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Matthias Claudius (I740-I8I5): An - als Ihm die - starb - Ehrenrettung für einen Dichter



An - als Ihm die - starb

Der Säemann säet den Samen,
Die Erd' empfängt ihn, und über ein kleines

Keimet die Blume herauf
Du liebtest sie. Was auch dies Leben

Sonst für Gewinn hat, war klein Dir geachtet.
      Und sie entschlummerte Dir!

Was weinest Du neben dem Grabe,
Und hebst die Hände zur Wolke des Todes

Und der Verwesung empor?
Wie Gras auf dem Felde sind Menschen Dahin, wie Blätter! Nur wenige Tage Gehen wir verkleidet einher!

Der Adler besuchet die Erde,
Doch säumt nicht, schüttelt vom Flügel den Staub und

Kehret zur Sonne zurück!

Diese Verse liebe ich besonders, seitdem ich weiß, mit welcher Verachtung man auf den Verfasser herabsah. Als Stefan George die Anthologie Das Jahrhundert Goethes vorbereitete und Karl Wolfskehl ihm das Gedicht vorlas, war er beeindruckt. Als er aber den Namen des Autors hörte, sagte er nur: »Quelle adresse!« Die Verse waren eine Zeitlang fälschlich Klopstock zugeschrieben worden, und so ließ sie George wider besseres Wissen zu den Klopstockschen Gedichten stellen. Das nenne ich eine perfide Art von Enteignung geistigen Eigentums.
      Vielleicht sah sich George durch ironische oder abschätzige Urteile bedeutender Zeitgenossen von Claudius bestärkt. Für Goethe, dem während der italienischen Reise auch mancher Freund von ehedem ferner rückt, ist der Herausgeber des Journals Der Wandsbeker Bote nur ein Fußbote, der zum Evangelisten werden möchte, ein Narr voller einfältiger Anmaßungen. Wilhelm von Humboldt gar bezeichnet ihn nach einem Besuch, wie Schiller am 23. Oktober 1796 mit Genugtuung an Goethe berichtet, als »eine völlige Null«.
      Soviel Einmütigkeit klassischer Kunstrichter ist verdächtig, und es lassen sich leicht auch Gegenstimmen zitieren - Karl Kraus, vielleicht der streitbarste Anwalt von Claudius, oder Herder, der Claudius' Abendlied in seine Sammlung Stimmen der Völker in Liedern aufnahm: »Das Lied ist... hergesetzt, ... einen Wink zu geben, welches Inhalts die besten Volkslieder sein und bleiben werden.« Das ist es: Wir sollten Claudius als einen Volksdichter sehen, in einer Reihe mit dem Erzähler Johann Peter Hebel und dem Volkstheaterautor Ferdinand Raimund - als einen Klassiker der Kalenderdichtung, deren scheinbare Einfachheit nicht mit Infantilität zu verwechseln ist.
      Viele der Gedichte Claudius', die überlebten, handeln vom Tod , von »Freund Hein« . Unser Gedicht entstand sehr wahrscheinlich nach dem Tod von Claudius' verheirateter Schwester . Mit seiner an antike Formen angelehnten reimlosen Strophe erinnert es an den Klopstockschen Odenstil, was die Verwechslung der Autoren verzeihlich macht. Allerdings fehlt das Feierliche, ja Pathetische Klop-stockscher Oden. Unüberhörbar sind die Anklänge an den 103. Psalm . Bibel- und Odenton durchdringen einander.
      Das Gedicht entwickelt sich als Zuspruch, als Besänftigung der Klage um einen Toten. Die Metapher der Wolke - die Wolke ist das Transitorische schlechthin, die rasch wechselnde und sich auflösende Gestalt - umschreibt sowohl die Hinfälligkeit des menschlichen Leibes wie aber auch die Vorläufigkeit des Todes selbst. Und diese beiden Bedeutungsglieder werden in den letzten zwei Strophen auseinander gefaltet, zunächst wieder durch die Bildlichkeit des Psalms, dann durch das Bild des Adlers: deutbar als Metapher für das Unsterbliche des Menschen, das sich nur kurz an den irdischen Leib bindet und zum Licht zurückkehrt .
      Vom Dichter selbst wird die Metapher nicht entschlüsselt. Gerade weil die Tröstung nichts Aufdringliches hat und an den, der die Glaubensvoraussetzungen des Autors nicht teilt, kein Ansinnen stellt, ist dies eines der vollkommenen Gedichte deutscher Literatur. - Als sich Stefan George für diese Verse entschied, war seine Wahl auch eine ungewollte Ehrenrettung für den Autor.
     

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Matthias  Claudius  (I740-I8I5):  An  -  als  Ihm  -  starb  -  Ehrenrettung  für  einen  Dichter    


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