Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Klassische Zeit der Elegien
» Ludwig Christoph Heinrich Hölty (I748-I776): Ihr Freunde ... Fragment, dem keine Zeile fehlt

Ludwig Christoph Heinrich Hölty (I748-I776): Ihr Freunde ... Fragment, dem keine Zeile fehlt



Ihr Freunde hänget, wann ich gestorben bin, Die kleine Harfe hinter dem Altar auf, Wo an der Wand die Totenkränze

Manches verstorbenen Mädchens schimmern.
      Der Küster zeigt dann freundlich dem Reisenden Die kleine Harfe, rauscht mit dem roten Band, Das, an der Harfe festgeschlungen, Unter den goldenen Saiten flattert.

     
Diese Ode ist von ihrem Autor für keinen Almanach eingereicht worden und war für keine Gedichtsammlung vorgesehen. Sie fand sich auf der Rückseite eines Ausleihscheins der Göttinger Bibliothek vom 9. November 1774 und ließ sich identifizieren durch die Unterschrift »Hölty, bei dem Schuster Muhlert auf der Nicolaistraße«. Als Johann Heinrich Voß mit dem Grafen Friedrich Leopold von Stolberg 1783 eine Ausgabe der nachgelassenen Gedichte besorgte, glaubte er Hölty einen Freundschaftsdienst zu erweisen, indem er das vermeintliche Fragment durch eine dritte Strophe ergänzte. Wir lassen das Produkt des guten Willens, aber zugleich des ästhetischen Gouvernantentums auf sich beruhen.
      Ich habe unter Höltys Gedichten dieses ausgewählt, weil in ihm die Persönlichkeit des Dichters am konzentriertesten enthalten ist. 1776 im Alter von nicht einmal 28 Jahren an der Schwindsucht gestorben, zählt Hölty zu den vielen Frühverstummten unserer Literatur. Dennoch hat kein Dichter des Hainbundes, dessen Mitglied er war, ihn als Lyriker erreicht.
      Noch spielerisch verfügte er über die Form in seiner anakreontischen Poesie, in der die Figuren der antiken Mythologie sich tummeln. Nur selten stimmte er in die modischen Bardengesänge ein; seine Ode An Teuthard, an die »MuseTeu-toniens«, wirkt denn auch wie eine Pflichtübung. Der Ton seiner frischen Mai-und Minnelieder ließ sich nicht immer durchhalten, zu früh wurde die Vorahnung des Todes seine ständige Begleiterin. So steht auch die neue Innigkeit des Naturgefühls bei ihm in engem Wechselbezug zum Erlebnis eigenen Ausgeschlossenseins.
      Eigentliches Erkennungszeichen der Lyrik Höltys ist, was Friedrich Beißner die elegische Ode genannt hat. In unserem Gedicht gelangt sie zu ihrer Lapidarform. Ode ist das Gedicht in wörtlichem Sinne; Hölty übernimmt — in der Nachfolge Klopstocks - die Strophe der antiken alkäischen Ode. In diese Form eingebunden sind Stimmung und Motive der von England herübergekommenen Kirchhofspoesie. Totenkranz und rotes Band finden wir auch in Höltys Das Landleben und Elegie auf einen Dorfkirchhof Der frühe Tod Höltys verleiht den scheinbar konventionellen Bildern nachträglich volle Authentizität.
      Das Gedicht ist, mit seiner zweimaligen Einheit von Strophe und Satz, auf eindringliche Weise schlicht. Ãœber das metrische Gerüst der alkäischen Ode gleiten Satz und Gedanke fast mühelos. Die geprägte Form, keine Fessel mehr, ermöglicht Prägnanz. Weitere gedankliche Verdichtung gelingt durch symbolhaften Wortgebrauch.
      Den Dichter bewegt in der Gewissheit des baldigen Todes der Wunsch, nicht vergessen zu werden. Einbezogen sein in die Erinnerung soll vor allem sein Werk, deshalb die Bitte an die Freunde, die Harfe — das symbolische Attribut des Sängers, des Lyrikers - hinter dem Altar aufzuhängen. Im Bild der Kränze jungverstorbener Mädchen deutet sich das Thema der Minnelieder noch einmal an: umgebrochen zum Motiv einer Toten-Minne.
      Unter die Lebenden wünscht sich der Tote durch die Vermittlung des dichterischen Worts, seines Symbols. Und sowohl der Küster, der die Harfe zeigt, wie die Reisenden, die sich ihr zuwenden, sind Bürgen des Nichtvergessenseins. Die Harfe tönt nicht mehr - nur das sie umschlingende Band rauscht und flattert -, aber die Macht des Tons ist übergegangen ins Strahlen der Saiten. Alle Hoffnung sammelt der Dichter am Ende in der - fast möchte man sagen sieghaften -Farbmetapher der »goldenen« Saiten.
      Nein, diese Ode ist kein Fragment, ihr fehlt nicht eine einzige Zeile. Jedes zusätzliche Wort verstümmelt sie.
     

 Tags:
Ludwig  Christoph  Heinrich  Hölty  (I748-I776):  Ihr  Freunde  ...  Fragment,  dem  keine  Zeile  fehlt    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com