform. Dennoch bleibt beiden Autoren in diesem Fall das Problem ästhetischer Vollkommenheit wohl sekundär. Die beiden Sonette sind vielmehr Beispiele für die hohen moralischen Ansprüche von Dichtern des Widerstands an sich selbst.
     

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