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Else Lasker-Schüler (I869-I945): Mein blaues Klavier



Hilferuf

Als die Lyrikerin das Gedicht Mein blaues Klavier schrieb, in der ersten Zeit des Zürcher Exils , lagen ihre Ehen mit dem Arzt Dr. Lasker und dem späteren Herausgeber des Sturm, Herwarth Waiden , auch ihre Liebe zu Gottfried Benn längst hinter ihr. Nach mehreren Palästina-Reisen blieb sie, von 1939 an, für immer in Jerusalem; aber nicht abschütteln ließ sich das Heimweh. Sie starb im Januar 1945. Kein Abglanz von der Farbigkeit eines einmal bohemehaften Lebens fiel in ihre letzten Jahre.
      Vom Verlust sprechen schon diese Verse aus der Frühzeit des Exils:
Mein blaues Klavier
Ich habe zu Hause ein blaues Klavier Und kenne doch keine Note.
      Es steht im Dunkel der Kellertür, Seitdem die Welt verrohte.

      Es spielen Sternenhände vier
- Die Mondfrau sang im Boote -Nun tanzen die Ratten im Geklirr.
      Zerbrochen ist die Klaviatur.....
      Ich beweine die blaue Tote.

      Ach liebe Engel öffnet mir
- Ich aß vom bitteren Brote

Mir lebend schon die Himmelstür -Auch wider dem Verbote.
      Das Präsens des Satzes »Ich habe zu Hause ein blaues Klavier« ist ein nur verhülltes Präteritum. Das stellt die vierte Zeile klar; und mit der Verrohung der Welt kann nur die Gewalt des Hitlerregimes gemeint sein, vor der die Jüdin aus ihrem Haus entfliehen musste.

     
Ein blaues Klavier? Wir kennen aus expressionistischer Kunst und Dichtung die scheinbare Beliebigkeit der Farbe, ihre Chiffrenhaftigkeit . Auch in der Wunderwelt der Lyrik Else Lasker-Schülers kann die Farbe Blau für ein Instrument, das schwarz oder braun zu sein pflegt, nicht überraschen. Aber das Zürcher Tagebuch der Dichterin gibt einen konkreten Hinweis: »Ich besitze alle meine Spielsachen von früher noch, auch mein blaues Puppenklavier.«
Nun wird der zweite Vers verständlicher. Dieses Instrument ist nicht zum musikalischen Gebrauch bestimmt, es ist ein Gegenstand, an dem die Erinnerungen kristallisieren, ein Symbol für Kindheit und Heimat. Dass es ins Kellerdunkel verbannt ist, deutet den gewaltsamen Riss zwischen Gegenwart und Vergangenheit an.
      Mit der dritten Strophe erobert wieder jene poetische Welt aus Märchen, Privatmythen und Rollenspiel das Gedicht, die eine Dichterin berühmt machte, die sich als Prinz von Theben, Tino von Bagdad oder Joseph von Ägypten maskierte. Und dieser Poetisierung entspricht das Artistische in der lyrischen Form des Textes. Auf den Pfeilern von nur zwei Reimen ruht die Architektur des Versgebildes. Unreine Reime leistet sich die Dichtung seit jeher; aber das fröhliche Eingeständnis des Reimzwangs im schalkhaften Wort »Klaviatur« wird doch Signal einer Verspieltheit, die ein Gegengewicht zu den Erfahrungen in der verrohten Wirklichkeit schafft.
      Andererseits sind »Sternenhände« und »Mondfrau« Märchenrequisiten, gegen die das Bild der tanzenden Ratten gesetzt ist - die Zeiterfahrungen bleiben unvergessen. Das blaue Klavier, zunächst in Dunkelheit gestoßen, dann zerbrochen, erscheint nun als Tote und weist so hinüber zur Himmelsbildlichkeit. Was in der Schlussstrophe erbeten wird, ist nichts Geringeres als das Paradies schon zu Lebzeiten, also die Aufhebung eines göttlichen Gebots oder Verbots für die Einlasssuchende, eine ihrer Herkunft wegen von Verboten Umstellte und Verfolgte. Mit Selbstmordgedanken hat solcher Wunsch nichts zu tun.
      Dieses Gedicht sucht beim Leser aus der Situation einer Verfolgten und Vertriebenen weder Mitleidskapital noch den Funken des Zorns zu schlagen. Mit dem poetischen Maskenspiel bringt die Dichterin den Leser zu sich selbst in Distanz. Auch hier noch macht sie von den Freiheiten dichterischer Phantasie Gebrauch. Und doch schlägt durch das Spiel der Bilder und Reime die Bitternis des Leidens durch. So wird der Schluss des Gedichts, die scheinbar kindliche Bitte am Himmelstor, zum Hilferuf

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Else  Lasker-Schüler  (I869-I945):  Mein  blaues  Klavier    


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