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Rose Ausländer (I90I-I988): Bukowina - Viersprachig verbrüderte Lieder



Die Bukowina, das ehemalige »Kronland« der österreichisch-ungarischen Monarchie, war das Stammland einer großen Zahl jüdischer Schriftsteller, seine Hauptstadt Czernowitz fast ein »Klein-Prag« am Pruth. In ihren Erinnerungen zählt Rose Ausländer sie auf: »Paul Celan, Alfred Margul-Sperber, Immanuel Weißglas, Rose Ausländer, Alfred Kittner, Georg Drozdowski, David Goldfeldt, Alfred Gong, Moses Rosenkranz, Gregor von Rezzori, der bedeutendste jiddische Lyriker Itzig Manger u.a.«. Auch wenn nicht alle diese Namen zu festen Größen unserer Literatur geworden sind, so geben sie doch eine Vorstellung davon, wie sehr in den östlichen Randgebieten die deutsche Kultur gerade im Judentum ihre Anwälte hatte.
      Czernowitz in der Bukowina war ein Schmelztiegel der nationalen oder ethnischen Gruppen. Noch einmal Rose Ausländers Erinnerungen: Die Einwohner »setzten sich aus Deutschen, Ukrainern, Juden, Rumänen sowie Minderheiten von Polen und Madjaren zusammen. Eine buntschichtige Stadt, in der sich das germanische mit dem slawischen, lateinischen und jüdischen Kulturgut durchdrang.« Dies alles freilich war Vergangenheit, als Rose Ausländer ihr Gedicht schrieb . Der Wechsel in der Staatszugehörigkeit der Stadt von der österreichischen zur rumänischen und dann zur ukrainischen und vor allem die Verfolgung der Juden während der deutschen Besatzungszeit im Zweiten Weltkrieg sind zum Verhängnis für die deutsch-jüdische Kultur in der Bukowina geworden.

     
Das lyrische Werk Rose Ausländers ist durchzogen von den Spuren der Erinnerung, am stärksten aber drängen die Bilder der bukowinischen Heimat ins Gedicht, seitdem die Autorin, nach einer jahrzehntelangen Wanderschaft in Europa und den USA, im Düsseldorfer Nelly-Sachs-Heim eine endgültige Bleibe gefunden hat . In der Verszeile »Immer zurück zum Pruth« klingt das Leitmotiv aller Beschwörungen der Kindheit und Jugend an. »Ein Buchenblatt / Wie aus dem Wald / meiner Heimatstadt / fliegt in mein Zimmer // es kam / mich zu trösten«. Das Gedicht Bukowina IIsei ganz zitiert:
Bukowina II
Landschaft die mich erfandwasserarmigwald haarigdie Heidelbeerhügelhonigschwarz
Viersprachig verbrüderte

Liederin entzweiter Zeit
Aufgelöst strömen die Jahre ans verflossene Ufer
Bilder wie »wasserarmig«, »waldhaarig« oder »Heidelbeerhügel« sind Nuancen auf einer reichen Metaphern- und Bilderpalette. »Grüne Mutter / Bukowina / Schmetterlinge im Haar«, heißt es in Bukowina I

II.

»Violette Föhrenzapfen / Luftflügel Vögel und Laub // Der Karpathenrücken / väterlich«. Freilich bleibt im Sich-Erinnern doch das Vergangen-Sein bewusst. Am Schluss von Bukowina //wird mit den kühnen Bildern des aufgelösten Strömens und des »verflossenen Ufers« das Fließen und Verfließen der Zeit zum Thema.
      Nicht aufgehoben ist damit der zentrale Gedanke der vorletzten Versgruppe. Was unverloren bleibt, sind die »Lieder« der Bukowina, in die das Erbe verschiedener Sprachen und Völker eingegangen ist, sind die Zeugnisse der »verbrüderten« Kulturen. So wird in der Erinnerung zugleich eine Utopie sichtbar - eine Utopie jener Art, die - wieder - Wirklichkeit zu werden begehrt.

     

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