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Paul Gerhardt (I607-I676): Abend-Lied - Die güldnen Waffen Gottes



In Luthers Kirchenlied haben Natur und Landschah im Wechsel der Tages- und Jahreszeiten noch keinen Platz. Nacht ist Sündennacht oder aber Nacht des neuen Lichts, also Weihnacht . Das Verschwinden der Sonne löst die Sehnsucht nach Gottes Licht aus . Naturerscheinungen bleiben abstrakt und geben nur Anstöße für heilsgeschichtliche Verkündigung.
      Im Kirchenlied des 17. Jahrhunderts kann Naturdarstellung durchaus konkret sein. Durch viele Strophen hindurch preist Paul Gerhardts Sommer-Gesang die sommerlichen Schönheiten der Pflanzen- und Tierwelt. Mit der Naturmalerei setzt sich der bedeutendste protestantische Kirchenlieddichter nach Luther über die Poetik des Reformators kühn hinweg. Allerdings rühmt Gerhardt die Segnungen des Sommers nicht um ihrer selbst willen, sondern als die Gaben des gütigen Gottes.
      Auf den theologischen Horizont und den Appell an die Gläubigen bezogen bleibt die Naturdarstellung auch im Abend-Lied:

Abend-Lied
NUn ruhen alle Walder /

Vieh / Menschen / Stadt und Felder /
Es schlaefft die gantze Welt: Ihr aber meine Sinnen / Auf / auf ihr solt beginnen

Was eurem Schöpffer wol gefallt.
      Wo bist du Sonne blieben? Die Nacht hat dich vertrieben /
Die Nacht des Tages Feind: Fahr hin / ein andre Sonne Mein Jesus / meine Wonne /
Gar hell in meinem Hertzen scheint.
      Der Tag ist nun vergangen: Die güldnen Sternlein prangen
Am blauen Himmels-Saal: So / so werd ich auch stehen / Wann mich wird heissen gehen

Mein GOtt aus diesem Jammerthal.
      Der Leib der eilt zur Ruhe Legt ab das Kleid und Schuhe
Das Bild der Sterblichkeit: Die zieh ich aus / dargegen Wird Christus mir an legen
Den Rock der Ehr und Herrlichkeit.

      [..., Strophe 5-7]
Breit aus die Flügel beide O JEsu meine Freude /
Und nimm dein Küchlein ein: Will Satan mich verschlingen / So laß die Englein singen
Diß Kind soll unverletzet seyn.
      Auch euch ihr meine Lieben Sol heute nicht betrüben
Kein Unfall noch Gefahr: Gott laß euch ruhig schlaffen Stell euch die güldnen Waffen

Umbs Bett / und seiner Helden Schaar.
      Alle Strophen, auch die hier nicht abgedruckten, weisen eine Zweigliedrigkeit auf. Und fast immer folgt einem Abendbild des ersten Teils im zweiten eine Anleitung, ein Hinweis auf das theologisch Wesentliche oder eine Verheißung. Diese Hinführung auf den Kern, auf einen Glaubenssatz, wird genau in der Mitte der Strophe signalisiert durch den Doppelpunkt. Beide Strophenteile sind antithetisch verklammert; der Abendruhe soll gottgefälliges Tun antworten. Den Verlust des Sonnenlichts lässt das Licht des Heils, das Jesus ausstrahlt, leicht verschmerzen. Das Prangen der Sterne dieses Abends ist nur Vorschein einer Helligkeit jenseits des irdischen »Jammertals«.
      In der Schlussstrophe wendet sich aber das Lied vom Glaubenstrost für das Leben nach dem Tode noch einmal zur konkreten Abendsituation zurück und verspricht Schutz für die kommende Nacht. Das Bild von Gott als einem Schutz ist aus dem 46. Psalm vertraut, die Wendung »gute Wehr und Waffen« außerdem aus Luthers Lied Ein feste Burg ist unser Gott, in dem der »Fürst dieser Welt«, der Teufel, als der »alt böse Feind« erscheint. Paul Gerhardt bekräftigt mit den Bildern der »güldnen Waffen« und der »Helden Schaar« die absolute Zuverlässigkeit des Gottesschutzes nicht nur vor »Satans« Anschlägen, sondern auch vor »Unfall« und »Gefahr«. Solches Schutzversprechen war in einem Jahrhundert, in dem die Schrecken des Dreißigjährigen Krieges oder die Erinnerungen an sie gegenwärtig waren, doppelt tröstlich.
      An die dritte Strophe des Abend-Lieds, genauer an deren Verse 2 und 3, knüpft unmittelbar mit der Anfangsstrophe Matthias Claudius' Abendlied von 1779 an:

Abendlied
Der Mond ist aufgegangen, Die goldnen Sternlein prangen
Am Himmel hell und klar: Der Wald steht schwarz und schweiget, Und aus den Wiesen steiget
Der weiße Nebel wunderbar.
      Das Lied von Claudius, als religiöses Gedicht geschrieben - als solches erkennbar an einer lehrhaften Reflexion und einem gebethaften Aufblick zu Gott -, hat Eingang in das kirchliche Gesangbuch gefunden. Die Vergegenständlichung der Natur, durch die sich Paul Gerhardts Kirchenlieder so deutlich von den Luther-schen abheben, ist hier noch weiter fortgeschritten. Gerhardts Naturmotiv fächert sich in mehrere Landschaftsbilder auf, die nun die ganze Strophe von Claudius' Gedicht einnehmen und sich in die folgende hinein fortsetzen. Hat sich gegenüber Gerhardts Abend-Lied die Naturdarstellung noch einmal verselbst-ständigt, so wird sie doch nicht autonom: Ein gleichnishafter Zug überlagert sie. Dennoch wäre dieses Abendlied kaum denkbar ohne den Siegeszug des Naturgedichts und der Naturhymne gerade in den siebziger Jahren des 18. Jahrhunderts. Unübersehbar sind Ã"hnlichkeiten auch in den Schlussstrophen der beiden Lieder. Doch variiert Claudius das Gerhardtsche Vorbild mit bezeichnenden Ã"nderungen.
      So legt euch denn, ihr Brüder, In Gottes Namen nieder; Kalt ist der Abendhauch.

     
Verschon uns Gott mit Strafen, Und laß uns ruhig schlafen!

Und unsern kranken Nachbar auch.
      Gerhardts Hinwendung zu den » Lieben« ist Ausdruck einer Solidarität der Familie oder Gemeinde. In der Beschwörungsformel gegen Gefahr und Angst, in der Berufung auf die »gueldnen Waffen« Gottes meldet sich das Schutzbedürfnis von Bedrohten. Bei Claudius richtet sich die Ansprache statt an die »Lieben« an die »Brüder«, und paradoxerweise drückt sich in dieser brüderlichen Regung mehr Wärme, ja Innigkeit aus. Das Gebet um Verschonung vor Strafen ersetzt die Bitte um Schutz. Neu ist die Fürbitte für den »kranken Nachbar«, die dem Impuls christlicher Nächstenliebe entspringt. Mitleid ist dieser Nächstenliebe beigemischt, eine mitmenschliche Empfindung, wie wir sie aus literarischen Texten des 18. Jahrhunderts kennen, in denen sich der Gedanke der »Menschlichkeit« durchsetzt. Paul Gerhardts Liedschluss dagegen hält sich noch eng an die Botschaft des 46. Psalms.
     

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