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Aussöhnung



Die Leidenschaft bringt Leiden! - Wer beschwichtigt, Beklommenes Herz, dich, das zu viel verloren? Wo sind die Stunden, überschnell verflüchtigt? Vergebens war das Schönste dir erkoren! Trüb ist der Geist, verworren das Beginnen; Die hehre Welt, wie schwindet sie den Sinnen!

Da schwebt hervor Musik mit Engelsschwingen,
Verflicht zu Millionen Tön um Töne,

Des Menschen Wesen durch und durch zu dringen,
Zu überfüllen ihn mit ewger Schöne:

Das Auge netzt sich, fühlt im höhern Sehnen
Den Götter-Wert der Töne wie der Tränen.
      Und so das Herz erleichtert merkt behende,
Daß es noch lebt und schlägt und möchte schlagen,

Zum reinsten Dank der überreichen Spende
Sich selbst erwidernd willig darzutragen.
      Da fühlte sich - o daß es ewig bliebe!
Das Doppel-Glück der Töne wie der Liebe.

     
Der enge Zusammenhang dieses Gedichts mit der Elegie wird auch dadurch sinnfällig, dass Goethe für beide - anders als beim Gedicht An Werther— die um zwei Verse verkürzte Form der Stanze wählt. Vor allem aber zieht der Anfang des Gedichts Aussöhnung noch einmal eine verallgemeinernde Bilanz aus dem Vorhergehenden: »Die Leidenschaft bringt Leiden!« Auch der elegische Ton wird noch einmal aufgenommen. Die erste Strophe beklagt die Verluste des Herzens und der Sinne.
      Damit ist die Voraussetzung geschaffen für einen Umschlag. Mit Beginn der zweiten Strophe tritt ein, was der Titel Aussöhnung ankündigt. Als rettender Engel erscheint die Musik. Der »trübe Geist« wird aufgerichtet; überwältigt von der Macht der Töne, gibt sich der Mensch der ewigen Schönheit hin und einer Rührung, die alle Schmerzen lindert. Eine Verschiebung vom Allgemeinen zur besonderen Situation des Ich deutet sich in der dritten Strophe an.
      Musik hat, kurz vor dem endgültigen Abschied von Ulrike, an Goethe selbst ihre tiefe Wirkung bewiesen. Am 24. August 1823 schreibt er an seinen Freund, den Komponisten Zelter: »Nun aber doch das eigentlich Wunderbarste! Die ungeheure Gewalt der Musik auf mich in diesen Tagen.« Das bezieht sich auf die »Stimme der Milder, das Klangreiche der Szymanowska«. Was in der Abfolge der Wirklichkeitsereignisse der schmerzlichen Enttäuschung vorangeht, erhält in der Trilogie der Leidenschaft seine Funktion erst nach ihr. Die Dichtung lässt sich ihre Logik nicht durch kalendarische Vorgaben der Biographie diktieren.

     
In zeitlicher Nähe zur Trilogie der Leidenschaft ist der Aufsatz Nachlese zu Aristoteles' Poetik entstanden. An der Tragödie erläutert Aristoteles bekanntlich die Kraft der Kunst zur Katharsis, zur Entladung und Reinigung der leidenschaftlichen Erregungszustände, zur Befreiung der Seele; Goethe deutet die Katharsis als »aussöhnende Abrundung« und sieht in der Musik einen »analogen Fall«. Seine Marienbader Elegie'ist, in lyrischer Form, eine »Tragödie im Innern«, und das Schlussgedicht der Trilogie setzt die Vorstellung von der befreienden Wirkung der Kunst ganz in dichterische Bildlichkeit um. Das »Doppel-Glück der Töne wie der Liebe« liegt im Schnittpunkt von Goethes Kunsterlebnis und seiner Lebenserfahrung.
     

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