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Nänie - Friedrich Schiller (I759-I805) - Ãœber die Sterblichkeit des Schönen



Nänie

Auch das Schöne muß sterben! Das Menschen und Götter bezwinget,
Nicht die eherne Brust rührt es des stygischen Zeus. Einmal nur erweichte die Liebe den Schattenbeherrscher,
Und an der Schwelle noch, streng, rief er zurück sein Geschenk. Nicht stillt Aphrodite dem schönen Knaben die Wunde,
Die in den zierlichen Leib grausam der Eber geritzt. Nicht errettet den göttlichen Held die unsterbliche Mutter,
Wann er, am skäischen Tor fallend, sein Schicksal erfüllt. Aber sie steigt aus dem Meer mit allen Töchtern des Nereus,
Und die Klage hebt an um den verherrlichten Sohn. Siehe! Da weinen die Götter, es weinen die Göttinnen alle,
Daß das Schöne vergeht, daß das Vollkommene stirbt. Auch ein Klaglied zu sein im Mund der Geliebten, ist herrlich,

Denn das Gemeine geht klanglos zum Orkus hinab.
     
Von Schillers hymnischem Gesang auf das Glück, die Schönheit und deren Vollendung »von Ewigkeit her« im Gedicht Das Glück und seinem Gesang von der Ãœberwindung des Todes durch die Schönheit im Gedicht Das Ideal und das Leben ist Nänie einen ganzen Pendelschlag entfernt: als ein Gegenentwurf. »Naenia« nannte man im antiken Rom das bei einem Leichenbegängnis gesungene Klagelied. Eine Elegie ist Schillers Gedicht nicht nur in diesem inhaltlichen Sinne, sondern auch mit seinen Distichen: der in der Antike geforderten Form .
     
Grundsätzlich muss sich der Leser Schillerscher Lyrik auf ihre Besonderheit einstellen: das rhetorische und das philosophisch-reflektierende Moment. Wie ganz selten tritt aber in Nänie der rhetorische Stil zurück. Keine ausladende Bewegung, keine immer wieder neu ansetzende Variation ein und desselben Themas, die das Gedicht anschwellen lässt. Der Schillersche Wortreichtum ist hier unter das Gesetz der Verdichtung gestellt. Die gedankliche Bewegung entspringt einem einzigen Impuls und entfaltet sich innerhalb der Grenzen von nur vierzehn Verszeilen .
      Die elegische Stimmung objektiviert sich in antik-mythischen Bildern und Vorgängen, in drei Beispielen für den unwiderruflichen Tod des Schönen: an der Sage vom gescheiterten Versuch des Orpheus, Eurydike aus dem Hades zurückzuholen; an der Tragik des göttlich schönen, aber irdisch-sterblichen, von Aphrodite betrauerten Adonis und am Heldentod des Achill, den seine göttliche Mutter Thetis nicht rettet. Gerade die Figur des Achill markiert den Gegensatz zum Gedicht Das Glück, wo Achill ganz und nur als Günstling der Götter gesehen wird.
      Und doch gibt in Nänie die Figur des Achill auch den Anstoß zu einer -zumindest halben — Gegenwendung im Gedicht, die vom »aber«, der adversativen Konjunktion, am Anfang der neunten Verszeile angekündigt wird und jenen Gedanken einleitet, der dem Gesetz der Sterblichkeit und Hinfälligkeit seine Schärfe nimmt: Alle Götter und Göttinnen weinen über das Vergehen des Schönen und Vollendeten, und das Lied bewahrt vor dem dumpfen Versinken in die Unterwelt, dem das Gemeine unterliegt.
      Also Preis der rühmenden, Dauer verbürgenden Kraft des Gesangs? Ãœberwindung der Vergänglichkeit durch Kunst und Dichtung? Dieses klassische Thema taucht hier nur in sehr zurückgenommener Weise auf: Nicht mehr rühmen, sondern nur noch beklagen kann das Lied, nicht mehr die Vergänglichkeit aufhalten, sondern nur sie bestätigen als Nänie, als »Bestattungsgesang«. So ist die Dichtung Klagelied über die Sterblichkeit auch des Schönen und zugleich Klagelied über die Grenzen der Dichtung. Nur noch der Abglanz des Schönen bleibt; er geht ein ins Lied und — wie es geschehen kann, zeigt Schillers Nänie selbst - überdauert in der Schönheit der Dichtung.
     

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