Deutsche Literatur - Der literarische Treffpunkt


Stationen der deutschen lyrik

Index
» Stationen der deutschen lyrik
» Klassische Zeit der Elegien
» Johann Wolfgang Goethe (I749-I832): Trilogie der Leidenschaft, dritter Teil: Aussöhnung

Johann Wolfgang Goethe (I749-I832): Trilogie der Leidenschaft, dritter Teil: Aussöhnung



Das Doppelglück der Töne wie der Liebe

Mittel- und Hauptteil der Trilogie der Leidenschaf ist die »Elegie«, auch bekannt unter dem Titel Marienbader Elegie. Sie entstand Anfang September 1823 auf der Rückfahrt Goethes von Marienbad nach Weimar. Voraufgegangen war die große Enttäuschung einer Altersleidenschaft, der Liebe des mehr als siebzigjährigen Goethe zur 1821 siebzehnjährigen Ulrike von Levetzow, die er in den Jahren zwischen 1821 und 1823 mit ihrer Mutter und ihren beiden Schwestern im böhmischen Kurort traf. Sein förmlicher Heiratsantrag war abgelehnt worden, die Elegie ist Zeugnis einer unerhörten Erschütterung.
      In der Werkausgabe letzter Hand, in der Sammlung von 1827, hat Goethe vor die Elegie das Gedicht An Werther und hinter sie das Gedicht Aussöhnung gestellt. Diese Anordnung entspricht dem Sinnzusammenhang, aber von der Entstehungsgeschichte her müssten wir die Gedichte gerade in umgekehrter Reihenfolge lesen. An Werther, Ende März 1824 in Weimar für einen Jubiläumsdruck des Romans von 1774 geschrieben, spricht zu der Romanfigur wie zu einem Jugendfreund und stimmt mit den Motiven Leidenschaft und Scheiden das große Thema der Elegie schon an. Das Schlussgedicht der Trilogie, Mitte August 1823 in Marienbad entstanden, war der polnischen Pianistin Marie Szy-manowska gewidmet, die mit der Berliner Sängerin Anna Milder-Hauptmann und anderen für gesellige Höhepunkt des Kurlebens sorgte.
      Der Sprecher der Elegie, der Zurückgewiesene, fühlt sich wie aus dem Paradies verjagt. Dass ihm nun die Paradiespforte verschlossen ist, hat ihn auch »verschlossen in sich selbst«. Liebes- und Selbstverlust bedeuten zugleich Weltverlust. Aber immer wieder kehrt die Klage zu den Bildern der Erinnerung zurück. Was Liebe »auf's lieblichste geleistet« hat, fasst diese Strophe zusammen:

In unsers Busens Reine wogt ein Streben,
Sich einem höhern, reinem, unbekannten,

Aus Dankbarkeit freiwillig hinzugeben,
Enträtselnd sich den ewig Ungenannten;

Wir heißen's: fromm sein! — solcher seligen Höhe
Fühl' ich mich teilhaft, wenn ich vor ihr stehe.
Von der versittlichenden Wirkung der Liebe spricht die Elegie. Doch in den letzten Strophen müssen die Erinnerungsszenen ganz der Klage weichen, und am Ende hat nur noch Verzweiflung das Wort:
Mir ist das All, ich bin mir selbst verloren,

Der ich noch erst den Göttern Liebling war;
Sie prüften mich, verliehen mir Pandoren,

So reich an Gütern, reicher an Gefahr;
Sie drängten mich zum gabeseligen Munde,

Sie trennen mich, und richten mich zu Grunde.
Was hier zur Sprache drängt, raubt der Seele alle Fassung, sprengt den Klageton der Elegie. Der Schmerz treibt die Rede ins Pathos der Tragödie. Und eben an diesem Punkt kann auch die Katharsis der Tragödie einsetzen. Von der lösenden, befreienden Wirkung der Kunst handelt das Schlussgedicht Aussöhnung.

     

 Tags:
Johann  Wolfgang  Goethe  (I749-I832):  Trilogie  der  Leidenschaft,  dritter  Teil:  Aussöhnung    


Impressum

Tags: a b c d e f g h i j k l m n o p q r s t u v w x y z
Kontact Sitemap
Copyright © litde.com