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Hälfte des Lebens - Friedrich Hölderlin (I770-I843) - Heilignüchtern



Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget Und voll mit wilden Rosen Das Land in den See. Ihr holden Schwäne, Und trunken von Küssen Tunkt ihr das Haupt Ins heilignüchterne Wasser.

      Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo

Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?

Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde

Klirren die Fahnen.
     
Im Gedicht ist die Mitte des Lebens Anlass zur Momentaufnahme und zur besorgten Vorausschau in die zweite Hälfte, und beide werden zum Gradmesser des Daseinsgefühls. Hölderlin nutzt die Symbolik von Naturbildern und bringt die beiden Perspektiven auf den Gegensatz von Sommer und Winter. Den Jahresoder Lebenszeiten ist je eine der beiden Strophen zugeteilt. Eine Anordnung also von großer Einfachheit, aber von jener Einfachheit, wie nur höchst subtile Kunst sie bedeutend macht. Nicht umsonst ist Hälfte des Lebens, um die Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entstanden, eines der bekanntesten und geliebtesten Gedichte der deutschen Literatur.
      Den Sommer kennzeichnen Fruchtsegen und üppige Augenfreude, und am Drehpunkt der siebenzeihgen Strophe erscheinen liebeselige Schwäne, deren Trunkenheit zum »heilignüchternen« Wasser, in das sie ihre Köpfe tauchen, in merkwürdigem Gegensatz steht. Offensichtlich lagert sich in die Naturbildlichkeit und ihre Lebenssymbolik ein weiteres Bedeutungselement ein. Die Vorstellung vom Dichter als Schwan ist alt und das in sich widersprüchliche Begriffspaar, das Oxymoron »nüchterne Trunkenheit« finden wir als Schlüsselwort in einer aus der Antike stammenden Dichtungslehre , wonach der Dichter Begeisterung und Besonnenheit ins Gleichgewicht bringen muss. Martin Heidegger hat Hölderlin einmal den »Dichter der Dichter« genannt und damit angedeutet, wie sehr bei Hölderlin der Dichter zum Thema der Dichtung wird. So haben wir auch hier »Schwäne« als Metapher für die Dichter zu verstehen.
      In der zweiten Strophe kündigt gleich der Beginn mit dem »Weh mir«, dem Ausruf der Klage und des Schmerzes, eine neue Tonart und Lebensstimmung an. Das in der ersten Strophe hinter dem Beobachter verborgene Ich tritt ausdrücklich hervor und bekennt seine Zukunftsangst. Der Winter stellt sich zunächst, mit der Abwesenheit dessen, wodurch der Sommer erfreute, als Jahreszeit des Mangels dar, dann aber in seiner ganzen Aggressivität. Seit Hölderlin ist das vielzitierte Bild der klirrenden Fahnen , das den Gefriervorgang hörbar macht, fast ein Synonym für schneidende Kälte. Die Dichtermetapher der ersten Strophe wird zurückgenommen, aufgehoben im Eigenschafts- oder Umstandswort für die abwehrende Schroffheit der Mauern: »sprachlos«.
      So wird das Gedicht zum Ausdruck einer Bewusstseinskrise, in der sich das Ich nach der »Hälfte des Lebens« wiederfindet, einer Krise, die auf der Ebene der Dichtermetaphorik ein schöpferisches Verstummen anzeigt. Aber das Gedicht nur autobiographisch zu lesen, geht nicht an. Der zweite Teil des Gedichts ist die Vision einer möglichen Zukunft. Dass die Biographie Hölderlins, des Dichters im Tübinger Turmzimmer am Neckar, die Vision einholen wird, ist freilich auch wahr.
      Die scheinbare Einfachheit des Gedichts wird durchsichtig für eine beziehungsreiche Mehrdeutigkeit, die sich weiter verfolgen ließe. Aber man muss, um dieses Gedicht zu lieben, nicht unbedingt in den Schacht der Tiefenschichten steigen. Die große Wirkung des Gedichts beruht gerade auf seiner einsehbaren Symbolik, auf den Ausdruck von Lebensstimmungen, die von vielen nachvollzogen oder gar erfahren werden können, und auf der Unvergleichlichkeit Hölderlinscher Verskunst. Voller Antworten auf die erste Strophe ist die zweite; Wörter und Bilder treten in einen spannungsvollen Dialog. Trotz solcher Klammern aber entfalten die beiden Strophen ihren je eigenen sprachlichen Rhythmus: den gelösten, ausschwingenden die erste, den in der Frage immer wieder blockierten Rhythmus die zweite. Und deutlich zieht sich eine Spur durch das Gedicht, von einer mehr »trunkenen« zu einer mehr »nüchternen« Poesie, die im ganzen das jede fade Ernüchterung ausschließende Prädikat »heilignüchtern« verdient.
     

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