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Sonnenuntergang - Friedrich Hölderlin (I770-I843) - Götterlose Gegenwart



In einer vierstrophigen Fassung, die Hölderlin Ende Juni 1798 mit weiteren Gedichten an Schiller schickte, hieß das Gedicht noch Dem Sonnengott. Schiller nahm zwar andere der übersandten Gedichte, nicht aber dieses in den Musenalmanach fiir das Jahr 1799 auf. Und Hölderlin arbeitete die vierstrophige zur zweistrophigen Fassung Sonnenuntergang um. Dem Kürzungsvorgang verdanken wir nicht nur eine Straffung, eine lyrische Konzentration, sondern auch eine ungewöhnliche poetische Vervollkommnung des Gedichts.

      Sonnenuntergang
Wo bist du? ttunken dämmert die Seele mir

Von aller deiner Wonne; denn eben ist's,
Daß ich gelauscht, wie, goldner Töne

Voll, der entzückende Sonnenjüngling
Sein Abendlied auf himmlischer Leier spielt'; Es tönten rings die Wälder und Hügel nach. Doch fern ist er zu frommen Völkern, Die ihn noch ehren, hinweggegangen.
      Helios, jüngste Gestalt des Sonnengottes, wurde in Griechenland bei Sonnenaufgang und -Untergang durch Gebete geehrt. Darstellung bildlicher Kunst am Tempel oder Altar zeigen ihn als Lenker eines Viergespanns. Vom »goldnen Wagen« des Helios spricht Schillers Gedicht Die Götter Griechenlands. Neu gegenüber der früheren Fassung ist in Hölderlins Sonnenuntergang Aas Bild der »himmlischen Leier«. So kommt in der zweiten Strophe die Gestalt Apollons mit ins Bild. Apollon war in ursprünglicher Bedeutung der Gott des Sonnenlichts, und als solcher wurde er zum Schutzgott geistiger Reinheit und kultureller Bildung, zumal - mit dem Attribut der Leier - zum Gott des Gesangs und des besänftigenden Kitharaspiels.
      So lassen sich fast alle Bilder des Gedichts auf Inspirationen durch den griechischen Mythos zurückführen. In der vierstrophigen Fassung des Gedichts ist das Wort »Gold« noch eingebunden ins Substantiv »Goldgewölk«, in Sonnenun-tergangaber nimmt sich der Dichter die poetische Freiheit der Vermischung von Sinneswahrnehmungen, und die »goldnen Töne« bereiten die Synästhesie der tönenden Wälder und Hügel vor.
      Das Gedicht steht in der alkäischen Odensttophe und es ist bewundernswert, wie sich hier metrische »Pflicht« und rhythmische »Freiheit« verbünden und wechselseitig stützen, wie locker die rhythmische Bewegung von der ersten Strophe in die zweite schwingt. So findet Ehrfurcht Halt im Metrum, die von göttlicher Wonne trunkene Seele Atemfreiheit im Rhythmus.
      Schon der erste Satz, »Wo bist du?«, ist Anrede an etwas Enteiltes, Vergangenes, Verlorenes, präludiert den elegischen Ton, den die beiden Schlussverse voll aufnehmen. Dieser Sonnenuntergang ist nicht nur Abschied der Sonne, die nun der anderen Seite der Erde für eine Tageshälfte leuchten wird. Dass in jenen Breiten Völker leben, die den SonneN)üngling »noch ehren«, macht uns plötzlich das Außenseitertum des vom Gott Begeisterten, den Abfall seines Volkes von den Göttern bewusst. Der Sonnenuntergang verweist auf den Untergang einer Goldenen Zeit der Götternähe; den Schluss des Gedichts beherrscht Trauer über eine götterlose Gegenwart.
      Diese Trauer ist ein Hauptmotiv Hölderlinscher Dichtung. Sie ist von anderer Art als Schillers elegischer Abgesang im Gedicht Die Götter Griechenlands :

Wo jetzt nur, wie unsre Weisen sagen, Seelenlos ein Feuerball sich dreht, Lenkte damals seinen goldnen Wagen Helios in stiller Majestät.

     
Ja, sie kehrten heim, und alles Schöne, Alles Hohe nahmen sie mit fort, Alle Farben, alle Lebenstöne, Und uns blieb nur das entseelte Wort.
      Aus der Zeitflut weggerissen, schweben Sie gerettet auf des Pindus Höhn: Was unsterblich im Gesang soll leben, Muß im Leben untergeh n.

     

Schiller beklagt also den Verlust der Bilderwelt des Mythos, aber er siedelt die Götter ins »Fabel-», »Feen-» und »Dichterland« aus. Gerade diese Entwirklichung der Götterwelt möchte Hölderlin noch einmal rückgängig machen. »Ihr kalten Heuchler, sprecht von den Göttern nicht!« heißt es im Gedicht Die scheinheiligen Dichter. »Ihr habt Verstand! ihr glaubt nicht an Helios.« Und eben die Frommheit der Griechen, deren Verehrung der Götter verlangt er in den Versen An die jungen Dichter seinen »Brüdern« ab. Was im Schluss der Ode Sonnenuntergang mitklingt, ist Resignation.

     

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