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Bertolt Brecht (I898-I956): Zufluchtsstätte - Atemholen auf der Flucht



Zufluchtsstätte

Ein Ruder liegt auf dem Dach. Ein mittlerer Wind
Wird das Stroh nicht wegtragen.
      Im Hof für die Schaukel der Kinder sind
Pfähle eingeschlagen.

      Die Post kommt zweimal hin
Wo die Briefe willkommen wären.
      Den Sund herunter kommen die Fähren.
      Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehn.
      Während des dänischen Exils auf der Insel Fünen bewohnte Brecht zwischen 1933 und 1939 ein Haus in Skovbostrand bei Svendborg. In wenigen Sätzen werden die Grundverhältnisse der Zufluchtsstätte umrissen. Das Ruder auf dem Strohdach kennzeichnet von vornherein das Domizil als eine nur bedingt sichere Wohnstätte — ein stärkerer Wind oder gar ein Sturm könnte das Dach wegreißen. So wissen wir von Anfang an: Der Bewohner hält sich die Gefährdetheit des Daseins in diesem Haus bewusst. Dennoch richtet er sich nach den Bedürfnissen der Familie ein, davon zeugen die Pfähle der Kinderschaukel. Mit der Fürsorge für die Kinder wird dem Zukunftsoptimismus ein kleiner Spielraum gewährt. Die Reflexion allerdings - »Wo die Briefe willkommen wären« - deutet auf einen Anflug von Resignation und die Isolation des Emigranten. Immerhin, diese Isolation ist keine Gefangenschaft, Ortswechsel sind möglich; diese Gewissheit verschafft der Anblick der Fähren.
      Selbst die Vorläufigkeit der Zuflucht erlaubt das Atemholen . Lebensmut und Lebensfreude keimen auf. Das spiegelt sich im Mut zur Schönheit der lyrischen Form. In einem anderen Gedicht der dänischen Exilzeit, Schlechte Zeit für Lyrik, versagt sich Brecht, vom »Entsetzen« über die Reden Hitlers zum Schreibtisch gedrängt, den lyrischen Schmuck: »In meinem Lied ein Reim / Käme mir fast vor wie Ãœbermut.« In den Versen über die Zufluchtsstätte binden Reime die Zeilen in lockerer Weise: der Kreuzreim im ersten, der umarmende Reim im zweiten Teil des Achtzeilers. Allerdings hindern leichte rhythmische Sperren, das Zusammentreffen zweier Hebungen in »wegtragen« und »... sind Pfähle«, den Leser daran, sich in eine Idylle einzuwiegen.
      Denn welche Freiheit ist es, die erhalten blieb? Die Schlusszeile stellt es ernüchternd klar: die scheinbare Freiheit des Gejagten. »Das Haus hat vier Türen, daraus zu fliehn.« Türen sind dazu da, dass man eintreten und hinausgehen, Gäste empfangen kann. Fluchtgänge baut sich das Tier, das immer auf tödliche Bedrohung gefasst sein muss. Wo ein Wohnhaus zur Flucht eingerichtet ist, ist auch der Bewohner, der Mensch, einem humanen Dasein entfremdet. Dieses Haus ist eine Zufluchtsstätte ohne Geborgenheit, eine Durchgangsstätte des Flüchtlings.
      In buchstäblicherem Sinne, als Brecht bei der Niederschrift des Gedichts ahnen konnte, verwiesen die »vier Türen« auf vier weitere Fluchtwege des Exilierten. Im Frühjahr 1939, als ein Krieg immer wahrscheinlicher wurde, siedelte er nach Schweden über, ein Jahr später nach Finnland. Dass er wiederum ein Jahr darauf über Moskau und Wladiwostok nach Amerika, nach Kalifornien auswich, dass er also den politischen Hoffnungen, die er in die Sowjetunion setzte, selbst nicht traute, zählt zu den Widersprüchen in der Haltung dieses Dichters.
      Im Gedicht An die Nachgeborenen hat Brecht das Verhängnis der Exilierten, den Zwang zur ständigen Wanderschaft, in einem einzigen Satz auf den Punkt gebracht: »öfter als die Schuhe die Länder wechselnd«. Brechts Verse über sein Haus im dänischen Exil greifen weder zum anklägerischen noch zum pathetischen Ton. Sie entwickeln die Situation des Flüchtlings allein aus der konkreten Beschreibung seines Ãœbergangsdomizils. Ich kenne kein Gedicht, das von der Vorläufigkeit der Zufluchtsstätten im 20. Jahrhundert in so lapidarer und bildhaft lyrischer Form spräche wie dieses.
     

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Bertolt  Brecht  (I898-I956):  Zufluchtsstätte  -  Atemholen  auf  der  Flucht    


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