Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Lieder zur Glaubensstärkung
» Volksballade: Die Bernauerin - Tod der schönen Mitbürgerin

Volksballade: Die Bernauerin - Tod der schönen Mitbürgerin



Keine Frauengestalt in der deutschen Geschichte hat die Dichter so in ihren Bann gezogen wie die schöne Augsburger Baderstochter, die 1435 dem »Staatsinteresse« geopfert und auf Befehl des regierenden Herzogs von Bayern-München in der Donau ertränkt wurde. Unter den Dramen ist Hebbels Agnes Bernauer das bedeutendste, aber schon um 1780 übernahm ein Graf von Törring den Stoff für ein bayrisch »vaterländisches Trauerspiel«, und im 19. Jahrhundert, dem Jahrhundert des historischen Dramas, schlössen sich ihm neben Hebbel zumindest vier andere Dramatiker an. In unserer Zeit hat Franz Xaver Kroetz mit seinem bürgerlichen Schauspiel < an den Namen und die Gestalt erinnert, sie allerdings in seiner Aktualisierung fast verschwinden lassen. Eine Ballade von Agnes Miegel zieht das historische Geschehen auf eine Situation zusammen, auf den Moment schwermütiger Vorahnung des Todes.
      Auch die Volksballade Die Bernauerin, in Druckfassungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert erhalten, deren mündliche Ãœberlieferung aber weiter zurückreicht, ist nicht am historischen Fall, nicht an der Vorgeschichte und Nachgeschichte interessiert. Dass der künftige Herzog Albrecht I

II.

die Augsburgerin vermutlich während eines Turniers kennen lernte und die Liebenden in heimlicher Ehe zusammen auf Schloss Straubing wohnten, dass Albrechts Vater, Herzog Ernst, die Erbfolge gefährdet sah und die Trennung eben deshalb verlangte, wird nicht einmal angedeutet. Die Volksballade konzentriert das Geschehen auf die Gefangennahme und die Katastrophe. So kann - immerhin wurde die Ballade ja gesungen — ein einziger lyrisch-balladischer Ton durchgehalten werden.

Die Bernauerin
Es reiten drey Herrn zu München hinaus, sie reiten wohl vor der Bernauerin ihr Haus: >Bernauerin, bist du darinnen, ja darinnen?<
>Bist du dann darinnen, so tritte heraus, der Herzog ist draußen vor ihrem Haus mit allen seinen Hofgesinde, ja Hofgesinde<
Sobald die Bernauerin die Stimme vernahm, ein schneeweißes Hembd zog sie bald an, wohl vor den Herzog zu treten, zu treten.
      Sobald die Bernauerin vors Thor hinaus kam, drey Herren gleich die Bernauerin vernahmn: >Bernauerin, was willst du machen, ja machen?<
>Ei willst du lassen den Herzog entwegn, oder willst du lassen dein junges, frisches Lebn ertrinken im Donauwasser, ja Wasser?<
>Und als ich will lassen mein Herzog entwegn so will ich lassen mein junges, frisch Leben ertrinken im Donauwasser, ja Wasser.<
>Der Herzog ist mein und ich bin sein,sind mir gar treu versprochen, ja versprochene
Bernauerin auf dem Wasser schwamm, Maria, Mutter Gottes, hat sie gerufet an, soll ihr aus dieser Noth helfen, ja helfen.
      >Hilf mir, Maria, aus dem Wasser heraus,mein Herzog läßt dir bauen ein neues Gotteshaus,von Marmorstein ein Altar, ja Altar.<
So bald sie dieses hat gesprochen aus, Maria, Mutter Gottes, hat geholfen aus und von dem Leben errettet, ja errettet.
      Sobald die Bernauerin auf die Brücken kam, drey Henkersknecht zur Bernauerin kamn: >Bernauerin, was willst du machen, ja machen?<
>Ei willst du werden ein Henkersweib,oder willst du lassen dein' jungen, stolzen Leibertrinken im Donauwasser, ja Wasser?<
>Und eh ich will werden ein Henkersweib, so will ich lassen mein' jungen, stolzen Leib ertrinken im Donauwasser, ja Wasser. <
Es stunde kaum an den dritten Tag, dem Herzog kam eine traurige Klag': >Bernauerin ist ertrunken, ja ertrunken.<
>Ach rufet mir alle Fischer daher,sie sollen fischen bis in das rothe Meer,daß sie mein feines Lieb suchen, ja suchen.<
Es kommen gleich alle Fischer daher, sie haben gefischt bis in das rothe Meer, Bernauerin haben sie gefunden, ja gefunden.
      Sie legen s'dem Herzog wohl auf die Schooß, der Herzog wohl viel tausend Thränen vergoß, er thät' gar herzlich weinen, ja weinen.
      >So rufet mir her fünftausend Mann, ein' neuen Krieg will ich nun fangen an mit meinem Herrn Vätern eben, ja eben.<
>Und wäre mein Herr Vater nicht so lieb, so ließ ich ihn aufhenken als wie einen Dieb, war' aber mir eine große Schande, ja Schande!<
Es stunde kaum an den dritten Tag, dem Herzog kam eine traurige Klag', sein Herr Vater ist gestorben, ja gestorben.
      >Die mir helfen mein' Herr Vätern begraben,rothe Mänteln müssen sie haben,und roth müssen sie sich tragen, ja tragen.<
>Und die mir helfen mein feines Lieb begrabenschwarze Mänteln müssen sie haben,und schwarz müssen sie sich tragen, ja tragen.<
>So wollen wir stiften eine ewige Meß', daß man der Bernauerin nicht vergeß', man wolle vor sie beten, ja beten.<

