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Gertrud Kolmar (Gertrud Chodziesner, I894-I943): Ludwig XVI., I775



Begegnung mit dem künftigen Henker

Das Gedicht konfrontiert zwei historische Gestalten miteinander, den auf einem Höhepunkt seines Lebens stehenden letzten französischen König vor der Großen Revolution, und einen noch unbekannten »Schüler aus Arras«, Ludwigs späteren großen Widersacher Robespierre. Gertrud Kolmar lässt beide nach der Krönung des Königs in Reims aufeinander treffen, während der Feier im College Louis-le-Grand zu Paris, wo der junge Advokatensohn aus Arras erzogen wurde.

      Ludwig X

VI.

, 1

   Der neue Herrscher wird in Reims gekrönt. Die Glocken läuten. Ein Gefangner stöhnt.
      Und Kutschen rollen nach Paris zurück.
      Die Hohe Schule wünscht in Ehrfurcht Glück.
      Die Knaben singen; ein Erkorner spricht Begrüßend sein lateinisches Gedicht,
Ein Stipendiat, der, dürftig und verwaist, An Königs Freitisch Brot und Bildung speist,
Mit fahlem, starrem Auge, blasser Stirn. Der Große duldets; seine Blicke irrn

Und ruhen träge aus beim letzten Satz.
      Er greift ein huldreich Wort aus seinem Schatz,
Sieht an, wirft hin und schiebt mit lässigem Schuh Dem schüchtern Wartenden den Brocken zu.
      Die Lehrer dienern vor und ziehn gewandt Das Lob, die Gabe, aus des Jünglings Hand,
Des scheuer Name weder tönt noch blinkt Und morgen flügellos in Alltag sinkt.
      »... ein Schüler aus Arras.« Der Herrscher führt Die Rechte unbewußt zum Nacken, spürt —
Nichts. Das ist Märchen. Nein. Er hört und nickt Gleichgültig-gnädig, lächelt ungeschickt:
Ein Mensch mit friedlich dumpfendem Gesicht. Man nennt ihn König. Seher ward er nicht.
      Das Gedicht steht in Reimpaarstrophen, einer zumal in der Ballade beliebten strophischen Form, vertraut vor allem aus Heines Belsatzar. Und es ist eine >Hi-storie< Heines, KarlL, die für Gertrud Kolmars Gedicht ihre Patenschaft anmelden kann. Dort eine ähnliche Situation: Der englische König Karl I. erkennt an der Wiege eines Köhlerkindes mit visionärem Blick seinen späteren Henker: »die greisen / Haarlocken schneidest du ab zuvor - / Im Nacken klirrt mir das Eisen.«

Beide Male, 1649 wie 1793, wird eine Revolution ihr Urteil an Königen vollstrecken. Und ist Robespierre Ludwigs X

VI.

Henker auch nicht in realem, so ist er es doch in allgemeinerem Sinne: Er stellt im Januar 1793 im Konvent den Antrag auf die sofortige Hinrichtung des Königs.
      Nicht ausschließlich beherrscht die Konfrontation der beiden künftigen Gegner das Gedicht Gertrud Kolmars. Wenigstens Schlaglichter fallen auf die politische Situation und die des verwaisten Schülers: auf die Gefangenen im Kerker, auf die Lehrer der »Hohen Schule«, die das königliche Lob für den Stipendiaten beflissen auf sich selbst ableiten, auf die Rückkehr in den Erziehungsalltag und die Anonymität. Nur die Erscheinung Robespierres - »Mit fahlem, starrem Auge, blasser Stirn« - verweist schon auf den späteren Jakobiner, den Fanatiker der Tugend, dem man den Beinamen »Der Unbestechliche« gab.
      An Heines Romanze Karl I. unmittelbar, an das »Eisen« im »Nacken«, erinnert eine Gebärde Ludwigs: »Der Herrscher führt / Die Rechte unbewußt zum Nacken«. Doch die Gabe der visionären Schau, die in der Romanze Karl Stuart besitzt , fehlt dem Bourbonen, einem Herrscher, dem die Geschichtsschreibung Ehrenhaftigkeit, aber Regierungsschwäche bescheinigt -die Dichterin fasst die Charakteristik im Adjektiv »friedlich« und in der Wortneubildung »dumpfend« zusammen. Die für den Bruchteil eines Augenblicks aufblitzende Ahnung vom Tod unter der Guillotine erlischt sofort wieder.
      Ist Ludwig für das kommende Unheil blind, so blieb es die Dichterin, die Berliner Jüdin, die 1943 in ein Konzentrationslager deportiert wurde und dort ums Leben kam, nicht. Es sei uns fern, Hitlerdiktatur und Französische Revolution, deren vorübergehender Schreckensherrschaft wegen, gleichzusetzen. Dennoch hat es den Anschein, dass Gertrud Kolmar in der Situation des französischen Königs die eigene verschlüsselt. Und ihr Zukunftswissen war ein anderes, war eben gerade von »seherischer« Art. Als die Verschleppung der Juden schon anderthalb Jahre andauerte, im Oktober 1941, schrieb Gertrud Kolmar an eine Verwandte: »Glaube mir, daß ich, was auch kommen mag, nicht unglücklich, nicht verzweifelt sein werde, weil ich weiß, daß ich den Weg gehe, der mir von innen bestimmt ist ... So viele von uns sind ihn, die Jahrhunderte hindurch, gewandert, warum sollte ich anders gehen wollen als sie!«
Es steht uns nicht zu, über Gertrud Kolmars Einverständnis mit der jahrhundertelangen Leidensgeschichte und Leidensfähigkeit des jüdischen Volkes zu richten. Aber es fällt uns schwer, den Weg in die Vernichtungslager als einen Weg zu sehen, der den Juden »von innen her bestimmt« gewesen sei. Das Monströse des Holocaust lässt sich aus keinen historischen Erfahrungen begründen und darfauch von keiner Leidensmystik hingenommen werden. Wer heute Gertrud Kolmars Brief als eine heimliche Ergänzung zum Gedicht liest, kann es nicht ohne inneren Protest tun.
     

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Gertrud  Kolmar  (Gertrud  Chodziesner,  I894-I943):  Ludwig  XVI.,  I775    


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