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Charterflug in die Vergangenheit



Als sie zurückkamen aus dem Exil,drückte man ihnen eine Rose in die

Hand.
      Die Motoren schwiegen.
      Versöhnung fand stattauf dem Flugplatz in Tegel.
      Die Nachgeborenen begrüßten die

Ãœberlebenden.
      Schuldlose entschuldigten sich fürdie Schuld ihrer Väter.
      Als die Rose verwelkt war, flogen siezurück in das Exil ihrerzweiten, dritten oder vierten Heimat.
      Man sprach wieder Englisch.
      Getränke verwandelten sich wiederin drinks.
      Als sie sich der Küste von
Long Island näherten,sahen sie die Schwäne auf der Havelan sich vorbeiziehen,und sie weinten.
     
Er beklagt sich nicht. Den »verlorenen Sohn« - wie er in einem anderen Gedicht selbst sich nennt — empfängt die Heimat mit Takt. Aber ein Schatten fällt auf die freundliche Szene. Für die »Schuld der Väter« entschuldigen sich die Nachgeborenen; so macht es sich die Versöhnung zu leicht. Die Besucher aus dem Exil sind willkommen, sind es auch die zur Heimkehr Entschlossenen? »Die uns durchaus halten wollen, / lieben uns noch mehr, wenn wir / bereits die Rückfahrkarte / vorweisen können«, heißt es in Befragung des verlorenen Sohnes.
      Der Rückflug ist für Hans Sahl tatsächlich Rückkehr in die »vierte Heimat«, denn über die Stationen Prag, Zürich und Frankreich entkam er 1940 mit einem der letzten Schiffe ins amerikanische Exil. Der jetzt die Küste Amerikas erreicht ist längst eingebürgert: in den Staat, in die Sprache und in die Lebensgewohnheiten des Landes. Aber nun erst bricht der Schmerz, den der Charterflug in die Vergangenheit aufwühlte, an die Oberfläche und erleichtert sich in Tränen. Der Anblick der Küste von Long Island ruft die Erinnerung an Berlin, an den Anoder Abflug über die Havel, und mit ihr eine frühere wieder wach, ein Schlüsselbild der nie verwundenen Trennung: das Bild der Schwäne auf der Havel.
      Hier dichtet Sahl das wehmütige Lied des Exils weiter, für das Heinrich Heine unvergessliche Verse vorgab: »Ich hatte einst ein schönes Vaterland... / Es war ein Traum.« »Dort wob ich meine zarten Reime / Aus Veilchenduft und Mondenschein.« Auch andere Verbannte unseres Jahrhunderts nahmen die Melodie auf, Bertolt Brecht etwa in der elegischen Huldigung an die deutschen Landschaften oder Rose Ausländer in ihren melancholischen Liedern auf die »Grüne Mutter / Bukowina«.
      Hans Sahl, inzwischen als Romanautor, Lyriker und Essayist vom deutschen Publikum angenommen, hatte im Jahre 1989, siebenundachtzigjährig, seinen Wohnsitz doch wieder in Deutschland genommen, in Tübingen. Ob es eine wirkliche Heimkehr war, ob der Blick auf den Neckar das Bild der Schwäne auf der Havel verdrängen konnte?

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Charterflug  Vergangenheit    


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