Volkslied und Volksballade entstehen und leben vor allem in der Schicht des städtischen Bürgertums und haben ihre Blütezeit im Spätmittelalter und im 16. Jahrhundert. Erbt die Volksballade Stoffe von der ritterlich-adligen Dichtung, so verwandelt sie die alten Heldenlieder der bürgerlichen Mentalität an, vor allem durch die Umformung des Geschehens zu gemütsbewegenden Situationen. So auch hier. Der Bericht lenkt und verengt den Blick auf die Gefangennahme, die Versuchung, die Standfestigkeit und den Tod der Bernauerin, sodann auf die Trauer des jungen Herzogs, also auf die rührenden Situationen. So stark ist die Vorliebe für die gemütsbewegenden Momente, dass Herzog Albrecht zugleich mit dem Tod der Geliebten noch den Tod des Vaters betrauern muss, der historisch nicht am »dritten Tag«, sondern erst im dritten Jahr nach Agnes' Erträn-kung folgte.
      Dass Agnes noch einmal ans Ufer gelangt, geht wohl auf Berichte der Volksüberlieferung, dass sie erneut vor eine Alternative gestellt wird, auf den alten Rechtsbrauch zurück, wonach die Heirat mit dem Henker ein verurteiltes Mädchen von der Strafe entbinden konnte. Doch erfordert das erneute Treuebekenntnis der gerade Geretteten auch eine fast übetmenschliche Kraft - ein Opfer, das Agnes in die Nähe einer Märtyrerin bringt.
      Eine religiöse Wendung leitet die Erzählung bereits mit den Motiven der Anrufung und dem Eingreifen der Muttergottes ein. Offenbar war die Errettung der Bernauerin in den katholischen Ländern Bayern und Österreich, in denen das Lied heimisch wurde, dem Publikum besonders willkommen: Sie kam sowohl der Wundergläubigkeit wie der Marienverehrung entgegen.
      Mit der Suche nach der Leiche rückt die Gestalt des jungen Herzogs in den Vordergrund. Seine Anordnung, »bis ins rothe Meer« zu fischen, hat sich als Motiv wohl von einer anderen Fassung in diese Ballade verirrt. Dort zerteilt sich nach der Anrufung Marias das Wasser der Donau vor der Bernauerin — wie in der Bibel das Wasser des Roten Meers vor dem Volk Israel. Die Farbe Rot taucht noch einmal auf: Rot sind die Mäntel des Trauergefolges für den Vater; Rot ist die Farbe des Henkergewandes. Von der Stiftung einer »ewigen Messe« wissen wir auch aus den Urkunden.
      Von der durchgehenden Strophenform, dem Dreizeiler aus Reimpaarversen und Waise, weicht nur die siebte Strophe ab; sie nimmt die Formel auf, die in manchen Teilen Bayerns als Ehegelöbnis galt: »Du pist min« und »Ich pin din«. Im Dreizeiler fällt det Waise ein noch stärkeres Gewicht zu als in der siebenzei-ligen Lutherstrophe. Ihr abschließender Charakter wird noch einmal besiegelt durch die bekräftigende Wiederholung nach dem Muster des Verses »soll ihr aus dieser Noth helfen, ja helfen«. Am Ende der Ballade gibt die Wiederholung dem Appell an die Nachgeborenen, der Aufforderung zum Gebet, imperativen Nachdruck.
      John Meier, dem wir unsere Kenntnisse zur Ãœberlieferung der Ballade verdanken, hat gemeint, dass man in bayerisch-österreichischen Volkskreisen nicht nur die Treue der Bernauerin gefeiert, sondern auch Herzog Ernsts Handeln als »greuliche Tat« verabscheut habe. Die Ballade greift solche Anklage nicht auf, nimmt sie zumindest zurück, wahrt Loyalität gegenüber dem Fürstenhaus. Aber wie in keiner anderen historischen Frauengestalt bot sich dem Publikum von Volkslied und Volksballade in Agnes Bernauer eine Identifikationsfigur an. Sie entsprach den geheimen Wünschen nach märchenhaftem sozialem Aufstieg, andererseits nach Mitempfinden, Rührung, ja Mitleiden, denn ergreifend war der tragische Fall der zur Fürstengattin erhobenen schönen »Mitbürgerin«.
     

 Tags:
Volksballade:  Die  Bernauerin  -  Tod  der  schönen  Mitbürgerin    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com