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Hans Magnus Enzensberger (geb. I929): ins lesebuch für die oberstufe - Mahnung zur Wachsamkeit



Das Gedicht ist ein Text des frühen Enzensberger. Weniger als bei anderen Autoren kann bei diesem Proteus unter den Schriftstellern der Gegenwart ein Einzelgedicht stellvertretend für sein lyrisches Gesamtwerk stehen. Viele seiner frühen Gedichte sind Antworten auf Bertolt Brecht. Schon der Titel ins lesebuch flir die oberstufe und der Gestus der Anweisung erinnern an Brechts 1930 erschienene Sammlung Aus einem Lesebuch flir Städtebewohner, in der die illusionslose Nüchternheit der »Wirklichkeit selber« das Wort hat. Als einen Ort zwischen-menschlicher Beziehungslosigkeit, als einen Kampfplatz aller gegen alle stellt Brecht die Großstadt dar.
      Der Anfang von Enzensbergers Gedicht ruft noch einen anderen Text Brechts ins Gedächtnis . In Brechts Exilgedicht 1940 stellt der Sohn dem Vater drei Fragen: ob er Mathematik lernen, Französisch lernen und Geschichte lernen solle. Dreimal rät der Vater ab, weil die Not des Exils eine rein praktische Haltung verlange. Aber dann werden die situati-onsbezogenen durch die zukunftsbezogenen Antworten berichtigt: »Ja, lerne Mathematik, sage ich / Lerne Französisch, lerne Geschichte!«
Gegenwarts- und zukunftsorientiert zugleich ist der Rat des Vaters in Enzensbergers Gedicht:
INS LESEBUCH FÃœR DIE OBERSTUFElies keine öden, mein söhn, lies die fahrpläne: sie sind genauer, roll die Seekarten auf, eh es zu spät ist. sei wachsam, sing nicht, der tag kommt, wo sie wieder listen ans tor schlagen und malen den neinsagern auf die brüst zinken, lern unerkannt gehen, lern mehr als ich: das viertel wechseln, den paß, das gesicht. versteh dich auf den kleinen verrat, die tägliche schmutzige rettung. nützlich sind die enzykliken zum feueranzünden, die manifeste: butter einzuwickeln und salz für die wehrlosen, wut und geduld sind nötig, in die lungen der macht zu blasen den feinen tödlichen staub, gemahlen von denen, die viel gelernt haben, die genau sind, von dir.
      Der Vater hält sich an die Maxime des Lesebuchs für Städtebewohner, auch er mahnt: sei wachsam! Zur Einübung in die richtige Haltung sei das Studium von Fahrplänen und ihrem Genauigkeitsprinzip wichtiger als die Beschäftigung mit Dichtung. Enzensbergers Gedicht spricht aus der Erfahrung einer Generation, der noch der Schock in den Gliedern steckt, das Entsetzen über eine Zeit, da Verhaftungslisten und Brandmale auf menschlicher Haut Realität waren. Also empfiehlt der Vater dem Sohn, sich unkenntlich zu machen. Solche Tarnung rechtfertige auch den kleinen Verstoß gegen die Moral. Manifeste jeglicher Art seien bloßes Papier; gegen die Macht helfe nur Pragmatik.
      Die Schlussverse verknüpfen das Gedicht mit einem anderen Text aus dem Band Verteidigung der wölfe von 1957, mit dem Gedicht anweisung an sisyphos,dem Ruf nach Männern, die sich von keiner Hoffnung schwächen lassen, sondern »den zorn in der weit« vermehren, ihren Zorn »auf die berge rollen«, also ein revolutionäres Aufbegehren unter Dampf halten. Im lesebuch-Gadicht ist es feiner »staub«, mit dem der Macht allmählich der Lebensatem genommen, ein schleichender Tod bereitet werden soll.
      Beide Texte ermuntern zu einem Widerstand, der einstweilen noch im Untergrund bleibt. Diese 1957 erschienenen Gedichte setzen eine vorrevolutionäre Situation voraus, die in Wirklichkeit in der Bundesrepublik Deutschland nicht gegeben war - es sei denn, man nimmt die Studentenrevolte von 1968 als Revolution. Durch alle Phasen seines literarischen Wirkens hindurch hat sich Enzensberger als ein Anwalt kritischer Aufklärung verstanden — in diesen Gedichten war die Furcht vor der Wiederholung schrecklichen politischen Machtmissbrauchs der Ratgeber für die Strategien des Widerstandes, ins lesebuch fiir die oberstufe ist eine Anweisung für den subversiven Kampf. Aber wir können uns die Situation nicht wünschen, die »den kleinen verrat«, die »tägliche schmutzige rettung« unumgänglich macht, die es verbietet, Oden zu lesen. Das Leseverbot hat Enzensberger, der Liebhaber und Autor von Literatur, selbst kaum ernst genommen. So steckt in der Aufforderung auch ein ironischer Widerruf.
     

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