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Stefan George (I868-I933): Komm in den totgesagten park ... - Kein Laufplatz für Jogger



Komm in den totgesagten park und schau: Der Schimmer ferner lächelnder gestade • Der reinen wölken unverhofftes Blau Erhellt die weiher und die bunten pfade.
      Dort nimm das tiefe Gelb • das weiche grau Von birken und von buchs • der wind ist lau • Die späten tosen welkten noch nicht ganz • Erlese küsse sie und flicht den kränz •
Vergiss auch diese letzten astern nicht â–  Den purpur um die ranken wilder reben Und auch was übrig blieb von grünem leben Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

     
Dieses titellose Gedicht eröffnet im Band Das Jahr der Seele den ersten Zyklus, Nach der Lese. Nichts spüren lässt es von der Freude des Winzers, der seine Traubenernte gesichert weiß, nichts von jener frohgemuten Lust »auf den Wein, den holden«, die der norddeutsche Dichter Theodor Storm in seinem Oktoberlied besingt. Etst im zweiten Gedicht des Zyklus tuft der in einem Winzerdorf bei Bingen geborene Dichter die Kindheitserinnerung ins Bild: »Die reifen trau-ben gären in den bütten«. Dennoch verfällt das Gedicht nicht in eine trauernde Resignation, wie das Stichwort vom »totgesagten park« zunächst vermuten lässt. Was den Eintretenden erwartet, ist keinesfalls Abgestorbenes, sondern späte Schönheit.
      Von besonderer poetischer Schönheit ist die erste Strophe, die das tiefe, makellose Himmelsblau herbstlicher Tage, das sogar auf die Wolken abfärbt, als die Spiegelung ferner Meere sieht. In den beiden anderen Strophen zeigt sich die Natur in der Unentschiedenheit des Ãœbergangs. Noch nicht erloschen ist die Kraft der Farben, noch hält der laue Wind den Gedanken an Herbststürme fern, noch lässt sich aus den welkenden Rosen ein Kranz flechten und noch wollen die letzten Astern gewürdigt werden. Im »Verwinde« der Schlusszeile verschränken sich zwei Bedeutungen: »winden« im Sinne von »flechten« und das »Verwinden« des Abschiedsschmerzes.
      Mit überraschender, aber eben doch letzter Schönheit wartet der »totgesagte park« auf. Anders jedoch als in Hebbels Sommerbild, wo die »letzte Rose« schon »so weit im Leben« steht, dass sie »zu nah am Tod« ist, entfalten hier die Bäume, Büsche und Blumen einen milden Glanz. Ja, wie zu einer Feier des Verfallenden scheint alles versammelt. Und bedenken wir, dass sich dieses Gedicht dem Leitthema »Jahr der Seele« unterstellt, so ist die Stimmungs- und Gefühlslage des Parkbesuchers und des Partners, den er zum Eintreten aufgefordert hat, von besonderem Gewicht. Geradezu etwas wie Genuss gewährt der Abschied hier, ein Genießen der Spätphase im Naturprozess.
      Aber in welcher Art von Natur wird hier der Reiz des Späten gesucht? Es ist nicht, wie in Georg Trakls Gedicht Der Herbst des Einsamen, die Weite der Landschaft mit ihrem Wald, ihren Äckern und Siedlungen. Es ist die künstlich geordnete, vornehmem Sich-Delektieren zugedachte, gegen die freie Landschaft abgeschlossene Natur. Und es ist eine von ihrem Ursprung her aristokratische Lebenshaltung, die ihr Genügen in solcher Park-Natur findet.
      So fällt denn auch das Erlesene der Parkelemente und der sie benennenden Wörter auf: Weiher und Pfade, tiefes Gelb und weiches Grau, Buchs und späte Rosen, Purpur — und der Imperativ »Erlese« selbst. Dieser Park ist kein Tummelplatz für Kinder, kein Gelände für bloß lufthungrige Spaziergänger und - um eine gegenwärtige Gebrauchsart nicht zu vergessen - kein Laufplatz für Jogger. Schon die an ein einzelnes Du gerichtete Aufforderung schränkt das Privileg des Eintretens auf die zu luzidem Naturempfinden Befähigten, auf den eingeweihten Kreis der Anhänger des Schönen ein. Kleinschreibung und Mittelstellung des Punkts sind Besonderheiten Georgescher Verse und als solche Zeichen der Abgrenzung überhaupt, aber sie erscheinen bei dieser Führung durch den Park auch als angemessene Sprachpreziosen. Kein poetisches Ritual allerdings vollzieht sich. Der Wechsel der Reimanordnung in den Strophen deutet auf Freude am Variantenspiel.
      Diese Seh-Anweisung scheint wie auf die Freundesschar des George-Kreises und allenfalls noch für Gleichgesinnte geschrieben. Das dichterische Ich dieser Verse schafft um sich und den Freund die Aura der Auserlesenen. »Des sehers wort ist wenigen gemeinsam«, beginnt nicht von ungefähr ein anderes Gedicht im Band Das Jahr der Seele . Haltung und Sprache der Erwähltheit sind heute, mehr als zu Zeiten Georges, angewiesen auf Nischen im literarischen und kulturellen Leben. Das überfeinerte Genussempfinden für eine späte, schon morbide Schönheit ist vom Makabren unseres Jahrhunderts überrollt worden. Zu bewundern bleibt die hohe Sprachkultur Georgescher Verse.

     

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