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Hermann Kasack (I896-I966): Grabschrift - Gottes Welt in Menschenhand



Grabschrift
Wenn du mich beweinen willst, beweine: Was vergeblich in mir sang. Denn ich schlug, wie du, auf Steine, Daß der Quell daraus entsprang.

      Das Vermächtnis unsrer Tage Ist ins Schattenreich verbannt. Wenn du klagen mußt - beklage Gottes Welt in Menschenhand.
      Dieses Gedicht hat der Sohn, der Slavist Wolfgang Kasack, dem Vater in seinen Grabstein auf dem Stuttgarter Waldfriedhof schlagen lassen. Es ist nicht, wie die zweite Zeile anzudeuten scheint, das Gedicht eines Mannes ohne besondere Wirkung. Hermann Kasack förderte als Lektor im Potsdamer Verlag Kiepenheuer und als Verlagsdirektor bei S. Fischer arrivierte und junge Schriftsteller. Er gab, als einer der ersten Autoren, der Dichtung ein Forum im Hörfunk , bis die Nationalsozialisten seine Sendungen verboten . 1941 trat er die Nachfolge seines Freundes Oskar Loerke als Cheflektor beim S. Fischer Verlag an und führte das - wegen seines jüdischen Besitzers in Suhrkamp Verlag umbenannte - Unternehmen nach Peter Suhrkamps Einlieferung ins Konzentrationslager fort. Zwischen 1953 und 1963 leitete er als Präsident die Deutsche Akademie für Sprache und Dichtung in Darmstadt. Er bewegte im literarischen Leben viel, und sein Roman Die Stadt hinter dem Strom gehörte zu den bekanntesten deutschen Erzählwerken der Nachkriegsjahre.
      Die Klage im Gedicht richtet sich also auf etwas anderes als auf ein beruflichliterarisches Versagen. Ist es das Versagen eines Publikums, dem er sich vergeblich mitzuteilen versuchte? Kaum. Es ist vielmehr der Weltzustand, der die innere Stimme des Dichters, den tieferen Sinn des Dichterworts ins Leere gehen lässt, »Vermächtnis« ins »Schattenreich verbannt«.
      In eine genauere Beschreibung dieses Weltzustandes lässt sich das Gedicht nicht ein. Doch hinter den Andeutungen kann man die Zeiterlebnisse des Autors vermuten: die Erfahrungen des Lebens unter der Willkürherrschaft, im Chaos, im Labyrinth. Am 30.11.1948 schrieb Kasack an seinen Sohn Wolfgang: »Für eine neue Erzählung fiel mir der Titel ein, der zugleich [...] das Stoffgebiet ahnen lässt: >Das Labyrinthe Darin bewegt sich ja die Zeit, und der labyrinthische Bau um unsere Existenz wächst und lässt den Ausgang nicht mehr finden.«
Aber unübersehbar im Gedicht ist ein religiöser Horizont. Das Bild vom Schlag auf die Steine verweist eindeutig auf die Bibel, auf den Stab, mit dem Moses Wasser aus dem Felsen schlug, und leiht damit der Dichtung eine sakrale Aura. So wird die Klage des Schlussverses, »Gottes Welt in Menschenhand«, doppelsinnig: Die Schöpfung Gottes ist unter die Räuber, die Mörder, die Tyrannen gefallen; aber die Welt ist auch abgefallen von Gott.
     

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Hermann  Kasack  (I896-I966):  Grabschrift  -  Gottes  Welt  Menschenhand    





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