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Hugo von Hofmannsthal (I774-I929): Was ist die Welt? - Schönheit als Droge



Was ist die Welt? Ein ewiges Gedicht, Daraus der Geist der Gottheit strahlt und glüht, Daraus der Wein der Weisheit schäumt und sprüht, Daraus der Laut der Liebe zu uns spricht,
Und jedes Menschen wechselndes Gemüt, Ein Strahl ists, der aus dieser Sonne bricht, Ein Vers, der sich an tausend andre flicht, Der unbemerkt verhallt, verlischt, verblüht.
      Und doch auch eine Welt für sich allein, Voll süß-geheimer, nie vernommner Töne, Begabt mit eigner, unentweihter Schöne,
Und keines Andern Nachhall, Widerschein. Und wenn du gar zu lesen drin verstündest, Ein Buch, das du im Leben nicht ergründest.
     
Sechzehn Jahre alt war Hofmannsthal, als er dieses Gedicht schrieb. Gymnasiastenpoesie also, wenn auch nicht die übliche. Verse eines jungen Wieners, der sich das Leben lesend erschloss und die Schönheit nicht in der Tageshelle des Draußen suchte, sondern in den geheimen Dämmerwelten, die sich ihm in den Büchern auftaten. »Zum Traume sag ich: >Bleib bei mir, sei wahr!< / Und zu der Wirklichkeit: >Sei Traum, entweichet / Das Wort, das Andern Scheidemünze ist, / Mir ists der Bilderquell, der flimmernd reiche«, heißt es in einem gleichfalls 1890 entstandenen kunstvollen Ghasel. Was fangen wir mit dieser frühreifen Verskunst eines Dichters an, der es noch nicht gelernt hat, über den Rand der Bücher hinaus in die Erfahrungswelt zu blicken, was in einer Zeit, die der »süßgeheimen« Töne nun wahrlich entwöhnt ist?
Es sei nicht verschwiegen, dass dieses Sonett nicht zu meinen »Lieblingsgedichten« gehört. Dennoch lässt es mich nicht los. Die Folge der Bilder, eine melodische Führung der Sätze, die Klangentsprechungen, eine rhythmische Bewegtheit, die uns das metrische Schema des fünffüßigen Jambus vergessen lässt,und die scheinbare Leichtigkeit, mit der die strenge Form des Sonetts erfüllt wird - alles dies nimmt mich gefangen, immer aufs Neue. Aber die Haltung, aus der heraus dieses Gedicht geschrieben wurde, und die Lebensperspektive, die ihm zugrunde liegt, befremden mich.
      So wird das Gedicht zum Beispiel dafür, dass Schönheit in der Kunst durchaus nicht nur Wohlgefallen auslösen und zu Bewunderung oder gar Begeisterung hinreißen muss, dass sie keineswegs volle Hingabe oder Versenkung des Aufnehmenden verlangt, keineswegs immer reinen Genuss gewähren muss. Es gibt eben auch eine poetische Schönheit, die Widerstände oder gar Widerspruch hervorruft, deren unaufhörlicher Reiz gerade darin besteht, uns immer wieder gereizt zu machen. Nennen wir sie das schöne Ärgernis.
      Aus der Metapher des ersten Verses entfaltet sich das ganze Gedicht. In die Vorstellung, dass die Welt ein »ewiges Gedicht« sei, mischt sich scheinbar das Echo auf Nietzsches Wort, Dasein und Welt seien nur als ästhetische Phänomene ewig gerechtfertigt oder zumindest erträglich. Im Übrigen offenbart der Verlauf des Gedichtes auf sehr anschauliche Weise ein Gesetz symbolistischer Dichtung: dass nämlich die Metapher und die durch sie umschriebene Sache, das poetische Zeichen und das Bezeichnete ineinander übergehen, ja ununterscheid-bar werden.
      In der ersten Strophe stehen Welt und Gedicht unter den Zeichen der Ewigkeit und derTrinität von göttlichem Geist, Weisheit und Liebe. Die zweite Strophe wendet sich vom Ganzen zum zeitlich begrenzten Einzelnen, zum Menschen, zum Vers, der nur das Glied einer Kette ist. Gegen das zweite Quartett des Sonetts setzt der Beginn des ersten Terzetts sein entschiedenes »Und doch«. Der Begrenztheit und Vergänglichkeit hält nun die Autonomie des Einzelnen als unberührter schöner Eigenwelt die Waage. Und abgerundet wird der Gedanke der Individualität in der Schlussstrophe durch den der Originalität.
      Die Ausgangsfrage »Was ist die Welt?« gerät über der prächtigen Ausfaltung der Gedicht-Metapher fast in Vergessenheit. Die lyrische Bildlichkeit des Sonetts, die ihrerseits wieder aus dem Bereich der Lyrik schöpft, verselbstständigt sich, gewinnt Eigengewicht - jedenfalls in dem Maß, dass hier mit einer Ansicht der »Welt« gleichzeitig ein Dichtungsprogramm entworfen wird, auch wenn man die Metapher des unergründlichen Buches im Schlussvers auf die »Welt« zurückbezieht. Das Gedicht gibt also eine Weltdeutung und eine Poetik zugleich, und es kommt an einen Punkt, wo sich das Verhältnis von Bezeichnetem und Zeichen geradezu umzukehren scheint: Nicht die Welt ist ein Gedicht, sondern ein Gedicht ist die Welt.
      Für den jungen Hofmannsthal war die Dichtung »die« Welt. Und eben diese Ästhetisierung der Welt, der die Dichtung nicht nur als Lebensbereicherung gilt, sondern als Lebensersatz, bringt mich gegen die Verse auf. Die Antwort auf die zunehmende »Poesielosigkeit« unserer heutigen Welt finden wir nicht in der Poesiesüchtigkeit des jungen Hofmannsthal. Andererseits ist Literatur kein Stoff für Giftschränke. Hofmannsthals »Was ist die Welt?« kann wie eine Droge sein, aber warum sollte man sich der Faszination nicht überlassen, wenn man sich zugleich mit Misstrauen wappnet?

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Hugo  Hofmannsthal  (I774-I929):  Was  Welt?  -  Schönheit  als  Droge    


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